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Gunilla dreht sich

Die Frau ist wieder da. Sie ist weder alt noch jung, ihr graublondes Haar trägt sie offen und lang. Bevor sie sich setzt, dreht sie sich im Kreis und zählt dabei die Runden… eins… zwei… drei… vier… fünf.
An jeder Station wiederholt sich die Szene, die Frau steht auf, dreht sich fünf Mal und setzt sich wieder hin, es sei denn, der Platz ist mittlerweile besetzt, dann dreht sie sich einfach weiter. Miriam hat sie Gunilla getauft, irgendwie klingt das nach einem menschlichen Karussell. Unbekannten, die sie öfter trifft, gibt sie Namen, auch dem Sänger zwei Sitze neben ihr, er heißt Arturo, und dem Mann, Heinz, der ganz ruhig seine Zeitung liest, immer von hinten nach vorne. Die Normalen sind eine Minderheit in der Linie 3, aber vielleicht sind sie das überall und man merkt es erst, wenn man wiederholt hinsieht und Regelmäßigkeiten erkennt, also Ticks.
Arturo singt alte Volkslieder, jedes Mal ein anderes, aber manchmal nur eine Zeile davon. “Die Gedanken si-hind frei”, singt er heute, davon kann er alle Strophen, ein kleiner Junge starrt ihn an wie einen Geist. Als der Sänger ihn anlächelt, bekommt er Angst und versteckt sich hinter seiner Mutter. “Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen…” Miriam stellt sich vor, das ginge doch, ein Gedanken-Amoklauf, peng, peng, peng, lauter klitzekleine und auch große, schöne Gedanken, die tot zu Boden fielen, bis alle Menschen leer wären im Kopf, atmende, schwitzende, fühlende Hüllen. Ob sich dann noch jemand küssen würde? Und warum?
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