Inga liegt im Central Park und schrubbt mit den Armen Engelsflügel in den Schnee. Das hat sie als Kind schon gern gemacht und dann ein Vierteljahrhundert nicht mehr, auch nicht daran gedacht. Ihr einst aschblondes Haar hat neuerdings die Farbe von Himbeereis, nur momentan etwas dunkler, wegen der Nässe.
Das war so eine Idee, Pink in ihr beige-braun-graues Leben zu lassen. Um sich daran zu gewöhnen, kaufte sie eine Barbie und Wildrosen-Duschgel, dann rosa Kerzen und irgendwann schillernden Nagellack, den sie sogar in der Kanzlei trug, wo er erstaunlicherweise niemandem auffiel. Sie wurde mutiger, malte sich hin und wieder die Lippen pink und strich irgendwann eine Küchenwand in kräftigem Rosarot. Dann buchte sie spontan einen Flug nach New York, weil sie Europa noch nie verlassen hatte, und wenn schon, denn schon – dann schon die Hauptstadt der Welt. Im Flugzeug sah sie “Sex And The City – der Film” und trank vor Aufregung vier Plastikbecher Sekt.
“Du wirst dich erkälten”, sagt über ihr jemand auf Englisch und lässt sich neben sie in den Schnee fallen. Inga guckt zur Seite. Hübscher Junge, denkt sie. Tatsächlich ist der Kerl kaum älter als 25, 26 und damit etwa ein knappes Jahrzehnt jünger als sie. Einer der ganz seltenen Menschen mit afrikanischer Physiognomie, haselnussbrauner Haut und schwarzen Locken, aber blauen Augen. So hell und glitzernd, dass sie nicht umhin kommt, banale Vergleiche zu ziehen, über deren mangelnde Originalität sie sich ein wenig ärgert: Mich hat ein Schatz gefunden. Zwei Diamanten im Schnee.
Tatsächlich kriecht langsam die Nässe durch ihren rosa Wollmantel, und sie setzt sich auf. Greift nach der Tüte barbiefarbener M&Ms, die sie heute Morgen für irrwitzige 20 Dollar am Times Square gekauft hat, in einem zweistöckigen Schokolinsen-Geschäft, einem der absurdesten Orte der Welt. Eine gute Handvoll wirft sie in den Schnee, woraufhin prompt zwei Grauhörnchen auftauchen, die flink danach greifen. Das bin alles nicht ich, denkt sie und erschrickt, weil ihr der Gedanke gefällt.
“Du hast recht”, sagt sie zu dem Jungen, “ich gehe mich mal aufwärmen.” Im Aufstehen klopft sie sich den Schnee vom Mantel. Der Diamantäugige tut es ihr gleich und begleitet sie auf ihrem Weg ins nahe Hotel, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.
Er folgt ihr auch auf ihr malerisch-heruntergekommenes Zimmer, und sie sagt nichts dazu, obwohl ihr Herz so rast, dass sie fürchtet, sich am Pochen zu verschlucken. Was natürlich zuckriger Unsinn ist. Sie dreht die Heizung auf, die poltert und zischt wie eine alte Lokomotive. “So was mache ich eigentlich nicht”, lag ihr gerade noch auf der Zunge, doch stattdessen greift sie nach der Flasche Rosé, die sie gestern Abend gekauft hat, reicht sie dem Jungen und fragt: “Lust auf einen Schluck Wein?” Er nickt, sie gibt ihm ihr Taschenmesser mit Korkenzieher und ein Zahnputzglas. “Gibt nur eins.” Und dann: “Ich geh kurz duschen.”
Als das Wasser über Ingas Rücken läuft, weicht mit der Kälte auch der letzte Rest Ängstlichkeit aus ihr, sie wird ganz ruhig und ist sich auf seltsam wattige Art sicher, genau das Richtige zu tun. In ein weißes Hotel-Badetuch gehüllt kehrt sie zurück ins Zimmer, wo ihr Gast in rührender Jungenhaftigkeit auf dem Bett lümmelt, das Glas voll Rosé in der Hand und ein Lächeln auf den Lippen, das ihn lässig, schüchtern und selbstbewusst zugleich wirken lässt. Natürlich denkt sie darüber nach, was sie jetzt miteinander tun könnten, und natürlich denkt er dasselbe, aber das merkt sie nicht. Sie ist nicht geübt in solchen Situationen und selbst wenn… Würde sie? Na ja… Ja. So aber setzt sie sich mit einem halben Meter Abstand neben ihn aufs Bett, greift nach dem Glas in seiner Hand und trinkt.
Es ist ihr letzter Tag in der Stadt, morgen Abend wird sie zurückfliegen, übermorgen die letzten Reste der Tönung aus ihren Haaren waschen, und danach wird das Leben schmecken wie Bitterschokolade. 90% Kakaoanteil, aber eine Ahnung von Süße.
“Denk nicht an morgen”, sagt der Junge, der diesen Satz schon oft benutzt hat, weil er weiß, dass Frauen ihn hören wollen von einem wie ihm. Einem der schön ist und exotisch, alt genug, um zu wissen, was er tut und jung genug, um nach Freiheit zu schmecken und Leidenschaft und Unvernunft.
“Tu ich nicht”, lügt Inga, ihr Handtuch sitzt trotzdem fest und sie rückt nicht näher an ihn heran. Stattdessen Wein, Wein, Wein. Irgendwann läuft der Junge los, um eine neue Flasche zu kaufen, während sie in die Kissen sackt und lachen und weinen muss, nur ein bisschen, die Tränen sind schnell getrocknet, und als er wiederkommt, will sie ihn beinahe umarmen wie einen Freund.
“Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann”, hat mal jemand gesagt oder geschrieben. Inga betrachtet die Bartstoppeln des Jungen, der wieder neben ihr liegt, und überlegt, was sie wohl noch weglassen würde in diesem Moment. Die ächzende Heizung vielleicht. Ihre Angst. Die Abreise am nächsten Tag. Denk nicht an morgen. Der Kuchen, den du selten bekommst, schmeckt besser als der vom Bäcker nebenan. Heißt das: Iss, wenn er vor dir liegt? Zumindest küsst sie den Jungen nun doch, seine Lippen sind fest und weich, er küsst zurück, rührt sich sonst aber kaum. Kein mangelndes Interesse, mehr ein Spiel. Sie seufzt, weicht zurück, da streicht er ihr durchs fast schon trockene Haar, krault ihren Kopf und zieht sie wieder zu sich. Nach dem zweiten langen Kuss legt sie sich zu ihm, den Kopf an seine Brust, ganz viel warme Schwere in der ihren. Meine Augen sind grün wie das Meer, denkt sie und denkt es zum ersten Mal mit einem Anflug von Freude. Der Junge murmelt: “Du schmeckst nach Honig”, und wenig später schlafen beide ein. Inga träumt von Flamingos im Schnee und einem Sturm auf dem Ozean.
Als sie aufwacht, ist ihr Badetuch verrutscht. Er schläft noch oder tut so, und dass seine Hand auf ihrem Bauch liegt und sein Mund auf ihrer Schulter, stört sie nicht.
Zurück in Deutschland wäscht sie ihr Haar wieder aschblond, streicht die Küchenwand fliederfarben und schenkt die Barbie ihrer kleinen Nichte. Sonst ändert sie nicht viel. Aber irgendwann wird sie glücklich sein, davon ist sie nun fest überzeugt und allein dieses Wissen zaubert ein Lächeln in ihr Gesicht: Ich werde kandierte Rosenblätter essen und süße Säfte trinken. Ich werde lieben und lachen und nie wieder frieren.
One Comment
Schönes Kopfkino, endlich weg und verträumt.
“Das bin alles nicht ich, denkt sie und erschrickt, weil ihr der Gedanke gefällt.”
Genau das denke ich auch oft. Die Erkenntnis, sich irgendwie zu verhalten, wie man sich sonst nie verhält und eben daran plötzliches Gefallen zu finden. Zunächst erschickt es einen und doch ist es zugleich ein verdammt gutes Gefühl, sich in diesem Gedanken zu ergehen, ihn anzunehmen.
Scharfsinnig rangefühlt Carmen. Danke.
Kommentieren