Veilchenzucker

Eine Gutenachtgeschichte

Sina ist ein offenes Buch mit ein paar fehlenden Seiten. Sagt immer, was sie denkt, aber manchmal nicht, was sie fühlt. Sagt nun: “Liebe ist ein viel kleineres Gefühl als wir alle vermuten” und hofft, dass ihr jemand widerspricht. Aber weil alle betrunken sind, halten sie das für einen großartig klugen Satz, da kann man nichts machen, Sina, unsere Dichterin. “Hast recht”, sagt Hannes und guckt sie an. Sie kaut eine lila gezuckerte Veilchenpastille, der nächste Schluck Wein schmeckt nach violetten Blumen, und plötzlich springt ihr wieder ein Satz in den Kopf, den sie mit siebzehn einmal aufgeschrieben hat, als ihre zweite große Liebe gerade zerbrochen war. Eineinhalb Jahrzehnte her, das: “Menschenblut bleibt rot, die Liebe ist jedoch manchmal violett, und die Sehnsucht sowieso” Schmeckt ihr irgendwie immer noch.

Sie blickt in die Runde, die Party ist zu Ende, nur der harte Kern sitzt noch am Küchentisch und wird plötzlich ganz weich. Leona, Sina, Marion, Jack und Hannes. Leona beginnt zu weinen, und Marion nimmt sie in den Arm. “Er ist es nicht wert”, sagt sie, noch so ein Luftblasen-Satz. Darum geht es ja nicht, jede verlorene Liebe ist es wert, beweint zu werden, auch die Liebe zu einem Vollidioten, und das ist er ja nicht mal. Leonas Ex, Moritz.

Sina sagt auch nicht immer, was sie weiß. Dass Moritz letzte Nacht bei ihr war. Dass er nun auf sie wartet, in ihrem Bett. Dass der Gedanke an ihn sie noch mehr benebelt als der Wein, der Gedanke an sein Bein, das sich zwischen ihre Schenkel schiebt, der raue Jeansstoff auf ihrer nackten Haut, die kühle Gürtelschnalle an ihrem Nabel, seine Finger um ihre Handgelenke, sein Atem an ihrem Hals, was willst du? Dich.

“Wenn du in mir bist, und dir meine Seele und mir dein Körper gehört, wo ist dann der Unterschied, wenn ich ihn nicht kennen will, wir lösen uns auf, wir verbrennen, hast du Angst?, ja, ja!, unsere Finger umschlungen, du verschließt mir den Mund, damit ich vergesse, und meine Liebe bleibt in mir wie unterdrückte Tränen, besiegt.” Geschrieben mit 22, während einer aussichtslosen Affäre. Dreht sich alles im Kreis?

Unsinn, ist nur der Alkohol, der Lebensbruchstücke ineinander fügt und es logisch erscheinen lässt, dieses Episodenpuzzle, schön, klug, leer, verschwommen, ganz. “Wenn es so ein kleines Gefühl ist, warum tut es dann so verdammt weh”, heult Leona, und Hannes antwortet prompt: “Ist ja nicht die Liebe, die dich weinen lässt. Sondern die Leere.” Was Leona nicht überzeugt: “Dann ist Leere ein größeres Gefühl als Liebe, ja? Ihr seid doch alle nicht ganz dicht!” Sie rennt auf den Balkon, die Zigarette in der Hand, steht draußen und nimmt einen langen Zug. Jack will ihr nach, aber Marion hält ihn zurück. “Lass sie.”

Jack ist in Leona verliebt, vermutet Sina, und beinahe hätte sie es laut gesagt, aber sie beißt sich auf die Lippen, lass dem Bären sein Geheimnis. Jack, der große, schwere Kanadier, spricht selten, was daran liegen mag, dass sein Deutsch noch nicht so gut ist, oder daran, dass er lieber guckt als redet, sie weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle. Plötzlich aber sagt er doch etwas, leise, kaum hörbar: „Liebe ist groß, aber in ihrer reinsten Form… wie sagt man… unaufdringlich.“ Lustig, dass das gerade von ihm kommt, denkt Sina.

Dann kommt Leona zurück, stellt sich vor Sina und sagt: “Ich weiß, dass er mit dir schläft.” Sie sagt es ganz sachlich, ohne Vorwurf, wenn überhaupt schwingt ein wenig trunkenes Karten-auf-den-Tisch in ihrer Stimme mit, heute sagen wir alles, Nacht der Wahrheit, fast Morgen der Wahrheit, Nacht der Sensationen, Nacht der Liebe, Nacht des Sex… Des kleinen Skandals letztlich, das braucht es ja manchmal, ein wenig Oh und Ah, bis alle sich an die Neuigkeit gewöhnt haben und sie verschwindet im wolkigen Weißt-du-noch-damals.

Sina ist zu verblüfft, um etwas zu entgegnen, aber Leona scheint auch nichts zu erwarten, sie setzt sich ermattet auf ihren Stuhl und drückt die Zigarette aus. “Ist das wahr?”, fragt Marion, und Sina nickt, woraufhin sich alle auf sie stürzen, ach, gar nicht mal auf sie, auf das Thema, wie kam es dazu, wie kannst du nur, bist du der Grund, dass er Leona verlassen hat? Am meisten sprechen Marion und Hannes, war ja klar, Leonas beste Freundin und Mister Ich-habe-zu-allem-was-zu-sagen-hört-mir-zu. Nur Leona selbst sagt nichts, guckt nur von einem zum anderen, wischt sich mit dem Handrücken die letzten Tränen aus dem Gesicht und wirkt plötzlich ganz eins mit sich und der Welt, ganz ruhig. Leona hätte auch „dass du mit ihm schläfst“ sagen können, denkt Sina kurz.

Sie hat keine Lust, sich zu entschuldigen, und tut es dann doch, schwach zwar nur, halbherzig, aber dennoch: “Sie waren schon getrennt, als es begonnen hat.” Es. Begonnen. Plötzlich sehnt sie sich fast schmerzlich nach seiner Haut. In einem Zug trinkt sie ihr Glas aus und steht auf. “Okay Leute, ich gehe dann mal…”
Sie ist schon an der Wohnungstür, als Leona ihr hinterherkommt. “Warte!” Sina dreht sich um. “Ich weiß, dass du nicht der Grund bist”, sagt Leona. “Es macht mich krank, dich bei ihm zu wissen, aber mir ist klar, dass du nichts dafür kannst. Du… Wir sind ja nicht mal befreundet, du und ich…” Sina zuckt mit den Schultern. “Werden wir wohl so schnell auch nicht sein, was?” Und dann lachen sie plötzlich beide, für eine Sekunde ist alle Bitterkeit verschwunden, sie umarmen sich kurz, als gäbe Leona Moritz frei. Was natürlich so nicht stimmt, aber manche Illusionen sind es wert, gelebt zu werden. Zumindest ein bisschen. In Leonas Augenwinkeln beginnt es wieder zu glitzern. “Viel Glück”, flüstert Sina. Im Türrahmen der Küche steht Jack und wartet, Sina geht, die anderen bleiben, sie läuft durchs Treppenhaus, läuft nach Hause und fühlt sich leicht und schwer zugleich.

Mein Körper liebt ihn schon, denkt sie, nur mein Herz hinkt noch hinterher. So leise es geht, dreht sie den Schlüssel im Schloss herum, obwohl sie ja will, dass er aufwacht. Sie schleicht ins Schlafzimmer, küsst ihn auf die Schläfe, er ist noch ganz warm und weich und schwach vom Schlaf, ein Kind. Das muss sie aufschreiben, denkt sie, “warm und weich und schwach vom Schlaf, ein Kind”, das klingt hübsch und zärtlich und vertraut, nicht so fremd, wie er ihr noch ist, Moritz. “Hab ich dich geweckt?”, fragt sie, und er schüttelt den Kopf: “Ich war noch wach.” “Du schwindelst!” Sie lacht und streicht ihm eine Locke aus dem Gesicht. “Siehst ganz verpennt aus.” Er gähnt, “hast recht”, noch weiß sie nicht, dass er kurz nach dem abrupten Aufwachen immer leugnet geschlafen zu haben, nicht absichtlich, er ist selbst überzeugt von dem, was er sagt.

Jetzt schlingt er die müden Arme um sie, zieht sie aufs Bett, küsst sie, schiebt seine Hand unter ihr Kleid. Er trägt einen Schlafanzug, das rührt sie. Die Männer vor ihm haben alle in Slip und T-Shirt geschlafen. Du baust dein Glück auf Leonas Seelensplittern, denkt sie, drängt den Gedanken aber beiseite. Irgendwann geht es eben nicht mehr anders, irgendwann hat jeder seine Narben, sie küsst ihn zurück, er zieht ihr das Kleid aus, umfasst ihre Brüste und streicht mit den Daumen darüber, durch den dünnen Stoff seiner Hose spürt sie sein pochendes Glied, sie will den Moment festhalten, mag diese kleine Barriere aus Baumwolle, die ja doch nicht bremst, aber der Moment vergeht, und es folgt ein zweiter, ein dritter, er dringt in sie ein, und sie denkt nicht mehr, fühlt.

Später liegen sie stumm nebeneinander, Sinas Blick fällt auf die Fensterbank. Auf den samtigen Usambaraveilchen in den lila Keramiktöpfchen glitzern Wassertropfen. „Hast du meine Blumen gegossen?“, fragt sie, er lächelt im Halbschlaf und nickt in sein Kissen, unklar, ob das als Antwort gemeint war oder ob er schon träumt. Draußen geht langsam die Sonne auf und taucht das Zimmer in orange-violettes Licht. Sie guckt ihm beim Schlafen zu und dann an die Decke. Ist es Liebe? Noch nicht.

Autor: Carmen

Sinn oder Sinnlichkeit? Lieber letzteres. Der Rest kommt dann schon von selbst. »weiterlesen

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