Blaue Stunden

Oder: Vergissmeinnicht

Milo öffnet die vierte Flasche Wein.
Die Müdigkeit steckt Nora in allen Gliedern, bleischwer. Würde sie sich hinlegen, sie schliefe wohl augenblicklich ein. Aber sie sitzt ja, und so bleibt sie künstlich wattig-wach, mit diesem benebelten, betrunkenem Hirn und dem besoffenen Herzen, das überschwappt vor Liebe, wie immer in solchen Momenten. “Halt mich”, würde sie gern sagen, beißt sich aber auf die Lippen. Es würde die Sache verkomplizieren, sie sind jetzt drei Jahre getrennt und haben sich langsam daran gewöhnt.

“Was ich am traurigsten finde, sind Menschen, denen eine Überraschung missglückt”, sagt Nora mit schwerer Zunge und frisch gefülltem Glas in der Hand. “Und Menschen, die etwas anbieten, das niemand wirklich will.” Milo versteht, und sie schwelgen eine Weile in dumpfer Melancholie. Versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen mit bitteren Geschichten. Von der welken Hure, die Milo über Jahre hinweg regelmäßig traf, bis auch er sie nicht mehr ficken konnte und absichtlich aus den Augen verlor. Von dem lateinamerikanischen Kleinkind, das Nora schmuddelige Bonbons zum Kauf anbot und das Ganze noch für ein Spiel zu halten schien, winzig und unerfahren, wie es war. Von dem beinlosen Mann in der Fußgängerzone, der gebastelte Glückwunschkarten verkauft oder dem Straßenmusiker, der seiner Geige schiefe Töne entlockt, unermüdlich, Tag für Tag, immer noch. Und schließlich von der kleinen Frau aus der Dorothy-Parker-Geschichte, die ihrem Mann in einer Aufwallung wiedergefundener Liebe und Vorfreude roten Kaviar kauft, der statt auf dem Tisch in der Speisekammer landet, weil der Gatte ihre süßen Gefühle mit wenigen Sätzen im Keim erstickt.

Nora könnte jetzt weinen oder schlafen, aber stattdessen schweifen ihre Gedanken ab, als sie die pochende Ader an Milos Unterarm entdeckt. Sie will ihn immer noch. Denkt an ihren letzten gemeinsamen Urlaub, die Hütte direkt am Meer, die Asche der namenlosen Toten und sein vor rasender Geilheit verzerrtes Gesicht. Es fing an mit der alten englischen Urlauberin, deren Mann sich eine Seebestattung gewünscht hatte, was sie ihm hier erfüllte, beseelt von dem Gedanken er verbinde sich so tatsächlich mit dem Meer und der Weite und der Welt. Sie erzählte Nora davon, und der begann die Vorstellung zu gefallen, dass sie beim Schwimmen umgeben war vom Staub der Verstorbenen, den man vom Schiff aus in alle Winde verstreut hatte. Dass am Meeresgrund auch aufgeschwemmte Schiffbrüchige und Selbstmörder und Mordopfer lagen, fiel ihr zum Glück erst Wochen später ein. Während der Tage am Strand ging es lediglich um die Asche, die etwas Sternenstaubhaftes hatte, eine bizarre Romantik und etwas von Sehnsucht und Freiheit und Ewigkeit. Milo aber war auch das schon zu morbide. Nachdem sie ihm ihre Gedanken mitgeteilt hatte, ging er drei Tage nicht ins Meer und fasste sie auch nicht an, wenn sie vom Schwimmen kam. Sie dagegen sprang umso öfter ins Wasser, auch nach Einbruch der Dunkelheit und dann immer nackt. Das riesige Handtuch um den Körper geschlungen kehrte sie zu Milo zurück, der in der Hütte wartete und sie keines Blickes würdigte, bis sie aus der Dusche kam, und selbst danach berührte er sie nur vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich oder krank. In der dritten Nacht aber war er plötzlich wie von Sinnen, warf sie aufs Bett, sobald sie den Raum betreten hatte, zerrte ihr das Handtuch vom Leib, lutschte und biss ihr das Meersalz vom Hals und drang in sie ein, mit einer Rücksichtslosigkeit, die sie bis dahin nicht von ihm kannte, die ihr aber gefiel. Sie kam schnell und heftig, er hielt ihr den Mund zu, und sie schmeckte seine salzige Hand.

Aus der Stereoanlage dringt zum dritten Mal dasselbe Lied. Offenbar hat sie vorhin versehentlich die Repeat-Taste gedrückt, aber beiden ist es egal. “Ich hab lang auf dich gewartet, doch gelohnt, gelohnt hat es sich nicht”. Nora überlegt, ob das zu ihrer Situation passt, kommt aber zu keinem Schluss oder will es nicht. Stattdessen genießt sie die rauschbedingte Bedeutsamkeit der Situation, das umgekehrte “Über den Wolken”, die wohlige Schwere, die ihr Tränen in die Augen treibt, was Milo zum Glück nicht sieht. Er hat den Kopf in ihren Schoß gelegt, was nichts zu sagen hat, dazu kennt sie ihn lange genug. Sie streicht ihm trotzdem übers Haar, wickelt Strähnen um die Finger und baut in Gedanken ein Vogelnest damit. “Du wirst langsam grau”, murmelt sie und weint jetzt richtig. Er blickt zu ihr hoch, sagt aber nichts, denn sie ist schneller, winkt ab: “Tut mir leid, es ist alles in Ordnung, ich bin nur total blau.” Er ist es müde, sie zu trösten, sie weinte ihm immer schon zu viel, aber manchmal weinte er auch mit.

Wie meistens versiegen die Tränen auch diesmal schnell, die nassen Wangen lässt sie an der Luft trocknen und das Salz klebt. „Vergissmeinnicht heißt in anderen Sprachen auch so“, sagt sie unvermittelt. „Forget-me-not, nomeolvides… Ich hab das nachgeguckt.“ Er fragt nicht „Wie kommst du jetzt darauf?“, sondern ruft ehrlich erstaunt: „Echt? Cool“, und dafür liebt sie ihn schon wieder. Vielleicht ist “lieben” auch das falsche Wort und es geht lediglich um die Hoffnung, dass die Schnittmenge doch noch groß genug ist, die Schnittmenge ihrer Seelen, groß genug für ein Wir. “Ich bin froh, dass wir endlich Freunde sein können”, sagt Milo, und die Hoffnung verblasst.

Draußen wird es Tag, und beinahe wiederholt sich das Bild von gestern Abend, von vor ein paar Stunden, der Vollmond am noch oder wieder fast hellen Himmel, die weiße Kugel mit Strahlenkranz, wie eine falsche Sonne vor Taubenblau. “Lass uns schlafen gehen”, sagt sie, und er nickt. Während sie Zähne putzen, denkt Nora über die Angebote nach, die niemand wirklich will, und ob man an Stelle des Angebots auch den Anbieter setzen könnte. Wo sie überhaupt selbst steht mit ihrer Liebe und ihrem Körper und ihrer Zukunft und allem, was sie ihm zu Füßen legen würde, wenn. Es ist nur der letzte Rest Stolz, der sie vom unbegabten Straßenmusiker unterscheidet, vielleicht auch nur der mangelnde Mut.

Später liegt sie auf der Seite, spürt ihn hinter sich, wie so oft, wie früher, wie immer noch und doch nicht mehr, denn jetzt tragen sie Kleidung, T-Shirts und Slips, und er achtet darauf, dass ihre Mitten sich kaum berühren. Dennoch: seine Brust an ihrem Rücken, seine Hand auf ihrem Bauch und sein Atem an ihrem Hals. Morgen buche ich einen Flug, sagt sie sich und bewegt sich nicht. Irgendwohin, an ein anderes Meer, einige Wochen, ich sage ihm nichts davon, soll er mich doch vermissen, wird er mich vermissen, und wer wärmt dann sein Bett, wo liegt dann seine Hand, wessen Duft atmet er ein? Er schläft nicht gern allein. Mit etwas Fantasie ist jetzt damals, belügt sie sich.

Für einen Moment ist die Traurigkeit so übermächtig, dass Nora sterben möchte. Doch dann stürbe auch die Hoffnung, die ja immerhin noch ist, wenn sie auch der Hoffnung auf einen Lottogewinn oder immerwährende Leidenschaft oder Weltruhm gleicht. Momente vergehen, und an Traurigkeit kann man sich gewöhnen, was nicht heißt, dass man das Lachen verlernt. Plötzlich ist da ein bisschen Kraft, sie löst sich aus seiner Umarmung, rollt ans andere Ende des Bettes und lächelt. Gelohnt hat es sich schon. Aber diesmal ist es ein Schmerz, der bleibt.

Autor: Carmen

Sinn oder Sinnlichkeit? Lieber letzteres. Der Rest kommt dann schon von selbst. »weiterlesen

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