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	<title>Himmelende &#187; schemen</title>
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	<description>Everything will be okay in the end. If it’s not okay, it’s not the end.</description>
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		<title>Anzeichen des Verschwindens</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 08:55:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rücklicht]]></category>
		<category><![CDATA[Notiz]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn, nachdem man 2 Monate sein Handy ausgeschalten, alle Mails und Post unbeantwortet liegen gelassen hat, niemand stutzig wird und niemand einen vermisst, kann das verschiedene Ursachen haben. Man kann zum Beispiel ein unausstehlicher Bastard, ein wirklich fürchterlicher Mensch sein, &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/05/31/anzeichen-des-verschwindens/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn, nachdem man 2 Monate sein Handy ausgeschalten, alle Mails und Post unbeantwortet liegen gelassen hat, niemand stutzig wird und niemand einen vermisst, kann das verschiedene Ursachen haben. Man kann zum Beispiel ein unausstehlicher Bastard, ein wirklich fürchterlicher Mensch sein, mit dem man keine Minute seines Lebens verbringen möchte und dem man am liebsten mit einem mit 10-Cent Stücken gefüllten Strumpf ordentlich eins vors Hirn knallen möchte. Oder man ist einfach nur eine arme Sau, der die Batterien rausgenommen wurden; ein Übersehener, der auf dem Altkleiderhaufen sitzt, Däumchen dreht und Ozonlöcher in den Himmel starrt. So oder so ist es faktisch aber doch wohl eine ziemlich bombenfeste Sache, dass man ab jetzt zu der Sorte Mensch zählt, die z.B. von den Folgen einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit dahingerafft in der Wohnung liegen, ungestört vor sich hin stinken und erst vom Wasserzählermann entdeckt werden.<br />
&#8220;Und dabei war er doch so ein anständiger Kerl.&#8221;<br />
Die Tür ist nur einen Spalt auf, Frau Paschulke wird den RTL-Reporter nicht in die Wohnung lassen. Es riecht nach Wirsingkohl.</p>
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		<title>Alltag, Etwas</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 14:16:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit zwei Scheiben Brot, vier Tassen Kaffe und einer reichlich überzogen naiven Vorstellung von dem, was dieser Tag so alles bringen könnte begann Foster. Oftmals ist eine große Portion Unbedarftheit zwingend notwendig, um nicht mit einem Kniefall aus dem Bett &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/11/06/alltag-etwas/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit zwei Scheiben Brot, vier Tassen Kaffe und einer reichlich überzogen naiven Vorstellung von dem, was dieser Tag so alles bringen könnte begann Foster. Oftmals ist eine große Portion Unbedarftheit zwingend notwendig, um nicht mit einem Kniefall aus dem Bett heraus zu beginnen und reumütig um den Tag herumzuschwänzeln, wenn er die ersten Strahlen durchs Fenster wirft; wie ein Demutsköter, der sein Herrchen scheut, bloß weil es die Hand hebt.</p>
<p>Der Morgen ist für Foster die Nacht der Seele. Die schlimmste Tageszeit, psychisch. Dementsprechend vorsichtig muss sie angefasst werden, sonst kommt es zu Eskalationen und das kann nicht absehbare Folgen für den weiteren Verlauf des Tages haben.</p>
<p>Es musste also genau die richtige Dosis Unbedarftheit und Honigbuttertoast gewesen sein, denn er schaffte den Tag und nicht umgekehrt, was oft genug passierte. Das merkte er aber zumeist erst dann, wenn der Abendvorhang fiel, samtschwer und purpur und ihm das Tagesgeschäft so auf die Nerven ging, dass ihm am Ende jedes einzelne Haar wehtat. An seiner Sensibilität für die Effekte strapaziösen Borderline-Journalismus musste er noch feilen, soviel stand fest, sonst würde er ziemlich bald von einer koronaren Herzkrankheit, einem ischämischer Apoplex oder den Folgen einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit dahingerafft werden, egal ob er dann noch der Risikogruppe der Schreibenden, der permanenten Selbstzweifel ausgesetzten Anpassungshelden angehören würde oder nicht.</p>
<p>Die Luft war spiegelkalt und die kühle Bedeutungsschwere der Nacht lag noch auf den Straßen, waberte als Nebel über der Asphaltstadt, als sich die Schemen alltäglicher Morgenroutine der Dinge feingliedrig wie Spinnenbeine ihm entgegenstreckten. Trambahnen und Autos und Busse, Relais und Hupen und Vergaser. Und dazwischen Menschengezwitscher und Vogelstimmen, schreckhafte Geräusche, die sich aus dem mechanischen Morgegrummeln vorsichtig herausschälten, als seien sie nur eine unwirtliche Interpretation der Realität; eine mögliche von vielen, ein karger Verdruss der Wirklichkeit. Es würde Großes passieren, die Zeichen waren eindeutig. Und Foster musste sich beeilen, um heil aus dieser Sache heraus zu kommen.<span id="more-3029"></span></p>
<blockquote><p>Diese Stadt kriegt uns noch, sie steckt uns tief in den Knochen.<br />
Wir können von Glück reden, wenn wir an einem Stück hier raus kommen.</p></blockquote>
<p>Alles begann mit großer Gelassenheit. In zwei Tagen würde das Oktoberfest beginnen. Das Millionendorf hübschte sich zu zweieinhalbfacher Größe auf, drehte die schillerndsten Pfauenfedern nach aussen und kehrte die Obdachlosen mit breitstrahligen Hochdruckreinigern vom Trottoir des Bahnhofs zurück unter die Brücken. Binnen zweier Tage würde hier der Wahnsinn ausbrechen und man merkte jetzt schon, wie ihre Behälter langsam vollliefen. Da musste man kein großer Aufmerksamkeitskünstler sein, es reichte aus, sich vor die Bahnhofshalle zu stellen und dabei zuzusehen, wie die Menschenwellen endlos an die Sicherheitsabsperrungen vor der Stahltristesse des Ausgangs brandeten. Nimmermüde Rolltreppenwürmer, die sich durch den Beton fraßen, schraubten die Horden auf dem Rücken ihrer gezackten Glieder auf die oberen Ebenen oder, diametral entgegengesetzt die Unteren.</p>
<p>Auf dem Rolltreppenwurm, auf dessen Rücken Foster hohlkreuzig wie eine don-quijoteske Karikatur stehend in den Untergrund ritt, statt Schild und Harnisch ein wohlwissendes Siegermienenspiel zur Schau tragend, es stünde der Untergang des Abendlandes kurz bevor und nur er allein könne sich mit seinem ganzen Gewicht lanzenspießend der Gefahr entgegenlehnen, um sie aufzuhalten, roch es nach getrocknetem Schweiß und Erbrochenem. Die stummen Zeitungsdiener waren voll von Sensation, blieben an der Oberfläche zurück und verschwanden bald aus seinem Sichtfeld. Am Bahnsteig des Untergrunds flanierten und posierten sie alle wie Wild, es war das Zenit der Balzzeit längst überschritten.</p>
<p>Foster hatte sich für diesen Tag nichts vorgenommen. Es war also eher ein Schlendern, ein wenig Taumeln, ein Strawanzen war es; es war ein ohne Ziel, ein ungerichtetes Wandern. Ankommen war nicht Bestandteil des Plans, den es nicht gab.<br />
Dann ein elektrisches Warten auf die U-Bahn. Foster setzte sich. Die Sitzbänke in den U-Bahn Hallen sind zu hoch für ihn, sind immer zu hoch für ihn, egal in welcher Stadt er auf die U-Bahn wartete. Nicht viel, nur ein kleinwenig, vielleicht fünf oder sechs Zentimeter zu hoch aber immer so viel, dass seine Füße nur mit den Spitzen, allerhöchstens mit den Fußballen aufstanden und das Metallgitter der Sitzfläche unter dem Gewicht der Oberschenkel karierte Muster ins Fleisch drückte.</p>
<p>In der U-Bahn hatte er immer einen unendlichen Spaß daran, die Menschen einfach nur zu beobachten, wie sie scheinbar durch die Fenster in das gedankenschluckende Untergrundschwarz hinausstarrten, in Wirklichkeit jedoch durch spiegelreflexion ihre Blicke nach Innen gelenkt wurden und sie inkognito wie Alltagsagenten die Privatssphäre der Anderen observieren konnten, die ihrerseits wiederum das Selbe taten.</p>
<p>Zeitumstellung machte die Menschen depressiv, sie schnarrten und gurrten und manchmal konnte ein Tag eine einzige Freakshow sein, in der Foster nicht immer nur zweckfreie Staffage war und zu allem Übel ständig daran zweifelte, ob nun er und diese menschlichen Subjekte um ihn herum überhaupt etwas gemeinsam hatten, ausser der Anzahl der Chromosomen vielleicht. Es waren sich fremde Planeten und sie drehten sich noch nicht mal im gleichen Sonnensystem umeinander.</p>
<p>Und dann riss er wieder Schubladen auf: Da waren schamgetriebene Freizeit-Spiritualisten, die eine gefühlte Ekstase mitsamt Nahtoderfahrung erleben, wenn der Regen seitlich kommt (Grass würde sagen: im Krebsgang. Krass); denen die viehische Hysterie der Schweinegrippefurcht von den Ankermännern des bundesdeutschen Vorabendprogramms ins Gesicht diktiert wurde.</p>
<p>Andere wiederum bewahrten in ihrem Gesichtsausdruck eine spartanische Makellosigkeit, die mit nichts zu ersetzen ist. Ihre Gesichter sind porzellan: Das sind die, die noch nicht aufgegeben haben zu glauben. Wieder andere hüllten sich in einem stoischen Schutzschein ein, durch dessen Hülle allerhöchsten trübe Augenblicke drängen: Das sind die, die noch nicht angefangen haben zu glauben. Sie bringen den Tag auch irgendwie rum, wenn er sie nicht zuvor umgebracht hat, was sie sich aber oft hinter vorgehaltener Hand wünschten (und wenn sie wirklich ehrlich waren: permanent). Bis sie sich schicksalsergeben wieder irgendwie am Ende des Tages aus der Sache lavieren. Ihre Mundwinkel rissig sind von der trockenen Luft der Klimageräte. Und sie große Augen bekommen, wenn man ihnen ihr schlechtes Gewissen über die Bedeutungslosigkeit ihres Daseins langsam ins Bewusstsein träufelt. Sie halten ihre Köpfe gebeugt, daran erkennt man sie, als zerre eine unsichtbare Sinnlosschwere sie zu Boden. Ein Nachgeben.</p>
<p>Foster griff in seinen Rucksack, holte einen Stift und ein schwarzes Notizbuch hervor und begann zu schreiben, denn es rumorte. Jetzt musste er schreiben, nichts verstellen, nichts verstecken, nichts dergleichen.</p>
<p>&#8220;Montag. Fühle mich enorm. Ich bin ein sehendes Etwas und das Licht geht durch mich hindurch, geht durch mein Auge und fällt auf meinen Schirm, meinen dunklen Schirm und belichtet etwas. A scanner darkly. Dann, ganz am Ende dieses Prozesses kann ich das so zu Wort erstarrte Bild präsentieren. Ich bin der Laborant:<br />
Entwickeln, Unterbrechen, Fixieren, Wässern, Trocknen.<br />
Doch dieses Bild ist nicht statisch, es bleibt nicht starr; es stößt im Kopf des Lesenden ein Gedankenspiel an und das läuft dann und werkelt dann geräuschlos wie ein Perpetuum mobile des Geistes vor sich hin.</p>
<p>Was mache ich da eigentlich in der Stadt? Ich suche Bilder.<br />
Bildersucher.<br />
Menschenbilder.<br />
Und ich finde Geschichten.<br />
Geschichtenfinder.<br />
Geschichtenerfinder.<br />
Manchmal lebe ich davon,<br />
manchmal kann ich nur so überleben.</p>
<p>Später dann am Institut.<br />
Nach 10. Stunden Vorlesung, zuviel Kaffee. Genaugenommen eigentlich nur Kaffee, mal von dem liederlichen Hongitoast heute Morgen abgesehen. Zuviel Koffein, ich fühle mich euphorisch, „aufgebracht“ ein altes Wort; beseelt, naja. Leicht zittrig, es ist halb 6 und ich sitze in der Schellingstraße, dt. Philologisches Institut, Vordergebäude. Heute morgen in der U-Bahn, da war ich superflüssig. Mein Bewusstsein ergoss sich über das Holzimitatfurnier der Innenbekleidung des Wagons, die Kunstplastiksitze, die Menschen; ich war superfluides Bewusstsein. Ich stieg dann aus. An solchen Tagen, da schmerzt meine Leiste. Eigentlich schmerzt sie an jedem Tag, aber an solchen Tagen besonders. Wenn ich viel unterwegs bin oder viel sitzen muss, entwederoder. Sportverletzung. Vom Laufen. Jetzt kann ich das auch mal behaupten (scheiss Attitüde). Manchmal ist der Schmerz da und er ist stark, läuft durch den Oberschenkel hinab ins Knie. Und manchmal ist alles friedlich.<br />
Fange an, Infinite Jest zu lesen.</p>
<p>Die Kreativität zu Schreiben überfällt mich. Es ist ihr egal, wo ich gerade stecke oder was ich mache, das kann ich nicht planen und ich kann sie nicht bitten zu warten. Wenn sie da ist, muss ich handeln und schnell sein, das Beste daraus machen. Ich erleide wirklich Schreibanfälle, wie Spastiken, wie Schluckauf. Ein Schreibschluckauf im Gehirn.&#8221;</p>
<p>Und damit war das Nötigste gesagt.</p>
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		<title>Die Einsamkeit des Langstreckenläufers</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Jun 2009 09:34:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bewegungsdrang]]></category>
		<category><![CDATA[drogen]]></category>
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		<description><![CDATA[„Run!“ Lauf! &#8211; Das ist unser Imperativ. Nike&#8217;s Werbeabteilung hats geschnallt, druckt den Befehl auf tausend mal tausend T-Shirts und fährt damit Milliardengewinne ein. Geschätzte Leser dieses Blogs, liebe Freunde der leichten Vorabendprogrammunterhaltung, ich lasse jetzt mal ein paar offenherzige &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/06/10/die-einsamkeit-des-langstreckenlaufers/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>„Run!“</h2>
<h3>Lauf! &#8211; Das ist unser Imperativ. Nike&#8217;s Werbeabteilung hats geschnallt, druckt den Befehl auf tausend mal tausend T-Shirts und fährt damit <a href="http://www32.wolframalpha.com/input/?i=nike+earnings">Milliardengewinne</a> ein.</h3>
<p>Geschätzte Leser dieses Blogs, liebe Freunde der leichten Vorabendprogrammunterhaltung, ich lasse jetzt mal ein paar offenherzige Worte vom Stapel zu meinem einzigen wirklichen Hobby: dem Laufen. (Die Himmelende-Groupies unter euch wissen bereits: Ich mag das Wort Joggen nicht besonders. Ehrlich gesagt, ich hasse es richtiggehend. Wenn es nach mir ginge würde das Wort aus dem Duden gestrichen werden. Sofern es denn dort überhaupt drinsteht. Na egal, jedenfalls heißt Joggen bei mir also Laufen. Basta!)</p>
<p>Während meine Beine einsame Runden durch den Münchner Westpark drehen, kreisen meine Gedanken &#8211; sofern sie denn überhaupt um etwas kreisen &#8211; um verschiedene Erkenntnisse, die mir beim Laufen mal eben so ins Gehirn purzeln; die mir in diesen Augenblicken so unglaublich wichtig erscheinen, dass ich sie unbedingt sofort aufschreiben will. Sofort! Wenn ich dann aber zuhause ankomme, sind diese Erkenntnisse meistens nicht mehr so unglaublich, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich auf dem Weg zurück die Hälfte vergessen habe. Was hier also nun steht, ist der Rest von dem ganzen Lauf-Erkenntnisscheiß. Wenn ihr euch darin wiederfindet (in den Erkenntnissen, nicht im Scheiß): schön für euch. Irgendwie haben wir Läufer ja eh alle den selben Riss in der Schüssel, insofern mag der eine oder andere Gedanke dem geneigten Leser nicht unbekannt sein.</p>
<p><strong>1. Das Laufen hat mir das Leben gerettet.</strong><br />
Tja, gleich der erste Gedankenfetzen und schon so ein Hammer-Ding. Das klingt fürchterlich pathetisch, stimmt aber einhundertprozentig. Mag sein, dass mich das Laufen vielleicht eines Tages selbst das Leben kostet (siehe nächster Punkt), weil ich zu schnell laufe und mich der Teufel holt oder zu weit links laufe und ein LKW mich plattwalzt oder zu tuntig laufe und mich so ein missglückter Dobermann-Dogge-Pitbull-Kreuzungsversuch verschluckt. Aber egal, fürs erste hat es mir das Leben gerettet.</p>
<p>Vor ein paar Jahren war ich nämlich fett, genervt, grantig und hochgradig depressiv. Latent unzufrieden mit mir und als ein Resultat daraus auch mit der Welt. Das wurde mit dem Laufen zwar nicht schlagartig besser, also nicht von heute auf morgen oder übermorgen; langsam aber sicher änderte sich jedoch die Chemie in meinem Gehirn. Dopamin, Serotonin, Endorphin, etc. &#8211; der ganze körpereigene <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Glückshormon">Glückshormon</a>-Drogencocktail schaffte und, toi toi toi, hält bis jetzt einen Pegel allgemeiner euphorischer Befindlichkeit. Als dann auch noch das Hüftgold begann dahinzuschmelzen und mir nach Jahren der Ablehnung endlich das gefiel, was ich im Spiegel sah, hatte ich das erste mal eine zarte Vorstellung von einem Gefühl des bei sich ankommens. Heute muss ich gar nicht mehr viel tun, nur ab und zu mal was Gutes (z.B. Straße kehren, Brösel aus dem Toaster fingern, Einkaufstüten alter Damen tragen, weinenden Kleinkindern zulächeln, auch wenn man Scheissschmerzen hat und einem die Ohren bluten). Und, meine Fresse: Das Universum liebt mich! Wir sind zwei ganz dicke Freunde geworden, ganz spezielle. Das ist manchmal schon so harmonisch, dass es zum Kotzen ist.</p>
<p><strong>2. Das Laufen hätte mich </strong><span style="text-decoration: line-through;"><strong>fast</strong></span><strong> </strong><span style="text-decoration: line-through;"><strong>knapp</strong></span><strong> </strong><span style="text-decoration: line-through;"><strong>bestimmt</strong></span><strong> irgendwann einmal das Leben gekostet.</strong><br />
Auch wenn ich gerade geschrieben habe, dass mir das Laufen fürs erste das Leben gerettet hat: es hätte mir auch schon ein paar mal das Leben gekostet. Einmal übersah ich knapp eine Trambahn, die mich ganz schön hübsch zermatscht hätte, machte aber in buchstäblich letzter Sekunde den entscheidenden Schritt von den Gleisen zurück. Ein andermal lief ich in ein Unwetter, nicht irgendeines, das war ein fucking Armageddon mit Hagel und Blitzen und herabstürzenden Ästen. Aber das sind alles andere Geschichten, aus denen ich stets mit einem blauen Auge davonkam. Oder einem blauen Knie oder etwas anderem blauen.</p>
<p>Ich lernte was es heißt, laufsüchtig zu sein und wie diese Sucht den Körper verzehren kann. Bei mir zeigte sich das in einem rapiden Gewichtsverlust. Der war zunächst nicht beabsichtigt, jedoch wurde der Drang danach, immer mehr Gewicht zu verlieren oder zumindest keines zuzunehmen, bald der wichtigste Grund für mein Hobby. Weniger Körpergewicht heißt weniger Kraftaufwand, da weniger Kilogramm mit rumzuschleppen sind, heißt schneller Laufen, heißt weiter Laufen, heißt bessere Zeiten und so weiter. Ausserdem fühlte es sich gut an, schlank zu sein und schnell; der Körper gespannt und sehnig, agil, kein Gramm Fett zu viel und immer auf dem Sprung. Permanent lag Energie an und ich stand die ganze Zeit unter Strom. Und irgendwann gefiel mir dieses ausgezehrte Gesicht im Spiegel, das nicht mehr nur hungrig nach Liebe aussah. Komisch, die Menschen in der dritten Welt wollen essen, aber können nicht und sind so unterernährt, das sie Blähbäuche bekommen und Skorbut und sie die Zähne verlieren und das Leben, als wäre es nichts. Und die Menschen unter der Sonne der ersten Welt können alles mögliche essen und wissen gar nicht, wohin zuerst, zu Wendys oder Subways oder Kentucky Fried Chicken aber sie verweigern und kasteien sich, bewusst, damit sie dünn und abgemagert und diätgedörrt aussehen, was nach ihren Standards als &#8220;schön&#8221; gilt. Schizophren, aber das ist auch ein <a href="http://12.media.tumblr.com/sdYsolKXXmizsc5ldRnMGlFOo1_500.jpg" rel="lightbox[2255]">anderes Thema</a>.</p>
<p>Als ich mit dem regelmäßigen Laufen anfing, wog ich 74 Kilo. Als meine Ma mir das erste mal sagte: &#8220;Junge, ich weiß zwar nicht, was du machst aber egal was es ist, hör auf damit, du siehst schlecht aus.&#8221;, da wog ich noch 56 Kilo. Das war nicht ganz elf Monate später. Man braucht keinen Body-Mass-Index-Rechner um zu blicken, dass ich knapp an der Grenze zur Unterernährung war. Ich aß in dieser Zeit gezielt wenig, ein Apfel oder ein Joghurt und vielleicht noch eine Handvoll Kürbiskerne am Tag und lief weiterhin meine 50 bis 60 Kilometer in der Woche, immer hart an der Grenze des Stoffwechsel- und Kreislaufkollaps. Das ging auf Dauer nicht gut, ich fühlte mich mehr und mehr ausgebrannt, statt durch das Laufen glücklich zu werden, wurde ich zunehmender depressiv, richtig aggressiv, wenn ich eine Zeit nicht unterbieten oder eine angepeilte Distanz nicht laufen konnte. Die wenig übrig gebliebenen Fettreserven fraß also der Ehrgeiz, dann war Schluss. Übelkeit, Kreislaufbeschwerden, Verdauungsprobleme, Unruhe und Rastlosigkeit, Hitzeanfälle, ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren und zur Hölle, ich bekam manchmal sogar keinen mehr hoch. Diese Zeit war Raubbau am eigenen Körper, ein permanenter Stresszustand und wenn es einen günstigen Zeitpunkt geben sollte, sich dafür bei ihm zu entschuldigen, so mache ich das hier und jetzt: Entschuldigung, Körper! Das passiert nie wieder.</p>
<p>Dass ich, was meine ehemalige Sucht betrifft hier so offenherzig bin, hat nichts mit Prahlerei oder einem erhöhten Aufmerksamkeitsdefizit zu tun. Ich suche kein Mitleid. Was ich sagen will: Geh laufen, hab Spaß, verlier Gewicht, genieß ein neues Körpergefühl, sei Ehrgeizig und ein verdammter Streber. Aber fang niemals an, wegen dem Laufen zu hungern. Darum geht es nämlich nicht. Und wenn deine Freunde sagen, du siehst wegen der ganzen Lauferei scheisse aus: hör auf sie!</p>
<p><strong>3. Laufen ist Meditation für mich</strong><br />
Sitze ich zehn Stunden für die Schule am Schreibtisch oder stehe in der Arbeit, brauche ich das. Als Ausgleich, um dröger Geistesarbeit körperliche Bewegung entgegen zu setzen, sonst würde mein Kopf platzen.<br />
Da draussen auf der Strecke, da bin ich mit meinen Gedanken alleine; da mache ich meine Probleme nur mit mir aus; da Kämpfe ich nur gegen meine eigene Schwäche, meine eigenen Ängste, meine eigene Wut. Da hast du nur das Sausen des Windes um die Ohren und diese eine unglaublich starke Kraft, die dich festhalten will, die Beine schwer macht und dir das Aufgeben verlockend schönredet. Aber auch diese andere unglaublich starke Kraft, die dich aufrichtet, anfeuert, dich von hinten anschiebt und dich immer noch ein Stück schneller, ein Stück weiter laufen lässt, als du eigentlich dachtest, das du es kannst. Ein Gezerre, ein hin und her bei jedem neuen Schritt.<br />
Da ist nur der Rhythmus des Atmens, ganz gleichmäßig, wie ein Mantra. Ein Grund, warum ich zum Laufen keine Musik höre ist der, dass ich meinen Körper hören will um mich auf ihn zu konzentrieren. Nach einer bestimmten Zeit läuft man wie in Trance, die Gedanken sind kristallklar oder laserscharf, ich weiß nicht, welche Beschreibung besser passt. Manchmal denke ich dann an alles mögliche und manchmal vielleicht nur an ein bestimmtes Wort oder einen Satz, den ich zum Rhythmus meines Schrittes immer wiederhole. Oft bin ich einfach nur glücklich während des Laufens, dann lächle ich, was zugegebener Maßen ziemlich bescheuert aussieht. Aber das ist nicht die Regel. Oft ist es vom ersten bis zum letzten Laufmeter einfach nur eine einzige Qual. Es ist eben mal so und mal so. Aber wenn sich ein Hochgefühl einstellt, dann ist es etwas besonderes. Und im Winter, wenn sich die Lunge mit eiskalter Luft füllt, fühlt man sich sehr am Leben.</p>
<p>Ich laufe sehr gerne im Regen, das ist eine unglaublich elementare Erfahrung, weil man beginnt, diese Situation einfach hinzunehmen, so wie sie ist. Irgendwann findet man sich damit ab und ist wirklich nur noch bei sich selbst. Ich laufe sehr gerne in der Nacht. Ich kann nicht behaupten, dass es keine Stellen gibt, an denen ich mich nicht fürchte. Manche Abschnitte im Park sind stockfinster und wenn ich wieder ins Licht komme merke ich erst, wie schreckhaft weit ich meine Augen aufgerissen habe, um in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Laufe ich in der Nacht, so ist die Welt gehüllt in Schemen, was alles um einen herum noch bizarrer und unwirklicher werden lässt und den Trance-Effekt noch verstärkt.</p>
<p>Laufen ist Kontemplation und nach jedem Lauf bin ich der glücklichste Mensch der Welt, ein Schattenläufer im Regen.</p>
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