Die schläfrige Trägheit des Tagediebs

Dieser Mensch, der ich morgen sein werde ist immer der Mutigere, Fleissigere, Enthaltsamere und Vernünftigere von uns beiden. Dieser Mensch, der ich morgen sein werde packt die Dinge an, reisst die Probleme mitsamt den Wurzeln heraus und schüttelt die hängengebliebenen Erdbrocken mit einer liebevollen Wischgeste ab, bevor er das Herausgerupfte in den Häcksler wirft. Dieser Mensch, der ich morgen sein werde ist vermutlich der Bessere von uns beiden.

Aber eben erst morgen, heute noch nicht. Heute heißt es, noch mal faul sein und fressen und saufen und rauchen. Heute passt es mir eben noch nicht, ein anderer zu sein, das kann doch noch bis morgen warten, irgendwas ist ja bekanntlich immer.

Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komm bloß so selten dazu.

Und dann ist das Morgen heute und ich bin dieser andere Mensch, der ich hätte sein können nicht geworden. Gestern sagtest du, morgen und dann ist die Zukunft schon gleich wieder Vergangenheit. Das Problem ist nicht der Mensch, der du morgen sein könntest. Das Problem ist der Mensch, der du heute bist.

Die schläfrige Trägheit des Tagediebs

18:45 Uhr. Denkfurchenflirren, glitzernder Geist, zumindest Teilzeit. Termin mit A. im Kino abgesagt, Abgesang, dann Tankstelle, Alkohol und Zigaretten. Ritualisierte Erniedrigung um Viertelvorsieben, aber nur heute, die Ausnahme, sagt er. Das ist zu einem Reflex geworden wie Schnappatmung, wenn man auf den Rücken fällt.

Metapherngaffen und los! Nackig machen für den inneren Frieden und sich die Haut wie Zwiebelschalen vom Körper pellen. Heute nur drinnen geblieben und gelesen und geschaut. Heavy media consumerism, den Sonnenuntergang nur als Wallpaper betrachtet. Echtes Leben geht anders. Aber was ist schon echt?

Wissen Sie woher dieser ganze Scheiss kommt? Das, was da so wie geistige Diarrhöe aus seinem Gehirn tropft? Ich sags Ihnen, ich weißt es jetzt nämlich: Seelensekret. Sein Hirn, das pulsiert und wummert und brummt unerlässlich. Es ist permanent am Strom, ständig spielt es Musik. Und wenn ihm die Noten ausgehen spricht es in einer Sprache, die noch nicht erfunden wurde. Und wenn auch das nicht reicht und nichts hilft, dann malt es pastellfarbene gezackte Drachengeschöpfe und geometrische Formen und Landschaften ferner Länder ohne unterlass. Er kann zuhören, er kann zusehen, aber er fühlt sich: zusehends ohnmächtig.

Der Ofen ist heißt, er stinkt ja schon; es glühen die Stangen, es erhitzen sich die Spiralen. Auf die untere Schiene, auf die mittlere Schiene, 230°, 8 bis 10 Minuten, je nach gewünschter Knusperbräune. Fertigpizza ist eigentlich nur die halbe Wahrheit. Sie sollte bald fertig Pizza oder ziemlich schnell und mit wenig Aufwand verbunden Pizza heißen.

Krankheiten, die nur auf Deutsch funktionieren:
Kevinismus, Föhnkrankheit, Kreislaufzusammenbruch, Hörsturz, Frühjahrsmüdigkeit, Fernweh, Putzfimmel, Werthersfieber, Ostalgie, Zeitkrankheit, Weltschmerz, Ichschmerz, Lebensmüdigkeit, Zivilisationskrankheit, Torschlusspanik.

Oder auch gerne: Langeweile, österreichisch Fadesse oder französisch Ennui, ist das unwohle Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgebracht wird oder bei einer als monoton oder unterfordernd empfundenen Tätigkeit aufkommen kann.

I exist. Therefore I’m on autopilot.
At least, partially.

Und dann die ganz gleich ganz bald Fertigpizza. Belangloses Stück Lebensmittelchemie, lässt Geschmacksrezeptoren müde knospen. Wieso sagt man, es mundet statt es magt?

Die alte Frau von nebenan schimpft nach draussen, während Hunde die Nacht anbellen. Schimpf nicht so sehr so laut, alte Frau! Aus deiner Wohnung, aus deinem halbgeöffneten Fenster, während das Gewitter aufzieht und die Einschläge immer näher kommen. Du machst keine Rast und du rastest aus. Und dir, dir bleibt nicht mehr viel Zeit. Bei dir rennt sie vielleicht nicht so schnell davon, wie bei manch anderen hassbelfernden Alten, aber du verscheuchst sie auch nicht endgültig mit deinem Gekeife. Die Zeit rennt nicht bei dir, nein, sie schleicht wie ein getretener Köter, der räudig um das Haus schleicht.

Und es zieht vorbei, durch den Himmel einer orangeglühenden Nacht, ein Luftballon, an dem ein Zettel befestigt ist. Hoffnungszettel oder Wunschzettel oder Kummerzettel? Welch irre Seele schickt durch diese Nacht, die kalt und bedrohlich wie stilles Wasser liegt einen Luftballon mit Wünschen?

Both:
I want to stay.
I want to leave.
I am three oceans away from my soul.

Das Konzept frei empfangbarer Emotionen validieren. Komm, schreib noch diese Seite voll, Nummersiebenundneunzig und dann pack ihn aus und halt ihn rein. Ist euch das schon mal aufgefallen? Alles von der Natur hervorgebrachte sieht irgendwie vaginal aus (eins, zwei, drei), alles von Menschenhand erschaffene dagegen phallisch? Die Erkundung der Geraden ist immer ein umgarnen des machismohaften Patriarcharts.

Fluoxetin und Ethanol bilden eine unheilvolle Allianz. Wenn die Nieren quängeln und die Großhirnrinde krustet und die Zirbeldrüse zirbelt dann weißt du, dass du was falsches kombiniert hast. Zurück auf Anfang. Da stehen sie schon alle und lecken sich ihre Finger blutig.

Aufgewacht mit Nasenbluten und einem metallischen Geschmack im Mund. Die Pistole im Mund, der Finger am Abzug, ein Löchlein im Gaumendach, eine Blutblume und Gehirnmasse auf der Raufasertapete. Raufasertapete ist auch so ein Wort, das mich Nachts aus dem Schlaf hochschrecken lässt.

Er kann nicht mehr und doch will er immer mehr; immer weiterkommen, niemals ankommen. Die permanente Beta als Lebensprinzip. Und das hier? Ein Weilchenbeschleuniger.

Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser nicht umkommen.
Ich sinke, also schwimm ich?

With all the best wishes to the next world.

Meine Welt ist purpur. So ein Purpur, wenn man die Augen schliesst und in die Sonne schaut.
Purpur ist der letzte Versuch.
98 Seiten. 98 ist eine schöne Zahl. Vielleicht, weil sie so unbekümmert ist, so knapp vor der Hundert.
Zeit abzuschalten.
Frieden, endlich.

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