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	<title>Himmelende &#187; sehnsucht</title>
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	<description>Everything will be okay in the end. If it’s not okay, it’s not the end.</description>
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		<title>Karamellwolle</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jul 2011 21:48:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[So ist das mit der Liebe, manchmal schlägt sie Haken und schleicht sich auf Umwegen ins Bewusstsein zurück. Eugens sandfarbenen Kaschmirpullover hatte Karin noch nie leiden können, aber sein Herz hängt daran wie an einem Hündchen oder einem alten Tagebuch. &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/07/05/karamellwolle/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So ist das mit der Liebe, manchmal schlägt sie Haken und schleicht sich  auf Umwegen ins Bewusstsein zurück. Eugens sandfarbenen Kaschmirpullover  hatte Karin noch nie leiden können, aber sein Herz hängt daran wie an  einem Hündchen oder einem alten Tagebuch. Er hat ihn sich selbst gekauft  vor etlichen Jahren, als wohl einziges Kleidungsstück seines Lebens.<br />
&#8220;Alte-Leute-Beige&#8221;  nennt Karin die Farbe, woraufhin er meist schweigt oder mit den  Schultern zuckt: &#8220;Karin, ich <em>bin</em> alt.&#8221; Was sollte sie machen, der Satz  stimmte auch schon vor zehn Jahren, und jetzt erst recht. Eugen geht auf  die 90 zu, und auch sie selbst ist schon lange nicht mehr jung. 78, um  genau zu sein, und seit weit mehr als einem halben Jahrhundert an seiner  Seite. So etwas kann einen wahnsinnig machen, das sollte mal jemand den  jungen Leuten sagen, die plötzlich wieder vom Heiraten träumen wie  kleine Kinder vom Schlaraffenland.</p>
<p>Karin ist das, was man unter  einem &#8220;bunten Vogel&#8221; versteht, im Alter beinahe mehr noch als in ihrer  Jugend. Sie färbt sich das Haar mahagonirot und trägt bunte,  afrikanische Gewänder, die Amy ihr näht, ihre Schwiegertochter aus dem  Senegal.<br />
&#8220;Mein Papagei&#8221; nennt Eugen Karin manchmal und lächelt  dabei, man kann es nicht anders nennen, liebevoll. Du machst mein Leben  reich, soll es heißen, farbenfroh und intensiv. Und doch kam es bei ihr  bis vor kurzem als Vorwurf an, weil es ihr nicht gelungen ist, genauso  zu fühlen. &#8220;Mein Wüstenfuchs&#8221; zu denken angesichts seiner Farblosigkeit,  &#8220;mein Sandmann, mein Karamellbonbon&#8221;.</p>
<p>Seit es zu Ende geht, hat  sich etwas verschoben in ihrem Blick. Wieder und wieder möchte sie über  die einst so verhasste Wolle streicheln, sie gar um Entschuldigung  bitten. Der Pulli gehört zu Eugen und Eugen gehört zu ihr. Hatte sie das  vergessen? An seiner Seite konnte sie blühen, eine Rose in der Sahara  sein, ein Schmetterling im Nebel, einen Sonnenstrahl im Nichts.<br />
Das  Blau seiner Augen ist wässrig geworden, vom blonden Haar ein weißer  Kranz geblieben, die Hände sind übersät von bräunlichen Flecken. Sie  möchte weinen vor Rührung angesichts seiner groß gewordenen Ohren, des  faltigen Halses, der knochigen, schlaffen Glieder. Doch er könnte es  falsch aufnehmen, die Tränen als Traurigkeit missverstehen, als  Verzweiflung über die Vergänglichkeit, dabei wären sie doch&#8230; ja, was?  Flüssig gewordene Liebe. Ein Elixier! Sie lacht trotz ihrer feuchten  Augen. Mein Eugen, mein Leben. Wohl wahr, sie hätte es schlimmer treffen  können. Vielleicht auch besser, wer weiß das schon. Es ist, wie es ist.</p>
<p>Einst war es sogar seine unaufgeregte, sanfte Art gewesen, zu  der sie sich hingezogen fühlte. Nie hat er einen Hochzeitstag vergessen  wie die Männer ihrer Freundinnen, nie ihr Vorschriften gemacht oder  getobt, wenn sie keine Lust hatte, für ihn zu kochen. Söhnchen Stefan  trug er stolz durch die Stadt und baute mit ihm Sandburgen, als einziger  Mann auf dem Spielplatz. Er war erstaunlich emanzipiert für seine Zeit  und nahm gelassen hin, wenn er dafür belächelt wurde.<br />
Und doch,  etwas fehlte, ein Teil von Karin drohte zu ersticken auf Grund seiner  fehlenden Neugier, seiner Demut und Antriebslosigkeit. Ihr Lebenshunger  brachte sie beinahe um, doch er verstand sie nicht. Diese ganze  Sehnsucht nach glitzernden Schätzen und Küssen am Horizont. Karin  liebäugelte mit der Idee einer Weltreise oder eines jüngeren Liebhabers,  eines starken, spanischen Fischers vielleicht, eines versponnenen  Poeten oder wilden Gitarristen. Alles, nur nicht diese Leere.</p>
<p>Doch  dann war es Eugen, der eine Affäre begann, vor beinahe 30 Jahren. Fast  freute Karin sich über den Stich, den ihr die Entdeckung gab, das  verloren geglaubte Feuer, das sie plötzlich wieder in sich spürte, die  Eifersucht, die Lust.<br />
Zunächst machte es ihr die Maushaftigkeit ihrer  Konkurrentin schwer, sie als solche zu sehen, doch Eugen lebte auf an  der Seite dieser unscheinbaren Frau, seine Augen blitzten wie geschliffene Saphire,  sein Gang wurde aufrecht und kühn. Drei Jahre lief diese Liebe parallel  zu ihrer Ehe, und, bei all den Tränen, es war nicht Karins bitterste  Zeit.<br />
Einem dramatischen Impuls folgend fuhr sie in dieser Phase  einmal allein nach Rom und warf ihr gesamtes Kleingeld in den  Trevi-Brunnen. Für einen Moment fühlte sie sich wieder wie zwanzig, das  Leben ist ein Wunschkonzert, doch dann vermisste sie Eugen doch. Wenig  später endete dessen außerhäusige Liaison so leise und unspektakulär,  wie sie begonnen hatte.</p>
<p>Das Leben ging weiter, bis heute, bis  jetzt, da Eugen in seinem Lesesessel sitzt, der seinen Namen längst  nicht mehr verdient. Denn Bücher, das war einmal, die Augen machen schon  ewig nicht mehr mit. Er trägt seinen Karamellbonbon-Pullover, hat die  Hände lose gefaltet und spricht nicht mehr viel, seit Tagen schon nicht.<br />
Karin streicht über den weichen Stoff, Eugens Gesicht,  seinen Kopf, seinen Hals. Dann nimmt sie seine Hände und sieht ihn lange  an. &#8220;Mein altes Kamel&#8221;, sagt sie schließlich und boxt ihn sanft in die  Seite. &#8220;Mein altes, krankes Kamel.&#8221; Ganz leise fügt sie nach einer Pause  hinzu: &#8220;Ich liebe dich.&#8221;<br />
Da lächelt Eugen. Und schläft ein.</p>
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		<title>Märchensplitter</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jun 2011 14:04:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das war keine Zeit, als wir uns fanden und wieder verloren, keine Zeit, kein Raum, keine Wirklichkeit. Etwas stand still, da waren nur noch wir, gefangen in einem Märchen, und alles, was glänzte, war Gold. Es war einmal ein Mädchen &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/06/18/marchensplitter/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das war keine Zeit, als wir uns fanden und wieder verloren, keine Zeit,  kein Raum, keine Wirklichkeit. Etwas stand still, da waren nur noch wir,  gefangen in einem Märchen, und alles, was glänzte, war Gold.</p>
<p>Es  war einmal ein Mädchen mit bernsteinfarbenem Haar und Lippen weich wie  Rosenblättern, mit Augen, grün wie das Meer und Händen, gemacht, um  Klavier zu spielen, um Katzenkinder zu streicheln und irgendwann einen  Prinzen aus einer anderen Welt.<br />
Das war ich in meinen Gedanken.<br />
Die  Wahrheit, wenn man sie so nennen will, lag knapp daneben. Mein Haar  glänzte matt in rötlichem Blond und in das Grün meiner Augen mischten  sich all die Farben, die keine Namen hatten oder nur erfundene, die  niemand kennt. Ich besaß ein Keyboard, das ich selten hervorzog, und  meine Katze Scharsad war schon 13, wenn auch verschmust wie ein Baby.</p>
<p>An  meinem 20. Geburtstag fühlte ich mich so alt, dass ich mir überlegte zu  sterben, aber dazu war ich nicht unglücklich genug. Außerdem kamst  plötzlich du. Nichts an dir war wirklich schön, aber du konntest einem  in die Augen sehen wie kaum ein Junge in deinem Alter. Manche lernen das  nie und wer es lernt, dem sieht man die Anstrengung oft an, mit der er  sein Können erarbeitet hat. Du dagegen musstest über deinen Blick nicht  nachdenken, weil er zu dir gehörte wie dein Lächeln, deine Beine, dein  Haar, du sahst mich an, so warm und offen und auf irritierend  sympathische Art überlegen. Spöttisch gar, als wüsstest du um meine  zittrigen Knie.</p>
<p>&#8220;Herzlichen Glückwunsch.&#8221; Dein Atem roch nach Rauch.  Wir kannten uns nicht, aber jemand hatte dir gesagt, wer ich bin.  Geburtstagskind. Ich glaube, du hast mich sogar umarmt, zumindest ein  bisschen.<br />
Du trugst eine schwere, schwarze Kunstlederjacke  wie beinahe alle Jungs in dieser Zeit und kamst mit einem Freund in die  Kneipe, in der ich mich feiern ließ. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit gehörtet ihr für den Rest des Abends zu uns.<br />
Ich trank aus deinem Glas, und die anderen grinsten. Nur Steve nicht, der in mich verliebt war, wie er mir später einmal gestand. Als die Kneipe schloss, zogen alle weiter und ließen dich und mich allein.</p>
<p>Der Mond stand tief in jener Nacht und leuchtete gelborange. Du erzähltest mir etwas von Lichtbrechung und Staubpartikeln in der Atmosphäre, bis du merktest, dass ich keine Erklärungen wollte, nur diese riesige Münze am Himmel und dich. Da nahmst du meine Hand, und alles war, wie es sollte.<br />
Wir kauften eine Flasche Sekt an der Tankstelle und legten uns damit in den Park. Zählten die Sterne und küssten uns Bilder ins Gesicht, was kitzelte und uns kichern ließ. Dann lagen wir, bis ich beinahe einschlief in deinem Arm.<br />
Ich träumte von  Tausendundeiner Nacht, was immerhin fast drei Jahre gewesen wären, aber unsere Stunden wiederholten sich nicht. Sie wurden, was sie bis heute sind, Juwelensplitter in meiner Erinnerung. Sommernachtslachen. Morgentau. Vergissmeinnicht.<br />
Schnell verloren wir uns aus den Augen.</p>
<p>Ich  wollte glauben, dass du gestorben bist, bei einem Motorradunfall, dass  dein letzter Gedanke mir galt und dem Mond, der wie eine Sonne war. In  Wahrheit hast du schon früh ein Haus gebaut im ödesten Vorort der Welt, du hast  Kinder bekommen mit einer Frau namens Nadine, man erzählte, ihr hättet euch gesucht und gefunden. So war es wohl auch. Die Jahre gingen ins Land, irgendwann folgten Sommernächte ohne dich und ohne dass du fehltest. Alles fügte sich.</p>
<p>Es war einmal eine Prinzessin mit bernsteinfarbenem Haar, die hatte in ihrem Schloss eine Geheimkammer entdeckt und darin glitzernde Schätze versteckt. Große, glänzende Steine aus Glas, auch hier und da einen echten Rubin oder Saphir, Diamanten und Splitter davon, einige schimmernde Perlen und Münzen aus Gold oder Silber, manche aus Blech. Es machte nicht immer einen Unterschied, wenn sie mit den Händen durch ihre Sammlung aus Kostbarkeiten strich, denn lächeln und weinen musste sie so oder so.</p>
<p>Wirklichkeit ist nur das, auf was wir uns alle einigen können. Nicht immer trifft sie den Kern der Dinge, und so wird Unsagbares in der Erzählung gern zum Traum. Wegen der Freiheit und all der Bilder.<br />
Da ich nicht gestorben bin, besitze ich den Schlüssel zur Kammer noch heute. Und das ist wohl so etwas wie ein Happy End.</p>
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		<title>Amazonaslibelle</title>
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		<pubDate>Sun, 29 May 2011 14:14:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pablo hatte den Sexappeal einer verwilderten Kanalratte. Dunkel und dreckig, viele Frauen stehen ja auf so was. Zumindest Annika stand darauf, und ich war der Mann im Schatten, wieder einmal. Sie ist eine dieser winzigen, zarten Frauen, die ihr Leben &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/05/29/amazonaslibelle/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pablo hatte den Sexappeal einer verwilderten Kanalratte. Dunkel und  dreckig, viele Frauen stehen ja auf so was. Zumindest Annika stand  darauf, und ich war der Mann im Schatten, wieder einmal. Sie ist eine  dieser winzigen, zarten Frauen, die ihr Leben lang aussehen wie Mädchen.  Dazu hat sie etwas Sauberes, Frisches, das nie verschwindet, selbst  nicht nach einem stundenlangen Marsch durch den Regenwald. Ich muss es  wissen, denn so habe ich sie kennengelernt, bei einem mehrtägigen  Dschungeltrip am Amazonas. Vom ersten Moment an war ich in sie verliebt.  Ich glaube, ihr war sehr bewusst, welche Reaktionen sie bei Männern  auslöste, zumindest Männern wie mir. Wir wollen sie beschützen und in  schwachen Momenten beschmutzen. Über das Alberne dieser Bilder war ich  mir sehr wohl im Klaren, doch es erreichte lange nicht mein Fühlen.</p>
<p>Wie  um eine billige Inszenierung perfekt zu machen, verkörperte Pablo das  Gegenteil von Annika. Er konnte frisch aus der Dusche kommen, ein weißes  Hemd tragen und behielt doch immer die Aura eines schmuddeligen  Herumtreibers, der hauptsächlich in verrauchten Bars und fremden Betten  zu Hause ist. Ich habe eine Abneigung gegen solche Typen, vielleicht,  weil ich gern ein bisschen so wäre wie sie, mit dieser  Scheißegal-Haltung und dieser Fresse&#8230; Diesem Mund, der wirkt als hätte  der Kerl damit Tausende Frauen &#8220;Baby&#8221; genannt, Zigarette zwischen den  Lippen, und die tausendunderste kichert immer noch geschmeichelt und  schmiegt sich an ihn, wohlwissend, auf was sie sich einlässt, all die  Tränen danach. Dabei muss ich sagen, dass Pablo wirklich nett war, sogar  beinahe sanft, was aber letztlich nichts besser machte, im Gegenteil.</p>
<p><span id="more-6070"></span></p>
<p>Wir  waren zu fünft. Außer mir Pablo und seine Freundin Yasmina, der  Dschungel-Guide Alfredo und Annika. Sie reiste allein, das machte mich  wahnsinnig. Dieses puppenhafte Geschöpf schutzlos in einem fremden Land!  Noch dazu ist ihr Haar hellblond, die Männer hier klebten sicher an ihr  wie Wespen an einem Honigglas. &#8220;Ich weiß mir schon zu helfen&#8221;, erklärte  sie trocken, als ich sie beim ersten gemeinsamen Abendessen darauf  ansprach. Ihre Stimme raubte mir endgültig den Verstand. Warm, tief und  ein bisschen heiser. Völlig unpassend, als hätte sie sich in diesen  kleinen Elfenkörper verirrt. Trotzdem konnte ich nicht umhin, mir Annika  als kleines Mädchen vorzustellen. In einem Gänseblümchenfeld, auch das  noch! Um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch, als hätte sie meine  Gedanken erraten. Ich senkte den Kopf und aß.</p>
<p>Nach diesem ersten  Abend und der darauffolgenden Nacht konnten Yasmina und ich nur noch  zusehen, wie uns alles entglitt. Etwas war zwischen Pablo und Annika  passiert, ohne dass es jemand hätte verhindern können. Dabei hatten sie  sich, soweit ich das mitbekommen hatte, noch nicht einmal berührt. Umso  schlimmer.</p>
<p>Am nächsten Nachmittag badeten wir alle im Fluss. Ich  bemühte mich, Annika nicht anzustarren, aber natürlich gelang es mir  nicht. Yasmina muss meine Blicke bemerkt haben, sie kam zu mir und  flüsterte lakonisch: &#8220;Keine Chance.&#8221;<br />
&#8220;Ich weiß&#8221;, seufzte ich. &#8220;Was willst du tun?&#8221;<br />
&#8220;Ich?&#8221;  In ihren Augen bemerkte ich den kurzen Schock, als fühlte sie sich  ertappt. &#8220;Wie meinst du das?&#8221;, tat sie ahnungslos, um kurz danach zu  resignieren: &#8220;Irgendwann musste so was kommen.&#8221;<br />
Sie konnte gerade  noch stehen im Wasser, ihr langes dunkles Haar umgab ihren Kopf wie ein  Umhang aus Algen. Wir schwammen ans Ufer.</p>
<p>&#8220;Er liebt mich nicht&#8221;,  gestand sie mir unvermittelt.&#8221;Ich dachte, das kommt schon noch, weil  ich ihn so sehr wollte, irgendwie glaubte ich, er sei mein Schicksal,  er&#8230; Findest du das albern?&#8221;<br />
Ich schüttelte den Kopf.<br />
Sie wendete sich ab und starrte auf den Fluss.<br />
Pablo  trug Annika auf seinen Schultern durchs Wasser. Ihre Zähne blitzten in  der Sonne wie Perlen. Dann ließ sie sich lachend nach hinten kippen,  fiel, alles glitzterte und flirrte, und wir konnten ihnen nicht böse  sein, Yasmina und ich. Unsere Wut lief ins Leere, aber wir hätten beide  wohl gerne geweint. Später sagte sie einmal so was.</p>
<p>In der Nacht  trennte Pablo sich von Yasmina. Ihre Hütte stand genau neben meiner,  sie saßen bei Kerzenlicht davor, und obwohl sie flüsterten, verstand ich  beinahe jedes Wort. Es täte ihm so leid, er wisse doch auch nicht&#8230;  Ich wünschte, Yasmina würde ihn schlagen, aber natürlich tat sie es  nicht. Das war die letzte Nacht, die sie miteinander verbrachten, für  die verbleibenden Tage zog Pablo zu Annika.</p>
<p>Es schmerzte. Zwar  bemühten sich die beiden Frischverknallten um Rücksicht, fassten  einander so wenig wie möglich an, aber man sah ja doch, dass sie den  Nächten entgegenfieberten, in denen sie sicher kaum schliefen.<br />
Auch  ich kam nachts schwer zur Ruhe, lauschte der Stille, blickte in die  Dunkelheit, spielte an meinem Moskitonetz herum und manchmal auch an  meinem Schwanz. Ich stellte mir vor, wie Annika in den Raum kam, sich  entschuldigte, sie habe sich geirrt, sie wolle mich, sie nahm ihn in den  Mund und ich blickte auf ihr helles, wippendes Haar zwischen meinen  Beinen. Es erregte mich, und doch kam ich erst, als ich sie durch eine  bekannte Nachrichtensprecherin ersetzte, die ich nicht mal sonderlich  attraktiv fand, mit der es aber irgendwie immer funktionierte in meinen  Gedanken. Danach konnte ich schlafen.</p>
<p>Alfredo war die Situation  in unserer Gruppe sichtlich unangenehm, er bemühte sich so zu tun, als  habe er von all dem Gefühlschaos nichts mitbekommen, aber als unsere  Tour zu Ende war, stand ihm die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.  &#8220;Cuidate mucho, pass gut auf dich auf!&#8221;, flüsterte er jedem von uns bei  der Abschiedsumarmung ins Ohr. Ich tat es tatsächlich und verliebte mich  erst einmal lange nicht mehr.</p>
<p>Die verbleibenden Tage bis zu  meiner Abreise verbrachten Yasmina und ich gemeinsam in Quito.  Reflexartig hatten wir uns aneinandergeklammert, es begann zu regnen,  wir nahmen uns ein Zimmer in einer kleinen Pension. Von außen war sie  schmutzig-weiß, innen leuchteten die Wände bunt wie afrikanische  Festgewänder. Es gab nur ein Bett, aber wir küssten uns nicht. Wir  lebten in einer Zwischenwelt, zufällig am selben Ort, ohne  deshalb zusammenzugehören. In Kontakt blieben wir dennoch. Morgen besucht sie  mich, daher kam mir gerade wieder alles in den Sinn. Drei Jahre sind  vergangen.</p>
<p>Ist Unendlichkeit ein Maßstab für Glück? Über Umwege  erfuhr ich, dass Pablo und Annika nicht lange zusammenblieben. Fühle ich  Genugtuung? Nein. Ich denke an den Ausdruck &#8220;einander erkennen&#8221; und an  die Nächte im Dschungel. Stelle mir Annika nicht mehr als kleines  Mädchen vor, sondern als alte Frau mit dickem, schlohweißem Haar, in  dem sich das Sonnenlicht bricht. Wie Perlmutt, denke ich. So ein Glanz!</p>
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		<title>Im Mandarinenwald</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 18:15:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Orange ist die untraurigste Farbe der Welt!“, findet Leon und malt zwei dicke, apfelsinenfarbene Würmer mit lachenden Mündern, kugeligen Augen und blauen Haaren. Dann kritzelt er ihnen klumpige Füße und so etwas wie Hände, an denen sie einander halten. „Verliebte!“, &#8230; <a href="http://himmelende.de/2011/02/27/im-mandarinenwald/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Orange ist die untraurigste Farbe der Welt!“, findet Leon und malt zwei dicke, apfelsinenfarbene Würmer mit lachenden Mündern, kugeligen Augen und blauen Haaren. Dann kritzelt er ihnen klumpige Füße und so etwas wie Hände, an denen sie einander halten. „Verliebte!“, erklärt er und schämt sich ein bisschen dafür.  Legt den Kopf schief und patscht sich das Händchen auf Wange und Auge.<br />
„Verliebte küssen sich aber“, behauptet seine ältere Schwester Mia voll heiligen Ernstes.<br />
„Küssen ist traurig“, flüstert Leon, dabei ist er erst vier. Er weiß noch nichts von Sehnsucht, geschlossenen Augen und <em>„… mach mir ruhig etwas vor“</em>.</p>
<p>Meral  erschrickt. Hoffentlich! „Warst du schon mal verliebt, Leon?“<br />
„Neeeeeiiiiiin!“ Entrüstet. „Ich bin doch noch ein Kind!“<br />
„Klar, du hast recht. Dumm von mir.“ Erleichtert.<br />
Die Kinder lachen. „Dumm wie ein Flummi, dumm, dumm, dumm!“<br />
<em>Federleicht, unsichtbar tanzen dicke Apfelsinenwürmer durchs Zimmer. Ein heißer Sommertag. Es könnten meine sein</em>, denkt Meral. <em>Meine Kinder.</em></p>
<p>Sind es aber nicht. Mathis hat sie mit Anne bekommen. Mia wurde kaum ein Jahr nach seiner Trennung von Meral geboren, Leon zwei Jahre später. Der Schmerz vergeht nicht. Wahrscheinlich nie. Jeder schleppt ein paar ungelebte Leben mit sich herum, die einen mehr, die anderen weniger, die einen bringt es zum Weinen und Zweifeln, die anderen akzeptieren Träume als Teil ihrer Wirklichkeit.</p>
<p><em>Ungeschriebene Briefe, ungeküsste Küsse, nicht verwirklichte Pläne und verlorener Mut, all das. Was wohl zusammenkäme, könnten und würden wir jedem Impuls folgen, in einer Parallelwelt, mehreren Welten, jedem Impuls, jeder verrückten Idee, jeder Sehnsucht? Wieviele Verbrecher wären unter uns, wie viele Weltenbummler, wie viele Eltern, Millionäre, Huren? Welche Konsequenzen müssten wir tragen, wie viele gleichzeitig ablaufende Leben bräuchte jeder, wie viele Jahre kämen zusammen im Laufe eines Menschseins, 500, 1000, gar mehr?</em></p>
<p>Gedankenspiele. Zeitvertreib. Außerhalb ihrer Fantasie hat Meral keine Kinder von Mathis bekommen, Punkt. Nicht von Mathis und auch sonst von niemandem. Mia und Leon verkörpern eine Liebe, die hätte sein können. Und doch sind die beiden Kleinen ihr Glück.</p>
<p>Vor zwei Tagen ist Anne verschwunden. Musste mal raus, hatte sie Mathis in einem Brief geschrieben. Könne nicht mehr, sei ganz leer, verwirrt, brauche Abstand und Ruhe. Mathis hat Meral gebeten zu kommen und ihr den Brief gezeigt. Daraufhin fühlte sie alles und nichts. Küsste ihn schnell auf den Mund, und er küsste vor Schreck ein bisschen zurück. Sie taten sofort, als sei es nicht passiert, was machte es auch für einen Unterschied. Es war kein Kuss, der eine Antwort bedeutet oder eine Frage. Nur Leere und Traum. Dann kamen die Kinder ins Zimmer und zerbrachen versehentlich die Vase mit den halb verwelkten, flammenfarbenen Gerbera. Große Scherben. Niemand weinte.</p>
<p>„Sie kennen und mögen dich“, sagte Mathis später leise. „Kannst du&#8230;?“<br />
Meral nickte. „Wann brauchst du mich?“<br />
Jetzt ist sie hier, ohne ihn.<br />
„Bleibst du für immer?“, fragt Mia.<br />
Meral schüttelt den Kopf.<br />
Dann kommt, was kommen musste. Leon: „Wo ist Mama?“<br />
„Sie ist&#8230; muss nur&#8230; Ich&#8230; Ich weiß es nicht, Schatz.“<br />
„Sie braucht Urlaub von uns“, erklärt Mia und blickt auf den Boden.<br />
Meral nimmt sie in den Arm. „Hat sie das gesagt?“<br />
Mia schüttelt den Kopf, dann nickt sie. „Ich glaube.“ Ein paar Tränen kullern still über ihre Wangen.<br />
„Bestimmt kommt sie bald wieder&#8230;“ Meral drückt beide Kinder an sich. Ihre Haare duften nach Pfirsisch-Shampoo. „Lass uns ein bisschen rausgehen und spielen, ja?&#8221;<br />
Die Sonne brennt. Sie spielen Restaurant, backen Steinepizza, kochen Grasnudeln mit Hagebuttensoße und tanzen danach in der Sandkasten-Disko, bis alle wieder fröhlich sind und verschwitzt und erschöpft.</p>
<p><em>Ich verliere mich in einem fremden Leben,</em> <em>ich darf das nicht spüren, dieses Glück. Irgendwann in den letzten Jahren bin ich vom Weg abgekommen, aber im Grunde tut das nichts zur Sache, denn letztlich ist ja alles Weg, machen wir uns nichts vor. Willst du mit Anne tauschen? Willst du? Komm zu dir.</em></p>
<p>Die Kinder schlafen schon, als Mathis nach Hause kommt. Meral sitzt auf der Terrasse.<br />
Er öffnet eine Flasche Sekt.<br />
„Aperol, Eis?“<br />
„Gern.“ Sie trinken.<br />
„Danke, dass du da warst&#8230; Bist.“<br />
„Schon okay, war ein schöner Tag.“ Sie sieht ihn schlucken. Tränen oder Sekt. „Entschuldige.&#8221;<br />
Er schüttelt den Kopf. „Ist ja nicht deine Schuld.“ Dann bricht es aus ihm heraus: „Ich wusste nicht, dass sie so unglücklich ist. Klar hat sie manchmal so Sachen gesagt, von wegen alles hinschmeißen und so, aber ehrlich, wer will das denn nicht? Zwischendurch mal ein anderes Leben, danach sehnen wir uns doch alle!“<br />
Alles leuchtet. Die Gläser in ihren Händen, die Blumen im Garten, die untergehende Sonne. <em>Ich gehöre nicht hierhin</em>, denkt sie. <em>Nicht so. </em>Vor Erleichterung muss sie beinahe weinen.<br />
Nachts kümmert sie sich um einen liegengebliebenen Auftrag, die Broschüre für ein Hotel im Grünen.<br />
So vergehen die Tage.</p>
<p>Manchmal sind die Kinder sehr still. Aber zu sagen, sie lachten gar nicht mehr, wäre gelogen. Immer noch können sie versinken im Spiel, Dinosaurier sein oder Elfen oder Clowns. In einigen Momenten vergisst auch Meral Raum und Zeit.<br />
Dann kommt Anne zurück. Verweint, aber entschlossen. „Hier ist mein Leben.&#8221;<br />
Sie wundert sich, als sie Meral sieht: „Du hier?“<br />
„Wegen der Kleinen.“<br />
„Ach so.“ Anne zögert, vielleicht hat sie Angst. „Danke.“<br />
Meral zuckt mit den Schultern. „Ich war gern hier.“<br />
Annes Blick ist prüfend, aber sanft. „Danke“, wiederholt sie.<br />
Dann geht Meral. Leon schenkt ihr zum Abschied ein Bild. „Ein Wald“, erklärt er, „mit wilden Tieren. Die tun aber nix. Und das da bist du!“</p>
<p><em>Ich klettere und klettere. Der Mandarinenbaum im Traum ist hoch wie eine alte Eiche. Mit Früchten, groß wie Honigmelonen, und Laub, so dicht, dass ich es zur Seite schieben muss, um die Sonne zu sehen. Liebe ist ein Geschenk, auch wenn sie wieder vergeht. An den Ästen schramme ich mir die Beine auf. Es tut so weh, wie es eben muss. Am Himmel leuchten bunte Wolken wie riesige Blumen. Jemand hält mich an der Hand. Ich wurde reich beschenkt. Das ist die Wahrheit.</em></p>
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		<title>Salz und Glas</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Oct 2010 00:44:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<category><![CDATA[herz]]></category>
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		<category><![CDATA[meer]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn man jung ist, blutet einem ständig das Herz, und je älter man wird, desto wehmütiger streicht man über die Narben, so ist das eben. Bei neuen Wunden fährt, wer es sich leisten kann, in die Berge oder ans Meer. &#8230; <a href="http://himmelende.de/2010/10/09/salz-und-glas/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man jung ist, blutet einem ständig das Herz, und je älter man wird, desto wehmütiger streicht man über die Narben, so ist das eben. Bei neuen Wunden fährt, wer es sich leisten kann, in die Berge oder ans Meer. Alle wollen am Meer Verletzungen heilen, und ein bisschen gelingt das auch, weil du das Salz deiner Tränen ja nicht mehr schmeckst in den Wellen. Oder so sehr schmeckst, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob du glücklich oder traurig bist, weil alles verschwimmt, im wahrsten Sinne des Wortes, weil alles nur noch Weite ist, Geschmack, Geruch und Gefühl. Jeder feiert seinen ganz eigenen Schmerz und sein eigenes Glück, niemand entkommt. <em>Wie lange trägt Sehnsucht? Für immer. </em></p>
<p>Das Meer hat hier die Farbe, die ihm seinen Namen verdankt &#8211; aquamarin. Aus der Nähe natürlich nicht, da ist es klar wie Bergkristall und man sieht jeden einzelnen Stein am Grund. Silja lässt sich von den Wellen die Füße eingraben, wie als Kind. Das Wasser rinnt vorbei an den Zehen, Stückchen für Stückchen versinkt sie im Sand. Wenn sie nur lang genug wartete&#8230; Sie schiebt den Gedanken beiseite, was für ein Unsinn, sie will nicht verschwinden, sie will…Wer weiß. <em><br />
Alles in mir ruft nach dir. Vergessen und finden. Die Liebe zu mir selbst ist kühl und riecht nach Algen. Darum bin ich hier. </em></p>
<p>Eine Erbschaft erlaubt ihr eine kleine Auszeit, und weil ihr Finger beim Zufalls-Blindtippen auf den Niederländischen Antillen landete, ist sie nun hier. Es hätte weiß Gott schlimmer kommen können. Alaska, Kabul oder Bielefeld. Gibt es einen Ort, um eine Liebe zu vergessen? Natürlich nicht. Aber Curaçao ist nicht der schlechteste, um es zu versuchen.</p>
<p>Ihr ist übel vor Sehnsucht. Sie möchte sich gefallen in der klassischen Rolle der unglücklich Liebenden, die aus Großmut und Zuneigung auf ihr Glück verzichtet, aber das wäre nicht ehrlich. Sie ist nicht aus Geschwisterliebe hier. Sie ist hier, weil er sie nicht genug gewollt hat. Jon, der Mann ihrer Schwester. Vielleicht auch gar nicht gewollt, bis auf diesen einen langen Kuss, der einer Laune entsprungen war, einem Abendsonnenstrahl und ein paar Schluck Wein zuviel.</p>
<p>Anfangs hatte Silja Jon nicht mal besonders gemocht, seine allzu große Selbstsicherheit stieß sie ab, und dass sie sie gleichzeitig anzog, verstärkte nur ihre Abneigung. Sie wünschte, ihre Geschichte wäre einzigartiger, aber sie ist es nicht. Es liegt so viel Schmerz im Banalen. So viel Lust, so viel Liebe. Alles ist eins. Berührungen. Wind. <em>Ich bin ein Sandkorn wie alle, und in mir ist die Welt, wie überall.</em></p>
<p>Außer dem Wasser gibt es auf der Insel kein Entkommen vor der Hitze, nicht einmal die Nacht. Siljas Empfindungen bleiben ununterbrochen fiebrig und flirrend, wie in einem seltsamen Rausch. Seit gestern spürt sie, dass sie beobachtet wird. Die Frau ist so schön, dass es ihr den Atem verschlägt. Karamell­farbene Haut, nachtschwarzes Haar und ein wacher Blick, der sie an Jon erinnert. Überhaupt könnte die Frau seine jüngere Schwester sein, obwohl die Farben nicht stimmen, Jon ist hellhäutig und blond, aber die langsame Eleganz ihrer Gesten gleicht den seinen.</p>
<p>Silja sammelt gerade Muscheln, als die Schöne sie anspricht. Auf Deutsch, mit einem leichten Akzent, den sie nicht einordnen kann.<br />
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so angestarrt habe. Sie erinnern mich an jemanden. Ich habe vergessen, an wen.“<br />
Silja zuckt mit den Schultern. „Schon gut.“<br />
„Als Kind habe ich am Meer immer glatt gespülte Scherben gesammelt“, spricht die Fremde weiter, „ und mich gefühlt wie eine Königin, die Taschen voller Edelsteine. Man konnte sich nicht mehr verletzen daran. Heute mag ich auch frische Scherben. Das Glitzern, die Kanten. Ich schneide mich nie.“<br />
Silja muss lächeln. „Erstaunlich. Ich immer.“<br />
„Wenn Sie ganz vorsichtig sind, passiert nichts.“<br />
„Zuviel Vorsicht ist ungesund.“<br />
„Du sprichst nicht von Scherben.“<br />
„Nein.“<br />
„Entschuldigung, jetzt habe ich Du gesagt.“<br />
„Kein Problem.“<br />
Beide lächeln.<br />
„Ich heiße Lilian.“<br />
„Silja.“</p>
<p>Abends im Restaurant des Hotels sieht Silja Lilian wieder. Ihr bodenlanges Kleid schillert in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Die Augen aller Gäste sind auf sie gerichtet, die Gier der Männer ist umso spürbarer, je mehr sie versuchen, sie zu verbergen.<br />
<em>Sie ist eine Erscheinung</em>, denkt Silja und kann nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, als Lilian langsam auf sie zukommt, an ihrem Tisch stehen bleibt: „Ist hier noch frei?“<br />
„Klar. Setzen Sie… Setz dich.“<br />
Sie trinken zuviel. Sie trinken und lachen und sonnen sich in den Blicken der anderen. Einmal legt Lilian ihre Hand auf Siljas Arm und lässt ein paar Momente verstreichen. In ihrem ganzen Verhalten liegt eine Selbstverständlichkeit, die Silja sprachlos macht. <em>Vielleicht ist das so, wenn man schön ist</em>, denkt sie<em>. Man nimmt, weil man weiß, dass jeder gerne gibt.<br />
</em>„Du hast türkise Sprenkel in den Augen“, behauptet Lilian.<br />
„Das ist dein Kleid, es spiegelt sich darin.“</p>
<p>Später verlassen sie das Hotel für einen Spaziergang am Meer. Kein Mensch weit und breit. <em>Sterne und Sand und ihre Hand in der meinen. Fremd, aber richtig, so fühlt es sich an.<br />
</em>„Ich würde dich gern küssen“, sagt Lilian.<br />
„Ich weiß.“ Silja wusste es wirklich.<br />
Lilian nimmt ihre Antwort als Einverständnis, und wahrscheinlich war es das auch. Ihre Lippen sind weich und schmecken nach Meersalz, ein wenig auch nach dem „Swimmingpool“-Cocktail, den ihnen der verliebte Kellner als Nachtisch spendiert hat. Ihre Hand wandert über Siljas Rücken, wie beiläufig, aber doch gezielt. <em>Wärme und Ruhe und etwas wie Sinn.<br />
</em><br />
Küsse am Strand und später in Siljas Zimmer. Ihre Körper finden einander mit schlafwandlerischer, fiebriger Sicherheit. Es ist keine Liebe, gibt aber beinahe ähnliche Kraft. Und nimmt sie. Illusionen berauschen, Rausch betäubt, und was bleibt, ist klein, beinahe nichts, aber so pur wie ein Diamant.<br />
Erschöpft liegen sie nebeneinander. <em>Ist es zuviel geträumt…?</em> Ein Lied.</p>
<p><em>Es war so schön, so besonders, aber ich habe dich nicht gemeint.<br />
</em>„Schon okay“, sagt Lilian.<br />
„Habe ich laut gedacht?“<br />
„Kann sein.“<br />
„Ich will dich nicht verletzen.“<br />
„Das halte ich aus.“</p>
<p>Lilian zieht sich an und geht.<br />
Unschlüssig, ob sie traurig oder erleichtert sein soll, dreht Silja sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Ein Käfer krabbelt träge durch ihr Blickfeld. Er glänzt matt und edel wie ein geschliffener Amazonit. <em>Ein Insekt. Ein Edelstein. Leben. Tod. Falscher Glanz. Menschen finden einander und lösen sich wieder. Alles fließt. Halt mich. Ein einmal verwundetes Herz blutet schneller. Ein komplett verheiltes schlägt nicht mehr.<br />
</em>Silja lebt. Die Augen fallen ihr zu. Sie schläft so lange und gut wie seit Monaten nicht. Trotz der Hitze.</p>
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		<title>Im September nullacht</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Sep 2009 09:35:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da legt die Spätherbstsonne blasse Erinnerungsfetzen über Wiesen und Wege. Ich weiß grad nichts vernünftiges mit mir anzufangen. Und ich weiß: mit dem ist nichts vernünftiges anzufangen. Ich bin in München. Mit 70 Cent und 2 Büchern unterm Arm. Damit &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/09/06/im-september-nullacht/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da legt die Spätherbstsonne blasse Erinnerungsfetzen über Wiesen und Wege. Ich weiß grad nichts vernünftiges mit mir anzufangen. Und ich weiß: mit dem ist nichts vernünftiges anzufangen.</p>
<p>Ich bin in München. Mit 70 Cent und 2 Büchern unterm Arm. Damit muss ich leben, bis sich mir Geldquellen bieten. Ich hab maßloses erlebt.<br />
Ich bin ganz kaputt von Erinnerung. Und bin eine Nacht gerannt.<br />
Verwechsle bei Lesung &#8220;Titanenmund&#8221; mit &#8220;Tintenarmut&#8221;. Pardonnez-moi, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Les_Fleurs_du_Mal">Baudelaire</a>.<br />
Ja und jetzt sollte ich endlich mal ein wenig Stochastik üben. Ich &#8220;sollte&#8221;. Fuck this fucking Konjunktiv. Ich hasse dich, hasste dich, würde dich hassen. Pest und Cholera an deinen gedachten Hals.<br />
Und pfeif auf die Sonne und auf den Tag und koche mir Linsen oder Barilla-Pasta und hab von Bernoulliketten doch keine Ahnung aber Hunger nach Dunkelheit.</p>
<p>Hau jetzt ab zu meinem Wartesaal, sonst klauen sie mir mein Gepäck bestehend aus tausend Worte Stuss. Und dann will ich so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfum riecht und alles wie Paris. Was ein Mensch ist, hat Gefühle, sagt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Das_kunstseidene_Mädchen">sie</a>. Was ein Mensch ist, weiß, was das heißt, dass man eine will und die will einen nicht. Das ist ein elektrisches Warten. Weiter nichts. Aber es genügt.</p>
<p>So gelangweilt, so fantastisch gelangweilt und nicht im Klaren, wohin mit meiner Energie stopfe ich alles mögliche in mich hinein und Laufe und trainiere und trage den Scheitel streng und die Haare kurz. Kurze, strenge Frisur. Und bin ernst und leer, so leer, dass meine Ohren nichts hören und meine Blicke durch alles hindurch wandern, als sei alles Nichts. Und ein Bild geht durch die starren Augen hinein und hört, ach hör doch auf, im Herzen auf zu sein. Le-thar-gisch, jaja, wie Rilkes Panther, sehe ich hinter tausend Stäbe meines Käfigs keine Welt mehr. Dabei fühle ich mich noch nicht mal depressiv sondern nur leer. Oder vielleicht anders herum: unausgefüllt. Depression ist ein fucking event, sagt die Kuttner und lässt Kasse klingeln. Und ich fische im Trüben mit meinen Gedanken, lese viel und trinke heiße Milch mit Honig. Und verkaufe meinen Füller auf eBay, zwecks kein Geld. Wenn du vom Schreiben nicht leben kannst, dann vielleicht vom Gerät, mit dem du schreibst. Klicke dann &#8220;Auktion starten&#8221; und weiß: morgen geht es steil bergauf.</p>
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		<title>Machtspiel</title>
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		<pubDate>Tue, 19 May 2009 13:48:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es hat ein wenig geschneit, und die Luft riecht nach Wassermelonen, alles Zeichen dafür, dass es Winter wird. Es ist Nacht, Anja zieht sich aus, will schlafen gehen, doch dann zieht es sie wieder ans Fenster. Ob er noch wach &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/05/19/machtspiel/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es hat ein wenig geschneit, und die Luft riecht nach Wassermelonen, alles Zeichen dafür, dass es Winter wird. Es ist Nacht, Anja zieht sich aus, will schlafen gehen, doch dann zieht es sie wieder ans Fenster. Ob er noch wach ist?<br />
Im gesamten Haus gegenüber brennt kein Licht, das ist selten, Schlaflose gibt es immer, gerade hier, vielleicht sind sie ausgeflogen, vielleicht betrinken oder lieben sie sich im Dunkeln, wer weiß. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus, ihre Brüste berühren das kühle Metall des Fensterbrettes, sie zittert. Kurz meint sie, gegenüber sein Gesicht zu sehen, vorbeihuschend, ein Schatten, vielleicht täuscht sie sich, es taucht nicht wieder auf. Vergangenen Monat hat sie sich ausgezogen für ihn, langsam, fast gleichgültig, alles fühlte sich richtig an in dem Moment und sah richtig aus, sein erhitztes Gesicht und seine Hände, die über seinen Bauch glitten und den Ansatz seiner Hüften, dann unter dem Fensterbrett, hinter der Mauer verschwanden, seine wachen, forschenden Augen, die sich irgendwann schlossen und dann dieses ganz leichte Zittern, das sie sich auch eingebildet haben kann. Die Ruhe danach, als er ging. Anschließend ist sie ihm eine Weile aus dem Weg gegangen, indem sie die Vorhänge geschlossen ließ, Tag und Nacht, so sehr schämte sie sich, doch irgendwann war das vorbei und sie begannen wieder, einander anzusehen und in Gedanken zu lieben, Abend für Abend, Nacht für Nacht, manchmal zwei Minuten, manchmal zehn, über die Straße hinweg.<br />
Eine Weile wartet sie noch und hofft, doch als sich nichts mehr tut, schließt sie das Fenster und kriecht frierend unter ihre Decke.</p>
<p>Am nächsten Morgen liegt in ihrem Briefkasten ein unbeschrifteter Umschlag, in dem sich ein kleiner Gegenstand befindet. Sie hält sich nicht lange damit auf, ihn durch das Papier zu erfühlen, sondern öffnet ihn neugierig und rasch. Ein Lippenstift. Tiefes, dunkles Rot. Er scheint schon mal benutzt worden zu sein, wenn auch nicht oft, vielleicht ein oder zwei Mal. Dann bemerkt sie den Zettel: &#8220;Mal dir heute Abend die Lippen damit an. Für mich. Bitte.&#8221;<br />
Er ist von ihm. Muss von ihm sein, dem Mann gegenüber, sie weiß nicht, was sie so sicher macht, vielleicht die Schrift, es ist nicht die von Marcel und wer sollte sonst&#8230; Spontan führt sie den Stift an die Lippen, eine kurze Berührung, spurenlos, sie lässt die Hand sinken, albern, dass sie zittert, lächerlich. Soll sie ihn erst abwischen, bevor sie sich selbst damit schminkt? Es wäre sonst ein halber Kuss, aber vielleicht will sie das ja, wie früher, mit dreizehn, als ein Schluck aus derselben Wasserflasche die Welt bedeuten konnte. Jetzt also er.</p>
<p>Sie stellt ihn sich vor, den Mann gegenüber, mit seinem zerzausten, beinahe schwarzen Haar, dem schmalen Gesicht und den dunklen Augen, zumindest glaubt sie, dass sie dunkel sind, aber sie hat sich, was das angeht, schon oft getäuscht, hat gedacht, dunkle Augen und aus der Nähe waren sie dann grün oder umgekehrt, dennoch ist es wahrscheinlich, dass seine dunkel sind, wegen der Haare, obwohl sie ja selbst blaue Augen hat und schwarzes Haar, man weiß also nie.</p>
<p>Den ganzen Tag überlegt sie, was sie am Abend anziehen soll, schimpft sich würdelos für diese Gedanken, und doch&#8230; Das schwarze Kleid oder das dunkelrote, wann überhaupt ist &#8220;heute Abend&#8221;, und sollte sie einer Verabredung, die einem Befehl gleichkommt, überhaupt nachkommen? Einer Bitte gleichkommt, redet sie es schön. Vor dem Spiegel übt sie lässig-laszive Posen, und als Marcel anruft, sie abends sehen will, lehnt sie ab, mit der nicht mal komplett gelogenen Begründung, sie brauche mal wieder einen Abend für sich.<br />
Du wirst dir heute Abend die Lippen anmalen und irgendein verdammter Typ wird dir dabei zusehen, sagt sie sich, doch die Absurdität der Situation dringt nicht zu ihr durch, nicht in ihr Inneres, sie verspürt den unbedingten Wunsch, dem Fremden zu gehorchen, gleichgültig, ob dessen Befehl sinnlos ist oder nicht.</p>
<p>Sie stellt sich seinen Mund vor und natürlich einen Kuss, seine Hände auf ihren Brüsten, auf ihrer Taille, zwischen ihren Schenkeln, das ganze Programm. Stattdessen diese Königskinder-Situation, Begehren ohne Hoffnung, Verlangen ohne Sinn, Gefühl gegen Verstand, aber ach, sie driftet ab, es geht um nichts als einen Flirt von Fenster zu Fenster, der nicht der erste der Weltgeschichte sein wird, wer weiß, vielleicht nicht einmal der erste für den Mann gegenüber.</p>
<p>Das dunkelrote Kleid fällt weich über ihren Körper und ist tief, aber nicht aufdringlich tief ausgeschnitten. Sie ist lächerlich aufgeregt.<br />
Als es dunkel wird, geht sie zum Fenster, den Lippenstift fest umklammert in der rechten Hand. Gegenüber brennt Licht, er ist schon da. Sie öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und sieht ihn an. Er blickt zurück, ganz ruhig, dann lächelt er, dieses unverschämte Lächeln, so arrogant-überlegen, dass sie ihm ins Gesicht schlagen möchte, spiel dich bloß nicht so auf, was bildest du dir ein, und doch lässt es ihre Knie weich werden, so sehr, dass sie wütend wird darüber, was tue ich hier eigentlich, ich schließe jetzt sofort das Fenster und gehe, ich besuche irgend jemanden, Marcel vielleicht, wen auch immer, Hauptsache, ich betrete meine Wohnung vor morgen früh nicht wieder.<br />
Doch natürlich tut sie es nicht, und als er sich an die Lippen tippt, ganz leicht nur, vielleicht ist es Zufall, ach was Zufall, es ist ein Befehl, als er sich an die Lippen tippt und den Kopf auffordernd hebt, ein kurzes Zucken, da weiß sie, das soll bedeuten: JETZT, sie stützt die Arme ab, und sie schimpft sich, weil sie zittert, aber mag sein, dass es bloß die Kälte ist oder vielleicht, weil sie denkt, wenn ich das jetzt tue, das ist ja weiter noch nichts, aber was täte ich sonst noch für diesen fremden Mann, sie stützt sich also ab und öffnet den Mund, schließt die Augen, ganz theatralisch, wenn schon, denn schon, dann berührt der Stift ihre Lippen, sie hat ihn nicht abgewischt vorher, einmal, zweimal, das dunkle Rot auf ihrem Mund, der halbe Kuss, es ist so schnell vorbei, ein paar Sekunden nur, und dann, sie weiß nicht, warum, malt sie weiter, um ihre Lippen herum, immer weiter, Rot ins Gesicht, Indianer spielen, Rot, Liebe. Blut, alles, das ganze Gesicht, dann wischt sie mit den Händen darüber, die Handflächen rot, sie weiß nicht, ist es Protest oder alberner Spieltrieb, malen und wischen und schmieren, Küsse und Rot, dann muss sie lachen und kann nicht aufhören, und sie sieht, dass er auch lacht, gegenüber, und sie lachen zusammen Tränen, über die Straße hinweg.</p>
<h5>(Foto: Rosie Huntington-Whiteley, Fotograf, Regisseur, Drehbuchautor Greg Williams für <a href="http://ecstasy-lover.livejournal.com/155268.html">Agent Provocateur</a>)</h5>
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		<title>Sonnenblume</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Apr 2009 09:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne. <a href="http://himmelende.de/2009/04/26/sonnenblume/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne.</p>
<p>Gestern Abend, an seinem achtzehnten Geburtstag, hat Marie ihn zum ersten Mal geküsst, und weil sie es beide noch nicht anders kennen, war das ein Kuss, der bedeutet: Jetzt gehören wir zusammen. Er liegt auf dem Rücken, an seinen nackten Füßen kitzelt das Gras und in seinem Gesicht kitzeln Maries Locken. Als er die Augen einen Spaltbreit öffnet, sieht er flirrendes Gold. Ihr blondes Haar riecht nach Sommer. Ein bisschen ungewaschen, nach Baggersee, Blütenstaub und „Sunflower“, ihrem Parfüm. „Interessant wären die Stellen, an denen sich die einzelnen Fetzen überlappen“, geht er auf ihr Gedankenspiel ein, doch sie kichert und hat die Zeitfetzen offenbar schon wieder vergessen. „Ich hol uns ein Eis.“ Auch das ist typisch für sie. Sie fragt gar nicht, ob er überhaupt will. Noch stört ihn das nicht, noch macht es ihn nur verliebter in sie, denn er hat tatsächlich vorhin an Eis gedacht. Sie kann Gedanken lesen, denkt er. Meine Gedanken. Später werden ihn solche Situationen wütend machen, genau wie ihre Sprunghaftigkeit, erst nur ganz wenig und irgendwann richtig, obwohl sie immer noch oft seine Wünsche errät. Aber darauf kommt es nicht immer an.</p>
<p>Jetzt kehrt sie zurück, mit genau der Sorte, die er sich gewünscht hat, was nicht schwierig war, denn er hat sich gewünscht, dasselbe zu essen wie sie. Zwei Cornetto Zitrone also in ihren Händen. Er greift nach einem, da hält sie ihn fest. &#8220;Erst einen Kuss!&#8221; Sie ist eine, die immer bekommt, was sie will. So ein Glück, Glück, Glück, dass sie ihn gewollt hat. Will. Er ist das, was man einen Spätzünder nennt, während sie schon einige Jungs gehabt hat vor ihm. Zumindest erzählt man sich das, weil sie so hübsch ist und so lustig und weil sie die angeblichen Affären nie leugnet. Irgenwann wird er erfahren, dass die Hälfte der Geschichten nicht stimmt. Die andere Hälfte aber doch, und die genügt ihm eigentlich schon. Er wäre gern ihr erster Mann, und die Vorstellung von Marie in den Armen eines anderen macht ihn krank. Gleichzeitig spannt seine Badehose, wenn er daran denkt, und er dreht sich auf den Bauch. Da spürt er ihren Körper auf seinem Rücken, ihre Brüste auf seinen Schulterblättern, ihre Lippen auf seinem Ohr, ihre Zunge an seinem Hals. &#8220;Das ist unfair!&#8221;, stöhnt er und beißt sich die Lippe rot. Bloß nicht hier, bloß nicht jetzt! Sie lacht und rutscht weiter auf ihm herum. Leckt das Eis ab, das auf seine Haut tropft. Nicht besonders raffiniert oder geschickt, aber so unbekümmert und selbstverständlich, dass es ihn wahnsinnig macht. Marie!</p>
<p>Nils und Marie lieben einander zweieinhalb Sommer lang. Sie ist das erste Mädchen, für das er Blumen pflückt, das erste, für das er die Schule schwänzt (bis dahin galt er als Streber), das erste, für das er Gedichte schreibt (tatsächlich!) und das erste, mit dem er schläft. Das Ende kommt schleichend und unspektakulär. Irgendwann ist ihre gemeinsame Zeit vorbei, Marie spürt und sagt es als erste, doch in Nils regt sich wenig Widerspruch. Bei der letzten Umarmung weinen beide und wollen einander nicht loslassen, doch ein wenig erleichtert sind sie doch. Jetzt kann das Leben weitergehen, Freiheit, all die Möglichkeiten, auf die Plätze, fertig, los. Wenige Monate später geht Marie als Au-pair-Mädchen nach Los Angeles und bleibt länger als geplant, beinahe zwei Jahre. Man sagt, die sei die Freundin eines amerikanischen Seifenopern-Stars geworden, doch Nils bekommt davon wenig mit, da er die Kleinstadt zum Studieren verlassen hat und sein Leben nun ein anderes ist, eins ohne Marie. Als sie zurückkommt und ihn besucht, ist ihr Haar geglättet, auf Kinnlänge gekürzt und noch blonder als zuvor. &#8220;Die Sonne!&#8221; erklärt sie strahlend und fällt ihm um den Hals. Er erwidert ihre Umarmung. Sie ist ihm fremd. Einen Kaffee trinken sie dennoch zusammen und dann drei Gläser Wein, worauf es zum Kuss kommt und ganz selbstverständlich eins zum anderen führt. Maries Bewegungen sind routiniert, ihre Zunge, ihre Hände machen alles richtig, so richtig, dass Nils vor lauter Perfektion fast die Lust vergeht. Doch nach einer Weile wird sie weich und verspielt und fast wieder seine Marie. Zwei Wochen lang schlafen sie miteinander, so oft es geht, bis ihnen schwindlig ist vor Erschöpfung, ihre Haut ganz wund und ihre Haare verklebt. Dann ist es endgültig vorbei.</p>
<p>Marie ist der Anfang. Nach ihr liebt Nils einige, und als er in einem Alter ist, in dem Männer gewöhnlich heiraten, heiratet er die Frau, die er zu diesem Zeitpunkt liebt, was nicht die schlechteste Wahl ist, vielleicht sogar die beste. Sie bekommen eine Tochter, die rabenschwarzes Haar hat wie ihre Mutter und die er liebt wie keinen Menschen zuvor. Wenige Wochen nach ihrem achten Geburtstag liegt er mit ihr am See, streicht ihr über den Kopf, über die maisgelben Spängchen, die Stirn und wundert sich über die kleine Grübelfalte zwischen ihren Brauen. Die Sonne brennt. &#8220;Mein ernstes Mädchen&#8221;, denkt er voll Sehnsucht und Sorge und Zärtlichkeit, doch da erhellt sich plötzlich ihr Gesicht, und die dunkelbraunen Augen blitzen, als wären sie blau. &#8220;Papa&#8221;, fragt sie, &#8220;kann das sein, dass ich gleichzeitig hier bin und ganz woanders? Dass mein Leben viele Knicke hat und ich vielleicht gleichzeitig ich und schon ganz alt bin oder jemand anders?&#8221; Sie schüttelt den Kopf, denkt noch mal kurz nach. „Oder nein, jemand anders vielleicht nicht. Aber ich in alt, das glaube ich manchmal schon, dass das geht. Oder, Papa?“ Er streicht ihr weiter übers Haar. Maries Mosaik. Etwas kitzelt in seinem Gesicht. Er steht auf, kauft Zitroneneis und stolpert beinahe über einen herumliegenden Ast. Schließlich sagt er: &#8220;Ja, mein Engel. Ja, das kann sein.&#8221;</p>
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		<title>Froschkönigin</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 19:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Carmen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[dialog]]></category>
		<category><![CDATA[farben]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
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		<description><![CDATA[Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. "Du hast die schönsten Augen der Welt", sagt er oft. "So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen." Mag ja sein. "Ich bin das aber nicht", flüstert sie. "Grün ist nicht meine Farbe." "Ich sehe dich so", sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer. <a href="http://himmelende.de/2009/04/07/froschkonigin/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://juicyfruit.exblog.jp/"><img class="size-full wp-image-1891" title="090406-title" src="http://himmelende.de/wp-content/uploads/2009/04/090406-title.jpg" alt="image by juicyfruit" width="500" height="149" /></a></p>
<p>Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. &#8220;Du hast die schönsten Augen der Welt&#8221;, sagt er oft. &#8220;So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen.&#8221; Mag ja sein. &#8220;Ich bin das aber nicht&#8221;, flüstert sie. &#8220;Grün ist nicht meine Farbe.&#8221; &#8220;Ich sehe dich so&#8221;, sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer.</p>
<p>Einmal war sie schon so weit, ihn deshalb zu verlassen. Es kann ja keine Liebe sein, dachte sie, wenn er mich so anders sieht als ich mich selbst. &#8220;Es kann keine Liebe sein, wenn du mir vorschreibst, wie ich dich zu sehen habe&#8221;, sagte er. Nach dem Streit und den Tränen und dem Kuss und seinen Händen, ihren Händen, dem Rausch und der Erschöpfung blieb sie doch.</p>
<p>Manchmal träumt sie davon, dass er ihren nackten Körper bemalt, spürt die Pinselstriche, die nasse Farbe, sanft und kühl, dann sein Gewicht, wenn er sie nimmt, auf dem alten, schweren Tisch in seinem Atelier, auch im Traum zerkratzen ihr die angetrockneten Farbreste darauf den Rücken, doch die Striemen sind grün und irgendwann merkt sie, wie ihre Haut sich verfärbt, erst die Finger, dann die Arme, Brüste, Beine, Hals, Gesicht, ist das der Tod? Vielleicht. Dann erwacht sie. Mit Wolken im Kopf und in den Gliedern.</p>
<p>Er ist 15 Jahre älter als sie, und manchmal ist das ein Problem. Wenn sie mit ihm wachsen möchte und merkt, dass er ihren Weg längst gegangen ist. Dann wächst nur die Einsamkeit, und meistens schläft sie in solchen Momenten mit ihm, um zu vergessen und die Unterschiede zu verschmelzen, das funktioniert. Sie hätte gern ein Kind mit ihm. Es hätte seine schwarzen Locken und karamellfarbene Haut, seine große schiefe Nase und diese Zartbitter-Augen, vielleicht ihren fein geschwungenen Mund, ein zartes Mädchen mit ihrer beider Seelen im kleinen Gesicht.</p>
<p>An ihrem 30. Geburtstag führt er sie in sein Atelier, sie mag den Geruch dort und die Atmosphäre, die zärtlichwarme Kälte, den Boden aus Beton. Doch in der Mitte des Raumes ist wieder sie selbst in Grün, zwei mal zwei Meter, ihr Gesicht, ihre Brüste, ihre Hände, ihr Haar, Grün in Grün, als wäre sie eine Zimmerpflanze, lebendig, aber stumm. &#8220;Das bin ich nicht&#8221;, sagt sie leise, der Satz fühlt sich leer an in ihrem Mund, doch zum ersten Mal antwortet er anders als sonst, antwortet: &#8220;Ich weiß&#8221;, und zieht sie an sich. &#8220;Wir übermalen es.&#8221;<br />
&#8220;Wir?&#8221;, fragt sie, da drückt er schon eine rote Farbtube über der Leinwand aus, kleckst damit ein Herz auf das Bild, sie muss lachen, &#8220;du bist albern&#8221;, aber dann wischt sie mit der Hand durch das Herz, über ihre grünen Brüste, die trockene Farbe darunter kratzt, sie greift zu Gelb und Orange und Blau, malt mit den Händen, er sieht ihr zu, setzt hier und da eine Linie, die ihr farbiges Chaos im Zaum hält, ist das noch ein Mensch, den sie da malen? Ja, denkt sie, ein Mensch von innen. Oder zwei. Sie küsst ihn auf den Mund und lacht, singt &#8220;Will you love me tomorrow?&#8221;, ihr Lied.</p>
<p>Sie hat es gesungen, damals in der verrauchten Kneipe, die es nicht mehr gibt und in der sie als Studentin einge Mal aufgetreten ist. Sie mochte es, wie er sie ansah dabei, ja, morgen werde ich dich lieben, aber vielleicht schon heute Nacht. So kam es. Am nächsten Morgen betrachtete sie die feinen Fältchen um seine Augen die kleine Narbe am Kinn, das erste Grau in seinem Haar, alles an ihm rührte sie, wenn er schlief, und alles an ihm erregte sie, wenn er erwacht war. Sie kam jede Nacht, in der ersten Woche, er kam jede Nacht, sechs Jahre ist das her, irgendwann zog sie bei ihm ein, sie singt nur noch manchmal und nur noch für ihn. &#8220;Du bist ihm verfallen&#8221;, sagte eine Freundin, die es als Warnung meinte, doch ihr gefiel der Satz. Und die Vorstellung.</p>
<p>&#8220;Tomorrow and forever&#8221;, sagt er mit seinem Londoner Akzent, den sie liebt, und lächelt. Es ist das erste Mal, dass sie ihm glaubt. Ihre verschlungenen Hände auf der Leinwand, die schmatzende Farbe auf ihrer Haut, das ist das Glück, denkt sie, das Glück, das Glück, die Sonne und ja, auch das Meer, ein Kuss voller Farben, Sekunden voll Licht, das Leben, halt mich, doch diesmal fällt er, fällt, oder sie beide, wer weiß das schon, sie rollen über den Boden, ein Eimer voll schmutzigem Wasser kippt um, sie lachen und weinen und halten sich. Ihr weißes Kleid ist fleckig, sie guckt es an und lacht. &#8220;Ich bin ein fleischgewordenes Klischee!&#8221;<br />
&#8220;Wir beide&#8221;, sagt er und schiebt seine Hände unter den groben Stoff, seine farbigen Hände voller Farbe, erneut muss sie lachen deshalb und er mit ihr, sie küsst seinen dunklen Mund, die großen, weichen Lippen, sein unrasiertes, raues Kinn, küsst und küsst, jetzt ist sie über ihm, er lässt seine Hände von ihr, legt sie hinter den Kopf auf den Boden, sieht zu, wie sie das Kleid auszieht, darunter trägt sie nichts, wozu, sie sind zu Hause, zu Hause, so fühlt es sich an.<br />
Sie öffnet seine Jeans, sein Hemd, zieht ihn aus, spürt ihn in sich, es dauert nicht lange, und die Farben verschwimmen vor ihren halb geöffneten Augen, der Raum dreht sich im Kreis, Zittern, Rausch, Liebe und alles, dann zuckende Stille, leise Tränen und Licht in den Pfützen um sie herum.<br />
Die Augen hatte sie ausgespart auf dem Bild, sie blitzen immer noch grün, wie zwei junge Buchenblätter, es stört sie nicht mehr, sie kugeln über den Boden, &#8220;bleib in mir&#8221;, bittet sie, doch natürlich gelingt das nicht, sein Körper wärmt sie dennoch, sie küsst ihm einen Tropfen von der Schulter und ist ihm nah wie noch nie.<br />
Das war im Frühling.</p>
<p>Im Winter verlässt sie ihn mit der neugeborenen Tochter für einen jungen, schwedischen Dichter mit sanften Händen, Flausen im Kopf und einem Hausboot in Amsterdam. Ein Irrtum, den der Vater geduldig hinnimmt und der vielleicht auch keiner ist. Der Dichter singt dem Baby alte Liebeslieder vor, bei denen es nur selten einschläft, es schläft überhaupt weniger als gedacht. Dafür schläft der Dichter mit der Mutter, Nacht für Nacht, und jede Nacht ein bisschen zu lange. Bald wird er müde. Es ist eine ansteckende Müdigkeit, die sich paart mit plötzlicher Sehnsucht, und so kommt es, dass die Suche dann doch zu Ende ist. Noch bevor die Kleine das erste Mal zahnt, kehrt die Mutter mit ihr nach Hause zurück.</p>
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		<title>Das waren wir. Erinnerungen an ein halbes Jahr.</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Mar 2009 11:55:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gewitterhexe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[monolog]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
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		<category><![CDATA[skepsis]]></category>
		<category><![CDATA[vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[vertrauen]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit du gegangen bist, ist mein Körper traurig. Weinen kann ich kaum. Die Trauer ist tief in mir vergraben. Ich lenke mich bis zur Erschöpfung ab, lese, bis mir die Augen zufallen, bin so abgelenkt wie möglich und so wenig &#8230; <a href="http://himmelende.de/2009/03/14/das-waren-wir-erinnerungen-an-ein-halbes-jahr/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit du gegangen bist, ist mein Körper traurig. Weinen kann ich kaum.<br />
Die Trauer ist tief in mir vergraben. Ich lenke mich bis zur Erschöpfung<br />
ab, lese, bis mir die Augen zufallen, bin so abgelenkt wie möglich und<br />
so wenig traurig wie nur irgend geht.</p>
<p>Unser erster Kuss hat mir nichts bedeutet, du weißt. Ich erzählte es dir<br />
Monate später. Es war eine Laune, es war Sommer, es war eine warme<br />
Nacht, es wurde schon wieder Morgen. Warum ich es tat, das kann ich<br />
bis heute nicht mit Sicherheit sagen, aber ich weiß, es war nicht, weil ich<br />
dich wollte. Nicht so. Das kam erst später. Als meine Hand frisch operiert<br />
und verbunden war, unser erstes Wochenende. Wir verbrachten viel mehr<br />
Zeit miteinander als geplant, aus einem Kaffee wurde ein ganzes langes<br />
Wochenende, das letzte Wochenende des Sommers (so zumindest<br />
erinnere ich es). Wir kannten uns noch kaum, doch etwas in meinem<br />
Inneren sagte „vertrau ihm“ und ich vertraute dir und es war das<br />
Selbstverständlichste von der Welt, als ich zu dir sagte „zieh mich aus“<br />
und „zieh mich an“ und „schneide mir bitte eine Scheibe Brot“. Als du<br />
zum ersten Mal mit mir in meinem kleinen Bett übernachtet hast, als ich<br />
erwachte, als ich mich in deinen Armen fühlte wie im Sonnenschein. Ich<br />
fühlte mich angekommen. Wir konnten uns danach nie einigen, an<br />
welchem Tag unser Wir begonnen hatte, aber für mich war es klar: es<br />
war jener, als ich morgens neben dir erwachte und mich in deiner Wärme<br />
sonnte.</p>
<p>Unsere Beziehung war nicht einfach, viel gemeinsam haben wir nicht. Du<br />
magst amerikanische Serien und ich deutsches Autorenkino, ich gehe gern<br />
in Museen, du prinzipiell nicht. Meine bunten Socken fandest du kindisch,<br />
ich dein Zimmer viel zu karg. Ich koche gern und wenn du wieder Nudeln<br />
mit Pesto und Gouda essen wolltest, konnte ich mich des Gefühls nicht<br />
erwehren, du gibst dir keine Mühe für uns. Ich mache gern Komplimente,<br />
du warst sparsam damit und davon peinlich berührt. Es hat Monate<br />
gedauert, bis sich unsere Körper miteinander bekannt gemacht und<br />
angefreundet hatten.</p>
<p>Mir fiel es schwer zu sagen, was ich an dir mochte, dir erging es ebenso.<br />
Ich hatte immer Hunger nach Liebe, an dir, bei dir und mit dir wurde ich<br />
nicht satt, du hast das wohl gespürt. Ich fühlte mich ungenügend, weil du<br />
mit deiner Zuneigung so sparsam warst, du fühltest dich ungenügend,<br />
weil ich immer nach mehr verlangte, als du zu geben bereit warst (oder<br />
geben konntest, ich weiß es nicht). Unzulänglichkeiten. Unzufriedenheit.<br />
Unglück.</p>
<p>Ich wollte gern mit dir Alltag teilen, aber nicht Alltag für dich sein, doch<br />
viel zu oft fühlte es sich für mich so an.</p>
<p>Und doch hatte ich in den letzten Wochen das Gefühl, dass wir einander<br />
näher rücken. Eine Erinnerung, die noch ganz frisch ist: Nach einer Party<br />
gehen wir durch die nächtliche Stadt zu dir, du schließt deine Augen,<br />
willst von mir so heimgeführt werden. Die Löcher im Asphalt, die<br />
Bordsteine, die Ampel, meine Beschreibung der Welt und die Geräusche<br />
der Autos, der Passanten, der Vögel, dienen dir als Orientierung. Du<br />
warst so konzentriert und ich meine zu spüren, es bereitet dir große<br />
Freude. Und ich freue mich an deiner Freude und ich bin von deinem<br />
Vertrauen so gerührt.</p>
<p>Und doch war die Wärme deines Rückens, wenn ich mich an ihn<br />
schmiegte, für mich trotz allem stets viel mehr als nur dies: ein warmer<br />
Rücken.</p>
<p>Mir ist zu kalt, mir ist zu warm, ich bin erschöpft, ich kann nicht schlafen.<br />
Ich erwache so müde, wie ich am Abend zu Bett gegangen bin, an meine<br />
Träume kann ich mich nicht erinnern, nur ihre Schwere spüren. Mein<br />
Körper trauert, er vermisst dich schon mit aller Wucht, er vermisst deinen<br />
Körper, deine Haut, deine Wärme. Er vermisst dich auf eine ganz eigene<br />
Weise; er spürt genau, was ich noch längst nicht verstehen will,<br />
verstehen kann: dass wir für immer das letzte mal Haut an Haut waren.<br />
Dass unsere Beziehung zwar mehr als etwas Halbes, aber auch nichts<br />
Ganzes war, dass niemand ein halbes oder ein zweidrittel Glück will, dass<br />
das weh tut, für die eine mehr und den anderen weniger, aber letztlich<br />
für beide.</p>
<p>Es ist Februar und überall sind Vögel. Es ist Nacht, es regnet. In meinem<br />
Hinterhof singt ein Vogel wie im Frühling und das ist weniger als ich noch<br />
vor Tagen vom Leben erwartet habe und mehr als ich mir momentan zu<br />
erhoffen wage. Ein kleines, kostbares Glück. Über die nächtliche,<br />
regnerische Stadt ziehen die Kraniche, sie schreien, sie kommen schon<br />
aus dem Süden. Hoch oben, auf einem Hügel nahe beim Dorf meiner<br />
Kindheit sitzen die schwarzen großen Raben in den Bäumen über den<br />
Feldern, über den Disteln, über den Steinen. Hier scheint sich alles zu<br />
schließen, ist das Regression oder bin ich am Anfang, um von hier aus<br />
neu beginnen zu können, brauche ich diesen Punkt, um mich von hier aus<br />
abstoßen können, alles auf Start, rewind and play.</p>
<p><em>and out through the chimney<br />
and into the sky<br />
the clouds they are empty<br />
and a bird flies by </em></p>
<p>Wie du zur Begrüßung im Kreis winkst,<br />
wie du trinkst und dann ein zufriedenes Geräusch machst wie in der<br />
Werbung,<br />
wie du deine Stirn in Falten legst, wie sie sich entspannt, selten aber<br />
manchmal,<br />
wie du beim Zähne putzen Gymnastik machst,<br />
wie sich dein Hinterkopf in meiner hohlen Hand anfühlt,<br />
wie du uns zum Frühstück Espresso mit Milchschaum zubereitest und Ei<br />
und Brot und Müsli,<br />
wie wir uns nahe sind, Hand in Hand, Bauch an Rücken und Rücken an<br />
Bauch.</p>
<p>All das wird bleiben, nah und warm. Und es gibt keinen Grund, dir<br />
wütend und von dir enttäuscht zu sein. Aber wir konnten einander kein<br />
Glück sein. Wir waren einander ungenügend, wohl nicht einmal<br />
ausreichend, schon gar nicht: gut. Zumindest nicht unter dem Strich,<br />
zumindest nicht, wenn du ihn ziehst. Das habe ich verstanden. Es hat<br />
seine Richtigkeit. Doch sehe ich es trotz allem anders, zumindest noch<br />
jetzt; und verstehen ist nicht dasselbe wie überstehen, das sangen schon<br />
die Sterne. Und eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.</p>
<p>„Auf Wiedersehen. Wenn du magst“ hast du zum Schluss gesagt.</p>
<p>Lass mir Zeit.</p>
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		<title>Sometimes love is hiding between the seconds of your life</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Jan 2009 22:32:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[No Name No Slogan]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[trennung]]></category>
		<category><![CDATA[unvernunft]]></category>
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		<category><![CDATA[zorn]]></category>

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		<description><![CDATA[[See post to watch QuickTime movie] From the movie Cashback. Music Casta Diva (iTunes link) HD version]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[[See post to watch QuickTime movie]
<p>From the movie <a href="http://www.imdb.com/title/tt0460740/">Cashback.</a><br />
Music <a href="http://itunes.apple.com/WebObjects/MZStore.woa/wa/viewAlbum?i=279619134&#038;id=279618994&#038;s=143443">Casta Diva</a> (iTunes link)<br />
<a href="http://himmelende.de/wp-content/videos/Cashback%20-%20Suzy%20Break-Up/Cashback%20-%20Suzy%20Break-Up-desktop.m4v">HD version</a></p>
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		<title>Nicht deswegen</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Nov 2008 15:39:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rücklicht]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[vernunft]]></category>

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		<description><![CDATA[Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Doch seit ein paar Wochen packt es mich regelmäßig, ich werde unruhig, bilde mir was ein und ziehe los und während ich &#8230; <a href="http://himmelende.de/2008/11/10/nicht-deswegen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Doch seit ein paar Wochen packt es mich regelmäßig, ich werde unruhig, bilde mir was ein und ziehe los und während ich unterwegs bin orten meine Laserpointeraugen Zielobjekte &#8211; Gesicht, Bewegung, Hand, Zigarette ja / nein? &#8211; hochanalytisch, das geht in Sekundenbruchteilen. Terminatorinterfaceblick. Und die ganze Zeit murmle ich einen Satz, &#8220;Entschuldigung, hast du vielleicht eine Zigarette für mich? Entschuldigung, hast du vielleicht&#8230;? Entschuldigung?&#8230;&#8221;; wie ein Mantra, wie die zwei Zeilen eines Gedichts, das man als Kind auswendig lernen musste. Die zwei Zeilen, die einen immer und immer wieder zum stolpern brachten, an denen man permanent scheiterte. Am Heiligabend oder an sonstirgendeiner Veranstaltung, bei der mehr als zwei Personen zugegen waren, auf einem Fest in der Grundschule, einem Theaterspiel oder bei Verwandtenbesuchen; wo es einem die Aufregungsröte ins Gesicht trieb, weil man all den Menschen zeigen wollte, das man es draufhat und jetzt bloß nichts vergeigen und dann doch bloß stammelte und das geräuschlose Warten der Erwachsenen einen die Brust zudrückte. Bei eben bei diesen zwei Zeilen.<br />
Wollte also rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Doch wenn, dann geht es schnell. Also die Frage nach einer Zigarette geht schnell und so einfach, wie die Frage nach der Uhrzeit. &#8220;Entschuldigung, wie viel Uhr haben wir? Entschuldigung, hast du vielleicht eine Zigarette?&#8221;<br />
Wollte also rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren, blieb jedoch im Appartement, das in den frühen Stunden des Tages ganz sonnendurchflutet hin und her schaukelt, wie ein Korb an einem Heißluftballon, der ächzt und knarrt unter dem Gewicht der Passagiere und dem rauen Zerren des Windes, wenn man höher und höher steigt, so hoch schon dass man meint, bald mit den Fingern langsam über die Wolken streichen zu können.</p>
<p>Blieb also im Appartement und spülte Gläser und machte das Bett und freute mich über einen weichen Morgenschiss. Wie gewöhnlich alles. Aber dann, ach.<br />
Dann fuhr ich doch in die Stadt (nicht der Zigaretten wegen, ich schwörs), ging nicht zu J.C. Pennys (den gibts bei uns nämlich gar nicht) oder Karstadt oder Woolworth oder Starbucks, weil da alles mit Geldausgeben verbunden ist und ich wollte kein Geld ausgeben. Ich ging nicht dorthin um Ruhe zu haben, weil Ruhe hat man in der Stadt nicht. Oder selten oder an Orten, die ich nicht kenne. Die Stadt gibt eigentlich keine Ruhe, sie will permanent etwas von dir, dass du mitschwimmst und konsumierst und das macht sie manchmal so aufdringlich, dass ich ganz nervös werde und am Ende doch bloß wieder nachgebe und irgendeinen Scheiss kaufe. Verchromte Handtuchhalter, die man in die Tür klemmt, Digitalkamerareisetaschen aus Neopren für Digitalkameras, die ich nicht besitze, chinesische Glückskatzen mit erhobener Pfote, die das Glück heranwinken, so haarscharf an meiner Schläfe vorbei (Glück, Katze, sonst hättest du mir damit ein Loch in den Schädel gebohrt), Nasenhaarrasierer mit Fuzzy-Logic und Lithium-Ionen-Akku und Staubsaugerbeutel im Fünferpack, weil günstig und somit <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=bang+for+the+buck">the most bang for the buck</a>. Dinge, die ich eigentlich nicht brauche und nicht will, die ich kaufe, nicht um glücklich zu sein sondern als eine Art Valium für zwanzig Minuten Frieden und Eintracht im Einkaufstempel.</p>
<p>Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Und dann war ich plötzlich in der Stadt. Zur Hölle, ich kann nicht sagen wieso oder warum. Was machte ich hier überhaupt? Also doch bloß der Zigaretten wegen (hab vorhin gelogen), da fiel mir <a href="http://himmelende.de/2008/09/15/nicht-trinken/">ein Zitat von Peter Glaser </a>ein. Abgewandelt, ganz leicht, so hat er es nämlich nicht gesagt (ich wandle gerne mal ein Zitat um, sodass es seine Gültigkeit behält oder am besten eine neue Richtung bekommt. So bin ich halt). Sag ich so: Manchmal muss man rauchen, um das Nichtrauchen nicht überhand nehmen zu lassen. Kann man so sagen. Kann man auch so stehen lassen. Jetzt funktioniert das aber auch in die andere Richtung. Manchmal muss man nichtrauchen, um das Rauchen nicht überhand nehmen zu lassen. Trotzdem suchte ich nach einer Zigarette, scheiß doch auf die guten Vorsätze, die sind ja morgen auch noch gut. Werden ja nicht schlecht. Und mit dem Gedanken an schlecht kam der Hunger. Bin dann doch zu Subways gegangen und schon schlechtes Gewissen bekommen, daheim nichts ordentliches gekocht zu haben und jetzt für meine Ernährungsfaulheit Geld für belegte Weißbrotscheiben auszugeben, das ich eigentlich nicht ausgeben wollte. Gab dann aber letzten Endes doch kein Geld aus und keine belegten Weißbrotscheiben und nach wie vor hungrig wie ein streunender Wolf in der Tundra, denn es war Dienstag und &#8220;Sub des Tages&#8221; war das Meatball Marinada und das sah so fleischklopsig widerlich aus, dass mir der Appetit ganz ordentlich verging. Dann war ich wieder mit den Gedanken beim Hunger und bei schlecht.</p>
<p>Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Und dann saß dort auf einer Bank meine Zigarette (die Isabella hieß, wie sich später rausstellte) und ich war keck und trug ihr meinen kleinen beschissenen sozialschmarotzenden Weihnachtsvers vor. Entschuldigung, hast du vielleicht eine&#8230;? Ja klar. Und sie musterte mich skeptisch, als ich mich für einen Moment neben ihr auf die Bank setzte und so tat, als wäre meine Frage nach einer Zigarette die gewöhnlichste Frage der Welt für mich. Vielleicht zögerte ich auch zu lange, vielleicht tat ich auch so, als würde ich auf eine Unterhaltung warten (wenn ja, so fiel mir das nicht auf) und sie so: &#8220;Kennen wir uns!&#8221; Nein&#8230; also&#8230; nun, ich denke nicht und log, denn ich hätte ein ganzes fleischklopsiges Meatball Marinada drauf verwetten können, sie irgendwo schon mal gesehen zu haben. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und wippte mit dem braunzerlatschten Hauspantoffel an ihrem Fuß. &#8220;Sag mir bitte einen Grund, warum ich nicht die Stadt verlassen soll.&#8221; Dieser Satz kam so direkt und selbstverständlich über ihre Lippen, dass ich mich fühlte, als seien wir bereits 30 Jahre verheiratet und alles mal wieder so gewöhnlich, ach, und befürchtete, diese Unterhaltung ist schon nach dem zweiten Satz im Arsch, so richtig tief drin. Sag mir du bitte einen Grund, warum du die Stadt verlassen willst. Der Job? Nein. Die Wohnung? Nein. Die Familie? Nein, nicht deswegen. &#8220;Der Freund, der Pisser.&#8221; Sein Wasserglas stand noch immer an der selben Stelle. Er hatte noch nicht mal Zeit gehabt, richtig zu lügen. Er hatte noch nicht mal Zeit gehabt, richtig auf Wiedersehen zu sagen. Der Pisser! Pisser!, Pisser!, Pisser! und aus ihren Augen sprühen Fünfmilliarden Hassfunken und ich halte meine geschnorrte Zigarette zur Sicherheit mal ganz weit weg, nicht dass sie angeht, wollt ich mir ja noch für später aufheben. Und ich dann so: Mhm, was für ein Pisser und ich weiß, dass ihr das überhaupt nichts bringt. Geheuchelte Anteilnahme ist manchmal noch unpassender, als gar keine Anteilnahme, also sag ichs ganz leise, damits vom Straßenlärm verschluckt wird und das klappt ganz gut.</p>
<p>Und du? Warum bist du hier? Einkaufen? Nein. Essen? Nein. Naja&#8230; (und der Tundrawolf in meinem Magen fletscht die Zähne). Zigarette schnorren? Ich schau auf die Zigarette zwischen meinen Fingern und für den nächsten Satz denke ich auffällig lange nach. Nein, nicht deswegen und buddle mich solange durch die Staubschicht auf meinem Hirn &#8211; hundert Lagen von Meatballs und Nasenhaarrasiererangebote und Shoppingglanz und Motorengebrumme, bis ich einen blanken Kern finde, der mich überrascht, weil er so unerhört weiß schimmert wie der Knochen, der durch eine Fleischwunde blitzt. Menschen, sag ich dann trocken und drehe mich um und zu ihr und sie blickt mich an, als wäre das die gewöhnlichste Antwort der Welt. Menschen, sag ich noch einmal, als hätte ich selbst nicht verstanden, was ich gerade gesagt habe und meine damit ihre Geschichten, deine Geschichte zum Beispiel, Zigaretten-Isabella, mit deinem Pisser, der sich verpisst hat und sein Wasserglas, dass immer noch dort steht, wo er es hingestellt hat und das dich auch noch in ein paar Tagen an eure Unterhaltung erinnern wird, an den Streit und deine Vorwürfe und seine wortlose Eile, vielleicht hin zu einer anderen, du hast es ja schon immer vermutet.</p>
<p>All diese kleinen Geschichten der Menschen aus der Welt dazwischen, der Füllstoff in unserem Dasein; der Kitt, der die Fugen zwischen den Episoden des Lebens zusammenklebt oder sprengt, je nachdem, wie mans halt erwischt. Geschichten, die einem doch immer wieder zeigen, dass es anderen auch so geht. Und die sind dann vielleicht besser oder schlechter dran als man selbst und das tut gut, weil man sich dann am Leben fühlt und für einen Moment den Pappmachéfassadengeschmack im Mund vergisst, den diese eskapistische Quatschwelt oft hinterlässt. Ja, das ist mein Grund, warum ich die Stadt noch nicht verlassen habe. Sie nickt und lächelt und sagt etwas, das vom Straßenlärm verschluckt wird. Dann erzähle ich ihr noch davon, dass ich in die Geschichte eingehen werde als größter evil idiot fuck, der auf seinem Kahn absäuft, blubb blubb von der Bildfläche verschwindet und mit ihm all seine tausend kleinen evil idiot fuckideen. Da werd ich mal ein Buch draus machen, sag ich und steh auf und bin ganz plötzlich sachlich und per Sie: &#8220;So ist es, wenn sie so wollen&#8221;. Und auf dem Weg nach Hause kaufe ich mir einen Notizblock in DINA5, für all die Geschichten, die ich niemals schreiben werde und werfe die Zigarette weg. Temporäres Raucherwochenende beendet.</p>
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		<title>Fremdkörper</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Feb 2005 13:07:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[traum]]></category>
		<category><![CDATA[weltuntergang]]></category>

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		<description><![CDATA[Dasein und doch nicht. Ein Mann, eine Frau, Liebe und ein Traum - eine Suade der Sehnsucht, ein Lobgesang an das Nichts. <a href="http://himmelende.de/2005/02/19/fremdkorper/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Morgen war lau. Ich hatte mal wieder schlecht geträumt. Ein verrückter Porno in meinem Kopf. Zwiespältige Situationen, Gewalt, Hardcore, Blut und tote Menschen, kranker Scheiss. Ich saß auf der Bettkante und war noch nicht ganz im hier, die Klarheit des heraufziehenden Tages war noch nicht ganz bei mir. Gesenkter Kopf von Hand gestützt, die Finger im Haaransatz vergraben. Mein Blick ruhte auf dem Zeitnehmer an der Wand und führte doch ins Leere. Halbundhalbwahrheiten in meinem Verstand.</p>
<p>Wieder zurück auf Erden ging ich ins Bad. Wasserlassen. Natürlich, muss man. Zähneputzen im Angesicht des großartigsten Lügners, dem du an jedem Tag deines Lebens begegnest. Unrasiert und fahl, in lebenslustlosem Weiß, Büroalltagbleich.</p>
<p>Nachdem ich aufstand meinte ich, mein Schatten sei liegen geblieben. Es gibt Tage, da bin ich glashell, durchlässig und fein wie Pergament. Dann durchfließt mich Licht ohne Widerstand; ungehindert, wie durch das dünne Häutchen zwischen Zeigefinger und abgespreiztem Daumen, wenn man es direkt in den Schein einer starken Lampe hält. Draussen regnete es seit gestern.</p>
<p>Die Kälte der Küchenfließen kitzelte an meinen Fußsohlen, ließ mich Zehenspitzenhüpfend von einer Kachel zur nächsten balancieren. Verkannt und abgebrannt stand ich in Shorts vor dem geöffneten Kühlschrank. Die Milch war alt. Sie wollte letzte Woche schon gewechselt werden. Sie wollte genau so gewechselt werden wie das defekte Kühlschranklicht, die defekte Kaffeemaschine und überhaupt eine Menge anderer Dinge. Frustration zieht sich, sie trieft langsam. Montagssirupsorgen.</p>
<p>Als es an der Tür klingelte, war mir nicht wohl. Mein Sinn stand mir nicht nach Gesellschaft. Zu früh, nicht jetzt. Annika stand draussen, durch die Gegensprechanlage hörte ich sie niesen. Wie konnte ich sie vergessen? Schlüssellos im Regen.</p>
<p>Nass und aufgebracht sah sie sinnraubend attraktiv aus, das fiel mir jetzt das erste mal auf. Ich reichte ihr ein Handtuch und tröstete sie mit einer heissen Tasse Instant-Kaffee. Ohne Milch. Die war ja alt.</p>
<p>“Dieser alte Sack vor mir in der Bäckerei.”<br />
Sie knallte die Tüte mit den Semmeln auf den Tisch.<br />
“Was war los?”, fragte ich.<br />
“Glaubt doch allen ernstes, er müsse mit der Verkäuferin eine Grundsatzdiskussion über genverändertes Getreide führen. Wo der Laden doch gerammelt voll war. Endspeinlich.”<br />
Mein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Ich sollte Zustimmung zeigen, zumindest. Statt dessen erlosch nur ein müdes Lächeln in meinen Mundwinkeln.</p>
<p>“Du hast wieder schlecht geträumt, oder?” Annika blickte mich fragend an. Ich nickte. “Und von was hast du geträumt?”<br />
“Von einer Parade durch unseren Garten. Die Menschen waren nicht glücklich, sie hassten. Einer brach zusammen, ich wollte ihm helfen, musste irgendwas an seinem Rückenmark operieren. Die anderen ließen mich nicht und vertrieben mich, bewarfen mich mit Steinen. Er starb, ich floh.”<br />
“War das alles?”<br />
“Nein. Aber ich will nicht weiter&#8230;”<br />
“Komm schon, raus damit!”<br />
“Weltuntergang. Es war Weltungergang.”<br />
Annika hob ihre rechte Augenbraue und der dünne Haarstreifen verformte sich zu einer geschwungenen Welle leisen Bedenkens.  “Kommt das öfter vor?”<br />
“Oft. Nicht jeden Tag. Aber oft.”<br />
“Und wie&#8230; geht&#8230; die Welt in deinem Traum unter?”<br />
“Juli.”<br />
“Was?!” Annika schien nun vollends verwirrt und so entwickelte ich ihr meine Gedanken.<br />
“Es ist ein früher Sommerabend im Juli, als die Welt untergeht. Es ist hell aber die Sonne ist schwarz. Ein schwarzes Sonnenloch droht am Himmelszenit. Es ist das Ende der Welt, jeder weiß es. Die Menschheit versinkt im Chaos. Ich trete auf die Veranda, bin ganz ruhig und voller Erwartung. Die Wolken am glutrot gefärbtem Himmel stieben auseinander und eine gewaltige Feuerwalze rollt vom Horizont heran. Es ist das Ende der Welt, so wie wir sie kennen. Und ich fühle mich gut.”</p>
<p>Meine Stirn warf tiefe Falten, der Blick verirrt im haltlosen Nichts.<br />
“Du siehst nicht gut aus. Komm her.” Sie zog mich zu sich und presste ihre Lippen an mein Ohr. “Sei ohne Sorgen, nicht denken.”, und das erste «S» zischelte sie so spitz und leise in meine Gehörmuschel, dass es mich kitzelte. Für einen kurzen Moment schauderte ich, dann drückte Annika ihren Körper eng an meinen. Ich spürte ihre festen Brüste, mein Herz schlug bis zum Hals. Und als würde sie versuchen, mir eine altbekannte Lebenslehre verständlich machen zu wollen, wiederholte sie die letzten zwei Wörter noch einmal ganz langsam und tippte dabei mit ihrem Finger auf meine Nasenspitze. “Nicht denken.” Durch die Wärme ihres Leibes merkte ich erst, wie kalt ich war. Ihre jugendliche Hitze züngelte um meine Fingerspitzen, als ich mit ihnen sanfte Muster auf ihrer weichen Haut beschrieb. Wie ergaben uns der Begierde. Körperschreie in der Küche.</p>
<p>Ihre Augen waren tausend Ozeane tief. Als sie ging blieb ich zurück. Verbluten in Einsamkeit. Das war immer so, wenn sie weg war. Der Tag verstreicht, vergeht. Die Schatten im Zimmer wandern, sie biegen, krümmen, strecken sich von einer Wand zur nächsten. Der Raum geht.</p>
<p>Vier-Wände Dasein, von ausserhalb hineingeblickt. Manchmal kann sich Leben verdammt fremd anfühlen. Und jetzt, erst im Nachhinein erfasste ich den Gedanken, der mich zunächst erschrak, der nun aber wie ein blasses Echo aus dem Traum nachklang, als ich dort auf der Veranda stand und befreit von aller Last mit gedankenloser Leichtigkeit dem Ende allen Seins entgegen blickte &#8211; und mich gut fühlte, als wir zu Staub zerfielen.</p>
<p>Stehend am Rande, lauschend dem Knarzen des Weltengangs. Heute klar die Liebe vom Himmel scheint, morgen die Leere der Weite weint. Mich gibt es nicht.</p>
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