„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne.
Gestern Abend, an seinem achtzehnten Geburtstag, hat Marie ihn zum ersten Mal geküsst, und weil sie es beide noch nicht anders kennen, war das ein Kuss, der bedeutet: Jetzt gehören wir zusammen. Er liegt auf dem Rücken, an seinen nackten Füßen kitzelt das Gras und in seinem Gesicht kitzeln Maries Locken. Als er die Augen einen Spaltbreit öffnet, sieht er flirrendes Gold. Ihr blondes Haar riecht nach Sommer. Ein bisschen ungewaschen, nach Baggersee, Blütenstaub und „Sunflower“, ihrem Parfüm. „Interessant wären die Stellen, an denen sich die einzelnen Fetzen überlappen“, geht er auf ihr Gedankenspiel ein, doch sie kichert und hat die Zeitfetzen offenbar schon wieder vergessen. „Ich hol uns ein Eis.“ Auch das ist typisch für sie. Sie fragt gar nicht, ob er überhaupt will. Noch stört ihn das nicht, noch macht es ihn nur verliebter in sie, denn er hat tatsächlich vorhin an Eis gedacht. Sie kann Gedanken lesen, denkt er. Meine Gedanken. Später werden ihn solche Situationen wütend machen, genau wie ihre Sprunghaftigkeit, erst nur ganz wenig und irgendwann richtig, obwohl sie immer noch oft seine Wünsche errät. Aber darauf kommt es nicht immer an.
Jetzt kehrt sie zurück, mit genau der Sorte, die er sich gewünscht hat, was nicht schwierig war, denn er hat sich gewünscht, dasselbe zu essen wie sie. Zwei Cornetto Zitrone also in ihren Händen. Er greift nach einem, da hält sie ihn fest. “Erst einen Kuss!” Sie ist eine, die immer bekommt, was sie will. So ein Glück, Glück, Glück, dass sie ihn gewollt hat. Will. Er ist das, was man einen Spätzünder nennt, während sie schon einige Jungs gehabt hat vor ihm. Zumindest erzählt man sich das, weil sie so hübsch ist und so lustig und weil sie die angeblichen Affären nie leugnet. Irgenwann wird er erfahren, dass die Hälfte der Geschichten nicht stimmt. Die andere Hälfte aber doch, und die genügt ihm eigentlich schon. Er wäre gern ihr erster Mann, und die Vorstellung von Marie in den Armen eines anderen macht ihn krank. Gleichzeitig spannt seine Badehose, wenn er daran denkt, und er dreht sich auf den Bauch. Da spürt er ihren Körper auf seinem Rücken, ihre Brüste auf seinen Schulterblättern, ihre Lippen auf seinem Ohr, ihre Zunge an seinem Hals. “Das ist unfair!”, stöhnt er und beißt sich die Lippe rot. Bloß nicht hier, bloß nicht jetzt! Sie lacht und rutscht weiter auf ihm herum. Leckt das Eis ab, das auf seine Haut tropft. Nicht besonders raffiniert oder geschickt, aber so unbekümmert und selbstverständlich, dass es ihn wahnsinnig macht. Marie!
Nils und Marie lieben einander zweieinhalb Sommer lang. Sie ist das erste Mädchen, für das er Blumen pflückt, das erste, für das er die Schule schwänzt (bis dahin galt er als Streber), das erste, für das er Gedichte schreibt (tatsächlich!) und das erste, mit dem er schläft. Das Ende kommt schleichend und unspektakulär. Irgendwann ist ihre gemeinsame Zeit vorbei, Marie spürt und sagt es als erste, doch in Nils regt sich wenig Widerspruch. Bei der letzten Umarmung weinen beide und wollen einander nicht loslassen, doch ein wenig erleichtert sind sie doch. Jetzt kann das Leben weitergehen, Freiheit, all die Möglichkeiten, auf die Plätze, fertig, los. Wenige Monate später geht Marie als Au-pair-Mädchen nach Los Angeles und bleibt länger als geplant, beinahe zwei Jahre. Man sagt, die sei die Freundin eines amerikanischen Seifenopern-Stars geworden, doch Nils bekommt davon wenig mit, da er die Kleinstadt zum Studieren verlassen hat und sein Leben nun ein anderes ist, eins ohne Marie. Als sie zurückkommt und ihn besucht, ist ihr Haar geglättet, auf Kinnlänge gekürzt und noch blonder als zuvor. “Die Sonne!” erklärt sie strahlend und fällt ihm um den Hals. Er erwidert ihre Umarmung. Sie ist ihm fremd. Einen Kaffee trinken sie dennoch zusammen und dann drei Gläser Wein, worauf es zum Kuss kommt und ganz selbstverständlich eins zum anderen führt. Maries Bewegungen sind routiniert, ihre Zunge, ihre Hände machen alles richtig, so richtig, dass Nils vor lauter Perfektion fast die Lust vergeht. Doch nach einer Weile wird sie weich und verspielt und fast wieder seine Marie. Zwei Wochen lang schlafen sie miteinander, so oft es geht, bis ihnen schwindlig ist vor Erschöpfung, ihre Haut ganz wund und ihre Haare verklebt. Dann ist es endgültig vorbei.
Marie ist der Anfang. Nach ihr liebt Nils einige, und als er in einem Alter ist, in dem Männer gewöhnlich heiraten, heiratet er die Frau, die er zu diesem Zeitpunkt liebt, was nicht die schlechteste Wahl ist, vielleicht sogar die beste. Sie bekommen eine Tochter, die rabenschwarzes Haar hat wie ihre Mutter und die er liebt wie keinen Menschen zuvor. Wenige Wochen nach ihrem achten Geburtstag liegt er mit ihr am See, streicht ihr über den Kopf, über die maisgelben Spängchen, die Stirn und wundert sich über die kleine Grübelfalte zwischen ihren Brauen. Die Sonne brennt. “Mein ernstes Mädchen”, denkt er voll Sehnsucht und Sorge und Zärtlichkeit, doch da erhellt sich plötzlich ihr Gesicht, und die dunkelbraunen Augen blitzen, als wären sie blau. “Papa”, fragt sie, “kann das sein, dass ich gleichzeitig hier bin und ganz woanders? Dass mein Leben viele Knicke hat und ich vielleicht gleichzeitig ich und schon ganz alt bin oder jemand anders?” Sie schüttelt den Kopf, denkt noch mal kurz nach. „Oder nein, jemand anders vielleicht nicht. Aber ich in alt, das glaube ich manchmal schon, dass das geht. Oder, Papa?“ Er streicht ihr weiter übers Haar. Maries Mosaik. Etwas kitzelt in seinem Gesicht. Er steht auf, kauft Zitroneneis und stolpert beinahe über einen herumliegenden Ast. Schließlich sagt er: “Ja, mein Engel. Ja, das kann sein.”
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