Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. “Du hast die schönsten Augen der Welt”, sagt er oft. “So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen.” Mag ja sein. “Ich bin das aber nicht”, flüstert sie. “Grün ist nicht meine Farbe.” “Ich sehe dich so”, sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer.
Einmal war sie schon so weit, ihn deshalb zu verlassen. Es kann ja keine Liebe sein, dachte sie, wenn er mich so anders sieht als ich mich selbst. “Es kann keine Liebe sein, wenn du mir vorschreibst, wie ich dich zu sehen habe”, sagte er. Nach dem Streit und den Tränen und dem Kuss und seinen Händen, ihren Händen, dem Rausch und der Erschöpfung blieb sie doch.
Manchmal träumt sie davon, dass er ihren nackten Körper bemalt, spürt die Pinselstriche, die nasse Farbe, sanft und kühl, dann sein Gewicht, wenn er sie nimmt, auf dem alten, schweren Tisch in seinem Atelier, auch im Traum zerkratzen ihr die angetrockneten Farbreste darauf den Rücken, doch die Striemen sind grün und irgendwann merkt sie, wie ihre Haut sich verfärbt, erst die Finger, dann die Arme, Brüste, Beine, Hals, Gesicht, ist das der Tod? Vielleicht. Dann erwacht sie. Mit Wolken im Kopf und in den Gliedern.
Er ist 15 Jahre älter als sie, und manchmal ist das ein Problem. Wenn sie mit ihm wachsen möchte und merkt, dass er ihren Weg längst gegangen ist. Dann wächst nur die Einsamkeit, und meistens schläft sie in solchen Momenten mit ihm, um zu vergessen und die Unterschiede zu verschmelzen, das funktioniert. Sie hätte gern ein Kind mit ihm. Es hätte seine schwarzen Locken und karamellfarbene Haut, seine große schiefe Nase und diese Zartbitter-Augen, vielleicht ihren fein geschwungenen Mund, ein zartes Mädchen mit ihrer beider Seelen im kleinen Gesicht.
An ihrem 30. Geburtstag führt er sie in sein Atelier, sie mag den Geruch dort und die Atmosphäre, die zärtlichwarme Kälte, den Boden aus Beton. Doch in der Mitte des Raumes ist wieder sie selbst in Grün, zwei mal zwei Meter, ihr Gesicht, ihre Brüste, ihre Hände, ihr Haar, Grün in Grün, als wäre sie eine Zimmerpflanze, lebendig, aber stumm. “Das bin ich nicht”, sagt sie leise, der Satz fühlt sich leer an in ihrem Mund, doch zum ersten Mal antwortet er anders als sonst, antwortet: “Ich weiß”, und zieht sie an sich. “Wir übermalen es.”
“Wir?”, fragt sie, da drückt er schon eine rote Farbtube über der Leinwand aus, kleckst damit ein Herz auf das Bild, sie muss lachen, “du bist albern”, aber dann wischt sie mit der Hand durch das Herz, über ihre grünen Brüste, die trockene Farbe darunter kratzt, sie greift zu Gelb und Orange und Blau, malt mit den Händen, er sieht ihr zu, setzt hier und da eine Linie, die ihr farbiges Chaos im Zaum hält, ist das noch ein Mensch, den sie da malen? Ja, denkt sie, ein Mensch von innen. Oder zwei. Sie küsst ihn auf den Mund und lacht, singt “Will you love me tomorrow?”, ihr Lied.
Sie hat es gesungen, damals in der verrauchten Kneipe, die es nicht mehr gibt und in der sie als Studentin einge Mal aufgetreten ist. Sie mochte es, wie er sie ansah dabei, ja, morgen werde ich dich lieben, aber vielleicht schon heute Nacht. So kam es. Am nächsten Morgen betrachtete sie die feinen Fältchen um seine Augen die kleine Narbe am Kinn, das erste Grau in seinem Haar, alles an ihm rührte sie, wenn er schlief, und alles an ihm erregte sie, wenn er erwacht war. Sie kam jede Nacht, in der ersten Woche, er kam jede Nacht, sechs Jahre ist das her, irgendwann zog sie bei ihm ein, sie singt nur noch manchmal und nur noch für ihn. “Du bist ihm verfallen”, sagte eine Freundin, die es als Warnung meinte, doch ihr gefiel der Satz. Und die Vorstellung.
“Tomorrow and forever”, sagt er mit seinem Londoner Akzent, den sie liebt, und lächelt. Es ist das erste Mal, dass sie ihm glaubt. Ihre verschlungenen Hände auf der Leinwand, die schmatzende Farbe auf ihrer Haut, das ist das Glück, denkt sie, das Glück, das Glück, die Sonne und ja, auch das Meer, ein Kuss voller Farben, Sekunden voll Licht, das Leben, halt mich, doch diesmal fällt er, fällt, oder sie beide, wer weiß das schon, sie rollen über den Boden, ein Eimer voll schmutzigem Wasser kippt um, sie lachen und weinen und halten sich. Ihr weißes Kleid ist fleckig, sie guckt es an und lacht. “Ich bin ein fleischgewordenes Klischee!”
“Wir beide”, sagt er und schiebt seine Hände unter den groben Stoff, seine farbigen Hände voller Farbe, erneut muss sie lachen deshalb und er mit ihr, sie küsst seinen dunklen Mund, die großen, weichen Lippen, sein unrasiertes, raues Kinn, küsst und küsst, jetzt ist sie über ihm, er lässt seine Hände von ihr, legt sie hinter den Kopf auf den Boden, sieht zu, wie sie das Kleid auszieht, darunter trägt sie nichts, wozu, sie sind zu Hause, zu Hause, so fühlt es sich an.
Sie öffnet seine Jeans, sein Hemd, zieht ihn aus, spürt ihn in sich, es dauert nicht lange, und die Farben verschwimmen vor ihren halb geöffneten Augen, der Raum dreht sich im Kreis, Zittern, Rausch, Liebe und alles, dann zuckende Stille, leise Tränen und Licht in den Pfützen um sie herum.
Die Augen hatte sie ausgespart auf dem Bild, sie blitzen immer noch grün, wie zwei junge Buchenblätter, es stört sie nicht mehr, sie kugeln über den Boden, “bleib in mir”, bittet sie, doch natürlich gelingt das nicht, sein Körper wärmt sie dennoch, sie küsst ihm einen Tropfen von der Schulter und ist ihm nah wie noch nie.
Das war im Frühling.
Im Winter verlässt sie ihn mit der neugeborenen Tochter für einen jungen, schwedischen Dichter mit sanften Händen, Flausen im Kopf und einem Hausboot in Amsterdam. Ein Irrtum, den der Vater geduldig hinnimmt und der vielleicht auch keiner ist. Der Dichter singt dem Baby alte Liebeslieder vor, bei denen es nur selten einschläft, es schläft überhaupt weniger als gedacht. Dafür schläft der Dichter mit der Mutter, Nacht für Nacht, und jede Nacht ein bisschen zu lange. Bald wird er müde. Es ist eine ansteckende Müdigkeit, die sich paart mit plötzlicher Sehnsucht, und so kommt es, dass die Suche dann doch zu Ende ist. Noch bevor die Kleine das erste Mal zahnt, kehrt die Mutter mit ihr nach Hause zurück.

wundervolle Geschichte!