Es hat ein wenig geschneit, und die Luft riecht nach Wassermelonen, alles Zeichen dafür, dass es Winter wird. Es ist Nacht, Anja zieht sich aus, will schlafen gehen, doch dann zieht es sie wieder ans Fenster. Ob er noch wach ist?
Im gesamten Haus gegenüber brennt kein Licht, das ist selten, Schlaflose gibt es immer, gerade hier, vielleicht sind sie ausgeflogen, vielleicht betrinken oder lieben sie sich im Dunkeln, wer weiß. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus, ihre Brüste berühren das kühle Metall des Fensterbrettes, sie zittert. Kurz meint sie, gegenüber sein Gesicht zu sehen, vorbeihuschend, ein Schatten, vielleicht täuscht sie sich, es taucht nicht wieder auf. Vergangenen Monat hat sie sich ausgezogen für ihn, langsam, fast gleichgültig, alles fühlte sich richtig an in dem Moment und sah richtig aus, sein erhitztes Gesicht und seine Hände, die über seinen Bauch glitten und den Ansatz seiner Hüften, dann unter dem Fensterbrett, hinter der Mauer verschwanden, seine wachen, forschenden Augen, die sich irgendwann schlossen und dann dieses ganz leichte Zittern, das sie sich auch eingebildet haben kann. Die Ruhe danach, als er ging. Anschließend ist sie ihm eine Weile aus dem Weg gegangen, indem sie die Vorhänge geschlossen ließ, Tag und Nacht, so sehr schämte sie sich, doch irgendwann war das vorbei und sie begannen wieder, einander anzusehen und in Gedanken zu lieben, Abend für Abend, Nacht für Nacht, manchmal zwei Minuten, manchmal zehn, über die Straße hinweg.
Eine Weile wartet sie noch und hofft, doch als sich nichts mehr tut, schließt sie das Fenster und kriecht frierend unter ihre Decke.
Am nächsten Morgen liegt in ihrem Briefkasten ein unbeschrifteter Umschlag, in dem sich ein kleiner Gegenstand befindet. Sie hält sich nicht lange damit auf, ihn durch das Papier zu erfühlen, sondern öffnet ihn neugierig und rasch. Ein Lippenstift. Tiefes, dunkles Rot. Er scheint schon mal benutzt worden zu sein, wenn auch nicht oft, vielleicht ein oder zwei Mal. Dann bemerkt sie den Zettel: “Mal dir heute Abend die Lippen damit an. Für mich. Bitte.”
Er ist von ihm. Muss von ihm sein, dem Mann gegenüber, sie weiß nicht, was sie so sicher macht, vielleicht die Schrift, es ist nicht die von Marcel und wer sollte sonst… Spontan führt sie den Stift an die Lippen, eine kurze Berührung, spurenlos, sie lässt die Hand sinken, albern, dass sie zittert, lächerlich. Soll sie ihn erst abwischen, bevor sie sich selbst damit schminkt? Es wäre sonst ein halber Kuss, aber vielleicht will sie das ja, wie früher, mit dreizehn, als ein Schluck aus derselben Wasserflasche die Welt bedeuten konnte. Jetzt also er.
Sie stellt ihn sich vor, den Mann gegenüber, mit seinem zerzausten, beinahe schwarzen Haar, dem schmalen Gesicht und den dunklen Augen, zumindest glaubt sie, dass sie dunkel sind, aber sie hat sich, was das angeht, schon oft getäuscht, hat gedacht, dunkle Augen und aus der Nähe waren sie dann grün oder umgekehrt, dennoch ist es wahrscheinlich, dass seine dunkel sind, wegen der Haare, obwohl sie ja selbst blaue Augen hat und schwarzes Haar, man weiß also nie.
Den ganzen Tag überlegt sie, was sie am Abend anziehen soll, schimpft sich würdelos für diese Gedanken, und doch… Das schwarze Kleid oder das dunkelrote, wann überhaupt ist “heute Abend”, und sollte sie einer Verabredung, die einem Befehl gleichkommt, überhaupt nachkommen? Einer Bitte gleichkommt, redet sie es schön. Vor dem Spiegel übt sie lässig-laszive Posen, und als Marcel anruft, sie abends sehen will, lehnt sie ab, mit der nicht mal komplett gelogenen Begründung, sie brauche mal wieder einen Abend für sich.
Du wirst dir heute Abend die Lippen anmalen und irgendein verdammter Typ wird dir dabei zusehen, sagt sie sich, doch die Absurdität der Situation dringt nicht zu ihr durch, nicht in ihr Inneres, sie verspürt den unbedingten Wunsch, dem Fremden zu gehorchen, gleichgültig, ob dessen Befehl sinnlos ist oder nicht.
Sie stellt sich seinen Mund vor und natürlich einen Kuss, seine Hände auf ihren Brüsten, auf ihrer Taille, zwischen ihren Schenkeln, das ganze Programm. Stattdessen diese Königskinder-Situation, Begehren ohne Hoffnung, Verlangen ohne Sinn, Gefühl gegen Verstand, aber ach, sie driftet ab, es geht um nichts als einen Flirt von Fenster zu Fenster, der nicht der erste der Weltgeschichte sein wird, wer weiß, vielleicht nicht einmal der erste für den Mann gegenüber.
Das dunkelrote Kleid fällt weich über ihren Körper und ist tief, aber nicht aufdringlich tief ausgeschnitten. Sie ist lächerlich aufgeregt.
Als es dunkel wird, geht sie zum Fenster, den Lippenstift fest umklammert in der rechten Hand. Gegenüber brennt Licht, er ist schon da. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und sieht ihn an. Er blickt zurück, ganz ruhig, dann lächelt er, dieses unverschämte Lächeln, so arrogant-überlegen, dass sie ihm ins Gesicht schlagen möchte, spiel dich bloß nicht so auf, was bildest du dir ein, und doch lässt es ihre Knie weich werden, so sehr, dass sie wütend wird darüber, was tue ich hier eigentlich, ich schließe jetzt sofort das Fenster und gehe, ich besuche irgend jemanden, Marcel vielleicht, wen auch immer, Hauptsache, ich betrete meine Wohnung vor morgen früh nicht wieder.
Doch natürlich tut sie es nicht, und als er sich an die Lippen tippt, ganz leicht nur, vielleicht ist es Zufall, ach was Zufall, es ist ein Befehl, als er sich an die Lippen tippt und den Kopf auffordernd hebt, ein kurzes Zucken, da weiß sie, das soll bedeuten: JETZT, sie stützt die Arme ab, und sie schimpft sich, weil sie zittert, aber mag sein, dass es bloß die Kälte ist oder vielleicht, weil sie denkt, wenn ich das jetzt tue, das ist ja weiter noch nichts, aber was täte ich sonst noch für diesen fremden Mann, sie stützt sich also ab und öffnet den Mund, schließt die Augen, ganz theatralisch, wenn schon, denn schon, dann berührt der Stift ihre Lippen, sie hat ihn nicht abgewischt vorher, einmal, zweimal, das dunkle Rot auf ihrem Mund, der halbe Kuss, es ist so schnell vorbei, ein paar Sekunden nur, und dann, sie weiß nicht, warum, malt sie weiter, um ihre Lippen herum, immer weiter, Rot ins Gesicht, Indianer spielen, Rot, Liebe. Blut, alles, das ganze Gesicht, dann wischt sie mit den Händen darüber, die Handflächen rot, sie weiß nicht, ist es Protest oder alberner Spieltrieb, malen und wischen und schmieren, Küsse und Rot, dann muss sie lachen und kann nicht aufhören, und sie sieht, dass er auch lacht, gegenüber, und sie lachen zusammen Tränen, über die Straße hinweg.
Very nice!
Ich mag diese “Episodenpornos”. Ganz großes Kopfkino.
Schlüpfrig, irgendwie.
(Weiß nicht warum aber ich wollte ganz einfach mal dieses Wort schreiben. “Schlüpfrig”. Aber vielleicht ist es auch das falsche Wort. Moment, ich such noch mal nach.)
Schlüpfrig ist ein sehr schönes Wort. Nicht noch mal nachsuchen! Danke für eure Kommentare, fühle mich sehr geehrt. Bis bald!
Hi Carmen!



Da war ich doch mal neugierig und habe Google befragt.
Diese Geschichte hat mir am besten gefallen!!! Scheinbar stehe ich damit nicht allein…
Ich finde sie ist dir sehr gut gelungen. Straff, bildreich, schöner Fluss. Und ja, großes Kopfkino!
Will mehr lesen!
Weiterschreiben!
Wiederkommen und Wein trinken!
Alles Gute!
Nicole
Huhu, vielen Dank! Und sorry für die verspätete Antwort. Wiederkommen und Wein trinken – immer wieder gerne! Gerne auch Geschichten austauschen. Bissl was von dir hab ich ja auch schon heimlich gelesen
und Lust auf mehr gekriegt. Lustig, dass “Machtspiel” am besten ankommt. Mein Chef mag die von den bisher vorhandenen “Liebe in Farbe”-Storys auch am liebsten. Das ist eigentlich ein 2009 überarbeitetes Kapitel aus einem unfertigen Roman von 1997/98 (?). Murats Favorit ist übrigens “Sonnenblume”… Nun ja, nun muss ich bissl weiterarbeiten. Bis bald!
Carmen