Die Frau ist wieder da. Sie ist weder alt noch jung, ihr graublondes Haar trägt sie offen und lang. Bevor sie sich setzt, dreht sie sich im Kreis und zählt dabei die Runden… eins… zwei… drei… vier… fünf.
An jeder Station wiederholt sich die Szene, die Frau steht auf, dreht sich fünf Mal und setzt sich wieder hin, es sei denn, der Platz ist mittlerweile besetzt, dann dreht sie sich einfach weiter. Miriam hat sie Gunilla getauft, irgendwie klingt das nach einem menschlichen Karussell. Unbekannten, die sie öfter trifft, gibt sie Namen, auch dem Sänger zwei Sitze neben ihr, er heißt Arturo, und dem Mann, Heinz, der ganz ruhig seine Zeitung liest, immer von hinten nach vorne. Die Normalen sind eine Minderheit in der Linie 3, aber vielleicht sind sie das überall und man merkt es erst, wenn man wiederholt hinsieht und Regelmäßigkeiten erkennt, also Ticks.
Arturo singt alte Volkslieder, jedes Mal ein anderes, aber manchmal nur eine Zeile davon. “Die Gedanken si-hind frei”, singt er heute, davon kann er alle Strophen, ein kleiner Junge starrt ihn an wie einen Geist. Als der Sänger ihn anlächelt, bekommt er Angst und versteckt sich hinter seiner Mutter. “Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen…” Miriam stellt sich vor, das ginge doch, ein Gedanken-Amoklauf, peng, peng, peng, lauter klitzekleine und auch große, schöne Gedanken, die tot zu Boden fielen, bis alle Menschen leer wären im Kopf, atmende, schwitzende, fühlende Hüllen. Ob sich dann noch jemand küssen würde? Und warum?
Um acht wird sie zu Hause sein, die Fahrt dauert eine Viertelstunde, das reicht, um ein paar Seiten zu lesen oder ein Kreuzworträtsel zu lösen oder auch zum Beobachten der Umsitzenden, was Miriams Lieblingsbeschäftigung ist. Es beruhigt sie zu sehen, dass sie mit niemandem tauschen möchte, aber ein bisschen macht es sie auch traurig. Was ist ein Leben ohne Sehnsucht. Eins… zwei… drei… vier… fünf. Seit ein paar Monaten hat sie niemanden mehr geküsst und mit niemandem geschlafen, deshalb starrt sie hübschen Männern derzeit oft auf die Münder und die Hände und die Reißverschlüsse ihrer Jeans. Wobei die Schlussfolgerung eine Lüge ist, denn hätte sie regelmäßig Sex, täte sie es vermutlich noch öfter. Den Mann gegenüber sieht sie zum ersten Mal, darum ist er namenlos, sein T-Shirt ist moosgrün wie seine Augen, er hat ungekämmte Haare und an der linken Wange ein Grübchen, nur da. Sie könnte ihn auf der Stelle küssen. Peng! Ein Gedankenkuss, ein Kussgedanke, auf dem U-Bahn-Boden, mausetot. Miriam lacht.
Sie lacht noch, als die U-Bahn plötzlich stehen bleibt im Tunnel und Gunilla panisch wird, eins, zwei, drei, vier, fünf, setzen, aufstehen, eins, zwei, drei, vier, fünf… Das Licht geht aus. Arturo singt weiter. “Und sperrt man mi-hich ein im finsteren Kerker…” Gunilla beginnt zu schreien, andere Fahrgäste brummen genervt, jetzt kannst du dich entscheiden, denkt Miriam, gehörst du zu denen oder zu den Irren, schweigen, mitbrummen, mitsingen, mitschreien. Gunillas Stimme tut in den Ohren weh, schlimmer kann’s nicht werden, daher brüllt Miriam einfach los, woraufhin das menschliche Karussell augenblicklich verstummt. Verwirrt, aus dem Konzept gebracht. “Alles gut”, flüstert Miriam und lächelt. “Alles gut.” Einzelne Lichter gehen wieder an, und Miriam erkennt in den Gesichtern der anderen, dass man sie für eine Art Expertin hält im Umgang mit der Verrückten, ihr eigenes Brüllen als Therapie für Gunilla, es ist absurd. Fehlt noch, dass alle klatschen. Nur der Moosgrüne scheint sie zu durchschauen, seine Mundwinkel zucken spöttisch, amüsiert, und Miriam denkt, wenn die Gedanken so frei wären, dass sie sich ruckzuck in Taten verwandelten, dann schöbe sie ihm jetzt eine Hand zwischen die Schenkel. Vielleicht wäre das der Beginn einer Orgie, wer weiß. Wer weiß, was die anderen so denken. In Wahrheit wäre es natürlich der Beginn eines höchst peinlichen Eklats.
Die U-Bahn bewegt sich immer noch nicht, mittlerweile stecken sie fünf Minuten im Tunnel, als endlich eine Durchsage kommt: “Verehrte Fahrgäste, wegen eines Oberleitungsschadens verzögert sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten. Wir bitten, dies zu entschuldigen.” Dann geht das Licht wieder aus, und Miriam spürt eine Hand in ihrem Gesicht, der Mann gegenüber ist aufgestanden, beugt sich zu ihr, streicht grob über ihre Wange, hebt ihr Kinn, dann sein Mund auf ihrem, seine Bartstoppeln kratzen, er steht und sie sitzt, sein Knie zwischen ihren Beinen, wenn sie nur träumt, ist es ein guter Traum, und natürlich träumt sie nur. Sie steht auf, so gut es geht, mit seinem Bein zwischen ihren Beinen, die anderen verschwimmen im Halbdunkel zu Schimären, sie sind nur noch zu zweit, dann stolpert sie, fällt zurück auf den Sitz oder hat sich möglicherweise schubsen lassen, sein Schoß vor ihrem Gesicht, sie könnte die Jeans öffnen und ihn in den Mund nehmen, nach einer Weile würde er sie zu sich hochziehen und wieder küssen, hart und heftig, die Hand unter ihr Kleid schieben, den Slip ausziehen, sie könnten… Kurz unterbricht sie ihre Fantasie, die anderen Fahrgäste drängen wieder in ihr Bewusstsein, es fällt ihr schwer, sie sich wegzudenken, eins… zwei… drei… vier… fünf… Sie konzentriert sich auf seine Hände, seinen Geruch, und irgendwann ist alles wieder egal. Sie könnten also.
Katzen haben sieben Leben, sagt man. Menschen haben unzählige, wenn auch manche davon nur Sekunden dauern oder Bruchteile davon. Miriam weiß nicht, ob sie noch träumt, als sie entdeckt, dass Arturo Gunillas Hand hält, sie beruhigend tätschelt, tatsächlich entspannen sich deren Gesichtszüge ein wenig, nur ihre Augen streifen noch suchend umher im schwachen Schein der Tunnelbeleuchtung. Plötzlich scheint sie sich für etwas zu entscheiden und legt den Kopf auf Arturos Schulter. Der hat aufgehört zu singen. Was bis eben noch niemand wusste, Miriam zumindest nicht, scheint nun ganz klar: Die beiden kennen sich. “Lass es Liebe sein”, summt sie unwillkürlich und denkt: Das ist ein wahres, schönes Lied, “Liebe ist alles”. Die Minuten verstreichen, und die Stimmung in der Bahn wird beinahe friedlich. Für einen Moment ist es vollkommen still. Heinz, der Zeitungsmann, streicht dem kleinen, ängstlichen Jungen über den Kopf, zumindest in Miriams Vorstellung. Ein nicht mehr ganz fremder Opa mit seinem neuen Enkel. Liebe ist alles. Die Gedanken sind frei.
Als das Wagenlicht wieder aufflackert, muss Miriam blinzeln, und nicht nur sie. “So, meine Herrschaften, weiter geht’s”, tönt launig der Zugführer durch die Sprechanlage. Fast fühlt Miriam: schade – freut sich dann aber doch auf daheim. Noch zwei Stationen. Eins… zwei… drei… vier… fünf, setzen. Der Alltag hat Gunilla wieder, und mit ihm ihr Ritual. An der nächsten Haltestelle steigen mehr Leute ein als normalerweise, die doppelte Wagenladung Menschen. Alle haben auf uns gewartet, denkt Miriam. Uns. Die kurze, gemeinsam erlebte Phase der Dunkelheit hat aus dem Ich ein Wir gemacht, das sich selbstverständlich schneller verflüchtigen wird als der Alkoholgeruch eines frisch aufgetragenen Spritzers Parfüm.
Gunilla heißt Luise.
Arturo heißt Claus.
Heinz heißt Hans. Nah dran.
Miriam trägt gar kein Kleid.
Doch als sie aussteigt, verlässt auch der Moosgrüne die Bahn und sieht ihr kurz, aber gezielt in die Augen. Ihr Unterarm streift den seinen, und weil beide T-Shirts tragen, bedeutet das Haut auf Haut. Er muss in eine andere Richtung als sie, und sie widersteht der Versuchung, ihm nachzusehen. Wahrheit lässt sich nicht festhalten, Realität ist relativ und Freiheit sowieso. Als Miriam nach Hause kommt, hat sie gerade die “Tagesschau” verpasst.
