Tag: party

Platinblut

“Ich betoniere mein Herz ein, danach schlafe ich mit ihm. Ich lasse ihn kommen in meinem Mund und empfinde keinen Schmerz mehr, nur Lust. Seine Lust? Meine Lust? Ich weiß es nicht. Ich verschwinde in dieser Liebe und spüre kein Bedauern. Wenn ich ihn küsse, fühle ich nur Kuss. Nicht: deine Lippen, meine Lippen, auch keine Zunge, keine Zähne, nur Kuss. Alles ist ganz klar, nichts verschwimmt. Ein Kuss ist ein Kuss, ein Fick ist ein Fick, Liebe ist Liebe und Schmerz ist Schmerz. Ich fühle alles, und er kennt mich nicht. Soweit der Wunsch, soweit die Angst. Wahrheit ist etwas anderes. In Wahrheit sind das alles Sätze, die nach mehr klingen, als sie sind. Gefühlshüllen, um irgendeine diffuse Nacktheit zu bedecken, irgendein Unglück oder Glück, für das mir die Worte fehlen. Ich denke nicht mehr, aber mein zubetoniertes Herz schlägt heftiger als zuvor.”

Nana legt den Stift beiseite.
“Was schreibst du?”, fragt David.
“Über dich”, antwortet sie.
“Darf ich lesen?”
“Lieber nicht.”
„Komm her“, verlangt er leise, und sie steht auf, kommt.
Er liegt auf dem Bett, streckt einen Arm aus, umfasst ihr nacktes Bein und zieht daran, bis sie fällt. Umarmung. Kuss. Vergessen. Glück. Gib mir deine Hand. Deine Hände.
Vielleicht hat er das gesagt. Kurz umschlingt er mit den Fingern ihre Gelenke, streicht mit dem Daumen über ihre Pulsadern, sie wird ganz weich unter seinem Gewicht. Durchs Fenster fallen ein paar Abendsonnenstrahlen, der Ring an seinem Finger blitzt. Platin, hat er ihr mal ungefragt erklärt. Der Ring ist immer kalt.
“Rutsch hoch.”
Handschellen. Gitterbett. Er verbindet ihr die Augen, zieht ihr den Slip aus und schiebt ihr T-shirt bis zum Hals, mehr trägt sie nicht. Sie spürt seine Blicke, sekundenlang, minutenlang, tausend Augen, bis sie das Warten kaum noch erträgt. Dann schiebt er etwas Kühles, Metallenes in sie hinein, und sie kommt augenblicklich, leise, heftig, obwohl sie nicht will. Sie wollte ihn und seine Wärme.
Später fickt er sie doch, aber es ist nicht dasselbe.

Nana mag seine Frau sogar, obwohl sie sie nicht gut kennt. Manchmal begegnet sie ihr auf Partys gemeinsamer Freunde. Sophie. Sie ist jünger, süßer, blonder, fast zu jung für eine Ehefrau. Es gibt Fotos von ihnen beiden, einige hat David gemacht, zwei strahlende Ladys mit Sektglas in der Hand. Keine Lüge in den Augen, alles wirkt rein.

„Mein Lachen ist echt, obwohl ich innerlich blute vor lauter Sehnsucht und Traurigkeit. Mir hilft mein Betonherz, über das ich bei solchen Gelegenheiten noch eine dicke Platinschicht gieße, damit ich auch von innen glänze und alle mich ganz bezaubernd finden, aufregend, inspirierend und schillernd.“

Nana flirtet mit jedem und will nur ihn. Als ein flüchtiger Bekannter, mit dem sie drei oder vier Mal geschlafen hat, ihre Hüfte umfasst, hält sie still. Sie will dass David es sieht, obwohl sie weiß, dass er das lächerliche Spiel durchschaut. Es geht nur um Ruhe. Ein wenig entspannt sie unter der fremden Hand. Sie findet sich wieder in einer Umarmung, die ihr gleichgültig ist, und sucht mit den Augen nach David und Sophie. Die Zärtlichkeit zwischen den beiden bringt sie fast um, aber sie lächelt. Eifersucht hat sie noch nie als Wut gekannt oder Hass. Vielleicht wäre das leichter. Vielleicht auch nicht. David legt den Arm um Sophie, und es sieht richtig aus. Jemand fotografiert.

Zwei Stunden später fängt David Nana ab, als sie gerade von der Toilette kommt. Er drängt sie in eine Ecke, umfasst ihre Brüste, küsst sie, dann schiebt er eine Hand unter ihr Kleid, zwischen ihre Beine.
“Spinnst du? Deine Frau ist hier!”
“Sie ist gerade draußen.” Er hört nicht auf. “Ich hab dich mit diesem Kerl gesehen.”
“Ich bin dir nichts schuldig.”
“Ich weiß.”
Der Fick auf der Toilette dauert eine Minute, vielleicht auch zwei. Ihre Hände zittern, ihre Haut brennt. Als sie ihr Make-up richten will, bemerkt sie eine kleine Wunde an der Lippe. David ist wieder bei den anderen. Und bei Sophie.

Zumindest denkt Nana das, aber als sie zur Party zurückkehrt, erfährt sie, dass er gegangen ist. “Ihm war nicht gut”, sagt Sophie, die sie an der Bar trifft.
“Warum bist du nicht mit ihm heim?”
“Ich bin nicht müde. Er meinte, es sei okay, wenn ich bleibe. Noch einen Sekt?”
“Gern. Danke.”
Hübsches Mädchen, denkt Nana nicht zum ersten Mal. Sophie hat das Haar zusammengebunden, eine einzelne Locke fällt ihr ins Gesicht. Ihre Augen haben eine unbestimmt helle Farbe und eine beinahe asiatische Form.
Sie reden eine Weile über Belangloses, doch Alkohol löst Zungen. Monatelang hat Nana immer die Kurve bekommen, war perfekt in ihrem Schweigen und ihrer Maskenhaftigkeit, aber jetzt bricht es aus ihr heraus, unvermittelt, ohne Vorwarnung: „Ich schlafe mit deinem Mann.“
Nach einer kurzen Pause blickt Sophie sie an. Fest und ruhig, ihre Augen sind feucht, aber keine der Tränen droht zu entwischen.
„Weiß ich doch”, sagt sie leise. “Oder hab es vermutet. Ich wollte warten, dass es vorbeigeht.“

“Der Schock kommt merkwürdig sanft. Wie selbstverständlich fügt er sich ein in die Verwirrung meiner Seele. Meine Zuneigung zu Sophie war noch nie so groß wie jetzt. Gleichzeitig zerbricht etwas in mir. Ganz plötzlich, ganz banal. David und mich gibt es nicht mehr.”

„Es ist vorbei”, flüstert Nana, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. “Zu sagen, es täte mir leid, wäre gelogen. Ich habe jede Sekunde mit ihm gewollt. Aber jetzt ist es vorbei.”
Sophie rührt sich kaum. “Danke”, sagt sie knapp. Sie legt ihre Hand auf Nanas und drückt sie leicht, bevor sie geht.

“Die Wochen danach sind hart. Ich gehe nicht mehr ans Telefon und kaum noch aus dem Haus. Weine mir die Augen blind, wenn ich ihn vor meiner Tür betteln höre, ihn hereinzulassen. Einmal gebe ich nach, und wir stürzen uns aufeinander wie Tiere. Als er geht, bin ich wie in Trance. Ich schlage mit dem Kopf gegen die Wand, um aufzuwachen, doch es gelingt mir erst Tage später. Schmerz ist Schmerz, und ich streue Salz in die Wunden, indem ich mir ein ums andere Mal Partyfotos ansehe von David und Sophie, die innigsten, liebevollsten, bis die Verletzung Teil meines Ichs wird und keine Macht mehr über mich hat. Ich schwöre, mich nie wieder zu verstecken und befreie mein Herz. Laufen lerne ich später. Und dann bis zum Horizont.”

Paris fickt das Meer

Als Tom und Mira das erste Mal miteinander sprechen, ist er als Eiffelturm verkleidet, und sie trägt ein mit Muscheln beklebtes Kleid. Ein Geplänkel über die wenig subtile Symbolik ihrer Kostüme bricht das Eis. Beim Lachen bläst Tom ihr Rauch ins Gesicht, und sie sieht ihm an, was er denkt: Vielleicht geht da noch was. Sein selbstsicheres Begehren amüsiert und langweilt sie gleichermaßen.

Na ja, schimpft sie sich innerlich. Du denkst doch dasselbe.
Männer denken das ständig, antwortet sie sich stumm. Ich nur, wenn es wirklich stimmt.
Da muss sie lachen.
“Was ist?”, fragt Tom. Sie schüttelt den Kopf, “nichts”, und küsst ihn. Er geht sofort darauf ein, ganz selbstverständlich, vielleicht hat auch er sie zuerst geküsst. Wenigstens etwas Originelles diesmal. Die Geschwindigkeit, ein Kuss nach kaum zwei Minuten Gespräch. Mit einem Mann im Eiffelturm-Kostüm. Sie kommt sich vor wie in einem studentischen Experimentalfilm, schwarzweiß natürlich, ein paar Muscheln zerbrechen, sie hört sie knacken, von drinnen tönt leise die Partymusik. “Show me the way to the next whiskey bar…”
“Wie heißt du eigentlich?”, fragt sie, als sie kurz voneinander lassen, und wünscht im selben Moment, sie hätte nicht gefragt.
“Tom”, sagt Tom, bevor sie ihn daran hindern kann. Dann küssen sie einander weiter, und seine linke Hand landet auf ihrer Muschel-Brust. Gleich schneidet er sich an einer kaputten Schale die Finger auf, denkt sie, aber nichts dergleichen passiert. In der rechten Hand hält er immer noch seine Zigarette, genau wie sie. Lautlos fällt Asche auf den Asphalt.
“Da seid ihr also” unterbricht sie ein Typ mit Baskenmütze und grinst.
“Da sind wir also”, sagt Mira und streicht sich die Haare glatt. “Wir wollten gerade wieder rein.”
Tatsächlich ist die Feier noch nicht allzu weit fortgeschritten, es ist zu früh, um die Gastgeber im Stich zu lassen. Toms Freund Marc und Miras Kollegin Sabine sind ein Paar und wandern gemeinsam nach Frankreich aus. Darum die Abschiedsparty heute, inklusive Motto, an das sich erstaunlich viele Gäste gehalten haben, wobei Baskenmützen, “I love Paris”-T-shirts und improvisierte Can-Can-Kostüme überwiegen. Gepackte Umzugskisten dienen als Bartische, an den Wänden hängen Poster alter französischer Filme. “Außer Atem”, “Die Liebenden”, “Jules und Jim”.
“Hat Style, findest du nicht?”, fragt Tom.
Mira nickt abwesend. “Entschuldige mich, ich muss mal kurz…”, sagt sie und deutet Richtung Toilette.
Er grinst. “Soll ich mitkommen?
“Immer langsam.” Sie schlägt seine Finger von ihrem nackten Arm und lässt ihn allein.

Auf der Toilette kramt sie in ihrer Handtasche nach Kondomen. Tatsächlich findet sie noch zwei. Sie könnte also mit Tom schlafen, wenn sie will, und ein bisschen will sie. Vielleicht später noch mehr. Griffbereit steckt sie sie in ein kleines Seitenfach der Tasche. Ihr Spiegelbild wirkt müde, der anthrazitfarbene Lidschatten ist etwas verwischt, unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Schnell korrigiert sie das Make-up, seufzt kurz, lächelt sich zu und kehrt ins Wohnzimmer zurück. Zu den Umzugskisten, den Filmplakaten, ihrem Sektglas und Tom.

Draußen hat es begonnen zu regnen, die Tropfen prasseln an die Scheiben. Ein Spätsommer-Gewitter. Die Stimmung steigt proportional zum Alkoholpegel, doch als die ersten zu tanzen beginnen, wird es plötzlich dunkel und still. “Stromausfall!”, quietscht jemand, Tom tastet nach Miras Hand, seine fühlt sich rau an, fremd und gut. Der Stille folgt Gelächter und hektisches Gemurmel. Im schwachen Schein einzelner Handy-Displays und Feuerzeuge zieht Mira Tom ins Bad, tastet im Dunkeln nach dem Toilettendeckel und klappt ihn hinunter, sodass Tom sich setzen kann. Er schiebt ihr Kleid hoch, sie öffnet seine Hose, das blinde Auspacken und Überziehen des Gummis sorgt für eine Verzögerung, bevor sie ihre Handtasche fallen lässt und Tom in sie eindringt. Paris fickt das Meer, das Meer fickt Paris. Die Stadt der Liebe und der Ort der Sehnsucht. Sex mit einem Fremden hat sich für Mira noch nie heiß angefühlt, sondern im besten Fall kühl und glatt, rund und schön und klein, wie ein vom Salzwasser geschliffener Kiesel. So auch jetzt. Vielleicht sogar etwas besser. Ganz früher dachte sie, das sei auch eine Form von Liebe, nur eben eine, die keinen Bestand hat über den Akt hinaus. Später akzeptierte sie, dass nicht alles aus Liebe geschieht. Dass auch sie nicht alles aus Liebe tut. In der Dunkelheit sieht er nicht, dass ihr die Tränen kommen. Es sind nicht viele, und sie trocknen schnell. Manchmal passiert das, es ist kein schlechtes Zeichen, im Gegenteil. Sie spürt Tom in sich zucken und lächelt, als ihm ein kleiner Seufzer entweicht. Er hält sie fest. “Das war gut.”
“Ja”, sagt sie und küsst ihn auf den Mund. Dann löst sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung, steht auf und streicht ihr Kleid glatt, von dem sich einige Muscheln gelöst haben.

Aus dem Wohnzimmer ertönt wieder Musik, und durch den Türspalt sehen sie, dass auch das Licht wieder brennt. Sie kehren zurück zu den anderen und dann vor die Tür, weil Mira eine Zigarette rauchen will und Tom meint, das habe er auch gerade vorgehabt. Wird stimmen.
“Was hast du gefühlt?”, fragt er, und Mira lacht. “Ist das die Softie-Version von ,Wie war ich?’”
“Kann sein”, murmelt er und blickt verlegen auf den Boden. “Du bist so anders und seltsam, aber schön”, spricht er weiter, und weil sie das gerne wäre oder ist, anders und seltsam, aber schön, lächelt sie und guckt an ihm vorbei in die Nacht.
“Ich würde dich gern wiedersehen”, fährt er fort, und es klingt anders als sonst, klingt als meine er es tatsächlich mit der Betonung auf -sehen.

Weil der Nieselregen und der Qualm und der Sekt sie melancholisch stimmen, hat Mira plötzlich Mut zum Pathos und zu Poesie: “Die Tür zu meinem Herzen müsstest du eintreten”, flüstert sie. “Ich habe sie abgeschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen.”
Er reagiert, als sei das eine normale Antwort auf seinen Wunsch: “Immerhin gibt es eine Tür.”
“Ja”, sagt Mira.
Tom nimmt sie in den Arm. “Ich rufe den Schlüsseldienst.”

© 2014 HIMMELENDE

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