Im Test: Nike Zoom Victory+

Die Sommer-Laufsaison 2009 ist eröffnet und Himmelende geht gleich mit zwei Paar neuen Schuhen an den Start. (Dank an die lokale Runners Point Filiale unseres Vertrauens für die beiden Testmuster. Die schlechte Nachricht: Ihr bekommt sie nicht wieder.)

Da eine ordentliche Laufschuhanalyse  schnell den Umfang einer wissenschaftlichen Diplomarbeit erreicht – man google sich durch diesbezügliche Foren und Artikel auf runnersworld.com – will ich hier nur meine persönlichen Eindrücke schildern, ohne viel technischen Schnickschnack. Von Sprengung, Pronation etc. habe ich nicht viel Ahnung. Was ich wissen will: Wie läuft es sich in den neuen Schuhen. Punkt. Und das ist natürlich hochgradig subjektiv. Also fangen wir an.

Nike Zoom Victory+ FaktenAls erstes nehmen wir den Nike Zoom Victory+ 2009 ins Visier. Nach über 1200 Kilometern in meinen alten Vomero 3 sind die ersten Meter in diesem neuen Schuh eine absolute Offenbarung für mich. Vomero ist auf Stabilität und Dämpfung ausgelegt, die Sohle schluckt jede Unebenheit, vom Untergrund bekommt man nicht viel mit, die Energie der Beine verpufft hauptsächlich im Schaumstoff der Sohlen. Das ist wie mit einem S-Klasse Mercedes: unendlich bequem, da rüttelt nix, da zwickt nix, da merkt man keine Bodenwelle, alles ein bisschen wie in Watte verpackt. Der Nike Zoom Victory+ ist vielleicht kein Porsche, aber geht ganz klar in diese Richtung. Ein knackiger, neutraler Schuh, sehr leicht (~ 170 Gramm), ohne großartige Dämpfung, ausgelegt auf Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, Geschwindigkeit. Sebastien Mermet, Footwear Designer bei Nike preist das Konzept als “the ultimate naked ride” an (Video). Er meint damit nicht den ultimativen nackten Ritt durchs Unterholz, sondern die Reduktion auf das Wesentliche. Also geringes Gewicht und trotzdem hohe Stabilität. Erreicht wird das unter anderem mit Nikes Flywire (Video), ein direkt in das Material eingenähtes dynamisches System aus Fäden, die Halt verleihen, sich fest an den Fuß schmiegen, trotzdem dehnbar sind und den Schuh somit durch Einsparung von Material extrem leicht machen. Nike überträgt dafür das Konzept der olympischen Sprint-Version des Schuhs eins zu eins auf den Zoom Victory+, klebt aber eine dickere Sohle dran. Darin findet auch ein Nike+ Sensor Platz, was den Schuh für Leute interessant macht, die gerne auf diesen Motivationsverstärker vertrauen. Soviel zur Theorie.

Nike Zoom Victory+Die Praxis bietet zunächst sehr gemischte Gefühle. Bei allen neuen Modellen mit Flywire fällt die Größe etwas knapper aus. War der Vomero in US 9 groß genug, um spezielle Einlagen zu verkraften, ist beim Zoom Victory dafür kein Platz mehr. Läufer, die nicht gerne mit einem sehr eng anliegenden Schuh laufen, sollten ihn deshalb eine halbe Nummer größer kaufen. Ich persönlich bin mit der engeren Passform sehr zufrieden. Der Schuh klebt so bockefest an den Füßen, Flywire tut hier seine ganze Arbeit. Fühlt sich wirklich gut an. Optisch ist der neonfarbene Zoom Victory+ auf jeden Fall ein echter Hingucker.

Nach den ersten Metern wird mir schnell bewusst: dieser Schuh ist ein Bastard, ein hundsgemeines Dreckschwein! Warum? Er ist schnell. Verdammt schnell. Was sich jetzt etwas schizophren anhört (ein Schuh an sich kann nicht schnell sein), stimmt jedoch insofern, als dass dieser Schuh förmlich danach drängt, noch einen Ticken schneller zu laufen. Und noch einen. Und noch einen. An der Ampel, nach 300 jungfräulichen Metern blicke ich an mir herab und betrachte meine Füße, wie sie unruhig hin- und hertippeln, nervös, ungeduldig. Das ist gaga aber diese Schuhe wollen laufen, schnell laufen! Und das macht Spaß. Selbst am Ende einer 12 Kilometer-Runde fauchen die Dinger und lassen mich noch einmal voll aufdrehen.

Pro:

  • schneller, leichter Schuh
  • angenehm enge Passform
  • klebt am Fuß wie Pattex
  • vermittelt ein sehr gutes Gefühl für den Untergrund
  • leise (!)

Leider gibt es, nach all dieser Lobhudelei einen idiotisch großen Haken, besser gesagt einen Designfehler kolossaler Größe: der Schaft, der die Achillessehne umschließt. Dieser ist den Designern bei Nike absolut misslungen. Ich las im Vorfeld viele Berichte von Läufern, die sich Schrunden und blutige Achillessehnen holten, die sich lautstark darüber beschwerten und den Schuh umtauschen mussten; ich las die Empfehlungen im Shop unter nikerunning.com, wo es massenweise Proteste und miserable Bewertungen hagelte. All das hielt mich nicht davon ab, mich mit den Victory’s auf die Strecke zu wagen. Und soll ich euch etwas verraten? Sie haben alle recht. Ich hatte in meinem ganzen Leben nach nur einem Lauf noch niemals so blutige Achillessehnen, inklusive an dieser Stelle durchgescheuerten Socken. Selbst das Innenfutter der Schuhe saugte sich voller Blut, was zugegebener Maßen sehr martialisch aussah. Dementsprechend deprimiert war, nach anfänglicher Euphorie, meine Stimmung. Ich gab die Hoffnung jedoch nicht auf und den Schuhen noch eine zweite, eine dritte Chance; klebte über die lädierten Stellen ein dickes Pflaster, drückte den Schaft der Schuhe an dieser Stelle mehrmals auseinander und hey: das Aufscheuern ist weg. Was eigentlich nicht sein dürfte, bewahrheitet sich hier besonders: Zoom Victory+ muss eingelaufen werden. Mein Paar adelt das jedoch, denn nur so entstehen Legenden und wahre Männerlaufschuhe, blutgetränkt und unter Schmerzen mit zusammengebissenen Zähnen eingelaufen.

Ärgerlich, weil ganz einfach vermeidbar ist auch folgender Designfehler: die Zunge. Sie ist auf der Innenseite nicht fest mit dem Material vernäht. An sich nichts dramatisches. Bei diesem Paar Schuhe knickt jedoch die Naht beim Reinschlüpfen so unglücklich nach Innen, dass die Zunge dann an diesen Stellen quasi “doppelt” aufliegt und unangenehm auf den Span der Füsse drückt. Nervig. Gehört man zu den Geduldigen, kann man versuchen bei angezogenem Schuh die Zunge mit den Fingern innen gerade zu ziehen. Mühsame Frickelei.
Zu schlechter Letzt: Das Oberflächenmaterial ist sehr anfällig für Schmutz. Zumindest in der Farbvariante mit dem weiß-schwarz Gradienten. Selbst die kleinsten Dreckflecken werden vom Material so aufgesaugt, dass sie selbst nach minutenlangem Schrubb-Prozedere nicht mehr rauszubekommen sind. Läufer mit Sauberkeitsfimmel durchleben hier Psychosen.

Contra:

  • hinterer Schaft reibt Achillessehnen blutig
  • Zunge knickt beim Reinschlüpfen ein
  • schmutzempfindliches Material

Fazit: Ganz klar, eine Hassliebe. Zumindest, was die ersten Läufe betrifft. Dann wurde es immer harmonischer. Mein Tip für euch: Lauft den Schuh einmal, ihr werdet fluchen. Lauft den Schuh zweimal, ihr werdet immer noch fluchen. Lauft ihn ein drittes und viertes mal und die beschriebene Achillessehnenproblematik verschwindet langsam und ihr erhaltet ein verdammt gutes Paar Laufschuhe, die von den unzähligen negativen Stimmen in ein viel schlechteres Licht gerückt werden, als sie eigentlich verdient haben.

Wertung: 4/5 Sternen
★★★★●

Ich persönlich hab mittlerweile irre viel Spaß an Nike’s neuem Zoom Victory+ (dass ich das mal von Laufschuhen behaupten würde, hätte ich nie gedacht). Wenn ich diese neongelben Wahnsinnsdinger anziehe, fühle ich mich wie Peter Parker in Spiderman 3. Sie ergreifen Besitz von mir und ich mutiere zum absoluten badass. Dann solltet ihr schleunigst die Straßen verlassen. Es wird sonst Kollateralschäden geben.

Hinweis für alle Münchner unter euch: Den Zoom Victory+ gibts derzeit reduziert bei Sport Scheck für 99 statt 130 Ocken. Zuschlagen und erstmal ordentlich blutige Sehnen holen. Yeah!

Testbericht in der nächsten Woche: Mit dem neuen Lunaracer+ einmal zum Mond und zurück.
 

Über Sebastian

Chefdramaturg von Himmelende, ambitionierter Dilettant und komplexbehafteter Polterer. Wagt hier den Seelenstrip. Hat Programm ohne Ende aber mangelhafte Noten in der Ausführung. Mit den Füßen im Süden der Republik unterwegs, mit dem Kopf stets in den Sternen. Und momentan kopfüber am anderen Ende der Welt. »weiterlesen
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