Die Pforten des Tages

Eine blasse Erinnerung an ein seltsam weiches Gefühl, das wie eine Horde Grashüpfer durch meine Brust gesprungen war und mir fast die Kehle zugeschnürt hätte, still schweigend sitzend, dann schwirrend durch meinen Kopf, den ich neben einem Fläschchen Phenol auf den Tisch gelegt hatte. Das weiße Licht vom Flur brach sich auf der Kante unterhalb des Flaschenhalses und warf winzige Dreiecke auf das Holz. Der Anblick der farblosen Kristalle widerte mich an – so überfressen, dass selbst die paar Tropfen Gift zu viel waren. Ich hätte meinen Haken einfach aus der Verankerung reißen und mich neben der Dunkelheit, die ich so vermisst hatte, schlafen legen können, ein süßer, kurzer Schlaf, da klingelte es an der Türe.

Es war ein knarzender Ton. Wie das Gemecker von Amelie, wenn man ihr nicht genug Beachtung schenkte. Vielleicht würde das Klingeln aufhören, wenn ich ihm ein Kompliment vorlöge, durchzuckte es mich. Ich war im Lügen noch nie gut gewesen, aber Amelie auch nicht, deshalb meckerte sie immer, wenn ihr etwas nicht passte und behauptete, ich würde Unsinn reden. Es klingelte erneut. Unsinn reden ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Man kann versuchen einen Widerspruch herbeizuführen: Wasch’ mich aber mach mir den Buckel nicht nass. Das hört sich zwar sonderbar an, ist aber kein logischer Widerspruch, man könnte ja auch die Haut abschaben. Abgesehen davon, ist die Logik ja auch nicht logisch, weil sich von ihren vier Hauptsätzen kein einziger beweisen lässt. Bei Fragen ist es noch schwieriger.

Selbst wenn jemand dämlich genug wäre, „Wo ist wann?“ zu fragen, was schon ziemlich unwahrscheinlich ist, wäre „nirgends“ immer noch die korrekte Antwort. Es bleibt also nur noch die Möglichkeit, Worte aus völlig unterschiedlichen Bereichen zusammen zu klamüsern und sie in eine möglichst konfuse Anordnung zu bringen. Irgendwer, Goethe oder so, hatte sich mal einen Spaß damit erlaubt und jetzt bedeuteten diese Sätze so ziemlich alles, was zwischen Himmel und Hölle vorstellbar war. Es klingelte zum dritten Mal.

Für jeden Ton gibt es einen Gegenton, eine Schwingung, die die Andere aufhebt. Aber dieses widerliche Knarzklingeln gibt ja keinen Ton, sondern Geräusche von sich. Also keine Schwingungen, sondern Spitzen, Ausschläge eben. Ich versuchte das Gegengeräusch zu finden, indem ich auf den Zähnen knirschte. Theoretisch ist auch genug Phenol für zwei da, dachte ich. Es läutete Sturm. Widerwillig schob ich den Stuhl zurück, auf dem ich saß und hob mein Gesicht, das eine rote Druckstelle hatte, vom Tisch auf. Das Fläschchen in der Hand ging ich zur Tür.

Tausend Schritte waren es bis hierher, in die Diele, dann noch drei zur Tür. Da blieb ich stehen, schrie. „Hier ist nirgends! Niemand! Gehen sie weg!“ Im Lügen war ich noch nie gut, die Person vor der Türe allerdings auch nicht. Sie tippelte und scharrte und schnaufte laut. Vielleicht würde ich nun anfangen, dem Klingler draussen Komplimente zu machen. Dann würde er weggehen und das Klingelgeräusch gleich mitnehmen. Ruhe geben und abziehen; kurze Unterhaltungen im Türrahmen haben eh nichts heiliges.

Ich riss die Türe auf, ich war fucking Dellingur, der dem Morgen die Pforten des Tages aufsperrt. Wie ein gesetzter Weltenbummler stand er vor mir, träge, fett und müde. Der Chinese, halb glücklich halb erschrocken, hielt mir einen Anzug entgegen, verpackt in Plastikfolie; streckte ihn in die Höhe, zum Schutz vielleicht, er war sehr klein. Ich dachte zuerst an ein Verbrechen, vielleicht wegen der Plastikfolie.

„Ihr Anzug?“ Er schüttelte das Plastik. „Ihr Anzug!“ Er wartete auf eine Antwort; gebeutelt, gebeugt beäugte er mich, beglubschte mit seinen fetten Augen die Zeit, wie sie dick dahinfloss, sämig, cremig. Und mich. Da saß ich nun, auf dieser Eisscholle, an der ich leckte und die immer kleiner wurde. Plötzlich war mir danach, der gesamten Welt eine Liebesbekundung per SMS zu schicken, eine wilde Lobeshymne auf alles Künstliche loszubellen. Waschmaschinen, Sozialversicherungsnummern, Türklingeln, Reinigungsdienstlieferservice. Ich war so ganz das Leben, die Tatsache, dass ich immer noch die Flasche Phenol in der Hand hielt berührte mich peinlich.

All of a sudden krachte es und knackte es in meinem Hirn, die Gestik-Maschine lief an, ich begann, das Geld zu zählen, dem Chinesen einen schönen Abend zu wünschen und die Türe zu schließen. Wie ein Abziehbild, ein Kaugummi-Universum, ein verdammter Akt aus dem Alltag-Improvisationstheater. Der Holzboden in der Diele knarzte nicht, als ich zurück ins Zimmer ging, was seltsam war, er knarzte sonst immer. „Du Dreckstück! Ich bin noch immer. Lass deine scheiß Fassaden-Freundlichkeit.“

Ich musste Amelie anrufen. So sehr wie in diesem Augenblick wollte ich noch nie telefonieren. Vielleicht würde Sie abnehmen. Ich würde sie fragen, ob sie nicht Lust hätte, auf ein Schlückchen Phenol und eine Crème Caramel vorbeizukommen. Ich hätte nämlich eben eine Plastikfolie und meinen Anzug bekommen und mir wäre nach Feiern zumute.

Der Apparat zwang digitale Morsecodes hervor, die auf den Lichtleitern der T-Com Group entlang brausten, durch die Serverlandschaft am Rande des Cyberspace, wo die künstlichen Greifarme der Schleierfahndung ihre algorithmischen Klauen in die Datenströme senkten. Es klingelte. Irgendwo. Jemand klimperte Amelies Stimme auf kleinen Blechstreifen und erklärte, sie sei nicht zuhause. Ich piepte, dass wir reden müssten und das schon alles werden würde und ein kleiner Heuchler, der ich schon immer gewesen war, fügte ich hinzu, dass ich sie liebte.

Es war aus. Die Mählwerke am anderen Ende des Big Bang würden mir keinen Aufschub mehr gewähren. Ich nahm den Anzug vom Haken in der Diele an den ich ihn gehängt hatte – ich bemerkte das Phenol in meiner Hand, stülpte mir die Plastikfolie über den Rollkragenpullover und meine dunklen Jeans. „Tu nicht so großspurig, du eingefrorener Traubensaft. Auch du zerfällst.“ Der Boden knarzte.

Die Tür fiel nicht ins Schloss, als ich zu sehr beschäftigt, das Fläschchen ordentlich in meiner Hosentasche zu verstauen, die Wohnung verließ und die Treppen hinunter tappte. „Wenn ich das Schwein erwische, dass meine Sachen klauen wird.“ Mein Leben klappte hinter mir zusammen wie ein kunstvoller Origami-Trick als ich das Haus verließ und die Lichter der Magnetschwebebahn in meinen Augen funkelten. Ganze Wolken von Zigarrettenrauch stiegen über der menschlichen Doppelhelix auf, die sich kreischend durch die Straßen wand. Vor dem Software-Händler gegenüber schrie jemand etwas auf Spanisch und tauchte wie ein Projektil in die Masse ein. Ein Satellit flog über den Stützpfeilern an denen die höheren Ebenen der Stadt mit gigantischen Drahtseilen aufgehangen waren.

Irgendwo, jenseits der Pfeiler standen die Großen Maschinen, in deren Bäuchen streng biologisch kontrolliertes Konzernfleisch Microchips, kubanische Zigarren und Teufelsrochen in kleine Schachteln verpackte. Die enigmatische Polyrhytmik des anbrechenden Tages, der nie zu Ende ging.

Die Fussgängerampel schaltete um und kleine grüne Photonenreste spiegelten sich in der Pfütze vor mir. Neben der Ampel am anderen Ende der Straße stand eine Frau in einem gelben Regenmantel. Für einen Augenblick konnte ich ihr in der Pfütze zusehen. Ein Jojo sauste im Zickzack durch ihre Hände. Dann Rauschen. Die Horden setzten ihre abgebrochnen Hörner über die Straße und verschwanden in kleinere Nebenstraßen, Spielkasinos, Restaurants, Stufen hinunter an Gebäudeschranken von einem der riesigen Korridore des Straßenpolygramms um das Stadtzentrum. In der Distanzlosigkeit unter meinen Füßen schwappte das weiche Gefühl hin und her, wie aus einem Wurmloch herbei geraten. Meine Beine setzten sich mechanisch in Bewegung. Es roch nach versengtem Chitin und Grünem Tee, als ich an der Kreuzung ankam und die Kapuze des gelben Regenmantels verschwand im Gewirre vor einem Stand, der allerlei kreuchendes Getier feilbot. All of a sudden fing ein bärtiger Chinese an zu keifen, der vor einem Haufen elektronischem Krims Krams saß, Telefon im Ohr. Ich näherte mich dem Stand und fragte ihn nach kandierten Datteln; er bot mir eine Box mit unbeschrifteten Datenträgern an. „20 Sous! 20 Sous!“ Ich steckte das Datenrelikt in die Plastiktüte, die er hervorkramte und gab ihm 10 Sous.

aus „Röhrenkrieg oder Rohrkrepierer“,
ausgefochten zwischen Fabian und Sebastian

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