Tag: herz

Salz und Glas

Wenn man jung ist, blutet einem ständig das Herz, und je älter man wird, desto wehmütiger streicht man über die Narben, so ist das eben. Bei neuen Wunden fährt, wer es sich leisten kann, in die Berge oder ans Meer. Alle wollen am Meer Verletzungen heilen, und ein bisschen gelingt das auch, weil du das Salz deiner Tränen ja nicht mehr schmeckst in den Wellen. Oder so sehr schmeckst, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob du glücklich oder traurig bist, weil alles verschwimmt, im wahrsten Sinne des Wortes, weil alles nur noch Weite ist, Geschmack, Geruch und Gefühl. Jeder feiert seinen ganz eigenen Schmerz und sein eigenes Glück, niemand entkommt. Wie lange trägt Sehnsucht? Für immer.

Das Meer hat hier die Farbe, die ihm seinen Namen verdankt – aquamarin. Aus der Nähe natürlich nicht, da ist es klar wie Bergkristall und man sieht jeden einzelnen Stein am Grund. Silja lässt sich von den Wellen die Füße eingraben, wie als Kind. Das Wasser rinnt vorbei an den Zehen, Stückchen für Stückchen versinkt sie im Sand. Wenn sie nur lang genug wartete… Sie schiebt den Gedanken beiseite, was für ein Unsinn, sie will nicht verschwinden, sie will…Wer weiß.
Alles in mir ruft nach dir. Vergessen und finden. Die Liebe zu mir selbst ist kühl und riecht nach Algen. Darum bin ich hier.

Eine Erbschaft erlaubt ihr eine kleine Auszeit, und weil ihr Finger beim Zufalls-Blindtippen auf den Niederländischen Antillen landete, ist sie nun hier. Es hätte weiß Gott schlimmer kommen können. Alaska, Kabul oder Bielefeld. Gibt es einen Ort, um eine Liebe zu vergessen? Natürlich nicht. Aber Curaçao ist nicht der schlechteste, um es zu versuchen.

Ihr ist übel vor Sehnsucht. Sie möchte sich gefallen in der klassischen Rolle der unglücklich Liebenden, die aus Großmut und Zuneigung auf ihr Glück verzichtet, aber das wäre nicht ehrlich. Sie ist nicht aus Geschwisterliebe hier. Sie ist hier, weil er sie nicht genug gewollt hat. Jon, der Mann ihrer Schwester. Vielleicht auch gar nicht gewollt, bis auf diesen einen langen Kuss, der einer Laune entsprungen war, einem Abendsonnenstrahl und ein paar Schluck Wein zuviel.

Anfangs hatte Silja Jon nicht mal besonders gemocht, seine allzu große Selbstsicherheit stieß sie ab, und dass sie sie gleichzeitig anzog, verstärkte nur ihre Abneigung. Sie wünschte, ihre Geschichte wäre einzigartiger, aber sie ist es nicht. Es liegt so viel Schmerz im Banalen. So viel Lust, so viel Liebe. Alles ist eins. Berührungen. Wind. Ich bin ein Sandkorn wie alle, und in mir ist die Welt, wie überall.

Außer dem Wasser gibt es auf der Insel kein Entkommen vor der Hitze, nicht einmal die Nacht. Siljas Empfindungen bleiben ununterbrochen fiebrig und flirrend, wie in einem seltsamen Rausch. Seit gestern spürt sie, dass sie beobachtet wird. Die Frau ist so schön, dass es ihr den Atem verschlägt. Karamell­farbene Haut, nachtschwarzes Haar und ein wacher Blick, der sie an Jon erinnert. Überhaupt könnte die Frau seine jüngere Schwester sein, obwohl die Farben nicht stimmen, Jon ist hellhäutig und blond, aber die langsame Eleganz ihrer Gesten gleicht den seinen.

Silja sammelt gerade Muscheln, als die Schöne sie anspricht. Auf Deutsch, mit einem leichten Akzent, den sie nicht einordnen kann.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so angestarrt habe. Sie erinnern mich an jemanden. Ich habe vergessen, an wen.“
Silja zuckt mit den Schultern. „Schon gut.“
„Als Kind habe ich am Meer immer glatt gespülte Scherben gesammelt“, spricht die Fremde weiter, „ und mich gefühlt wie eine Königin, die Taschen voller Edelsteine. Man konnte sich nicht mehr verletzen daran. Heute mag ich auch frische Scherben. Das Glitzern, die Kanten. Ich schneide mich nie.“
Silja muss lächeln. „Erstaunlich. Ich immer.“
„Wenn Sie ganz vorsichtig sind, passiert nichts.“
„Zuviel Vorsicht ist ungesund.“
„Du sprichst nicht von Scherben.“
„Nein.“
„Entschuldigung, jetzt habe ich Du gesagt.“
„Kein Problem.“
Beide lächeln.
„Ich heiße Lilian.“
„Silja.“

Abends im Restaurant des Hotels sieht Silja Lilian wieder. Ihr bodenlanges Kleid schillert in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Die Augen aller Gäste sind auf sie gerichtet, die Gier der Männer ist umso spürbarer, je mehr sie versuchen, sie zu verbergen.
Sie ist eine Erscheinung, denkt Silja und kann nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, als Lilian langsam auf sie zukommt, an ihrem Tisch stehen bleibt: „Ist hier noch frei?“
„Klar. Setzen Sie… Setz dich.“
Sie trinken zuviel. Sie trinken und lachen und sonnen sich in den Blicken der anderen. Einmal legt Lilian ihre Hand auf Siljas Arm und lässt ein paar Momente verstreichen. In ihrem ganzen Verhalten liegt eine Selbstverständlichkeit, die Silja sprachlos macht. Vielleicht ist das so, wenn man schön ist, denkt sie. Man nimmt, weil man weiß, dass jeder gerne gibt.
„Du hast türkise Sprenkel in den Augen“, behauptet Lilian.
„Das ist dein Kleid, es spiegelt sich darin.“

Später verlassen sie das Hotel für einen Spaziergang am Meer. Kein Mensch weit und breit. Sterne und Sand und ihre Hand in der meinen. Fremd, aber richtig, so fühlt es sich an.
„Ich würde dich gern küssen“, sagt Lilian.
„Ich weiß.“ Silja wusste es wirklich.
Lilian nimmt ihre Antwort als Einverständnis, und wahrscheinlich war es das auch. Ihre Lippen sind weich und schmecken nach Meersalz, ein wenig auch nach dem „Swimmingpool“-Cocktail, den ihnen der verliebte Kellner als Nachtisch spendiert hat. Ihre Hand wandert über Siljas Rücken, wie beiläufig, aber doch gezielt. Wärme und Ruhe und etwas wie Sinn.

Küsse am Strand und später in Siljas Zimmer. Ihre Körper finden einander mit schlafwandlerischer, fiebriger Sicherheit. Es ist keine Liebe, gibt aber beinahe ähnliche Kraft. Und nimmt sie. Illusionen berauschen, Rausch betäubt, und was bleibt, ist klein, beinahe nichts, aber so pur wie ein Diamant.
Erschöpft liegen sie nebeneinander. Ist es zuviel geträumt…? Ein Lied.

Es war so schön, so besonders, aber ich habe dich nicht gemeint.
„Schon okay“, sagt Lilian.
„Habe ich laut gedacht?“
„Kann sein.“
„Ich will dich nicht verletzen.“
„Das halte ich aus.“

Lilian zieht sich an und geht.
Unschlüssig, ob sie traurig oder erleichtert sein soll, dreht Silja sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Ein Käfer krabbelt träge durch ihr Blickfeld. Er glänzt matt und edel wie ein geschliffener Amazonit. Ein Insekt. Ein Edelstein. Leben. Tod. Falscher Glanz. Menschen finden einander und lösen sich wieder. Alles fließt. Halt mich. Ein einmal verwundetes Herz blutet schneller. Ein komplett verheiltes schlägt nicht mehr.
Silja lebt. Die Augen fallen ihr zu. Sie schläft so lange und gut wie seit Monaten nicht. Trotz der Hitze.

Blaue Stunden

Oder: Vergissmeinnicht

Milo öffnet die vierte Flasche Wein.
Die Müdigkeit steckt Nora in allen Gliedern, bleischwer. Würde sie sich hinlegen, sie schliefe wohl augenblicklich ein. Aber sie sitzt ja, und so bleibt sie künstlich wattig-wach, mit diesem benebelten, betrunkenem Hirn und dem besoffenen Herzen, das überschwappt vor Liebe, wie immer in solchen Momenten. “Halt mich”, würde sie gern sagen, beißt sich aber auf die Lippen. Es würde die Sache verkomplizieren, sie sind jetzt drei Jahre getrennt und haben sich langsam daran gewöhnt.

“Was ich am traurigsten finde, sind Menschen, denen eine Überraschung missglückt”, sagt Nora mit schwerer Zunge und frisch gefülltem Glas in der Hand. “Und Menschen, die etwas anbieten, das niemand wirklich will.” Milo versteht, und sie schwelgen eine Weile in dumpfer Melancholie. Versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen mit bitteren Geschichten. Von der welken Hure, die Milo über Jahre hinweg regelmäßig traf, bis auch er sie nicht mehr ficken konnte und absichtlich aus den Augen verlor. Von dem lateinamerikanischen Kleinkind, das Nora schmuddelige Bonbons zum Kauf anbot und das Ganze noch für ein Spiel zu halten schien, winzig und unerfahren, wie es war. Von dem beinlosen Mann in der Fußgängerzone, der gebastelte Glückwunschkarten verkauft oder dem Straßenmusiker, der seiner Geige schiefe Töne entlockt, unermüdlich, Tag für Tag, immer noch. Und schließlich von der kleinen Frau aus der Dorothy-Parker-Geschichte, die ihrem Mann in einer Aufwallung wiedergefundener Liebe und Vorfreude roten Kaviar kauft, der statt auf dem Tisch in der Speisekammer landet, weil der Gatte ihre süßen Gefühle mit wenigen Sätzen im Keim erstickt.

Nora könnte jetzt weinen oder schlafen, aber stattdessen schweifen ihre Gedanken ab, als sie die pochende Ader an Milos Unterarm entdeckt. Sie will ihn immer noch. Denkt an ihren letzten gemeinsamen Urlaub, die Hütte direkt am Meer, die Asche der namenlosen Toten und sein vor rasender Geilheit verzerrtes Gesicht. Es fing an mit der alten englischen Urlauberin, deren Mann sich eine Seebestattung gewünscht hatte, was sie ihm hier erfüllte, beseelt von dem Gedanken er verbinde sich so tatsächlich mit dem Meer und der Weite und der Welt. Sie erzählte Nora davon, und der begann die Vorstellung zu gefallen, dass sie beim Schwimmen umgeben war vom Staub der Verstorbenen, den man vom Schiff aus in alle Winde verstreut hatte. Dass am Meeresgrund auch aufgeschwemmte Schiffbrüchige und Selbstmörder und Mordopfer lagen, fiel ihr zum Glück erst Wochen später ein. Während der Tage am Strand ging es lediglich um die Asche, die etwas Sternenstaubhaftes hatte, eine bizarre Romantik und etwas von Sehnsucht und Freiheit und Ewigkeit. Milo aber war auch das schon zu morbide. Nachdem sie ihm ihre Gedanken mitgeteilt hatte, ging er drei Tage nicht ins Meer und fasste sie auch nicht an, wenn sie vom Schwimmen kam. Sie dagegen sprang umso öfter ins Wasser, auch nach Einbruch der Dunkelheit und dann immer nackt. Das riesige Handtuch um den Körper geschlungen kehrte sie zu Milo zurück, der in der Hütte wartete und sie keines Blickes würdigte, bis sie aus der Dusche kam, und selbst danach berührte er sie nur vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich oder krank. In der dritten Nacht aber war er plötzlich wie von Sinnen, warf sie aufs Bett, sobald sie den Raum betreten hatte, zerrte ihr das Handtuch vom Leib, lutschte und biss ihr das Meersalz vom Hals und drang in sie ein, mit einer Rücksichtslosigkeit, die sie bis dahin nicht von ihm kannte, die ihr aber gefiel. Sie kam schnell und heftig, er hielt ihr den Mund zu, und sie schmeckte seine salzige Hand.

Aus der Stereoanlage dringt zum dritten Mal dasselbe Lied. Offenbar hat sie vorhin versehentlich die Repeat-Taste gedrückt, aber beiden ist es egal. “Ich hab lang auf dich gewartet, doch gelohnt, gelohnt hat es sich nicht”. Nora überlegt, ob das zu ihrer Situation passt, kommt aber zu keinem Schluss oder will es nicht. Stattdessen genießt sie die rauschbedingte Bedeutsamkeit der Situation, das umgekehrte “Über den Wolken”, die wohlige Schwere, die ihr Tränen in die Augen treibt, was Milo zum Glück nicht sieht. Er hat den Kopf in ihren Schoß gelegt, was nichts zu sagen hat, dazu kennt sie ihn lange genug. Sie streicht ihm trotzdem übers Haar, wickelt Strähnen um die Finger und baut in Gedanken ein Vogelnest damit. “Du wirst langsam grau”, murmelt sie und weint jetzt richtig. Er blickt zu ihr hoch, sagt aber nichts, denn sie ist schneller, winkt ab: “Tut mir leid, es ist alles in Ordnung, ich bin nur total blau.” Er ist es müde, sie zu trösten, sie weinte ihm immer schon zu viel, aber manchmal weinte er auch mit.

Wie meistens versiegen die Tränen auch diesmal schnell, die nassen Wangen lässt sie an der Luft trocknen und das Salz klebt. „Vergissmeinnicht heißt in anderen Sprachen auch so“, sagt sie unvermittelt. „Forget-me-not, nomeolvides… Ich hab das nachgeguckt.“ Er fragt nicht „Wie kommst du jetzt darauf?“, sondern ruft ehrlich erstaunt: „Echt? Cool“, und dafür liebt sie ihn schon wieder. Vielleicht ist “lieben” auch das falsche Wort und es geht lediglich um die Hoffnung, dass die Schnittmenge doch noch groß genug ist, die Schnittmenge ihrer Seelen, groß genug für ein Wir. “Ich bin froh, dass wir endlich Freunde sein können”, sagt Milo, und die Hoffnung verblasst.

Draußen wird es Tag, und beinahe wiederholt sich das Bild von gestern Abend, von vor ein paar Stunden, der Vollmond am noch oder wieder fast hellen Himmel, die weiße Kugel mit Strahlenkranz, wie eine falsche Sonne vor Taubenblau. “Lass uns schlafen gehen”, sagt sie, und er nickt. Während sie Zähne putzen, denkt Nora über die Angebote nach, die niemand wirklich will, und ob man an Stelle des Angebots auch den Anbieter setzen könnte. Wo sie überhaupt selbst steht mit ihrer Liebe und ihrem Körper und ihrer Zukunft und allem, was sie ihm zu Füßen legen würde, wenn. Es ist nur der letzte Rest Stolz, der sie vom unbegabten Straßenmusiker unterscheidet, vielleicht auch nur der mangelnde Mut.

Später liegt sie auf der Seite, spürt ihn hinter sich, wie so oft, wie früher, wie immer noch und doch nicht mehr, denn jetzt tragen sie Kleidung, T-Shirts und Slips, und er achtet darauf, dass ihre Mitten sich kaum berühren. Dennoch: seine Brust an ihrem Rücken, seine Hand auf ihrem Bauch und sein Atem an ihrem Hals. Morgen buche ich einen Flug, sagt sie sich und bewegt sich nicht. Irgendwohin, an ein anderes Meer, einige Wochen, ich sage ihm nichts davon, soll er mich doch vermissen, wird er mich vermissen, und wer wärmt dann sein Bett, wo liegt dann seine Hand, wessen Duft atmet er ein? Er schläft nicht gern allein. Mit etwas Fantasie ist jetzt damals, belügt sie sich.

Für einen Moment ist die Traurigkeit so übermächtig, dass Nora sterben möchte. Doch dann stürbe auch die Hoffnung, die ja immerhin noch ist, wenn sie auch der Hoffnung auf einen Lottogewinn oder immerwährende Leidenschaft oder Weltruhm gleicht. Momente vergehen, und an Traurigkeit kann man sich gewöhnen, was nicht heißt, dass man das Lachen verlernt. Plötzlich ist da ein bisschen Kraft, sie löst sich aus seiner Umarmung, rollt ans andere Ende des Bettes und lächelt. Gelohnt hat es sich schon. Aber diesmal ist es ein Schmerz, der bleibt.

© 2014 HIMMELENDE

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