Über die Tourismusphobie

Auf diesem wunderbaren Planeten gibt es einige Dinge, vor denen man Angst haben kann. Manche davon sind komplett irrational: Enge, Weite, Günter Netzer, Körperöffnungen. Andere wiederum lassen sich gut nachvollziehen.

Südeuropa: Protestwelle gegen Touristen – SPIEGEL ONLINE

In Athen oder Barcelona, in Venedig oder Palma de Mallorca, halt überall dort, wo es in dieser Jahreszeit durchschnittlich zehn Grad wärmer ist als in Resteuropa, schwappt den Touristen anstatt pipiwarmen Mittelmeerwasser eine Protestwelle entgegen. Es regt sich Widerstand gegen die hiesigen Klimaflüchtlinge, die ausser Müll und schlechten Gewohnheiten ansonsten nichts ordentliches zurücklassen. Das Geld, das sie mitbringen verschwindet in den Taschen großer Hotelkettenbesitzer und Airbnb. Der durchschnittliche Tourismusphobiker richtet seine klamme Angst nämlich nicht ausschließlich gegen Touristen per se, sondern gegen ein korruptes Touristikregime, schwarze Kassen und schonungslosen Plattformkapitalismus, die für die normalen Bürger am Ende der Nahrungskette kaum etwas übrig lassen.

Doch den besorgten griechischen Wutbürgern auf der Agora vorzuwerfen, sie seien alte Phobiker wäre ungefähr so, als würde man einem Jagdhund das eigene Gebell vorhalten.

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“, mag man den Pauschaltouristen mit Hang zum Eskapismus noch am Gate hinterherwerfen, ehe sie sich in die Economy-Klasse zwängen, um kollektiv fernen Träumen hinterherzufliegen. Mag sein, dass man damit seinem inneren Goethe Genugtuung verschafft, lässt das Problem allerdings auch nicht aus der Welt verschwinden.

Also: Bleiben Sie bitte hier. Deutschland hat ja auch in dieser Jahreszeit viel zu bieten. Wer einmal den ersten zusammengeschaufelten, vom Straßenschmutz grau gefärbten Schneehaufen in, sagen wir, z.B. Göttingen gesehen hat, wer braucht da noch allen Ernstes die Akropolis oder die Strände Mallorcas? Ausserdem kann man auch hierzulande ganz formidabel Niedriglohnbeschäftigte in Cafés und Boutiquen ausbeuten, da muß man nicht erst einmal kreuz und quer durch Europa fliegen.

Goethe hatte sich damals übrigens fein aus der Sache mit den touristischen Ausflügen rauselegiert. „Den 3. September früh drei Uhr stahl ich mich aus dem Karlsbad weg, man hätte mich sonst nicht fortgelassen.“ schrieb er vor Antritt seiner Italienreise. Wahrscheinlich wollte man ihn damals nicht ziehen lassen, weil man Angst hatte, dass eine andere Gegend den großen Dichter und Denker abstreitig machen würde, sondern weil visionäre Kapitalfluchtkritiker und Klimaschützer seinerzeit bereits den Teutonengrill haben kommen sehen.

Belegt ist das natürlich nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.