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	<title>Himmelende &#187; liebe</title>
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	<description>Everything will be okay in the end. If it’s not okay, it’s not the end.</description>
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		<title>La candeur infernale de la jeunesse</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Nov 2011 18:56:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Amphetamin-Annie war sich nicht zu schade ihren Badeanzug abzustreifen und mit ihren Brüsten vor den Gesichtern der Männer am Tresen zu wackeln. Die Stimmung in der Bar war fickrig und aufgeheizt, nur das Dröhnen aus den Boxen übertöhnte noch das &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/11/22/la-candeur-infernale-de-la-jeunesse/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Amphetamin-Annie war sich nicht zu schade ihren Badeanzug abzustreifen und mit ihren Brüsten vor den Gesichtern der Männer am Tresen zu wackeln. Die Stimmung in der Bar war fickrig und aufgeheizt, nur das Dröhnen aus den Boxen übertöhnte noch das Johlen. Es roch nach Alkohol und schwitzenden Männern. Hätte man ihr früher davon erzählt, dass sie eines Tages mit ihren großen, weichen, wohlgeformten Brüsten ein Menge Kohle scheffeln würde: Sie hätte sich wohl umgedreht und wäre lachend davongelaufen. Und würde man Amphetamin-Annie jetzt sagen, dass sie nicht viel später ungleich mehr Geld mit ganz anderen Sachen verdienen würde: Ihre Reaktion fiele heute sicher nicht anders aus.<br />
Früher, das war ein bestimmter Ort, eine Zeit und ein Junge, der mehr als alle anderen in sie verliebt war. Damals saßen sie beide in der letzten Klasse des städtischen Elisabeth-Gymnasiums und versuchten sich auf die Reaktionsgleichungen der Photosynthese zu konzentrieren, so gut sich Jungverliebte auf Reaktionsgleichungen in der Schule eben konzentrieren können. Der Junge fiel damals durch die Abiturprüfung, Annie schaffte den Abschluss, mit einem ziemlich guten Durchschnitt sogar. Ein paar Wochen später war ihre Beziehung zu Ende und er würde sie die nächsten dreieinhalb Jahre nicht wiedersehen. In dieser letzten Abschlussklasse hätte es viele Mädchen gegeben, die ihm gefielen aber Annie hatte etwas besonderes: die Röte in ihrem Gesicht, wenn sie ein Referat halten musste. Andere Mädchen pressten ihre Lippen so fest zusammen, dass sie sich blutleerweiß verfärbten; wieder andere wurden vor Aufregung nur am Hals rot oder auf der Stirn. Einmal musste ein Mädchen über die Bedeutung der Frauenrolle in Fontanes &#8220;Effie Briest&#8221; referieren, bei der lediglich die innere Ohrmuschel rot wurde. Aber Amphetamin-Annie war tatsächlich das einzige Mädchen auf dieser Welt, das, wenn es nervös wurde oder sich schämte, rote Flecken in der Form von Norwegen auf beiden Wangen bekam und deren Symmetrie von erstaunlicher Gleichförmigkeit war, fast wie bei einem Rohrschach-Test.<br />
Die raue Hand eines Bauarbeiters schnellte hervor und quetschte ihren linken Busen fest zusammen; Annie sagte nichts, sie schlug die Hand des Mannes weg, ging einen Schritt zurück und tanzte weiter. Und man sah Norwegen leuchten, rot und symmetrisch auf beiden ihrer blassen Wangen, während ein junger Mann mit Anzug und Krawatte, der lange in der Türe stand sich umdrehte und davonging.</p>
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		<title>Karamellwolle</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jul 2011 21:48:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[So ist das mit der Liebe, manchmal schlägt sie Haken und schleicht sich auf Umwegen ins Bewusstsein zurück. Eugens sandfarbenen Kaschmirpullover hatte Karin noch nie leiden können, aber sein Herz hängt daran wie an einem Hündchen oder einem alten Tagebuch. &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/07/05/karamellwolle/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So ist das mit der Liebe, manchmal schlägt sie Haken und schleicht sich  auf Umwegen ins Bewusstsein zurück. Eugens sandfarbenen Kaschmirpullover  hatte Karin noch nie leiden können, aber sein Herz hängt daran wie an  einem Hündchen oder einem alten Tagebuch. Er hat ihn sich selbst gekauft  vor etlichen Jahren, als wohl einziges Kleidungsstück seines Lebens.<br />
&#8220;Alte-Leute-Beige&#8221;  nennt Karin die Farbe, woraufhin er meist schweigt oder mit den  Schultern zuckt: &#8220;Karin, ich <em>bin</em> alt.&#8221; Was sollte sie machen, der Satz  stimmte auch schon vor zehn Jahren, und jetzt erst recht. Eugen geht auf  die 90 zu, und auch sie selbst ist schon lange nicht mehr jung. 78, um  genau zu sein, und seit weit mehr als einem halben Jahrhundert an seiner  Seite. So etwas kann einen wahnsinnig machen, das sollte mal jemand den  jungen Leuten sagen, die plötzlich wieder vom Heiraten träumen wie  kleine Kinder vom Schlaraffenland.</p>
<p>Karin ist das, was man unter  einem &#8220;bunten Vogel&#8221; versteht, im Alter beinahe mehr noch als in ihrer  Jugend. Sie färbt sich das Haar mahagonirot und trägt bunte,  afrikanische Gewänder, die Amy ihr näht, ihre Schwiegertochter aus dem  Senegal.<br />
&#8220;Mein Papagei&#8221; nennt Eugen Karin manchmal und lächelt  dabei, man kann es nicht anders nennen, liebevoll. Du machst mein Leben  reich, soll es heißen, farbenfroh und intensiv. Und doch kam es bei ihr  bis vor kurzem als Vorwurf an, weil es ihr nicht gelungen ist, genauso  zu fühlen. &#8220;Mein Wüstenfuchs&#8221; zu denken angesichts seiner Farblosigkeit,  &#8220;mein Sandmann, mein Karamellbonbon&#8221;.</p>
<p>Seit es zu Ende geht, hat  sich etwas verschoben in ihrem Blick. Wieder und wieder möchte sie über  die einst so verhasste Wolle streicheln, sie gar um Entschuldigung  bitten. Der Pulli gehört zu Eugen und Eugen gehört zu ihr. Hatte sie das  vergessen? An seiner Seite konnte sie blühen, eine Rose in der Sahara  sein, ein Schmetterling im Nebel, einen Sonnenstrahl im Nichts.<br />
Das  Blau seiner Augen ist wässrig geworden, vom blonden Haar ein weißer  Kranz geblieben, die Hände sind übersät von bräunlichen Flecken. Sie  möchte weinen vor Rührung angesichts seiner groß gewordenen Ohren, des  faltigen Halses, der knochigen, schlaffen Glieder. Doch er könnte es  falsch aufnehmen, die Tränen als Traurigkeit missverstehen, als  Verzweiflung über die Vergänglichkeit, dabei wären sie doch&#8230; ja, was?  Flüssig gewordene Liebe. Ein Elixier! Sie lacht trotz ihrer feuchten  Augen. Mein Eugen, mein Leben. Wohl wahr, sie hätte es schlimmer treffen  können. Vielleicht auch besser, wer weiß das schon. Es ist, wie es ist.</p>
<p>Einst war es sogar seine unaufgeregte, sanfte Art gewesen, zu  der sie sich hingezogen fühlte. Nie hat er einen Hochzeitstag vergessen  wie die Männer ihrer Freundinnen, nie ihr Vorschriften gemacht oder  getobt, wenn sie keine Lust hatte, für ihn zu kochen. Söhnchen Stefan  trug er stolz durch die Stadt und baute mit ihm Sandburgen, als einziger  Mann auf dem Spielplatz. Er war erstaunlich emanzipiert für seine Zeit  und nahm gelassen hin, wenn er dafür belächelt wurde.<br />
Und doch,  etwas fehlte, ein Teil von Karin drohte zu ersticken auf Grund seiner  fehlenden Neugier, seiner Demut und Antriebslosigkeit. Ihr Lebenshunger  brachte sie beinahe um, doch er verstand sie nicht. Diese ganze  Sehnsucht nach glitzernden Schätzen und Küssen am Horizont. Karin  liebäugelte mit der Idee einer Weltreise oder eines jüngeren Liebhabers,  eines starken, spanischen Fischers vielleicht, eines versponnenen  Poeten oder wilden Gitarristen. Alles, nur nicht diese Leere.</p>
<p>Doch  dann war es Eugen, der eine Affäre begann, vor beinahe 30 Jahren. Fast  freute Karin sich über den Stich, den ihr die Entdeckung gab, das  verloren geglaubte Feuer, das sie plötzlich wieder in sich spürte, die  Eifersucht, die Lust.<br />
Zunächst machte es ihr die Maushaftigkeit ihrer  Konkurrentin schwer, sie als solche zu sehen, doch Eugen lebte auf an  der Seite dieser unscheinbaren Frau, seine Augen blitzten wie geschliffene Saphire,  sein Gang wurde aufrecht und kühn. Drei Jahre lief diese Liebe parallel  zu ihrer Ehe, und, bei all den Tränen, es war nicht Karins bitterste  Zeit.<br />
Einem dramatischen Impuls folgend fuhr sie in dieser Phase  einmal allein nach Rom und warf ihr gesamtes Kleingeld in den  Trevi-Brunnen. Für einen Moment fühlte sie sich wieder wie zwanzig, das  Leben ist ein Wunschkonzert, doch dann vermisste sie Eugen doch. Wenig  später endete dessen außerhäusige Liaison so leise und unspektakulär,  wie sie begonnen hatte.</p>
<p>Das Leben ging weiter, bis heute, bis  jetzt, da Eugen in seinem Lesesessel sitzt, der seinen Namen längst  nicht mehr verdient. Denn Bücher, das war einmal, die Augen machen schon  ewig nicht mehr mit. Er trägt seinen Karamellbonbon-Pullover, hat die  Hände lose gefaltet und spricht nicht mehr viel, seit Tagen schon nicht.<br />
Karin streicht über den weichen Stoff, Eugens Gesicht,  seinen Kopf, seinen Hals. Dann nimmt sie seine Hände und sieht ihn lange  an. &#8220;Mein altes Kamel&#8221;, sagt sie schließlich und boxt ihn sanft in die  Seite. &#8220;Mein altes, krankes Kamel.&#8221; Ganz leise fügt sie nach einer Pause  hinzu: &#8220;Ich liebe dich.&#8221;<br />
Da lächelt Eugen. Und schläft ein.</p>
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		<title>Märchensplitter</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jun 2011 14:04:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das war keine Zeit, als wir uns fanden und wieder verloren, keine Zeit, kein Raum, keine Wirklichkeit. Etwas stand still, da waren nur noch wir, gefangen in einem Märchen, und alles, was glänzte, war Gold. Es war einmal ein Mädchen &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/06/18/marchensplitter/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das war keine Zeit, als wir uns fanden und wieder verloren, keine Zeit,  kein Raum, keine Wirklichkeit. Etwas stand still, da waren nur noch wir,  gefangen in einem Märchen, und alles, was glänzte, war Gold.</p>
<p>Es  war einmal ein Mädchen mit bernsteinfarbenem Haar und Lippen weich wie  Rosenblättern, mit Augen, grün wie das Meer und Händen, gemacht, um  Klavier zu spielen, um Katzenkinder zu streicheln und irgendwann einen  Prinzen aus einer anderen Welt.<br />
Das war ich in meinen Gedanken.<br />
Die  Wahrheit, wenn man sie so nennen will, lag knapp daneben. Mein Haar  glänzte matt in rötlichem Blond und in das Grün meiner Augen mischten  sich all die Farben, die keine Namen hatten oder nur erfundene, die  niemand kennt. Ich besaß ein Keyboard, das ich selten hervorzog, und  meine Katze Scharsad war schon 13, wenn auch verschmust wie ein Baby.</p>
<p>An  meinem 20. Geburtstag fühlte ich mich so alt, dass ich mir überlegte zu  sterben, aber dazu war ich nicht unglücklich genug. Außerdem kamst  plötzlich du. Nichts an dir war wirklich schön, aber du konntest einem  in die Augen sehen wie kaum ein Junge in deinem Alter. Manche lernen das  nie und wer es lernt, dem sieht man die Anstrengung oft an, mit der er  sein Können erarbeitet hat. Du dagegen musstest über deinen Blick nicht  nachdenken, weil er zu dir gehörte wie dein Lächeln, deine Beine, dein  Haar, du sahst mich an, so warm und offen und auf irritierend  sympathische Art überlegen. Spöttisch gar, als wüsstest du um meine  zittrigen Knie.</p>
<p>&#8220;Herzlichen Glückwunsch.&#8221; Dein Atem roch nach Rauch.  Wir kannten uns nicht, aber jemand hatte dir gesagt, wer ich bin.  Geburtstagskind. Ich glaube, du hast mich sogar umarmt, zumindest ein  bisschen.<br />
Du trugst eine schwere, schwarze Kunstlederjacke  wie beinahe alle Jungs in dieser Zeit und kamst mit einem Freund in die  Kneipe, in der ich mich feiern ließ. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit gehörtet ihr für den Rest des Abends zu uns.<br />
Ich trank aus deinem Glas, und die anderen grinsten. Nur Steve nicht, der in mich verliebt war, wie er mir später einmal gestand. Als die Kneipe schloss, zogen alle weiter und ließen dich und mich allein.</p>
<p>Der Mond stand tief in jener Nacht und leuchtete gelborange. Du erzähltest mir etwas von Lichtbrechung und Staubpartikeln in der Atmosphäre, bis du merktest, dass ich keine Erklärungen wollte, nur diese riesige Münze am Himmel und dich. Da nahmst du meine Hand, und alles war, wie es sollte.<br />
Wir kauften eine Flasche Sekt an der Tankstelle und legten uns damit in den Park. Zählten die Sterne und küssten uns Bilder ins Gesicht, was kitzelte und uns kichern ließ. Dann lagen wir, bis ich beinahe einschlief in deinem Arm.<br />
Ich träumte von  Tausendundeiner Nacht, was immerhin fast drei Jahre gewesen wären, aber unsere Stunden wiederholten sich nicht. Sie wurden, was sie bis heute sind, Juwelensplitter in meiner Erinnerung. Sommernachtslachen. Morgentau. Vergissmeinnicht.<br />
Schnell verloren wir uns aus den Augen.</p>
<p>Ich  wollte glauben, dass du gestorben bist, bei einem Motorradunfall, dass  dein letzter Gedanke mir galt und dem Mond, der wie eine Sonne war. In  Wahrheit hast du schon früh ein Haus gebaut im ödesten Vorort der Welt, du hast  Kinder bekommen mit einer Frau namens Nadine, man erzählte, ihr hättet euch gesucht und gefunden. So war es wohl auch. Die Jahre gingen ins Land, irgendwann folgten Sommernächte ohne dich und ohne dass du fehltest. Alles fügte sich.</p>
<p>Es war einmal eine Prinzessin mit bernsteinfarbenem Haar, die hatte in ihrem Schloss eine Geheimkammer entdeckt und darin glitzernde Schätze versteckt. Große, glänzende Steine aus Glas, auch hier und da einen echten Rubin oder Saphir, Diamanten und Splitter davon, einige schimmernde Perlen und Münzen aus Gold oder Silber, manche aus Blech. Es machte nicht immer einen Unterschied, wenn sie mit den Händen durch ihre Sammlung aus Kostbarkeiten strich, denn lächeln und weinen musste sie so oder so.</p>
<p>Wirklichkeit ist nur das, auf was wir uns alle einigen können. Nicht immer trifft sie den Kern der Dinge, und so wird Unsagbares in der Erzählung gern zum Traum. Wegen der Freiheit und all der Bilder.<br />
Da ich nicht gestorben bin, besitze ich den Schlüssel zur Kammer noch heute. Und das ist wohl so etwas wie ein Happy End.</p>
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		<title>Amazonaslibelle</title>
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		<pubDate>Sun, 29 May 2011 14:14:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pablo hatte den Sexappeal einer verwilderten Kanalratte. Dunkel und dreckig, viele Frauen stehen ja auf so was. Zumindest Annika stand darauf, und ich war der Mann im Schatten, wieder einmal. Sie ist eine dieser winzigen, zarten Frauen, die ihr Leben &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/05/29/amazonaslibelle/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pablo hatte den Sexappeal einer verwilderten Kanalratte. Dunkel und  dreckig, viele Frauen stehen ja auf so was. Zumindest Annika stand  darauf, und ich war der Mann im Schatten, wieder einmal. Sie ist eine  dieser winzigen, zarten Frauen, die ihr Leben lang aussehen wie Mädchen.  Dazu hat sie etwas Sauberes, Frisches, das nie verschwindet, selbst  nicht nach einem stundenlangen Marsch durch den Regenwald. Ich muss es  wissen, denn so habe ich sie kennengelernt, bei einem mehrtägigen  Dschungeltrip am Amazonas. Vom ersten Moment an war ich in sie verliebt.  Ich glaube, ihr war sehr bewusst, welche Reaktionen sie bei Männern  auslöste, zumindest Männern wie mir. Wir wollen sie beschützen und in  schwachen Momenten beschmutzen. Über das Alberne dieser Bilder war ich  mir sehr wohl im Klaren, doch es erreichte lange nicht mein Fühlen.</p>
<p>Wie  um eine billige Inszenierung perfekt zu machen, verkörperte Pablo das  Gegenteil von Annika. Er konnte frisch aus der Dusche kommen, ein weißes  Hemd tragen und behielt doch immer die Aura eines schmuddeligen  Herumtreibers, der hauptsächlich in verrauchten Bars und fremden Betten  zu Hause ist. Ich habe eine Abneigung gegen solche Typen, vielleicht,  weil ich gern ein bisschen so wäre wie sie, mit dieser  Scheißegal-Haltung und dieser Fresse&#8230; Diesem Mund, der wirkt als hätte  der Kerl damit Tausende Frauen &#8220;Baby&#8221; genannt, Zigarette zwischen den  Lippen, und die tausendunderste kichert immer noch geschmeichelt und  schmiegt sich an ihn, wohlwissend, auf was sie sich einlässt, all die  Tränen danach. Dabei muss ich sagen, dass Pablo wirklich nett war, sogar  beinahe sanft, was aber letztlich nichts besser machte, im Gegenteil.</p>
<p><span id="more-6070"></span></p>
<p>Wir  waren zu fünft. Außer mir Pablo und seine Freundin Yasmina, der  Dschungel-Guide Alfredo und Annika. Sie reiste allein, das machte mich  wahnsinnig. Dieses puppenhafte Geschöpf schutzlos in einem fremden Land!  Noch dazu ist ihr Haar hellblond, die Männer hier klebten sicher an ihr  wie Wespen an einem Honigglas. &#8220;Ich weiß mir schon zu helfen&#8221;, erklärte  sie trocken, als ich sie beim ersten gemeinsamen Abendessen darauf  ansprach. Ihre Stimme raubte mir endgültig den Verstand. Warm, tief und  ein bisschen heiser. Völlig unpassend, als hätte sie sich in diesen  kleinen Elfenkörper verirrt. Trotzdem konnte ich nicht umhin, mir Annika  als kleines Mädchen vorzustellen. In einem Gänseblümchenfeld, auch das  noch! Um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch, als hätte sie meine  Gedanken erraten. Ich senkte den Kopf und aß.</p>
<p>Nach diesem ersten  Abend und der darauffolgenden Nacht konnten Yasmina und ich nur noch  zusehen, wie uns alles entglitt. Etwas war zwischen Pablo und Annika  passiert, ohne dass es jemand hätte verhindern können. Dabei hatten sie  sich, soweit ich das mitbekommen hatte, noch nicht einmal berührt. Umso  schlimmer.</p>
<p>Am nächsten Nachmittag badeten wir alle im Fluss. Ich  bemühte mich, Annika nicht anzustarren, aber natürlich gelang es mir  nicht. Yasmina muss meine Blicke bemerkt haben, sie kam zu mir und  flüsterte lakonisch: &#8220;Keine Chance.&#8221;<br />
&#8220;Ich weiß&#8221;, seufzte ich. &#8220;Was willst du tun?&#8221;<br />
&#8220;Ich?&#8221;  In ihren Augen bemerkte ich den kurzen Schock, als fühlte sie sich  ertappt. &#8220;Wie meinst du das?&#8221;, tat sie ahnungslos, um kurz danach zu  resignieren: &#8220;Irgendwann musste so was kommen.&#8221;<br />
Sie konnte gerade  noch stehen im Wasser, ihr langes dunkles Haar umgab ihren Kopf wie ein  Umhang aus Algen. Wir schwammen ans Ufer.</p>
<p>&#8220;Er liebt mich nicht&#8221;,  gestand sie mir unvermittelt.&#8221;Ich dachte, das kommt schon noch, weil  ich ihn so sehr wollte, irgendwie glaubte ich, er sei mein Schicksal,  er&#8230; Findest du das albern?&#8221;<br />
Ich schüttelte den Kopf.<br />
Sie wendete sich ab und starrte auf den Fluss.<br />
Pablo  trug Annika auf seinen Schultern durchs Wasser. Ihre Zähne blitzten in  der Sonne wie Perlen. Dann ließ sie sich lachend nach hinten kippen,  fiel, alles glitzterte und flirrte, und wir konnten ihnen nicht böse  sein, Yasmina und ich. Unsere Wut lief ins Leere, aber wir hätten beide  wohl gerne geweint. Später sagte sie einmal so was.</p>
<p>In der Nacht  trennte Pablo sich von Yasmina. Ihre Hütte stand genau neben meiner,  sie saßen bei Kerzenlicht davor, und obwohl sie flüsterten, verstand ich  beinahe jedes Wort. Es täte ihm so leid, er wisse doch auch nicht&#8230;  Ich wünschte, Yasmina würde ihn schlagen, aber natürlich tat sie es  nicht. Das war die letzte Nacht, die sie miteinander verbrachten, für  die verbleibenden Tage zog Pablo zu Annika.</p>
<p>Es schmerzte. Zwar  bemühten sich die beiden Frischverknallten um Rücksicht, fassten  einander so wenig wie möglich an, aber man sah ja doch, dass sie den  Nächten entgegenfieberten, in denen sie sicher kaum schliefen.<br />
Auch  ich kam nachts schwer zur Ruhe, lauschte der Stille, blickte in die  Dunkelheit, spielte an meinem Moskitonetz herum und manchmal auch an  meinem Schwanz. Ich stellte mir vor, wie Annika in den Raum kam, sich  entschuldigte, sie habe sich geirrt, sie wolle mich, sie nahm ihn in den  Mund und ich blickte auf ihr helles, wippendes Haar zwischen meinen  Beinen. Es erregte mich, und doch kam ich erst, als ich sie durch eine  bekannte Nachrichtensprecherin ersetzte, die ich nicht mal sonderlich  attraktiv fand, mit der es aber irgendwie immer funktionierte in meinen  Gedanken. Danach konnte ich schlafen.</p>
<p>Alfredo war die Situation  in unserer Gruppe sichtlich unangenehm, er bemühte sich so zu tun, als  habe er von all dem Gefühlschaos nichts mitbekommen, aber als unsere  Tour zu Ende war, stand ihm die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.  &#8220;Cuidate mucho, pass gut auf dich auf!&#8221;, flüsterte er jedem von uns bei  der Abschiedsumarmung ins Ohr. Ich tat es tatsächlich und verliebte mich  erst einmal lange nicht mehr.</p>
<p>Die verbleibenden Tage bis zu  meiner Abreise verbrachten Yasmina und ich gemeinsam in Quito.  Reflexartig hatten wir uns aneinandergeklammert, es begann zu regnen,  wir nahmen uns ein Zimmer in einer kleinen Pension. Von außen war sie  schmutzig-weiß, innen leuchteten die Wände bunt wie afrikanische  Festgewänder. Es gab nur ein Bett, aber wir küssten uns nicht. Wir  lebten in einer Zwischenwelt, zufällig am selben Ort, ohne  deshalb zusammenzugehören. In Kontakt blieben wir dennoch. Morgen besucht sie  mich, daher kam mir gerade wieder alles in den Sinn. Drei Jahre sind  vergangen.</p>
<p>Ist Unendlichkeit ein Maßstab für Glück? Über Umwege  erfuhr ich, dass Pablo und Annika nicht lange zusammenblieben. Fühle ich  Genugtuung? Nein. Ich denke an den Ausdruck &#8220;einander erkennen&#8221; und an  die Nächte im Dschungel. Stelle mir Annika nicht mehr als kleines  Mädchen vor, sondern als alte Frau mit dickem, schlohweißem Haar, in  dem sich das Sonnenlicht bricht. Wie Perlmutt, denke ich. So ein Glanz!</p>
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		<title>Im Mandarinenwald</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 18:15:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Orange ist die untraurigste Farbe der Welt!“, findet Leon und malt zwei dicke, apfelsinenfarbene Würmer mit lachenden Mündern, kugeligen Augen und blauen Haaren. Dann kritzelt er ihnen klumpige Füße und so etwas wie Hände, an denen sie einander halten. „Verliebte!“, &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/02/27/im-mandarinenwald/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Orange ist die untraurigste Farbe der Welt!“, findet Leon und malt zwei dicke, apfelsinenfarbene Würmer mit lachenden Mündern, kugeligen Augen und blauen Haaren. Dann kritzelt er ihnen klumpige Füße und so etwas wie Hände, an denen sie einander halten. „Verliebte!“, erklärt er und schämt sich ein bisschen dafür.  Legt den Kopf schief und patscht sich das Händchen auf Wange und Auge.<br />
„Verliebte küssen sich aber“, behauptet seine ältere Schwester Mia voll heiligen Ernstes.<br />
„Küssen ist traurig“, flüstert Leon, dabei ist er erst vier. Er weiß noch nichts von Sehnsucht, geschlossenen Augen und <em>„… mach mir ruhig etwas vor“</em>.</p>
<p>Meral  erschrickt. Hoffentlich! „Warst du schon mal verliebt, Leon?“<br />
„Neeeeeiiiiiin!“ Entrüstet. „Ich bin doch noch ein Kind!“<br />
„Klar, du hast recht. Dumm von mir.“ Erleichtert.<br />
Die Kinder lachen. „Dumm wie ein Flummi, dumm, dumm, dumm!“<br />
<em>Federleicht, unsichtbar tanzen dicke Apfelsinenwürmer durchs Zimmer. Ein heißer Sommertag. Es könnten meine sein</em>, denkt Meral. <em>Meine Kinder.</em></p>
<p>Sind es aber nicht. Mathis hat sie mit Anne bekommen. Mia wurde kaum ein Jahr nach seiner Trennung von Meral geboren, Leon zwei Jahre später. Der Schmerz vergeht nicht. Wahrscheinlich nie. Jeder schleppt ein paar ungelebte Leben mit sich herum, die einen mehr, die anderen weniger, die einen bringt es zum Weinen und Zweifeln, die anderen akzeptieren Träume als Teil ihrer Wirklichkeit.</p>
<p><em>Ungeschriebene Briefe, ungeküsste Küsse, nicht verwirklichte Pläne und verlorener Mut, all das. Was wohl zusammenkäme, könnten und würden wir jedem Impuls folgen, in einer Parallelwelt, mehreren Welten, jedem Impuls, jeder verrückten Idee, jeder Sehnsucht? Wieviele Verbrecher wären unter uns, wie viele Weltenbummler, wie viele Eltern, Millionäre, Huren? Welche Konsequenzen müssten wir tragen, wie viele gleichzeitig ablaufende Leben bräuchte jeder, wie viele Jahre kämen zusammen im Laufe eines Menschseins, 500, 1000, gar mehr?</em></p>
<p>Gedankenspiele. Zeitvertreib. Außerhalb ihrer Fantasie hat Meral keine Kinder von Mathis bekommen, Punkt. Nicht von Mathis und auch sonst von niemandem. Mia und Leon verkörpern eine Liebe, die hätte sein können. Und doch sind die beiden Kleinen ihr Glück.</p>
<p>Vor zwei Tagen ist Anne verschwunden. Musste mal raus, hatte sie Mathis in einem Brief geschrieben. Könne nicht mehr, sei ganz leer, verwirrt, brauche Abstand und Ruhe. Mathis hat Meral gebeten zu kommen und ihr den Brief gezeigt. Daraufhin fühlte sie alles und nichts. Küsste ihn schnell auf den Mund, und er küsste vor Schreck ein bisschen zurück. Sie taten sofort, als sei es nicht passiert, was machte es auch für einen Unterschied. Es war kein Kuss, der eine Antwort bedeutet oder eine Frage. Nur Leere und Traum. Dann kamen die Kinder ins Zimmer und zerbrachen versehentlich die Vase mit den halb verwelkten, flammenfarbenen Gerbera. Große Scherben. Niemand weinte.</p>
<p>„Sie kennen und mögen dich“, sagte Mathis später leise. „Kannst du&#8230;?“<br />
Meral nickte. „Wann brauchst du mich?“<br />
Jetzt ist sie hier, ohne ihn.<br />
„Bleibst du für immer?“, fragt Mia.<br />
Meral schüttelt den Kopf.<br />
Dann kommt, was kommen musste. Leon: „Wo ist Mama?“<br />
„Sie ist&#8230; muss nur&#8230; Ich&#8230; Ich weiß es nicht, Schatz.“<br />
„Sie braucht Urlaub von uns“, erklärt Mia und blickt auf den Boden.<br />
Meral nimmt sie in den Arm. „Hat sie das gesagt?“<br />
Mia schüttelt den Kopf, dann nickt sie. „Ich glaube.“ Ein paar Tränen kullern still über ihre Wangen.<br />
„Bestimmt kommt sie bald wieder&#8230;“ Meral drückt beide Kinder an sich. Ihre Haare duften nach Pfirsisch-Shampoo. „Lass uns ein bisschen rausgehen und spielen, ja?&#8221;<br />
Die Sonne brennt. Sie spielen Restaurant, backen Steinepizza, kochen Grasnudeln mit Hagebuttensoße und tanzen danach in der Sandkasten-Disko, bis alle wieder fröhlich sind und verschwitzt und erschöpft.</p>
<p><em>Ich verliere mich in einem fremden Leben,</em> <em>ich darf das nicht spüren, dieses Glück. Irgendwann in den letzten Jahren bin ich vom Weg abgekommen, aber im Grunde tut das nichts zur Sache, denn letztlich ist ja alles Weg, machen wir uns nichts vor. Willst du mit Anne tauschen? Willst du? Komm zu dir.</em></p>
<p>Die Kinder schlafen schon, als Mathis nach Hause kommt. Meral sitzt auf der Terrasse.<br />
Er öffnet eine Flasche Sekt.<br />
„Aperol, Eis?“<br />
„Gern.“ Sie trinken.<br />
„Danke, dass du da warst&#8230; Bist.“<br />
„Schon okay, war ein schöner Tag.“ Sie sieht ihn schlucken. Tränen oder Sekt. „Entschuldige.&#8221;<br />
Er schüttelt den Kopf. „Ist ja nicht deine Schuld.“ Dann bricht es aus ihm heraus: „Ich wusste nicht, dass sie so unglücklich ist. Klar hat sie manchmal so Sachen gesagt, von wegen alles hinschmeißen und so, aber ehrlich, wer will das denn nicht? Zwischendurch mal ein anderes Leben, danach sehnen wir uns doch alle!“<br />
Alles leuchtet. Die Gläser in ihren Händen, die Blumen im Garten, die untergehende Sonne. <em>Ich gehöre nicht hierhin</em>, denkt sie. <em>Nicht so. </em>Vor Erleichterung muss sie beinahe weinen.<br />
Nachts kümmert sie sich um einen liegengebliebenen Auftrag, die Broschüre für ein Hotel im Grünen.<br />
So vergehen die Tage.</p>
<p>Manchmal sind die Kinder sehr still. Aber zu sagen, sie lachten gar nicht mehr, wäre gelogen. Immer noch können sie versinken im Spiel, Dinosaurier sein oder Elfen oder Clowns. In einigen Momenten vergisst auch Meral Raum und Zeit.<br />
Dann kommt Anne zurück. Verweint, aber entschlossen. „Hier ist mein Leben.&#8221;<br />
Sie wundert sich, als sie Meral sieht: „Du hier?“<br />
„Wegen der Kleinen.“<br />
„Ach so.“ Anne zögert, vielleicht hat sie Angst. „Danke.“<br />
Meral zuckt mit den Schultern. „Ich war gern hier.“<br />
Annes Blick ist prüfend, aber sanft. „Danke“, wiederholt sie.<br />
Dann geht Meral. Leon schenkt ihr zum Abschied ein Bild. „Ein Wald“, erklärt er, „mit wilden Tieren. Die tun aber nix. Und das da bist du!“</p>
<p><em>Ich klettere und klettere. Der Mandarinenbaum im Traum ist hoch wie eine alte Eiche. Mit Früchten, groß wie Honigmelonen, und Laub, so dicht, dass ich es zur Seite schieben muss, um die Sonne zu sehen. Liebe ist ein Geschenk, auch wenn sie wieder vergeht. An den Ästen schramme ich mir die Beine auf. Es tut so weh, wie es eben muss. Am Himmel leuchten bunte Wolken wie riesige Blumen. Jemand hält mich an der Hand. Ich wurde reich beschenkt. Das ist die Wahrheit.</em></p>
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		<title>Salz und Glas</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Oct 2010 00:44:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<category><![CDATA[herz]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[meer]]></category>
		<category><![CDATA[seele]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man jung ist, blutet einem ständig das Herz, und je älter man wird, desto wehmütiger streicht man über die Narben, so ist das eben. Bei neuen Wunden fährt, wer es sich leisten kann, in die Berge oder ans Meer. &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/10/09/salz-und-glas/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man jung ist, blutet einem ständig das Herz, und je älter man wird, desto wehmütiger streicht man über die Narben, so ist das eben. Bei neuen Wunden fährt, wer es sich leisten kann, in die Berge oder ans Meer. Alle wollen am Meer Verletzungen heilen, und ein bisschen gelingt das auch, weil du das Salz deiner Tränen ja nicht mehr schmeckst in den Wellen. Oder so sehr schmeckst, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob du glücklich oder traurig bist, weil alles verschwimmt, im wahrsten Sinne des Wortes, weil alles nur noch Weite ist, Geschmack, Geruch und Gefühl. Jeder feiert seinen ganz eigenen Schmerz und sein eigenes Glück, niemand entkommt. <em>Wie lange trägt Sehnsucht? Für immer. </em></p>
<p>Das Meer hat hier die Farbe, die ihm seinen Namen verdankt &#8211; aquamarin. Aus der Nähe natürlich nicht, da ist es klar wie Bergkristall und man sieht jeden einzelnen Stein am Grund. Silja lässt sich von den Wellen die Füße eingraben, wie als Kind. Das Wasser rinnt vorbei an den Zehen, Stückchen für Stückchen versinkt sie im Sand. Wenn sie nur lang genug wartete&#8230; Sie schiebt den Gedanken beiseite, was für ein Unsinn, sie will nicht verschwinden, sie will…Wer weiß. <em><br />
Alles in mir ruft nach dir. Vergessen und finden. Die Liebe zu mir selbst ist kühl und riecht nach Algen. Darum bin ich hier. </em></p>
<p>Eine Erbschaft erlaubt ihr eine kleine Auszeit, und weil ihr Finger beim Zufalls-Blindtippen auf den Niederländischen Antillen landete, ist sie nun hier. Es hätte weiß Gott schlimmer kommen können. Alaska, Kabul oder Bielefeld. Gibt es einen Ort, um eine Liebe zu vergessen? Natürlich nicht. Aber Curaçao ist nicht der schlechteste, um es zu versuchen.</p>
<p>Ihr ist übel vor Sehnsucht. Sie möchte sich gefallen in der klassischen Rolle der unglücklich Liebenden, die aus Großmut und Zuneigung auf ihr Glück verzichtet, aber das wäre nicht ehrlich. Sie ist nicht aus Geschwisterliebe hier. Sie ist hier, weil er sie nicht genug gewollt hat. Jon, der Mann ihrer Schwester. Vielleicht auch gar nicht gewollt, bis auf diesen einen langen Kuss, der einer Laune entsprungen war, einem Abendsonnenstrahl und ein paar Schluck Wein zuviel.</p>
<p>Anfangs hatte Silja Jon nicht mal besonders gemocht, seine allzu große Selbstsicherheit stieß sie ab, und dass sie sie gleichzeitig anzog, verstärkte nur ihre Abneigung. Sie wünschte, ihre Geschichte wäre einzigartiger, aber sie ist es nicht. Es liegt so viel Schmerz im Banalen. So viel Lust, so viel Liebe. Alles ist eins. Berührungen. Wind. <em>Ich bin ein Sandkorn wie alle, und in mir ist die Welt, wie überall.</em></p>
<p>Außer dem Wasser gibt es auf der Insel kein Entkommen vor der Hitze, nicht einmal die Nacht. Siljas Empfindungen bleiben ununterbrochen fiebrig und flirrend, wie in einem seltsamen Rausch. Seit gestern spürt sie, dass sie beobachtet wird. Die Frau ist so schön, dass es ihr den Atem verschlägt. Karamell­farbene Haut, nachtschwarzes Haar und ein wacher Blick, der sie an Jon erinnert. Überhaupt könnte die Frau seine jüngere Schwester sein, obwohl die Farben nicht stimmen, Jon ist hellhäutig und blond, aber die langsame Eleganz ihrer Gesten gleicht den seinen.</p>
<p>Silja sammelt gerade Muscheln, als die Schöne sie anspricht. Auf Deutsch, mit einem leichten Akzent, den sie nicht einordnen kann.<br />
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so angestarrt habe. Sie erinnern mich an jemanden. Ich habe vergessen, an wen.“<br />
Silja zuckt mit den Schultern. „Schon gut.“<br />
„Als Kind habe ich am Meer immer glatt gespülte Scherben gesammelt“, spricht die Fremde weiter, „ und mich gefühlt wie eine Königin, die Taschen voller Edelsteine. Man konnte sich nicht mehr verletzen daran. Heute mag ich auch frische Scherben. Das Glitzern, die Kanten. Ich schneide mich nie.“<br />
Silja muss lächeln. „Erstaunlich. Ich immer.“<br />
„Wenn Sie ganz vorsichtig sind, passiert nichts.“<br />
„Zuviel Vorsicht ist ungesund.“<br />
„Du sprichst nicht von Scherben.“<br />
„Nein.“<br />
„Entschuldigung, jetzt habe ich Du gesagt.“<br />
„Kein Problem.“<br />
Beide lächeln.<br />
„Ich heiße Lilian.“<br />
„Silja.“</p>
<p>Abends im Restaurant des Hotels sieht Silja Lilian wieder. Ihr bodenlanges Kleid schillert in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Die Augen aller Gäste sind auf sie gerichtet, die Gier der Männer ist umso spürbarer, je mehr sie versuchen, sie zu verbergen.<br />
<em>Sie ist eine Erscheinung</em>, denkt Silja und kann nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, als Lilian langsam auf sie zukommt, an ihrem Tisch stehen bleibt: „Ist hier noch frei?“<br />
„Klar. Setzen Sie… Setz dich.“<br />
Sie trinken zuviel. Sie trinken und lachen und sonnen sich in den Blicken der anderen. Einmal legt Lilian ihre Hand auf Siljas Arm und lässt ein paar Momente verstreichen. In ihrem ganzen Verhalten liegt eine Selbstverständlichkeit, die Silja sprachlos macht. <em>Vielleicht ist das so, wenn man schön ist</em>, denkt sie<em>. Man nimmt, weil man weiß, dass jeder gerne gibt.<br />
</em>„Du hast türkise Sprenkel in den Augen“, behauptet Lilian.<br />
„Das ist dein Kleid, es spiegelt sich darin.“</p>
<p>Später verlassen sie das Hotel für einen Spaziergang am Meer. Kein Mensch weit und breit. <em>Sterne und Sand und ihre Hand in der meinen. Fremd, aber richtig, so fühlt es sich an.<br />
</em>„Ich würde dich gern küssen“, sagt Lilian.<br />
„Ich weiß.“ Silja wusste es wirklich.<br />
Lilian nimmt ihre Antwort als Einverständnis, und wahrscheinlich war es das auch. Ihre Lippen sind weich und schmecken nach Meersalz, ein wenig auch nach dem „Swimmingpool“-Cocktail, den ihnen der verliebte Kellner als Nachtisch spendiert hat. Ihre Hand wandert über Siljas Rücken, wie beiläufig, aber doch gezielt. <em>Wärme und Ruhe und etwas wie Sinn.<br />
</em><br />
Küsse am Strand und später in Siljas Zimmer. Ihre Körper finden einander mit schlafwandlerischer, fiebriger Sicherheit. Es ist keine Liebe, gibt aber beinahe ähnliche Kraft. Und nimmt sie. Illusionen berauschen, Rausch betäubt, und was bleibt, ist klein, beinahe nichts, aber so pur wie ein Diamant.<br />
Erschöpft liegen sie nebeneinander. <em>Ist es zuviel geträumt…?</em> Ein Lied.</p>
<p><em>Es war so schön, so besonders, aber ich habe dich nicht gemeint.<br />
</em>„Schon okay“, sagt Lilian.<br />
„Habe ich laut gedacht?“<br />
„Kann sein.“<br />
„Ich will dich nicht verletzen.“<br />
„Das halte ich aus.“</p>
<p>Lilian zieht sich an und geht.<br />
Unschlüssig, ob sie traurig oder erleichtert sein soll, dreht Silja sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Ein Käfer krabbelt träge durch ihr Blickfeld. Er glänzt matt und edel wie ein geschliffener Amazonit. <em>Ein Insekt. Ein Edelstein. Leben. Tod. Falscher Glanz. Menschen finden einander und lösen sich wieder. Alles fließt. Halt mich. Ein einmal verwundetes Herz blutet schneller. Ein komplett verheiltes schlägt nicht mehr.<br />
</em>Silja lebt. Die Augen fallen ihr zu. Sie schläft so lange und gut wie seit Monaten nicht. Trotz der Hitze.</p>
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		<title>Liebhaber des Loslassens</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 07:30:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgesagt]]></category>
		<category><![CDATA[erkenntnis]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Wege]]></category>

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		<description><![CDATA[Komm, wer du auch seiest! Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Loslassens, komm. Dies ist keine Karawane der Verzweiflung. Auch wenn du deinen Eid tausendmal gebrochen hast, komm nur, und noch einmal: komm. مولانا جلال الدین محمد رومی‎ Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/08/05/liebhaber-des-loslassens/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Komm, wer du auch seiest!<br />
Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Loslassens, komm.<br />
Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.<br />
Auch wenn du deinen Eid tausendmal gebrochen hast,<br />
komm nur,<br />
und noch einmal: komm.</p></blockquote>
<p>مولانا جلال الدین محمد رومی‎<br />
Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, islamischer Mystiker und persischer Dichter</p>
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		<title>Platinblut</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 21:23:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[affäre]]></category>
		<category><![CDATA[geliebte]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[obsession]]></category>
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		<category><![CDATA[untreue]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Ich betoniere mein Herz ein, danach schlafe ich mit ihm. Ich lasse ihn kommen in meinem Mund und empfinde keinen Schmerz mehr, nur Lust. Seine Lust? Meine Lust? Ich weiß es nicht. Ich verschwinde in dieser Liebe und spüre kein &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/02/27/platinblut/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>&#8220;Ich betoniere mein Herz ein, danach schlafe ich mit ihm. Ich lasse ihn kommen in meinem Mund und empfinde keinen Schmerz mehr, nur Lust. Seine Lust? Meine Lust? Ich weiß es nicht. Ich verschwinde in dieser Liebe und spüre kein Bedauern. Wenn ich ihn küsse, fühle ich nur Kuss. Nicht: deine Lippen, meine Lippen, auch keine Zunge, keine Zähne, nur Kuss. Alles ist ganz klar, nichts verschwimmt. Ein Kuss ist ein Kuss, ein Fick ist ein Fick, Liebe ist Liebe und Schmerz ist Schmerz. Ich fühle alles, und er kennt mich nicht. Soweit der Wunsch, soweit die Angst. Wahrheit ist etwas anderes. In Wahrheit sind das alles Sätze, die nach mehr klingen, als sie sind. Gefühlshüllen, um irgendeine diffuse Nacktheit zu bedecken, irgendein Unglück oder Glück, für das mir die Worte fehlen. Ich denke nicht mehr, aber mein zubetoniertes Herz schlägt heftiger als zuvor.&#8221;</em></p>
<p>Nana legt den Stift beiseite.<br />
&#8220;Was schreibst du?&#8221;, fragt David.<br />
&#8220;Über dich&#8221;, antwortet sie.<br />
&#8220;Darf ich lesen?&#8221;<br />
&#8220;Lieber nicht.&#8221;<br />
„Komm her“, verlangt er leise, und sie steht auf, kommt.<br />
Er liegt auf dem Bett, streckt einen Arm aus, umfasst ihr nacktes Bein und zieht daran, bis sie fällt. Umarmung. Kuss. Vergessen. Glück. Gib mir deine Hand. Deine Hände.<br />
Vielleicht hat er das gesagt. Kurz umschlingt er mit den Fingern ihre Gelenke, streicht mit dem Daumen über ihre Pulsadern, sie wird ganz weich unter seinem Gewicht. Durchs Fenster fallen ein paar Abendsonnenstrahlen, der Ring an seinem Finger blitzt. Platin, hat er ihr mal ungefragt erklärt. Der Ring ist immer kalt.<br />
&#8220;Rutsch hoch.&#8221;<br />
Handschellen. Gitterbett. Er verbindet ihr die Augen, zieht ihr den Slip aus und schiebt ihr T-shirt bis zum Hals, mehr trägt sie nicht. Sie spürt seine Blicke, sekundenlang, minutenlang, tausend Augen, bis sie das Warten kaum noch erträgt. Dann schiebt er etwas Kühles, Metallenes in sie hinein, und sie kommt augenblicklich, leise, heftig, obwohl sie nicht will. Sie wollte ihn und seine Wärme.<br />
Später fickt er sie doch, aber es ist nicht dasselbe.</p>
<p>Nana mag seine Frau sogar, obwohl sie sie nicht gut kennt. Manchmal begegnet sie ihr auf Partys gemeinsamer Freunde. Sophie. Sie ist jünger, süßer, blonder, fast zu jung für eine Ehefrau. Es gibt Fotos von ihnen beiden, einige hat David gemacht, zwei strahlende Ladys mit Sektglas in der Hand. Keine Lüge in den Augen, alles wirkt rein.</p>
<p><em>„Mein Lachen ist echt, obwohl ich innerlich blute vor lauter Sehnsucht und Traurigkeit. Mir hilft mein Betonherz, über das ich bei solchen Gelegenheiten noch eine dicke Platinschicht gieße, damit ich auch von innen glänze und alle mich ganz bezaubernd finden, aufregend, inspirierend und schillernd.“</em></p>
<p>Nana flirtet mit jedem und will nur ihn. Als ein flüchtiger Bekannter, mit dem sie drei oder vier Mal geschlafen hat, ihre Hüfte umfasst, hält sie still. Sie will dass David es sieht, obwohl sie weiß, dass er das lächerliche Spiel durchschaut. Es geht nur um Ruhe. Ein wenig entspannt sie unter der fremden Hand. Sie findet sich wieder in einer Umarmung, die ihr gleichgültig ist, und sucht mit den Augen nach David und Sophie. Die Zärtlichkeit zwischen den beiden bringt sie fast um, aber sie lächelt. Eifersucht hat sie noch nie als Wut gekannt oder Hass. Vielleicht wäre das leichter. Vielleicht auch nicht. David legt den Arm um Sophie, und es sieht richtig aus. Jemand fotografiert.</p>
<p>Zwei Stunden später fängt David Nana ab, als sie gerade von der Toilette kommt. Er drängt sie in eine Ecke, umfasst ihre Brüste, küsst sie, dann schiebt er eine Hand unter ihr Kleid, zwischen ihre Beine.<br />
&#8220;Spinnst du? Deine Frau ist hier!&#8221;<br />
&#8220;Sie ist gerade draußen.&#8221; Er hört nicht auf. &#8220;Ich hab dich mit diesem Kerl gesehen.&#8221;<br />
&#8220;Ich bin dir nichts schuldig.&#8221;<br />
&#8220;Ich weiß.&#8221;<br />
Der Fick auf der Toilette dauert eine Minute, vielleicht auch zwei. Ihre Hände zittern, ihre Haut brennt. Als sie ihr Make-up richten will, bemerkt sie eine kleine Wunde an der Lippe. David ist wieder bei den anderen. Und bei Sophie.</p>
<p>Zumindest denkt Nana das, aber als sie zur Party zurückkehrt, erfährt sie, dass er gegangen ist. &#8220;Ihm war nicht gut&#8221;, sagt Sophie, die sie an der Bar trifft.<br />
&#8220;Warum bist du nicht mit ihm heim?&#8221;<br />
&#8220;Ich bin nicht müde. Er meinte, es sei okay, wenn ich bleibe. Noch einen Sekt?&#8221;<br />
&#8220;Gern. Danke.&#8221;<br />
Hübsches Mädchen, denkt Nana nicht zum ersten Mal. Sophie hat das Haar zusammengebunden, eine einzelne Locke fällt ihr ins Gesicht. Ihre Augen haben eine unbestimmt helle Farbe und eine beinahe asiatische Form.<br />
Sie reden eine Weile über Belangloses, doch Alkohol löst Zungen. Monatelang hat Nana immer die Kurve bekommen, war perfekt in ihrem Schweigen und ihrer Maskenhaftigkeit, aber jetzt bricht es aus ihr heraus, unvermittelt, ohne Vorwarnung: „Ich schlafe mit deinem Mann.“<br />
Nach einer kurzen Pause blickt Sophie sie an. Fest und ruhig, ihre Augen sind feucht, aber keine der Tränen droht zu entwischen.<br />
„Weiß ich doch&#8221;, sagt sie leise. &#8220;Oder hab es vermutet. Ich wollte warten, dass es vorbeigeht.“</p>
<p><em>&#8220;Der Schock kommt merkwürdig sanft. Wie selbstverständlich fügt er sich ein in die Verwirrung meiner Seele. Meine Zuneigung zu Sophie war noch nie so groß wie jetzt. Gleichzeitig zerbricht etwas in mir. Ganz plötzlich, ganz banal. David und mich gibt es nicht mehr.&#8221;</em></p>
<p>„Es <em>ist</em> vorbei&#8221;, flüstert Nana, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. &#8220;Zu sagen, es täte mir leid, wäre gelogen. Ich habe jede Sekunde mit ihm gewollt. Aber jetzt ist es vorbei.&#8221;<br />
Sophie rührt sich kaum. &#8220;Danke&#8221;, sagt sie knapp. Sie legt ihre Hand auf Nanas und drückt sie leicht, bevor sie geht.</p>
<p><em>&#8220;Die Wochen danach sind hart. Ich gehe nicht mehr ans Telefon und kaum noch aus dem Haus. Weine mir die Augen blind, wenn ich ihn vor meiner Tür betteln höre, ihn hereinzulassen. Einmal gebe ich nach, und wir stürzen uns aufeinander wie Tiere. Als er geht, bin ich wie in Trance. Ich schlage mit dem Kopf gegen die Wand, um aufzuwachen, doch es gelingt mir erst Tage später. Schmerz ist Schmerz, und ich streue Salz in die Wunden, indem ich mir ein ums andere Mal Partyfotos ansehe von David und Sophie, die innigsten, liebevollsten, bis die Verletzung Teil meines Ichs wird und keine Macht mehr über mich hat. Ich schwöre, mich nie wieder zu verstecken und befreie mein Herz. Laufen lerne ich später. Und dann bis zum Horizont.&#8221;</em></p>
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		<title>Schatzsuche</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 22:02:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Inga liegt im Central Park und schrubbt mit den Armen Engelsflügel in den Schnee. Das hat sie als Kind schon gern gemacht und dann ein Vierteljahrhundert nicht mehr, auch nicht daran gedacht. Ihr einst aschblondes Haar hat neuerdings die Farbe &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/01/12/schatzsuche/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">
<p>Inga liegt im Central Park und schrubbt mit den Armen Engelsflügel in den Schnee. Das hat sie als Kind schon gern gemacht und dann ein Vierteljahrhundert nicht mehr, auch nicht daran gedacht. Ihr einst aschblondes Haar hat neuerdings die Farbe von Himbeereis, nur momentan etwas dunkler, wegen der Nässe.<br />
Das war so eine Idee, Pink in ihr beige-braun-graues Leben zu lassen. Um sich daran zu gewöhnen, kaufte sie eine Barbie und Wildrosen-Duschgel, dann rosa Kerzen und irgendwann schillernden Nagellack, den sie sogar in der Kanzlei trug, wo er erstaunlicherweise niemandem auffiel. Sie wurde mutiger, malte sich hin und wieder die Lippen pink und strich irgendwann eine Küchenwand in kräftigem Rosarot. Dann buchte sie spontan einen Flug nach New York, weil sie Europa noch nie verlassen hatte, und wenn schon, denn schon &#8211; dann schon die Hauptstadt der Welt. Im Flugzeug sah sie &#8220;Sex And The City &#8211; der Film&#8221; und trank vor Aufregung vier Plastikbecher Sekt.</p>
<p>&#8220;Du wirst dich erkälten&#8221;, sagt über ihr jemand auf Englisch und lässt sich neben sie in den Schnee fallen. Inga guckt zur Seite. Hübscher Junge, denkt sie. Tatsächlich ist der Kerl kaum älter als 25, 26 und damit etwa ein knappes Jahrzehnt jünger als sie. Einer der ganz seltenen Menschen mit afrikanischer Physiognomie, haselnussbrauner Haut und schwarzen Locken, aber blauen Augen. So hell und glitzernd, dass sie nicht umhin kommt, banale Vergleiche zu ziehen, über deren mangelnde Originalität sie sich ein wenig ärgert: Mich hat ein Schatz gefunden. Zwei Diamanten im Schnee.<span id="more-3585"></span></p>
<p>Tatsächlich kriecht langsam die Nässe durch ihren rosa Wollmantel, und sie setzt sich auf. Greift nach der Tüte barbiefarbener M&amp;Ms, die sie heute Morgen für irrwitzige 20 Dollar am Times Square gekauft hat, in einem zweistöckigen Schokolinsen-Geschäft, einem der absurdesten Orte der Welt. Eine gute Handvoll wirft sie in den Schnee, woraufhin prompt zwei Grauhörnchen auftauchen, die flink danach greifen. Das bin alles nicht ich, denkt sie und erschrickt, weil ihr der Gedanke gefällt.</p>
<p>&#8220;Du hast recht&#8221;, sagt sie zu dem Jungen, &#8220;ich gehe mich mal aufwärmen.&#8221; Im Aufstehen klopft sie sich den Schnee vom Mantel. Der Diamantäugige tut es ihr gleich und begleitet sie auf ihrem Weg ins nahe Hotel, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.<br />
Er folgt ihr auch auf ihr malerisch-heruntergekommenes Zimmer, und sie sagt nichts dazu, obwohl ihr Herz so rast, dass sie fürchtet, sich am Pochen zu verschlucken. Was natürlich zuckriger Unsinn ist. Sie dreht die Heizung auf, die poltert und zischt wie eine alte Lokomotive. &#8220;So was mache ich eigentlich nicht&#8221;, lag ihr gerade noch auf der Zunge, doch stattdessen greift sie nach der Flasche Rosé, die sie gestern Abend gekauft hat, reicht sie dem Jungen und fragt: &#8220;Lust auf einen Schluck Wein?&#8221; Er nickt, sie gibt ihm ihr Taschenmesser mit Korkenzieher und ein Zahnputzglas. &#8220;Gibt nur eins.&#8221; Und dann: &#8220;Ich geh kurz duschen.&#8221;</p>
<p>Als das Wasser über Ingas Rücken läuft, weicht mit der Kälte auch der letzte Rest Ängstlichkeit aus ihr, sie wird ganz ruhig und ist sich auf seltsam wattige Art sicher, genau das Richtige zu tun. In ein weißes Hotel-Badetuch gehüllt kehrt sie zurück ins Zimmer, wo ihr Gast in rührender Jungenhaftigkeit auf dem Bett lümmelt, das Glas voll Rosé in der Hand und ein Lächeln auf den Lippen, das ihn lässig, schüchtern und selbstbewusst zugleich wirken lässt. Natürlich denkt sie darüber nach, was sie jetzt miteinander tun könnten, und natürlich denkt er dasselbe, aber das merkt sie nicht. Sie ist nicht geübt in solchen Situationen und selbst wenn&#8230; Würde sie? Na ja&#8230; Ja. So aber setzt sie sich mit einem halben Meter Abstand neben ihn aufs Bett, greift nach dem Glas in seiner Hand und trinkt.</p>
<p>Es ist ihr letzter Tag in der Stadt, morgen Abend wird sie zurückfliegen, übermorgen die letzten Reste der Tönung aus ihren Haaren waschen, und danach wird das Leben schmecken wie Bitterschokolade. 90% Kakaoanteil, aber eine Ahnung von Süße.<br />
&#8220;Denk nicht an morgen&#8221;, sagt der Junge, der diesen Satz schon oft benutzt hat, weil er weiß, dass Frauen ihn hören wollen von einem wie ihm. Einem der schön ist und exotisch, alt genug, um zu wissen, was er tut und jung genug, um nach Freiheit zu schmecken und Leidenschaft und Unvernunft.<br />
&#8220;Tu ich nicht&#8221;, lügt Inga, ihr Handtuch sitzt trotzdem fest und sie rückt nicht näher an ihn heran. Stattdessen Wein, Wein, Wein. Irgendwann läuft der Junge los, um eine neue Flasche zu kaufen, während sie in die Kissen sackt und lachen und weinen muss, nur ein bisschen, die Tränen sind schnell getrocknet, und als er wiederkommt, will sie ihn beinahe umarmen wie einen Freund.</p>
<p>&#8220;Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann&#8221;, hat mal jemand gesagt oder geschrieben. Inga betrachtet die Bartstoppeln des Jungen, der wieder neben ihr liegt, und überlegt, was sie wohl noch weglassen würde in diesem Moment. Die ächzende Heizung vielleicht. Ihre Angst. Die Abreise am nächsten Tag. Denk nicht an morgen. Der Kuchen, den du selten bekommst, schmeckt besser als der vom Bäcker nebenan. Heißt das: Iss, wenn er vor dir liegt? Zumindest küsst sie den Jungen nun doch, seine Lippen sind fest und weich, er küsst zurück, rührt sich sonst aber kaum. Kein mangelndes Interesse, mehr ein Spiel. Sie seufzt, weicht zurück, da streicht er ihr durchs fast schon trockene Haar, krault ihren Kopf und zieht sie wieder zu sich. Nach dem zweiten langen Kuss legt sie sich zu ihm, den Kopf an seine Brust, ganz viel warme Schwere in der ihren. Meine Augen sind grün wie das Meer, denkt sie und denkt es zum ersten Mal mit einem Anflug von Freude. Der Junge murmelt: &#8220;Du schmeckst nach Honig&#8221;, und wenig später schlafen beide ein. Inga träumt von Flamingos im Schnee und einem Sturm auf dem Ozean.<br />
Als sie aufwacht, ist ihr Badetuch verrutscht. Er schläft noch oder tut so, und dass seine Hand auf ihrem Bauch liegt und sein Mund auf ihrer Schulter, stört sie nicht.</p>
<p>Zurück in Deutschland wäscht sie ihr Haar wieder aschblond, streicht die Küchenwand fliederfarben und schenkt die Barbie ihrer kleinen Nichte. Sonst ändert sie nicht viel. Aber irgendwann wird sie glücklich sein, davon ist sie nun fest überzeugt und allein dieses Wissen zaubert ein Lächeln in ihr Gesicht: Ich werde kandierte Rosenblätter essen und süße Säfte trinken. Ich werde lieben und lachen und nie wieder frieren.</p>
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		<title>Pumpernickelliebe</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Sep 2009 12:04:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seit wann assoziiert die Pumpernickelindustrie ihr Produkt mit Liebespärchen? Da gab es wohl in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel. &#8220;Ersetze Ökos mit Yuppies und lass sie schmusen.&#8221; Sex &#8211; oder zumindest verzärteltes Gebussle &#8211; sells, auch in der Vollkornbrotwerbung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a rel="attachment wp-att-2862" href="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/09/Pumpernickel.jpg" rel="lightbox[2858]"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-2862" title="Pumpernickel" src="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/09/Pumpernickel-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Seit wann assoziiert die Pumpernickelindustrie ihr Produkt mit Liebespärchen?</p>
<p>Da gab es wohl in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel. &#8220;Ersetze Ökos mit Yuppies und lass sie schmusen.&#8221; Sex &#8211; oder zumindest verzärteltes Gebussle &#8211; sells, auch in der Vollkornbrotwerbung.</p>
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		<title>Gunilla dreht sich</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 14:17:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Frau ist wieder da. Sie ist weder alt noch jung, ihr graublondes Haar trägt sie offen und lang. Bevor sie sich setzt, dreht sie sich im Kreis und zählt dabei die Runden... eins... zwei... drei... vier... fünf. <a href="http://himmelende.de/2009/09/04/gunilla-dreht-sich/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/09/summer.jpg" rel="lightbox[2793]"><img class="aligncenter size-large wp-image-3011" title="summer" src="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/09/summer-585x391.jpg" alt="" width="500" height="334" /></a></p>
<p>Die Frau ist wieder da. Sie ist weder alt noch jung, ihr graublondes Haar trägt sie offen und lang. Bevor sie sich setzt, dreht sie sich im Kreis und zählt dabei die Runden&#8230; eins&#8230; zwei&#8230; drei&#8230; vier&#8230; fünf.<br />
An jeder Station wiederholt sich die Szene, die Frau steht auf, dreht sich fünf Mal und setzt sich wieder hin, es sei denn, der Platz ist mittlerweile besetzt, dann dreht sie sich einfach weiter. Miriam hat sie Gunilla getauft, irgendwie klingt das nach einem menschlichen Karussell. Unbekannten, die sie öfter trifft, gibt sie Namen, auch dem Sänger zwei Sitze neben ihr, er heißt Arturo, und dem Mann, Heinz, der ganz ruhig seine Zeitung liest, immer von hinten nach vorne. Die Normalen sind eine Minderheit in der Linie 3, aber vielleicht sind sie das überall und man merkt es erst, wenn man wiederholt hinsieht und Regelmäßigkeiten erkennt, also Ticks.<br />
Arturo singt alte Volkslieder, jedes Mal ein anderes, aber manchmal nur eine Zeile davon. &#8220;Die Gedanken si-hind frei&#8221;, singt er heute, davon kann er alle Strophen, ein kleiner Junge starrt ihn an wie einen Geist. Als der Sänger ihn anlächelt, bekommt er Angst und versteckt sich hinter seiner Mutter. &#8220;Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen&#8230;&#8221; Miriam stellt sich vor, das ginge doch, ein Gedanken-Amoklauf, peng, peng, peng, lauter klitzekleine und auch große, schöne Gedanken, die tot zu Boden fielen, bis alle Menschen leer wären im Kopf, atmende, schwitzende, fühlende Hüllen. Ob sich dann noch jemand küssen würde? Und warum?<br />
<span id="more-2793"></span><br />
Um acht wird sie zu Hause sein, die Fahrt dauert eine Viertelstunde, das reicht, um ein paar Seiten zu lesen oder ein Kreuzworträtsel zu lösen oder auch zum Beobachten der Umsitzenden, was Miriams Lieblingsbeschäftigung ist. Es beruhigt sie zu sehen, dass sie mit niemandem tauschen möchte, aber ein bisschen macht es sie auch traurig. Was ist ein Leben ohne Sehnsucht. Eins&#8230; zwei&#8230; drei&#8230; vier&#8230; fünf. Seit ein paar Monaten hat sie niemanden mehr geküsst und mit niemandem geschlafen, deshalb starrt sie hübschen Männern derzeit oft auf die Münder und die Hände und die Reißverschlüsse ihrer Jeans. Wobei die Schlussfolgerung eine Lüge ist, denn hätte sie regelmäßig Sex, täte sie es vermutlich noch öfter. Den Mann gegenüber sieht sie zum ersten Mal, darum ist er namenlos, sein T-Shirt ist moosgrün wie seine Augen, er hat ungekämmte Haare und an der linken Wange ein Grübchen, nur da. Sie könnte ihn auf der Stelle küssen. Peng! Ein Gedankenkuss, ein Kussgedanke, auf dem U-Bahn-Boden, mausetot. Miriam lacht.</p>
<p>Sie lacht noch, als die U-Bahn plötzlich stehen bleibt im Tunnel und Gunilla panisch wird, eins, zwei, drei, vier, fünf, setzen, aufstehen, eins, zwei, drei, vier, fünf&#8230; Das Licht geht aus. Arturo singt weiter. &#8220;Und sperrt man mi-hich ein im finsteren Kerker&#8230;&#8221; Gunilla beginnt zu schreien, andere Fahrgäste brummen genervt, jetzt kannst du dich entscheiden, denkt Miriam, gehörst du zu denen oder zu den Irren, schweigen, mitbrummen, mitsingen, mitschreien. Gunillas Stimme tut in den Ohren weh, schlimmer kann&#8217;s nicht werden, daher brüllt Miriam einfach los, woraufhin das menschliche Karussell augenblicklich verstummt. Verwirrt, aus dem Konzept gebracht. &#8220;Alles gut&#8221;, flüstert Miriam und lächelt. &#8220;Alles gut.&#8221; Einzelne Lichter gehen wieder an, und Miriam erkennt in den Gesichtern der anderen, dass man sie für eine Art Expertin hält im Umgang mit der Verrückten, ihr eigenes Brüllen als Therapie für Gunilla, es ist absurd. Fehlt noch, dass alle klatschen. Nur der Moosgrüne scheint sie zu durchschauen, seine Mundwinkel zucken spöttisch, amüsiert, und Miriam denkt, wenn die Gedanken so frei wären, dass sie sich ruckzuck in Taten verwandelten, dann schöbe sie ihm jetzt eine Hand zwischen die Schenkel. Vielleicht wäre das der Beginn einer Orgie, wer weiß. Wer weiß, was die anderen so denken. In Wahrheit wäre es natürlich der Beginn eines höchst peinlichen Eklats.</p>
<p>Die U-Bahn bewegt sich immer noch nicht, mittlerweile stecken sie fünf Minuten im Tunnel, als endlich eine Durchsage kommt: &#8220;Verehrte Fahrgäste, wegen eines Oberleitungsschadens verzögert sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten. Wir bitten, dies zu entschuldigen.&#8221; Dann geht das Licht wieder aus, und Miriam spürt eine Hand in ihrem Gesicht, der Mann gegenüber ist aufgestanden, beugt sich zu ihr, streicht grob über ihre Wange, hebt ihr Kinn, dann sein Mund auf ihrem, seine Bartstoppeln kratzen, er steht und sie sitzt, sein Knie zwischen ihren Beinen, wenn sie nur träumt, ist es ein guter Traum, und natürlich träumt sie nur. Sie steht auf, so gut es geht, mit seinem Bein zwischen ihren Beinen, die anderen verschwimmen im Halbdunkel zu Schimären, sie sind nur noch zu zweit, dann stolpert sie, fällt zurück auf den Sitz oder hat sich möglicherweise schubsen lassen, sein Schoß vor ihrem Gesicht, sie könnte die Jeans öffnen und ihn in den Mund nehmen, nach einer Weile würde er sie zu sich hochziehen und wieder küssen, hart und heftig, die Hand unter ihr Kleid schieben, den Slip ausziehen, sie könnten&#8230; Kurz unterbricht sie ihre Fantasie, die anderen Fahrgäste drängen wieder in ihr Bewusstsein, es fällt ihr schwer, sie sich wegzudenken, eins&#8230; zwei&#8230; drei&#8230; vier&#8230; fünf&#8230; Sie konzentriert sich auf seine Hände, seinen Geruch, und irgendwann ist alles wieder egal. Sie könnten also.</p>
<p>Katzen haben sieben Leben, sagt man. Menschen haben unzählige, wenn auch manche davon nur Sekunden dauern oder Bruchteile davon. Miriam weiß nicht, ob sie noch träumt, als sie entdeckt, dass Arturo Gunillas Hand hält, sie beruhigend tätschelt, tatsächlich entspannen sich deren Gesichtszüge ein wenig, nur ihre Augen streifen noch suchend umher im schwachen Schein der Tunnelbeleuchtung. Plötzlich scheint sie sich für etwas zu entscheiden und legt den Kopf auf Arturos Schulter. Der hat aufgehört zu singen. Was bis eben noch niemand wusste, Miriam zumindest nicht, scheint nun ganz klar: Die beiden kennen sich. &#8220;Lass es Liebe sein&#8221;, summt sie unwillkürlich und denkt: Das ist ein wahres, schönes Lied, &#8220;Liebe ist alles&#8221;. Die Minuten verstreichen, und die Stimmung in der Bahn wird beinahe friedlich. Für einen Moment ist es vollkommen still. Heinz, der Zeitungsmann, streicht dem kleinen, ängstlichen Jungen über den Kopf, zumindest in Miriams Vorstellung. Ein nicht mehr ganz fremder Opa mit seinem neuen Enkel. Liebe ist alles. Die Gedanken sind frei.</p>
<p>Als das Wagenlicht wieder aufflackert, muss Miriam blinzeln, und nicht nur sie. &#8220;So, meine Herrschaften, weiter geht&#8217;s&#8221;, tönt launig der Zugführer durch die Sprechanlage. Fast fühlt Miriam: schade &#8211; freut sich dann aber doch auf daheim. Noch zwei Stationen. Eins&#8230; zwei&#8230; drei&#8230; vier&#8230; fünf, setzen. Der Alltag hat Gunilla wieder, und mit ihm ihr Ritual. An der nächsten Haltestelle steigen mehr Leute ein als normalerweise, die doppelte Wagenladung Menschen. Alle haben auf uns gewartet, denkt Miriam. Uns. Die kurze, gemeinsam erlebte Phase der Dunkelheit hat aus dem Ich ein Wir gemacht, das sich selbstverständlich schneller ver­flüchtigen wird als der Alkoholgeruch eines frisch aufgetragenen Spritzers Parfüm.</p>
<p>Gunilla heißt Luise.<br />
Arturo heißt Claus.<br />
Heinz heißt Hans. Nah dran.<br />
Miriam trägt gar kein Kleid.</p>
<p>Doch als sie aussteigt, verlässt auch der Moosgrüne die Bahn und sieht ihr kurz, aber gezielt in die Augen. Ihr Unterarm streift den seinen, und weil beide T-Shirts tragen, bedeutet das Haut auf Haut. Er muss in eine andere Richtung als sie, und sie widersteht der Versuchung, ihm nachzusehen. Wahrheit lässt sich nicht festhalten, Realität ist relativ und Freiheit sowieso. Als Miriam nach Hause kommt, hat sie gerade die &#8220;Tagesschau&#8221; verpasst.</p>
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		<title>Paris fickt das Meer</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 14:41:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als Tom und Mira das erste Mal miteinander sprechen, ist er als Eiffelturm verkleidet, und sie trägt ein mit Muscheln beklebtes Kleid. Ein Geplänkel über die wenig subtile Symbolik ihrer Kostüme bricht das Eis. Beim Lachen bläst Tom ihr Rauch &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/07/30/paris-fickt-das-meer/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Tom und Mira das erste Mal miteinander sprechen, ist er als Eiffelturm verkleidet, und sie trägt ein mit Muscheln beklebtes Kleid. Ein Geplänkel über die wenig subtile Symbolik ihrer Kostüme bricht das Eis. Beim Lachen bläst Tom ihr Rauch ins Gesicht, und sie sieht ihm an, was er denkt: Vielleicht geht da noch was. Sein selbstsicheres Begehren amüsiert und langweilt sie gleichermaßen.</p>
<p>Na ja, schimpft sie sich innerlich. Du denkst doch dasselbe.<br />
Männer denken das ständig, antwortet sie sich stumm. Ich nur, wenn es wirklich stimmt.<br />
Da muss sie lachen.<br />
&#8220;Was ist?&#8221;, fragt Tom. Sie schüttelt den Kopf, &#8220;nichts&#8221;, und küsst ihn. Er geht sofort darauf ein, ganz selbstverständlich, vielleicht hat auch er sie zuerst geküsst. Wenigstens etwas Originelles diesmal. Die Geschwindigkeit, ein Kuss nach kaum zwei Minuten Gespräch. Mit einem Mann im Eiffelturm-Kostüm. Sie kommt sich vor wie in einem studentischen Experimentalfilm, schwarzweiß natürlich, ein paar Muscheln zerbrechen, sie hört sie knacken, von drinnen tönt leise die Partymusik. &#8220;Show me the way to the next whiskey bar&#8230;&#8221;<br />
&#8220;Wie heißt du eigentlich?&#8221;, fragt sie, als sie kurz voneinander lassen, und wünscht im selben Moment, sie hätte nicht gefragt.<br />
&#8220;Tom&#8221;, sagt Tom, bevor sie ihn daran hindern kann. Dann küssen sie einander weiter, und seine linke Hand landet auf ihrer Muschel-Brust. Gleich schneidet er sich an einer kaputten Schale die Finger auf, denkt sie, aber nichts dergleichen passiert. In der rechten Hand hält er immer noch seine Zigarette, genau wie sie. Lautlos fällt Asche auf den Asphalt.<br />
&#8220;Da seid ihr also&#8221; unterbricht sie ein Typ mit Baskenmütze und grinst.<br />
&#8220;Da sind wir also&#8221;, sagt Mira und streicht sich die Haare glatt. &#8220;Wir wollten gerade wieder rein.&#8221;<br />
Tatsächlich ist die Feier noch nicht allzu weit fortgeschritten, es ist zu früh, um die Gastgeber im Stich zu lassen. Toms Freund Marc und Miras Kollegin Sabine sind ein Paar und wandern gemeinsam nach Frankreich aus. Darum die Abschiedsparty heute, inklusive Motto, an das sich erstaunlich viele Gäste gehalten haben, wobei Baskenmützen, &#8220;I love Paris&#8221;-T-shirts und improvisierte Can-Can-Kostüme überwiegen. Gepackte Umzugskisten dienen als Bartische, an den Wänden hängen Poster alter französischer Filme. &#8220;Außer Atem&#8221;, &#8220;Die Liebenden&#8221;, &#8220;Jules und Jim&#8221;.<br />
&#8220;Hat Style, findest du nicht?&#8221;, fragt Tom.<br />
Mira nickt abwesend. &#8220;Entschuldige mich, ich muss mal kurz&#8230;&#8221;, sagt sie und deutet Richtung Toilette.<br />
Er grinst. &#8220;Soll ich mitkommen?<br />
&#8220;Immer langsam.&#8221; Sie schlägt seine Finger von ihrem nackten Arm und lässt ihn allein.</p>
<p>Auf der Toilette kramt sie in ihrer Handtasche nach Kondomen. Tatsächlich findet sie noch zwei. Sie könnte also mit Tom schlafen, wenn sie will, und ein bisschen will sie. Vielleicht später noch mehr. Griffbereit steckt sie sie in ein kleines Seitenfach der Tasche. Ihr Spiegelbild wirkt müde, der anthrazitfarbene Lidschatten ist etwas verwischt, unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Schnell korrigiert sie das Make-up, seufzt kurz, lächelt sich zu und kehrt ins Wohnzimmer zurück. Zu den Umzugskisten, den Filmplakaten, ihrem Sektglas und Tom.</p>
<p>Draußen hat es begonnen zu regnen, die Tropfen prasseln an die Scheiben. Ein Spätsommer-Gewitter. Die Stimmung steigt proportional zum Alkoholpegel, doch als die ersten zu tanzen beginnen, wird es plötzlich dunkel und still. &#8220;Stromausfall!&#8221;, quietscht jemand, Tom tastet nach Miras Hand, seine fühlt sich rau an, fremd und gut. Der Stille folgt Gelächter und hektisches Gemurmel. Im schwachen Schein einzelner Handy-Displays und Feuerzeuge zieht Mira Tom ins Bad, tastet im Dunkeln nach dem Toilettendeckel und klappt ihn hinunter, sodass Tom sich setzen kann. Er schiebt ihr Kleid hoch, sie öffnet seine Hose, das blinde Auspacken und Überziehen des Gummis sorgt für eine Verzögerung, bevor sie ihre Handtasche fallen lässt und Tom in sie eindringt. Paris fickt das Meer, das Meer fickt Paris. Die Stadt der Liebe und der Ort der Sehnsucht. Sex mit einem Fremden hat sich für Mira noch nie heiß angefühlt, sondern im besten Fall kühl und glatt, rund und schön und klein, wie ein vom Salzwasser geschliffener Kiesel. So auch jetzt. Vielleicht sogar etwas besser. Ganz früher dachte sie, das sei auch eine Form von Liebe, nur eben eine, die keinen Bestand hat über den Akt hinaus. Später akzeptierte sie, dass nicht alles aus Liebe geschieht. Dass auch sie nicht alles aus Liebe tut. In der Dunkelheit sieht er nicht, dass ihr die Tränen kommen. Es sind nicht viele, und sie trocknen schnell. Manchmal passiert das, es ist kein schlechtes Zeichen, im Gegenteil. Sie spürt Tom in sich zucken und lächelt, als ihm ein kleiner Seufzer entweicht. Er hält sie fest. &#8220;Das war gut.&#8221;<br />
&#8220;Ja&#8221;, sagt sie und küsst ihn auf den Mund. Dann löst sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung, steht auf und streicht ihr Kleid glatt, von dem sich einige Muscheln gelöst haben.</p>
<p>Aus dem Wohnzimmer ertönt wieder Musik, und durch den Türspalt sehen sie, dass auch das Licht wieder brennt. Sie kehren zurück zu den anderen und dann vor die Tür, weil Mira eine Zigarette rauchen will und Tom meint, das habe er auch gerade vorgehabt. Wird stimmen.<br />
&#8220;Was hast du gefühlt?&#8221;, fragt er, und Mira lacht. &#8220;Ist das die Softie-Version von ,Wie war ich?&#8217;&#8221;<br />
&#8220;Kann sein&#8221;, murmelt er und blickt verlegen auf den Boden. &#8220;Du bist so anders und seltsam, aber schön&#8221;, spricht er weiter, und weil sie das gerne wäre oder ist, anders und seltsam, aber schön, lächelt sie und guckt an ihm vorbei in die Nacht.<br />
&#8220;Ich würde dich gern wiedersehen&#8221;, fährt er fort, und es klingt anders als sonst, klingt als meine er es tatsächlich mit der Betonung auf -sehen.</p>
<p>Weil der Nieselregen und der Qualm und der Sekt sie melancholisch stimmen, hat Mira plötzlich Mut zum Pathos und zu Poesie: &#8220;Die Tür zu meinem Herzen müsstest du eintreten&#8221;, flüstert sie. &#8220;Ich habe sie abgeschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen.&#8221;<br />
Er reagiert, als sei das eine normale Antwort auf seinen Wunsch: &#8220;Immerhin gibt es eine Tür.&#8221;<br />
&#8220;Ja&#8221;, sagt Mira.<br />
Tom nimmt sie in den Arm. &#8220;Ich rufe den Schlüsseldienst.&#8221;</p>
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		<title>Machtspiel</title>
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		<pubDate>Tue, 19 May 2009 13:48:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es hat ein wenig geschneit, und die Luft riecht nach Wassermelonen, alles Zeichen dafür, dass es Winter wird. Es ist Nacht, Anja zieht sich aus, will schlafen gehen, doch dann zieht es sie wieder ans Fenster. Ob er noch wach &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/05/19/machtspiel/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es hat ein wenig geschneit, und die Luft riecht nach Wassermelonen, alles Zeichen dafür, dass es Winter wird. Es ist Nacht, Anja zieht sich aus, will schlafen gehen, doch dann zieht es sie wieder ans Fenster. Ob er noch wach ist?<br />
Im gesamten Haus gegenüber brennt kein Licht, das ist selten, Schlaflose gibt es immer, gerade hier, vielleicht sind sie ausgeflogen, vielleicht betrinken oder lieben sie sich im Dunkeln, wer weiß. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus, ihre Brüste berühren das kühle Metall des Fensterbrettes, sie zittert. Kurz meint sie, gegenüber sein Gesicht zu sehen, vorbeihuschend, ein Schatten, vielleicht täuscht sie sich, es taucht nicht wieder auf. Vergangenen Monat hat sie sich ausgezogen für ihn, langsam, fast gleichgültig, alles fühlte sich richtig an in dem Moment und sah richtig aus, sein erhitztes Gesicht und seine Hände, die über seinen Bauch glitten und den Ansatz seiner Hüften, dann unter dem Fensterbrett, hinter der Mauer verschwanden, seine wachen, forschenden Augen, die sich irgendwann schlossen und dann dieses ganz leichte Zittern, das sie sich auch eingebildet haben kann. Die Ruhe danach, als er ging. Anschließend ist sie ihm eine Weile aus dem Weg gegangen, indem sie die Vorhänge geschlossen ließ, Tag und Nacht, so sehr schämte sie sich, doch irgendwann war das vorbei und sie begannen wieder, einander anzusehen und in Gedanken zu lieben, Abend für Abend, Nacht für Nacht, manchmal zwei Minuten, manchmal zehn, über die Straße hinweg.<br />
Eine Weile wartet sie noch und hofft, doch als sich nichts mehr tut, schließt sie das Fenster und kriecht frierend unter ihre Decke.</p>
<p>Am nächsten Morgen liegt in ihrem Briefkasten ein unbeschrifteter Umschlag, in dem sich ein kleiner Gegenstand befindet. Sie hält sich nicht lange damit auf, ihn durch das Papier zu erfühlen, sondern öffnet ihn neugierig und rasch. Ein Lippenstift. Tiefes, dunkles Rot. Er scheint schon mal benutzt worden zu sein, wenn auch nicht oft, vielleicht ein oder zwei Mal. Dann bemerkt sie den Zettel: &#8220;Mal dir heute Abend die Lippen damit an. Für mich. Bitte.&#8221;<br />
Er ist von ihm. Muss von ihm sein, dem Mann gegenüber, sie weiß nicht, was sie so sicher macht, vielleicht die Schrift, es ist nicht die von Marcel und wer sollte sonst&#8230; Spontan führt sie den Stift an die Lippen, eine kurze Berührung, spurenlos, sie lässt die Hand sinken, albern, dass sie zittert, lächerlich. Soll sie ihn erst abwischen, bevor sie sich selbst damit schminkt? Es wäre sonst ein halber Kuss, aber vielleicht will sie das ja, wie früher, mit dreizehn, als ein Schluck aus derselben Wasserflasche die Welt bedeuten konnte. Jetzt also er.</p>
<p>Sie stellt ihn sich vor, den Mann gegenüber, mit seinem zerzausten, beinahe schwarzen Haar, dem schmalen Gesicht und den dunklen Augen, zumindest glaubt sie, dass sie dunkel sind, aber sie hat sich, was das angeht, schon oft getäuscht, hat gedacht, dunkle Augen und aus der Nähe waren sie dann grün oder umgekehrt, dennoch ist es wahrscheinlich, dass seine dunkel sind, wegen der Haare, obwohl sie ja selbst blaue Augen hat und schwarzes Haar, man weiß also nie.</p>
<p>Den ganzen Tag überlegt sie, was sie am Abend anziehen soll, schimpft sich würdelos für diese Gedanken, und doch&#8230; Das schwarze Kleid oder das dunkelrote, wann überhaupt ist &#8220;heute Abend&#8221;, und sollte sie einer Verabredung, die einem Befehl gleichkommt, überhaupt nachkommen? Einer Bitte gleichkommt, redet sie es schön. Vor dem Spiegel übt sie lässig-laszive Posen, und als Marcel anruft, sie abends sehen will, lehnt sie ab, mit der nicht mal komplett gelogenen Begründung, sie brauche mal wieder einen Abend für sich.<br />
Du wirst dir heute Abend die Lippen anmalen und irgendein verdammter Typ wird dir dabei zusehen, sagt sie sich, doch die Absurdität der Situation dringt nicht zu ihr durch, nicht in ihr Inneres, sie verspürt den unbedingten Wunsch, dem Fremden zu gehorchen, gleichgültig, ob dessen Befehl sinnlos ist oder nicht.</p>
<p>Sie stellt sich seinen Mund vor und natürlich einen Kuss, seine Hände auf ihren Brüsten, auf ihrer Taille, zwischen ihren Schenkeln, das ganze Programm. Stattdessen diese Königskinder-Situation, Begehren ohne Hoffnung, Verlangen ohne Sinn, Gefühl gegen Verstand, aber ach, sie driftet ab, es geht um nichts als einen Flirt von Fenster zu Fenster, der nicht der erste der Weltgeschichte sein wird, wer weiß, vielleicht nicht einmal der erste für den Mann gegenüber.</p>
<p>Das dunkelrote Kleid fällt weich über ihren Körper und ist tief, aber nicht aufdringlich tief ausgeschnitten. Sie ist lächerlich aufgeregt.<br />
Als es dunkel wird, geht sie zum Fenster, den Lippenstift fest umklammert in der rechten Hand. Gegenüber brennt Licht, er ist schon da. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und sieht ihn an. Er blickt zurück, ganz ruhig, dann lächelt er, dieses unverschämte Lächeln, so arrogant-überlegen, dass sie ihm ins Gesicht schlagen möchte, spiel dich bloß nicht so auf, was bildest du dir ein, und doch lässt es ihre Knie weich werden, so sehr, dass sie wütend wird darüber, was tue ich hier eigentlich, ich schließe jetzt sofort das Fenster und gehe, ich besuche irgend jemanden, Marcel vielleicht, wen auch immer, Hauptsache, ich betrete meine Wohnung vor morgen früh nicht wieder.<br />
Doch natürlich tut sie es nicht, und als er sich an die Lippen tippt, ganz leicht nur, vielleicht ist es Zufall, ach was Zufall, es ist ein Befehl, als er sich an die Lippen tippt und den Kopf auffordernd hebt, ein kurzes Zucken, da weiß sie, das soll bedeuten: JETZT, sie stützt die Arme ab, und sie schimpft sich, weil sie zittert, aber mag sein, dass es bloß die Kälte ist oder vielleicht, weil sie denkt, wenn ich das jetzt tue, das ist ja weiter noch nichts, aber was täte ich sonst noch für diesen fremden Mann, sie stützt sich also ab und öffnet den Mund, schließt die Augen, ganz theatralisch, wenn schon, denn schon, dann berührt der Stift ihre Lippen, sie hat ihn nicht abgewischt vorher, einmal, zweimal, das dunkle Rot auf ihrem Mund, der halbe Kuss, es ist so schnell vorbei, ein paar Sekunden nur, und dann, sie weiß nicht, warum, malt sie weiter, um ihre Lippen herum, immer weiter, Rot ins Gesicht, Indianer spielen, Rot, Liebe. Blut, alles, das ganze Gesicht, dann wischt sie mit den Händen darüber, die Handflächen rot, sie weiß nicht, ist es Protest oder alberner Spieltrieb, malen und wischen und schmieren, Küsse und Rot, dann muss sie lachen und kann nicht aufhören, und sie sieht, dass er auch lacht, gegenüber, und sie lachen zusammen Tränen, über die Straße hinweg.</p>
<h5>(Foto: Rosie Huntington-Whiteley, Fotograf, Regisseur, Drehbuchautor Greg Williams für <a href="http://ecstasy-lover.livejournal.com/155268.html">Agent Provocateur</a>)</h5>
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		<title>Veilchenzucker</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 08:14:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Gutenachtgeschichte Sina ist ein offenes Buch mit ein paar fehlenden Seiten. Sagt immer, was sie denkt, aber manchmal nicht, was sie fühlt. Sagt nun: &#8220;Liebe ist ein viel kleineres Gefühl als wir alle vermuten&#8221; und hofft, dass ihr jemand &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/05/15/veilchenzucker/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Gutenachtgeschichte</h2>
<p>Sina ist ein offenes Buch mit ein paar fehlenden Seiten. Sagt immer, was sie denkt, aber manchmal nicht, was sie fühlt. Sagt nun: &#8220;Liebe ist ein viel kleineres Gefühl als wir alle vermuten&#8221; und hofft, dass ihr jemand widerspricht. Aber weil alle betrunken sind, halten sie das für einen großartig klugen Satz, da kann man nichts machen, Sina, unsere Dichterin. &#8220;Hast recht&#8221;, sagt Hannes und guckt sie an. Sie kaut eine lila gezuckerte Veilchenpastille, der nächste Schluck Wein schmeckt nach violetten Blumen, und plötzlich springt ihr wieder ein Satz in den Kopf, den sie mit siebzehn einmal aufgeschrieben hat, als ihre zweite große Liebe gerade zerbrochen war. Eineinhalb Jahrzehnte her, das: &#8220;Menschenblut bleibt rot, die Liebe ist jedoch manchmal violett, und die Sehnsucht sowieso&#8221; Schmeckt ihr irgendwie immer noch.</p>
<p>Sie blickt in die Runde, die Party ist zu Ende, nur der harte Kern sitzt noch am Küchentisch und wird plötzlich ganz weich. Leona, Sina, Marion, Jack und Hannes. Leona beginnt zu weinen, und Marion nimmt sie in den Arm. &#8220;Er ist es nicht wert&#8221;, sagt sie, noch so ein Luftblasen-Satz. Darum geht es ja nicht, jede verlorene Liebe ist es wert, beweint zu werden, auch die Liebe zu einem Vollidioten, und das ist er ja nicht mal. Leonas Ex, Moritz.</p>
<p>Sina sagt auch nicht immer, was sie weiß. Dass Moritz letzte Nacht bei ihr war. Dass er nun auf sie wartet, in ihrem Bett. Dass der Gedanke an ihn sie noch mehr benebelt als der Wein, der Gedanke an sein Bein, das sich zwischen ihre Schenkel schiebt, der raue Jeansstoff auf ihrer nackten Haut, die kühle Gürtelschnalle an ihrem Nabel, seine Finger um ihre Handgelenke, sein Atem an ihrem Hals, was willst du? Dich.</p>
<p>&#8220;Wenn du in mir bist, und dir meine Seele und mir dein Körper gehört, wo ist dann der Unterschied, wenn ich ihn nicht kennen will, wir lösen uns auf, wir verbrennen, hast du Angst?, ja, ja!, unsere Finger umschlungen, du verschließt mir den Mund, damit ich vergesse, und meine Liebe bleibt in mir wie unterdrückte Tränen, besiegt.&#8221; Geschrieben mit 22, während einer aussichtslosen Affäre. Dreht sich alles im Kreis?</p>
<p>Unsinn, ist nur der Alkohol, der Lebensbruchstücke ineinander fügt und es logisch erscheinen lässt, dieses Episodenpuzzle, schön, klug, leer, verschwommen, ganz. &#8220;Wenn es so ein kleines Gefühl ist, warum tut es dann so verdammt weh&#8221;, heult Leona, und Hannes antwortet prompt: &#8220;Ist ja nicht die Liebe, die dich weinen lässt. Sondern die Leere.&#8221; Was Leona nicht überzeugt: &#8220;Dann ist Leere ein größeres Gefühl als Liebe, ja? Ihr seid doch alle nicht ganz dicht!&#8221; Sie rennt auf den Balkon, die Zigarette in der Hand, steht draußen und nimmt einen langen Zug. Jack will ihr nach, aber Marion hält ihn zurück. &#8220;Lass sie.&#8221;</p>
<p>Jack ist in Leona verliebt, vermutet Sina, und beinahe hätte sie es laut gesagt, aber sie beißt sich auf die Lippen, lass dem Bären sein Geheimnis. Jack, der große, schwere Kanadier, spricht selten, was daran liegen mag, dass sein Deutsch noch nicht so gut ist, oder daran, dass er lieber guckt als redet, sie weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle. Plötzlich aber sagt er doch etwas, leise, kaum hörbar: „Liebe ist groß, aber in ihrer reinsten Form&#8230; wie sagt man&#8230; unaufdringlich.“ Lustig, dass das gerade von ihm kommt, denkt Sina.</p>
<p>Dann kommt Leona zurück, stellt sich vor Sina und sagt: &#8220;Ich weiß, dass er mit dir schläft.&#8221; Sie sagt es ganz sachlich, ohne Vorwurf, wenn überhaupt schwingt ein wenig trunkenes Karten-auf-den-Tisch in ihrer Stimme mit, heute sagen wir alles, Nacht der Wahrheit, fast Morgen der Wahrheit, Nacht der Sensationen, Nacht der Liebe, Nacht des Sex&#8230; Des kleinen Skandals letztlich, das braucht es ja manchmal, ein wenig Oh und Ah, bis alle sich an die Neuigkeit gewöhnt haben und sie verschwindet im wolkigen Weißt-du-noch-damals.</p>
<p>Sina ist zu verblüfft, um etwas zu entgegnen, aber Leona scheint auch nichts zu erwarten, sie setzt sich ermattet auf ihren Stuhl und drückt die Zigarette aus. &#8220;Ist das wahr?&#8221;, fragt Marion, und Sina nickt, woraufhin sich alle auf sie stürzen, ach, gar nicht mal auf sie, auf das Thema, wie kam es dazu, wie kannst du nur, bist du der Grund, dass er Leona verlassen hat? Am meisten sprechen Marion und Hannes, war ja klar, Leonas beste Freundin und Mister Ich-habe-zu-allem-was-zu-sagen-hört-mir-zu. Nur Leona selbst sagt nichts, guckt nur von einem zum anderen, wischt sich mit dem Handrücken die letzten Tränen aus dem Gesicht und wirkt plötzlich ganz eins mit sich und der Welt, ganz ruhig. Leona hätte auch „dass du mit ihm schläfst“ sagen können, denkt Sina kurz.</p>
<p>Sie hat keine Lust, sich zu entschuldigen, und tut es dann doch, schwach zwar nur, halbherzig, aber dennoch: &#8220;Sie waren schon getrennt, als es begonnen hat.&#8221; Es. Begonnen. Plötzlich sehnt sie sich fast schmerzlich nach seiner Haut. In einem Zug trinkt sie ihr Glas aus und steht auf. &#8220;Okay Leute, ich gehe dann mal&#8230;&#8221;<br />
Sie ist schon an der Wohnungstür, als Leona ihr hinterherkommt. &#8220;Warte!&#8221; Sina dreht sich um. &#8220;Ich weiß, dass du nicht der Grund bist&#8221;, sagt Leona. &#8220;Es macht mich krank, dich bei ihm zu wissen, aber mir ist klar, dass du nichts dafür kannst. Du&#8230; Wir sind ja nicht mal befreundet, du und ich&#8230;&#8221; Sina zuckt mit den Schultern. &#8220;Werden wir wohl so schnell auch nicht sein, was?&#8221; Und dann lachen sie plötzlich beide, für eine Sekunde ist alle Bitterkeit verschwunden, sie umarmen sich kurz, als gäbe Leona Moritz frei. Was natürlich so nicht stimmt, aber manche Illusionen sind es wert, gelebt zu werden. Zumindest ein bisschen. In Leonas Augenwinkeln beginnt es wieder zu glitzern. &#8220;Viel Glück&#8221;, flüstert Sina. Im Türrahmen der Küche steht Jack und wartet, Sina geht, die anderen bleiben, sie läuft durchs Treppenhaus, läuft nach Hause und fühlt sich leicht und schwer zugleich.</p>
<p>Mein Körper liebt ihn schon, denkt sie, nur mein Herz hinkt noch hinterher. So leise es geht, dreht sie den Schlüssel im Schloss herum, obwohl sie ja will, dass er aufwacht. Sie schleicht ins Schlafzimmer, küsst ihn auf die Schläfe, er ist noch ganz warm und weich und schwach vom Schlaf, ein Kind. Das muss sie aufschreiben, denkt sie, &#8220;warm und weich und schwach vom Schlaf, ein Kind&#8221;, das klingt hübsch und zärtlich und vertraut, nicht so fremd, wie er ihr noch ist, Moritz. &#8220;Hab ich dich geweckt?&#8221;, fragt sie, und er schüttelt den Kopf: &#8220;Ich war noch wach.&#8221; &#8220;Du schwindelst!&#8221; Sie lacht und streicht ihm eine Locke aus dem Gesicht. &#8220;Siehst ganz verpennt aus.&#8221; Er gähnt, &#8220;hast recht&#8221;, noch weiß sie nicht, dass er kurz nach dem abrupten Aufwachen immer leugnet geschlafen zu haben, nicht absichtlich, er ist selbst überzeugt von dem, was er sagt.</p>
<p>Jetzt schlingt er die müden Arme um sie, zieht sie aufs Bett, küsst sie, schiebt seine Hand unter ihr Kleid. Er trägt einen Schlafanzug, das rührt sie. Die Männer vor ihm haben alle in Slip und T-Shirt geschlafen. Du baust dein Glück auf Leonas Seelensplittern, denkt sie, drängt den Gedanken aber beiseite. Irgendwann geht es eben nicht mehr anders, irgendwann hat jeder seine Narben, sie küsst ihn zurück, er zieht ihr das Kleid aus, umfasst ihre Brüste und streicht mit den Daumen darüber, durch den dünnen Stoff seiner Hose spürt sie sein pochendes Glied, sie will den Moment festhalten, mag diese kleine Barriere aus Baumwolle, die ja doch nicht bremst, aber der Moment vergeht, und es folgt ein zweiter, ein dritter, er dringt in sie ein, und sie denkt nicht mehr, fühlt.</p>
<p>Später liegen sie stumm nebeneinander, Sinas Blick fällt auf die Fensterbank. Auf den samtigen Usambaraveilchen in den lila Keramiktöpfchen glitzern Wassertropfen. „Hast du meine Blumen gegossen?“, fragt sie, er lächelt im Halbschlaf und nickt in sein Kissen, unklar, ob das als Antwort gemeint war oder ob er schon träumt. Draußen geht langsam die Sonne auf und taucht das Zimmer in orange-violettes Licht. Sie guckt ihm beim Schlafen zu und dann an die Decke. Ist es Liebe? Noch nicht.</p>
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		<title>Blaue Stunden</title>
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		<pubDate>Thu, 07 May 2009 10:22:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Müdigkeit steckt Nora in allen Gliedern, bleischwer. Würde sie sich hinlegen, sie schliefe wohl augenblicklich ein. Aber sie sitzt ja, und so bleibt sie künstlich wattig-wach, mit diesem benebelten, betrunkenem Hirn und dem besoffenen Herzen, das überschwappt vor Liebe, wie immer in solchen Momenten. “Halt mich”, würde sie gern sagen, beißt sich aber auf die Lippen. Es würde die Sache verkomplizieren, sie sind jetzt drei Jahre getrennt und haben sich langsam daran gewöhnt. <a href="http://himmelende.de/2009/05/07/blaue-stunden/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Oder: Vergissmeinnicht</h2>
<p>Milo öffnet die vierte Flasche Wein.<br />
Die Müdigkeit steckt Nora in allen Gliedern, bleischwer. Würde sie sich hinlegen, sie schliefe wohl augenblicklich ein. Aber sie sitzt ja, und so bleibt sie künstlich wattig-wach, mit diesem benebelten, betrunkenem Hirn und dem besoffenen Herzen, das überschwappt vor Liebe, wie immer in solchen Momenten. &#8220;Halt mich&#8221;, würde sie gern sagen, beißt sich aber auf die Lippen. Es würde die Sache verkomplizieren, sie sind jetzt drei Jahre getrennt und haben sich langsam daran gewöhnt.</p>
<p>&#8220;Was ich am traurigsten finde, sind Menschen, denen eine Überraschung missglückt&#8221;, sagt Nora mit schwerer Zunge und frisch gefülltem Glas in der Hand. &#8220;Und Menschen, die etwas anbieten, das niemand wirklich will.&#8221; Milo versteht, und sie schwelgen eine Weile in dumpfer Melancholie. Versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen mit bitteren Geschichten. Von der welken Hure, die Milo über Jahre hinweg regelmäßig traf, bis auch er sie nicht mehr ficken konnte und absichtlich aus den Augen verlor. Von dem lateinamerikanischen Kleinkind, das Nora schmuddelige Bonbons zum Kauf anbot und das Ganze noch für ein Spiel zu halten schien, winzig und unerfahren, wie es war. Von dem beinlosen Mann in der Fußgängerzone, der gebastelte Glückwunschkarten verkauft oder dem Straßenmusiker, der seiner Geige schiefe Töne entlockt, unermüdlich, Tag für Tag, immer noch. Und schließlich von der kleinen Frau aus der Dorothy-Parker-Geschichte, die ihrem Mann in einer Aufwallung wiedergefundener Liebe und Vorfreude roten Kaviar kauft, der statt auf dem Tisch in der Speisekammer landet, weil der Gatte ihre süßen Gefühle mit wenigen Sätzen im Keim erstickt.</p>
<p>Nora könnte jetzt weinen oder schlafen, aber stattdessen schweifen ihre Gedanken ab, als sie die pochende Ader an Milos Unterarm entdeckt. Sie will ihn immer noch. Denkt an ihren letzten gemeinsamen Urlaub, die Hütte direkt am Meer, die Asche der namenlosen Toten und sein vor rasender Geilheit verzerrtes Gesicht. Es fing an mit der alten englischen Urlauberin, deren Mann sich eine Seebestattung gewünscht hatte, was sie ihm hier erfüllte, beseelt von dem Gedanken er verbinde sich so tatsächlich mit dem Meer und der Weite und der Welt. Sie erzählte Nora davon, und der begann die Vorstellung zu gefallen, dass sie beim Schwimmen umgeben war vom Staub der Verstorbenen, den man vom Schiff aus in alle Winde verstreut hatte. Dass am Meeresgrund auch aufgeschwemmte Schiffbrüchige und Selbstmörder und Mordopfer lagen, fiel ihr zum Glück erst Wochen später ein. Während der Tage am Strand ging es lediglich um die Asche, die etwas Sternenstaubhaftes hatte, eine bizarre Romantik und etwas von Sehnsucht und Freiheit und Ewigkeit. Milo aber war auch das schon zu morbide. Nachdem sie ihm ihre Gedanken mitgeteilt hatte, ging er drei Tage nicht ins Meer und fasste sie auch nicht an, wenn sie vom Schwimmen kam. Sie dagegen sprang umso öfter ins Wasser, auch nach Einbruch der Dunkelheit und dann immer nackt. Das riesige Handtuch um den Körper geschlungen kehrte sie zu Milo zurück, der in der Hütte wartete und sie keines Blickes würdigte, bis sie aus der Dusche kam, und selbst danach berührte er sie nur vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich oder krank. In der dritten Nacht aber war er plötzlich wie von Sinnen, warf sie aufs Bett, sobald sie den Raum betreten hatte, zerrte ihr das Handtuch vom Leib, lutschte und biss ihr das Meersalz vom Hals und drang in sie ein, mit einer Rücksichtslosigkeit, die sie bis dahin nicht von ihm kannte, die ihr aber gefiel. Sie kam schnell und heftig, er hielt ihr den Mund zu, und sie schmeckte seine salzige Hand.</p>
<p>Aus der Stereoanlage dringt zum dritten Mal dasselbe Lied. Offenbar hat sie vorhin versehentlich die Repeat-Taste gedrückt, aber beiden ist es egal. &#8220;Ich hab lang auf dich gewartet, doch gelohnt, gelohnt hat es sich nicht&#8221;. Nora überlegt, ob das zu ihrer Situation passt, kommt aber zu keinem Schluss oder will es nicht. Stattdessen genießt sie die rauschbedingte Bedeutsamkeit der Situation, das umgekehrte &#8220;Über den Wolken&#8221;, die wohlige Schwere, die ihr Tränen in die Augen treibt, was Milo zum Glück nicht sieht. Er hat den Kopf in ihren Schoß gelegt, was nichts zu sagen hat, dazu kennt sie ihn lange genug. Sie streicht ihm trotzdem übers Haar, wickelt Strähnen um die Finger und baut in Gedanken ein Vogelnest damit. &#8220;Du wirst langsam grau&#8221;, murmelt sie und weint jetzt richtig. Er blickt zu ihr hoch, sagt aber nichts, denn sie ist schneller, winkt ab: &#8220;Tut mir leid, es ist alles in Ordnung, ich bin nur total blau.&#8221; Er ist es müde, sie zu trösten, sie weinte ihm immer schon zu viel, aber manchmal weinte er auch mit.</p>
<p>Wie meistens versiegen die Tränen auch diesmal schnell, die nassen Wangen lässt sie an der Luft trocknen und das Salz klebt. „Vergissmeinnicht heißt in anderen Sprachen auch so“, sagt sie unvermittelt. „Forget-me-not, nomeolvides&#8230; Ich hab das nachgeguckt.“ Er fragt nicht „Wie kommst du jetzt darauf?“, sondern ruft ehrlich erstaunt: „Echt? Cool“, und dafür liebt sie ihn schon wieder. Vielleicht ist &#8220;lieben&#8221; auch das falsche Wort und es geht lediglich um die Hoffnung, dass die Schnittmenge doch noch groß genug ist, die Schnittmenge ihrer Seelen, groß genug für ein Wir. &#8220;Ich bin froh, dass wir endlich Freunde sein können&#8221;, sagt Milo, und die Hoffnung verblasst.</p>
<p>Draußen wird es Tag, und beinahe wiederholt sich das Bild von gestern Abend, von vor ein paar Stunden, der Vollmond am noch oder wieder fast hellen Himmel, die weiße Kugel mit Strahlenkranz, wie eine falsche Sonne vor Taubenblau. &#8220;Lass uns schlafen gehen&#8221;, sagt sie, und er nickt. Während sie Zähne putzen, denkt Nora über die Angebote nach, die niemand wirklich will, und ob man an Stelle des Angebots auch den Anbieter setzen könnte. Wo sie überhaupt selbst steht mit ihrer Liebe und ihrem Körper und ihrer Zukunft und allem, was sie ihm zu Füßen legen würde, wenn. Es ist nur der letzte Rest Stolz, der sie vom unbegabten Straßenmusiker unterscheidet, vielleicht auch nur der mangelnde Mut.</p>
<p>Später liegt sie auf der Seite, spürt ihn hinter sich, wie so oft, wie früher, wie immer noch und doch nicht mehr, denn jetzt tragen sie Kleidung, T-Shirts und Slips, und er achtet darauf, dass ihre Mitten sich kaum berühren. Dennoch: seine Brust an ihrem Rücken, seine Hand auf ihrem Bauch und sein Atem an ihrem Hals. Morgen buche ich einen Flug, sagt sie sich und bewegt sich nicht. Irgendwohin, an ein anderes Meer, einige Wochen, ich sage ihm nichts davon, soll er mich doch vermissen, wird er mich vermissen, und wer wärmt dann sein Bett, wo liegt dann seine Hand, wessen Duft atmet er ein? Er schläft nicht gern allein. Mit etwas Fantasie ist jetzt damals, belügt sie sich.</p>
<p>Für einen Moment ist die Traurigkeit so übermächtig, dass Nora sterben möchte. Doch dann stürbe auch die Hoffnung, die ja immerhin noch ist, wenn sie auch der Hoffnung auf einen Lottogewinn oder immerwährende Leidenschaft oder Weltruhm gleicht. Momente vergehen, und an Traurigkeit kann man sich gewöhnen, was nicht heißt, dass man das Lachen verlernt. Plötzlich ist da ein bisschen Kraft, sie löst sich aus seiner Umarmung, rollt ans andere Ende des Bettes und lächelt. Gelohnt hat es sich schon. Aber diesmal ist es ein Schmerz, der bleibt.</p>
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		<title>Sonnenblume</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Apr 2009 09:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne. <a href="http://himmelende.de/2009/04/26/sonnenblume/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne.</p>
<p>Gestern Abend, an seinem achtzehnten Geburtstag, hat Marie ihn zum ersten Mal geküsst, und weil sie es beide noch nicht anders kennen, war das ein Kuss, der bedeutet: Jetzt gehören wir zusammen. Er liegt auf dem Rücken, an seinen nackten Füßen kitzelt das Gras und in seinem Gesicht kitzeln Maries Locken. Als er die Augen einen Spaltbreit öffnet, sieht er flirrendes Gold. Ihr blondes Haar riecht nach Sommer. Ein bisschen ungewaschen, nach Baggersee, Blütenstaub und „Sunflower“, ihrem Parfüm. „Interessant wären die Stellen, an denen sich die einzelnen Fetzen überlappen“, geht er auf ihr Gedankenspiel ein, doch sie kichert und hat die Zeitfetzen offenbar schon wieder vergessen. „Ich hol uns ein Eis.“ Auch das ist typisch für sie. Sie fragt gar nicht, ob er überhaupt will. Noch stört ihn das nicht, noch macht es ihn nur verliebter in sie, denn er hat tatsächlich vorhin an Eis gedacht. Sie kann Gedanken lesen, denkt er. Meine Gedanken. Später werden ihn solche Situationen wütend machen, genau wie ihre Sprunghaftigkeit, erst nur ganz wenig und irgendwann richtig, obwohl sie immer noch oft seine Wünsche errät. Aber darauf kommt es nicht immer an.</p>
<p>Jetzt kehrt sie zurück, mit genau der Sorte, die er sich gewünscht hat, was nicht schwierig war, denn er hat sich gewünscht, dasselbe zu essen wie sie. Zwei Cornetto Zitrone also in ihren Händen. Er greift nach einem, da hält sie ihn fest. &#8220;Erst einen Kuss!&#8221; Sie ist eine, die immer bekommt, was sie will. So ein Glück, Glück, Glück, dass sie ihn gewollt hat. Will. Er ist das, was man einen Spätzünder nennt, während sie schon einige Jungs gehabt hat vor ihm. Zumindest erzählt man sich das, weil sie so hübsch ist und so lustig und weil sie die angeblichen Affären nie leugnet. Irgenwann wird er erfahren, dass die Hälfte der Geschichten nicht stimmt. Die andere Hälfte aber doch, und die genügt ihm eigentlich schon. Er wäre gern ihr erster Mann, und die Vorstellung von Marie in den Armen eines anderen macht ihn krank. Gleichzeitig spannt seine Badehose, wenn er daran denkt, und er dreht sich auf den Bauch. Da spürt er ihren Körper auf seinem Rücken, ihre Brüste auf seinen Schulterblättern, ihre Lippen auf seinem Ohr, ihre Zunge an seinem Hals. &#8220;Das ist unfair!&#8221;, stöhnt er und beißt sich die Lippe rot. Bloß nicht hier, bloß nicht jetzt! Sie lacht und rutscht weiter auf ihm herum. Leckt das Eis ab, das auf seine Haut tropft. Nicht besonders raffiniert oder geschickt, aber so unbekümmert und selbstverständlich, dass es ihn wahnsinnig macht. Marie!</p>
<p>Nils und Marie lieben einander zweieinhalb Sommer lang. Sie ist das erste Mädchen, für das er Blumen pflückt, das erste, für das er die Schule schwänzt (bis dahin galt er als Streber), das erste, für das er Gedichte schreibt (tatsächlich!) und das erste, mit dem er schläft. Das Ende kommt schleichend und unspektakulär. Irgendwann ist ihre gemeinsame Zeit vorbei, Marie spürt und sagt es als erste, doch in Nils regt sich wenig Widerspruch. Bei der letzten Umarmung weinen beide und wollen einander nicht loslassen, doch ein wenig erleichtert sind sie doch. Jetzt kann das Leben weitergehen, Freiheit, all die Möglichkeiten, auf die Plätze, fertig, los. Wenige Monate später geht Marie als Au-pair-Mädchen nach Los Angeles und bleibt länger als geplant, beinahe zwei Jahre. Man sagt, die sei die Freundin eines amerikanischen Seifenopern-Stars geworden, doch Nils bekommt davon wenig mit, da er die Kleinstadt zum Studieren verlassen hat und sein Leben nun ein anderes ist, eins ohne Marie. Als sie zurückkommt und ihn besucht, ist ihr Haar geglättet, auf Kinnlänge gekürzt und noch blonder als zuvor. &#8220;Die Sonne!&#8221; erklärt sie strahlend und fällt ihm um den Hals. Er erwidert ihre Umarmung. Sie ist ihm fremd. Einen Kaffee trinken sie dennoch zusammen und dann drei Gläser Wein, worauf es zum Kuss kommt und ganz selbstverständlich eins zum anderen führt. Maries Bewegungen sind routiniert, ihre Zunge, ihre Hände machen alles richtig, so richtig, dass Nils vor lauter Perfektion fast die Lust vergeht. Doch nach einer Weile wird sie weich und verspielt und fast wieder seine Marie. Zwei Wochen lang schlafen sie miteinander, so oft es geht, bis ihnen schwindlig ist vor Erschöpfung, ihre Haut ganz wund und ihre Haare verklebt. Dann ist es endgültig vorbei.</p>
<p>Marie ist der Anfang. Nach ihr liebt Nils einige, und als er in einem Alter ist, in dem Männer gewöhnlich heiraten, heiratet er die Frau, die er zu diesem Zeitpunkt liebt, was nicht die schlechteste Wahl ist, vielleicht sogar die beste. Sie bekommen eine Tochter, die rabenschwarzes Haar hat wie ihre Mutter und die er liebt wie keinen Menschen zuvor. Wenige Wochen nach ihrem achten Geburtstag liegt er mit ihr am See, streicht ihr über den Kopf, über die maisgelben Spängchen, die Stirn und wundert sich über die kleine Grübelfalte zwischen ihren Brauen. Die Sonne brennt. &#8220;Mein ernstes Mädchen&#8221;, denkt er voll Sehnsucht und Sorge und Zärtlichkeit, doch da erhellt sich plötzlich ihr Gesicht, und die dunkelbraunen Augen blitzen, als wären sie blau. &#8220;Papa&#8221;, fragt sie, &#8220;kann das sein, dass ich gleichzeitig hier bin und ganz woanders? Dass mein Leben viele Knicke hat und ich vielleicht gleichzeitig ich und schon ganz alt bin oder jemand anders?&#8221; Sie schüttelt den Kopf, denkt noch mal kurz nach. „Oder nein, jemand anders vielleicht nicht. Aber ich in alt, das glaube ich manchmal schon, dass das geht. Oder, Papa?“ Er streicht ihr weiter übers Haar. Maries Mosaik. Etwas kitzelt in seinem Gesicht. Er steht auf, kauft Zitroneneis und stolpert beinahe über einen herumliegenden Ast. Schließlich sagt er: &#8220;Ja, mein Engel. Ja, das kann sein.&#8221;</p>
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		<title>Froschkönigin</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 19:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[dialog]]></category>
		<category><![CDATA[farben]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[sex]]></category>

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		<description><![CDATA[Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. "Du hast die schönsten Augen der Welt", sagt er oft. "So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen." Mag ja sein. "Ich bin das aber nicht", flüstert sie. "Grün ist nicht meine Farbe." "Ich sehe dich so", sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer. <a href="http://himmelende.de/2009/04/07/froschkonigin/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://juicyfruit.exblog.jp/"><img class="size-full wp-image-1891" title="090406-title" src="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/04/090406-title.jpg" alt="image by juicyfruit" width="500" height="149" /></a></p>
<p>Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. &#8220;Du hast die schönsten Augen der Welt&#8221;, sagt er oft. &#8220;So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen.&#8221; Mag ja sein. &#8220;Ich bin das aber nicht&#8221;, flüstert sie. &#8220;Grün ist nicht meine Farbe.&#8221; &#8220;Ich sehe dich so&#8221;, sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer.</p>
<p>Einmal war sie schon so weit, ihn deshalb zu verlassen. Es kann ja keine Liebe sein, dachte sie, wenn er mich so anders sieht als ich mich selbst. &#8220;Es kann keine Liebe sein, wenn du mir vorschreibst, wie ich dich zu sehen habe&#8221;, sagte er. Nach dem Streit und den Tränen und dem Kuss und seinen Händen, ihren Händen, dem Rausch und der Erschöpfung blieb sie doch.</p>
<p>Manchmal träumt sie davon, dass er ihren nackten Körper bemalt, spürt die Pinselstriche, die nasse Farbe, sanft und kühl, dann sein Gewicht, wenn er sie nimmt, auf dem alten, schweren Tisch in seinem Atelier, auch im Traum zerkratzen ihr die angetrockneten Farbreste darauf den Rücken, doch die Striemen sind grün und irgendwann merkt sie, wie ihre Haut sich verfärbt, erst die Finger, dann die Arme, Brüste, Beine, Hals, Gesicht, ist das der Tod? Vielleicht. Dann erwacht sie. Mit Wolken im Kopf und in den Gliedern.</p>
<p>Er ist 15 Jahre älter als sie, und manchmal ist das ein Problem. Wenn sie mit ihm wachsen möchte und merkt, dass er ihren Weg längst gegangen ist. Dann wächst nur die Einsamkeit, und meistens schläft sie in solchen Momenten mit ihm, um zu vergessen und die Unterschiede zu verschmelzen, das funktioniert. Sie hätte gern ein Kind mit ihm. Es hätte seine schwarzen Locken und karamellfarbene Haut, seine große schiefe Nase und diese Zartbitter-Augen, vielleicht ihren fein geschwungenen Mund, ein zartes Mädchen mit ihrer beider Seelen im kleinen Gesicht.</p>
<p>An ihrem 30. Geburtstag führt er sie in sein Atelier, sie mag den Geruch dort und die Atmosphäre, die zärtlichwarme Kälte, den Boden aus Beton. Doch in der Mitte des Raumes ist wieder sie selbst in Grün, zwei mal zwei Meter, ihr Gesicht, ihre Brüste, ihre Hände, ihr Haar, Grün in Grün, als wäre sie eine Zimmerpflanze, lebendig, aber stumm. &#8220;Das bin ich nicht&#8221;, sagt sie leise, der Satz fühlt sich leer an in ihrem Mund, doch zum ersten Mal antwortet er anders als sonst, antwortet: &#8220;Ich weiß&#8221;, und zieht sie an sich. &#8220;Wir übermalen es.&#8221;<br />
&#8220;Wir?&#8221;, fragt sie, da drückt er schon eine rote Farbtube über der Leinwand aus, kleckst damit ein Herz auf das Bild, sie muss lachen, &#8220;du bist albern&#8221;, aber dann wischt sie mit der Hand durch das Herz, über ihre grünen Brüste, die trockene Farbe darunter kratzt, sie greift zu Gelb und Orange und Blau, malt mit den Händen, er sieht ihr zu, setzt hier und da eine Linie, die ihr farbiges Chaos im Zaum hält, ist das noch ein Mensch, den sie da malen? Ja, denkt sie, ein Mensch von innen. Oder zwei. Sie küsst ihn auf den Mund und lacht, singt &#8220;Will you love me tomorrow?&#8221;, ihr Lied.</p>
<p>Sie hat es gesungen, damals in der verrauchten Kneipe, die es nicht mehr gibt und in der sie als Studentin einge Mal aufgetreten ist. Sie mochte es, wie er sie ansah dabei, ja, morgen werde ich dich lieben, aber vielleicht schon heute Nacht. So kam es. Am nächsten Morgen betrachtete sie die feinen Fältchen um seine Augen die kleine Narbe am Kinn, das erste Grau in seinem Haar, alles an ihm rührte sie, wenn er schlief, und alles an ihm erregte sie, wenn er erwacht war. Sie kam jede Nacht, in der ersten Woche, er kam jede Nacht, sechs Jahre ist das her, irgendwann zog sie bei ihm ein, sie singt nur noch manchmal und nur noch für ihn. &#8220;Du bist ihm verfallen&#8221;, sagte eine Freundin, die es als Warnung meinte, doch ihr gefiel der Satz. Und die Vorstellung.</p>
<p>&#8220;Tomorrow and forever&#8221;, sagt er mit seinem Londoner Akzent, den sie liebt, und lächelt. Es ist das erste Mal, dass sie ihm glaubt. Ihre verschlungenen Hände auf der Leinwand, die schmatzende Farbe auf ihrer Haut, das ist das Glück, denkt sie, das Glück, das Glück, die Sonne und ja, auch das Meer, ein Kuss voller Farben, Sekunden voll Licht, das Leben, halt mich, doch diesmal fällt er, fällt, oder sie beide, wer weiß das schon, sie rollen über den Boden, ein Eimer voll schmutzigem Wasser kippt um, sie lachen und weinen und halten sich. Ihr weißes Kleid ist fleckig, sie guckt es an und lacht. &#8220;Ich bin ein fleischgewordenes Klischee!&#8221;<br />
&#8220;Wir beide&#8221;, sagt er und schiebt seine Hände unter den groben Stoff, seine farbigen Hände voller Farbe, erneut muss sie lachen deshalb und er mit ihr, sie küsst seinen dunklen Mund, die großen, weichen Lippen, sein unrasiertes, raues Kinn, küsst und küsst, jetzt ist sie über ihm, er lässt seine Hände von ihr, legt sie hinter den Kopf auf den Boden, sieht zu, wie sie das Kleid auszieht, darunter trägt sie nichts, wozu, sie sind zu Hause, zu Hause, so fühlt es sich an.<br />
Sie öffnet seine Jeans, sein Hemd, zieht ihn aus, spürt ihn in sich, es dauert nicht lange, und die Farben verschwimmen vor ihren halb geöffneten Augen, der Raum dreht sich im Kreis, Zittern, Rausch, Liebe und alles, dann zuckende Stille, leise Tränen und Licht in den Pfützen um sie herum.<br />
Die Augen hatte sie ausgespart auf dem Bild, sie blitzen immer noch grün, wie zwei junge Buchenblätter, es stört sie nicht mehr, sie kugeln über den Boden, &#8220;bleib in mir&#8221;, bittet sie, doch natürlich gelingt das nicht, sein Körper wärmt sie dennoch, sie küsst ihm einen Tropfen von der Schulter und ist ihm nah wie noch nie.<br />
Das war im Frühling.</p>
<p>Im Winter verlässt sie ihn mit der neugeborenen Tochter für einen jungen, schwedischen Dichter mit sanften Händen, Flausen im Kopf und einem Hausboot in Amsterdam. Ein Irrtum, den der Vater geduldig hinnimmt und der vielleicht auch keiner ist. Der Dichter singt dem Baby alte Liebeslieder vor, bei denen es nur selten einschläft, es schläft überhaupt weniger als gedacht. Dafür schläft der Dichter mit der Mutter, Nacht für Nacht, und jede Nacht ein bisschen zu lange. Bald wird er müde. Es ist eine ansteckende Müdigkeit, die sich paart mit plötzlicher Sehnsucht, und so kommt es, dass die Suche dann doch zu Ende ist. Noch bevor die Kleine das erste Mal zahnt, kehrt die Mutter mit ihr nach Hause zurück.</p>
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		<title>Man malt sich oft aus</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Apr 2009 15:12:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tango Paris</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[geheimnis]]></category>
		<category><![CDATA[gespenster]]></category>
		<category><![CDATA[gnade]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[monolog]]></category>
		<category><![CDATA[vergangenheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Man malt sich oft aus, wie man die Gespenster der Vergangenheit, sollten sie unerwartet vor einem stehen, vertreiben oder verprügeln würde. Der Freund, der sich in dasselbe Mädchen verliebte, der Lehrer, der einen vor der Klasse demütigte oder, oder, oder. &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/04/05/man-malt-sich-of-aus/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Man malt sich oft aus, wie man die Gespenster der Vergangenheit, sollten sie unerwartet vor einem stehen, vertreiben oder verprügeln würde. Der Freund, der sich in dasselbe Mädchen verliebte, der Lehrer, der einen vor der Klasse demütigte oder, oder, oder.</p>
<p><a href="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/04/Die-hohe-Kunst-der-Indisktretion.jpg" rel="lightbox[1876]"><img class="alignleft size-medium wp-image-3436" title="Die hohe Kunst der Indisktretion" src="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/04/Die-hohe-Kunst-der-Indisktretion-285x196.jpg" alt="" width="285" height="196" /></a>Es sind die großen und kleinen Kränkungen, die nicht weichen wollen und sich in lauen Momenten ins Gedächtnis schleichen. Man denkt, man könnte sie dadurch überwinden, dass man über sie redet, aber das stellt sich als eitle Hoffnung heraus. Die, denen wir unsere Geheimnisse (es sind Geheimnisse die wir hüten, wie Narben aus einem vergessenen Krieg) anvertrauen um in ihren Augen Gnade oder Zuneigung zu finden, verstehen uns meistens nicht. Sie können nur das verstehen, was sie selbst, zumindest in ähnlicher Form erlebt haben. Das Bett löst die Zunge und wir verraten dort fast alles um Gnade zu finden, in den Augen oder (das Licht wird gelöscht) in den Armen des anderen, der uns mit verstehender Stimme sagen soll, dass wir von den Dämonen erlöst sind, die auch er kennt. Vor Jahren lag ich mit einer Frau in einem Bett in einem Hotel in einer Stadt, die für uns beide fremd war. Wir redeten über die üblichen Dinge, vergangene Liebschaften, die im Licht der Gegenwart immer ein wenig lächerlich und vergebens wirken, über Dinge, die uns oder gemeinsamen Bekannten zugestoßen sind. Es liegt oft ein wenig Verachtung darin, wenn man mit einem vertrauten Menschen über das Unglück eines Menschen spricht der früher der Vertraute war &#8211; wir verraten die Vergangenheit.<span id="more-1876"></span></p>
<p>Ich lag neben der Frau, die nicht mehr so nackt war, wie noch vor ein paar Stunden, als es dunkel war, und wollte, dass sie mich versteht, oder vielmehr, dass sie mich so sieht, wie ich mich selbst sehe und gesehen werden möchte. Immer will man mehr sein als man ist, der Clown will, dass man seine Meinung über die Politik eines x-beliebigen Landes anhört ohne zu lachen, der Hässliche will, dass man seine zarte Seite sieht, die er nicht zeigen kann, aus Furcht vor dem Spott. Auch die, die mit dem Bild, das sie in der Öffentlichkeit abgeben zufrieden sein könnten, wollen mehr sein als dieses Bild. Der Gutmütige will geheimnisvoll wirken und der Sanfte  wild. Ich wollte in einem Moment der Wilde sein, der der Frau neben mir zeigt, dass ich als Kind und Jugendlicher alles andere als brav war, als müsste ich betonen, dass ich  Fabrikhallen angezündet und Autos demoliert habe. Sie hörte freundlich interessiert zu, aber ich konnte eben nicht aus meiner Haut. Es gibt Menschen denen man sofort glaubt, dass sie als Jugendlicher Fabrikhallen angezündet und Autos demoliert haben, man kann sich bei ihnen eigentlich nichts anderes vorstellen, als solche Beschäftigungen und dann gibt es die anderen, bei denen man es sich zwar vorstellen kann,  es einem aber dennoch überrascht und man fragt gleich: Wie konnte  dir denn das passieren?  So als ob man  durch seltsame Zufälle in eine Situation gerät, die dem Naturell, das man hat, nicht entspricht. So war es bei mir, ich wirkte zwar nicht wie ein Chorknabe (ich kannte tatsächlich einen Chorknaben, den ich nicht ausstehen konnte) aber auch nicht wie ein  Brandstifter, ich lag irgendwo im Bereich dazwischen, wie die meisten, und im Alltag  war ich damit auch immer zufrieden, aber im Bett mit einer Frau will man mehr sein als man ist, deswegen die Geschichte mit dem Brand und den demolierten Autos, die zwar wahr ist, aber nicht  typisch für mich. Später beschrieb ich der Frau eine Situation aus meiner Schulzeit. Es war der Tag der Zeugnisvergabe, ein Termin der während meiner gesamten Schulzeit ein Tag der Spannung und Angst war. Der Lehrer stand am  Pult gelehnt vor der Klasse, die Zeugnisse in der Hand. Er rief nach und nach die Namen der Schüler auf, die dann das Zeugnis bekamen, dazu sprach er den ein oder anderen persönlichen Kommentar: Anita, du bist fleißig, aber in Deutsch kannst du mehr, Patrick, du könntest in Mathematik viel mehr als du zeigst, Simone, eine Eins in Sport, sehr gut.  So ging es vor sich, der eine wurde gelobt, der andere ermutigt, mancher ermahnt. Am Ende hatte er nur noch ein Zeugnis in der Hand und da ich noch nicht an der Reihe war, musste es meines sein. Statt es mir mit einem Lob oder Tadel zu überreichen tat er allerdings etwas anderes. Er stellte sich vor mich, nahm mein Zeugnis in beide Hände und zerknüllte es, dann hob er es hoch, zeigte es der Klasse und sagte, dass er meine letzte Schularbeit so zerknittert  zurückbekommen habe, wie es nun das Zeugnis sei, dann reichte er mir das zerknitterte Blatt und fragte mich, was ich  meinen Eltern sagen würde, wenn sie mich fragen sollten, wieso das Zeugnis so zerknittert sei. Ich antwortete leise, sehr leise, dass ich ihnen sagen würde was geschehen sei, wusste in dem Moment aber was das bedeuten würde. Ich müsste ihnen die ganze Geschichte erzählen und sie würden sowohl vom Zustand meiner Schularbeit erfahren als auch von deren Existenz, die ich vor ihnen lieber geheim gehalten hätte. Darauf sagte er, dass meine Eltern mir das wohl kaum glauben würden und dass er, sollte man ihn fragen, sagen würde, dass er mir das Zeugnis in tadellosem Zustand gegeben hätte. Dann schaute er die Klasse an und fragte ob von ihnen denn einer gesehen hätte, dass er mein Zeugnis zerknittert habe. Keiner sagte ein Wort, nur einer, er schaute den Lehrer ebenso fragend an wie der Lehrer die Klasse und sagte: Wie, was ist denn passiert? Ich habe nichts gesehen. Danach herrschte Schweigen im Klassenzimmer, der Lehrer zuckte bedauernd die Schultern und sah mich an, ich schaute die Tischplatte an, ich weiß nicht wie lange, irgendwann ging er dann zum Pult und zog aus seiner Aktentasche ein Blatt, das sich als mein echtes Zeugnis herausstellte, das zerknitterte war eine Kopie gewesen. Dieses Erlebnis hatte ich der Frau erzählt, die mit mir im Bett lag, sie zuckte die Schultern und meinte, dass Lehrer manchmal blöd wären.<br />
Mehr sagte sie nicht.</p>
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		<title>Grau, nicht Rot</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Mar 2009 15:21:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgesagt]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Grau, nicht Rot sollte die Farbe der Liebe sein, erst in diesen feinen Abtönungen scheint auf, was wir im Inneren abtasten. Nicht in diesem triumphierenden Rot.&#8221; - Uwe Timm, &#8220;Der Freund und der Fremde&#8221;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>&#8220;Grau, nicht Rot sollte die Farbe der Liebe sein, erst in diesen feinen Abtönungen scheint auf, was wir im Inneren abtasten. Nicht in diesem triumphierenden Rot.&#8221;<br />
- Uwe Timm, &#8220;Der Freund und der Fremde&#8221;</p></blockquote>
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		<title>Das waren wir. Erinnerungen an ein halbes Jahr.</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Mar 2009 11:55:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gewitterhexe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[monolog]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[sex]]></category>
		<category><![CDATA[skepsis]]></category>
		<category><![CDATA[vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[vertrauen]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit du gegangen bist, ist mein Körper traurig. Weinen kann ich kaum. Die Trauer ist tief in mir vergraben. Ich lenke mich bis zur Erschöpfung ab, lese, bis mir die Augen zufallen, bin so abgelenkt wie möglich und so wenig &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/03/14/das-waren-wir-erinnerungen-an-ein-halbes-jahr/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit du gegangen bist, ist mein Körper traurig. Weinen kann ich kaum.<br />
Die Trauer ist tief in mir vergraben. Ich lenke mich bis zur Erschöpfung<br />
ab, lese, bis mir die Augen zufallen, bin so abgelenkt wie möglich und<br />
so wenig traurig wie nur irgend geht.</p>
<p>Unser erster Kuss hat mir nichts bedeutet, du weißt. Ich erzählte es dir<br />
Monate später. Es war eine Laune, es war Sommer, es war eine warme<br />
Nacht, es wurde schon wieder Morgen. Warum ich es tat, das kann ich<br />
bis heute nicht mit Sicherheit sagen, aber ich weiß, es war nicht, weil ich<br />
dich wollte. Nicht so. Das kam erst später. Als meine Hand frisch operiert<br />
und verbunden war, unser erstes Wochenende. Wir verbrachten viel mehr<br />
Zeit miteinander als geplant, aus einem Kaffee wurde ein ganzes langes<br />
Wochenende, das letzte Wochenende des Sommers (so zumindest<br />
erinnere ich es). Wir kannten uns noch kaum, doch etwas in meinem<br />
Inneren sagte „vertrau ihm“ und ich vertraute dir und es war das<br />
Selbstverständlichste von der Welt, als ich zu dir sagte „zieh mich aus“<br />
und „zieh mich an“ und „schneide mir bitte eine Scheibe Brot“. Als du<br />
zum ersten Mal mit mir in meinem kleinen Bett übernachtet hast, als ich<br />
erwachte, als ich mich in deinen Armen fühlte wie im Sonnenschein. Ich<br />
fühlte mich angekommen. Wir konnten uns danach nie einigen, an<br />
welchem Tag unser Wir begonnen hatte, aber für mich war es klar: es<br />
war jener, als ich morgens neben dir erwachte und mich in deiner Wärme<br />
sonnte.</p>
<p>Unsere Beziehung war nicht einfach, viel gemeinsam haben wir nicht. Du<br />
magst amerikanische Serien und ich deutsches Autorenkino, ich gehe gern<br />
in Museen, du prinzipiell nicht. Meine bunten Socken fandest du kindisch,<br />
ich dein Zimmer viel zu karg. Ich koche gern und wenn du wieder Nudeln<br />
mit Pesto und Gouda essen wolltest, konnte ich mich des Gefühls nicht<br />
erwehren, du gibst dir keine Mühe für uns. Ich mache gern Komplimente,<br />
du warst sparsam damit und davon peinlich berührt. Es hat Monate<br />
gedauert, bis sich unsere Körper miteinander bekannt gemacht und<br />
angefreundet hatten.</p>
<p>Mir fiel es schwer zu sagen, was ich an dir mochte, dir erging es ebenso.<br />
Ich hatte immer Hunger nach Liebe, an dir, bei dir und mit dir wurde ich<br />
nicht satt, du hast das wohl gespürt. Ich fühlte mich ungenügend, weil du<br />
mit deiner Zuneigung so sparsam warst, du fühltest dich ungenügend,<br />
weil ich immer nach mehr verlangte, als du zu geben bereit warst (oder<br />
geben konntest, ich weiß es nicht). Unzulänglichkeiten. Unzufriedenheit.<br />
Unglück.</p>
<p>Ich wollte gern mit dir Alltag teilen, aber nicht Alltag für dich sein, doch<br />
viel zu oft fühlte es sich für mich so an.</p>
<p>Und doch hatte ich in den letzten Wochen das Gefühl, dass wir einander<br />
näher rücken. Eine Erinnerung, die noch ganz frisch ist: Nach einer Party<br />
gehen wir durch die nächtliche Stadt zu dir, du schließt deine Augen,<br />
willst von mir so heimgeführt werden. Die Löcher im Asphalt, die<br />
Bordsteine, die Ampel, meine Beschreibung der Welt und die Geräusche<br />
der Autos, der Passanten, der Vögel, dienen dir als Orientierung. Du<br />
warst so konzentriert und ich meine zu spüren, es bereitet dir große<br />
Freude. Und ich freue mich an deiner Freude und ich bin von deinem<br />
Vertrauen so gerührt.</p>
<p>Und doch war die Wärme deines Rückens, wenn ich mich an ihn<br />
schmiegte, für mich trotz allem stets viel mehr als nur dies: ein warmer<br />
Rücken.</p>
<p>Mir ist zu kalt, mir ist zu warm, ich bin erschöpft, ich kann nicht schlafen.<br />
Ich erwache so müde, wie ich am Abend zu Bett gegangen bin, an meine<br />
Träume kann ich mich nicht erinnern, nur ihre Schwere spüren. Mein<br />
Körper trauert, er vermisst dich schon mit aller Wucht, er vermisst deinen<br />
Körper, deine Haut, deine Wärme. Er vermisst dich auf eine ganz eigene<br />
Weise; er spürt genau, was ich noch längst nicht verstehen will,<br />
verstehen kann: dass wir für immer das letzte mal Haut an Haut waren.<br />
Dass unsere Beziehung zwar mehr als etwas Halbes, aber auch nichts<br />
Ganzes war, dass niemand ein halbes oder ein zweidrittel Glück will, dass<br />
das weh tut, für die eine mehr und den anderen weniger, aber letztlich<br />
für beide.</p>
<p>Es ist Februar und überall sind Vögel. Es ist Nacht, es regnet. In meinem<br />
Hinterhof singt ein Vogel wie im Frühling und das ist weniger als ich noch<br />
vor Tagen vom Leben erwartet habe und mehr als ich mir momentan zu<br />
erhoffen wage. Ein kleines, kostbares Glück. Über die nächtliche,<br />
regnerische Stadt ziehen die Kraniche, sie schreien, sie kommen schon<br />
aus dem Süden. Hoch oben, auf einem Hügel nahe beim Dorf meiner<br />
Kindheit sitzen die schwarzen großen Raben in den Bäumen über den<br />
Feldern, über den Disteln, über den Steinen. Hier scheint sich alles zu<br />
schließen, ist das Regression oder bin ich am Anfang, um von hier aus<br />
neu beginnen zu können, brauche ich diesen Punkt, um mich von hier aus<br />
abstoßen können, alles auf Start, rewind and play.</p>
<p><em>and out through the chimney<br />
and into the sky<br />
the clouds they are empty<br />
and a bird flies by </em></p>
<p>Wie du zur Begrüßung im Kreis winkst,<br />
wie du trinkst und dann ein zufriedenes Geräusch machst wie in der<br />
Werbung,<br />
wie du deine Stirn in Falten legst, wie sie sich entspannt, selten aber<br />
manchmal,<br />
wie du beim Zähne putzen Gymnastik machst,<br />
wie sich dein Hinterkopf in meiner hohlen Hand anfühlt,<br />
wie du uns zum Frühstück Espresso mit Milchschaum zubereitest und Ei<br />
und Brot und Müsli,<br />
wie wir uns nahe sind, Hand in Hand, Bauch an Rücken und Rücken an<br />
Bauch.</p>
<p>All das wird bleiben, nah und warm. Und es gibt keinen Grund, dir<br />
wütend und von dir enttäuscht zu sein. Aber wir konnten einander kein<br />
Glück sein. Wir waren einander ungenügend, wohl nicht einmal<br />
ausreichend, schon gar nicht: gut. Zumindest nicht unter dem Strich,<br />
zumindest nicht, wenn du ihn ziehst. Das habe ich verstanden. Es hat<br />
seine Richtigkeit. Doch sehe ich es trotz allem anders, zumindest noch<br />
jetzt; und verstehen ist nicht dasselbe wie überstehen, das sangen schon<br />
die Sterne. Und eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.</p>
<p>„Auf Wiedersehen. Wenn du magst“ hast du zum Schluss gesagt.</p>
<p>Lass mir Zeit.</p>
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