Das Gras hier drüben ist grüner

Nach einem knapp 30 stündigem Flugmarathon, an dessen Ende man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, bin ich endlich in Neuseeland angekommen. Und nach zwei erholsamen Tagen bei der Famile eines Freundes finde ich Ruhe, um mich vom Jetlag zu erholen und Zeit um zu berichten. Nicht alles, was sich an Eindrücken und Erlebnissen in den letzten Tagen sammelte kann ich wiedergeben, aber zumindest ein Teil davon.

Der Flug von München nach Dubai war ruhig. Die Maschine startete pünktlich am 4. September um 22:35 Uhr und die nächsten Stunden versuchte ich vergeblich Schlaf zu finden. Später in der Nacht, in einem dieser deliriumsartigen Halbwachzustände, sah ich unter mir große Fackeln; brennenden Türme der Ölraffinerien, glutrot schimmernd wie entzündete Diamanten im nachtgeschwärzten Wüstenboden. Und gefühlte tausend Stunden später dann als Lohn für eine schlaflose Nacht ein gewaltiger Sonnenaufgang, der so groß und langsam heraufzog, dass man sehr lange Zeit hatte darüber nachzudenken, was für ein gewaltiger Feuerball da über der Erdkrümmung am Horizont heranrollte. Ich reise der Sonne entgegen und den Zugvögeln hinterher. Neben mir saß eine sehr lustige australische Omi, die in irgendeinem europäischen Ort war, den ich nach dreimaligem Hinhören immer noch als „Sienna“ verstand. Vielleicht meinte sie „Vienna“, ist aber auch egal. Was zählt ist, dass Omi mit ihrem Schnarchen sogar den Triebwerkslärm übertönte und mir irgendwann später in einer dieser unzähligen komatösen Halbschlafphasen ihren linken Ellenbogen im Zuge eines ausladenden Oma-wird-wach Streckprozesses ins Gesicht drückte.

Landung in Dubai bei 32 Grad, eine sagenhafte Temperaturachterbahn. Von knackigen 13 Grad zuhause, hin zur heissen Wüstenstadt und weiter dann zu den prognostizierten 8 Grad in Melbourne. Im Landeanflug vor der Küste Dubais sah man riesiege aufgeschüttete Sandinseln, haltbar gemacht und versiegelt mit einer Betonkruste. Dubai selbst ist die Ausgeburt architektonischer Megalomanie schlechthin. Während sich in der Ferne die Stadtsilhouette mit dem größten Gebäude der Welt abzeichnete, rollte das Flugzeug 20 Minuten über das Rollfeld zum entsprechenden Gate. Emirates gehört hier quasi der gesamte Flughafen und die Terminals liegen in der Wüstensonne wie gigantische Stahlschläuche. Dubai Airpot beherbergt auch einen der größten Duty Frees der Welt. Ich hatte zwei Stunden Zeit, mich dort umzusehen. Konnte mich dann jedoch am Ende nicht entscheiden, ob ich den Hennessy Whiskey für 2360 Dollar oder doch den günstigeren Remy Martin für 2000 Dollar nehmen sollte, als kaufte ich mir ein Wasser und eine Dose isotonischen Schweiss.

Am 5. September um 10:30 deutscher Zeit hob die Maschine dann ab in Richtung Melbourne. Jetzt kam das längste Stück des Fluges, gute 13 Stunden permanent in der Luft. Um 12:45 MEZ überquerten ich zum ersten mal den Äquator, der indische Ozean lag unter uns. Ich war zu aufgedreht, um zu schlafen. Ausserdem sorgten die drei Babies um uns herum für eine permanente unentspannte Heiterkeit. Aber auch der letzte Schrazn wird irgendwann müde. Emirates schenkte uns freundlicherweise einen kleinen Beutel mit Schlafsocken, Mini-Zahnbürste und Augenbinde. Letztere war goldwert. Neben mir war nun ein älteres australisches Pärchen, die eigentlich aus Kroatien stammten und erst vor ein paar Jahren nach Australien gezogen waren. Ich wechselte den Platz vom Fenster zum Gang, der Mann hatte nichts dagegen und ich hielt es für nötiger, von Zeit zu Zeit aufstehen zu können und rumzugehen, statt in eine zehnstündige Nachtschwärze draussen zu kucken. Was auf Dauer auch sehr anstrengend war, war das Essen. Einmal geht. Zweimal auch. Aber fünfmal diese von den Mikrowellenstrahlen zur geschmacklichen Unkentlichkeit zermanschten Fertignahrung serviert zu bekommen war neben der Flugdauer das einzig Quälende. Und zu jedem Gericht immer diese Kräcker, ständig diese unvermeidlichen Kräcker mit Streichkäse, den man weder richtig streichen kann, noch wo wirklich Käse drin ist. Ansonsten war der Flug sehr entspannt, ich hatte Zeit zu lesen. Tatsächlich war ich einer von wenigen, die lasen. Die meisten starten in die kleinen Displays in den Kopflehnen vor sich. Egal ob wach oder schlafend, fast überall liefen die Kisten. Ich hatte meinen die meiste Zeit aus, bis auf zwei Stunden, in denen ich einen Film sah. Ganz nett war die Möglichkeit, über einen der angebotenen Kanäle die Aussenbordkameras zuzuschalten. Nach vorne und unten. Das war besonders bei Start und Landungen immer recht spannend. Vor allem später im Landeanflug auf Auckland.

11919 Kilometer später landete unsere Maschine in Melbourne. Ich hab vergessen, wie spät es da in Deutschland war. Melbourne erwachte jedenfalls an einem ziemlich kalten 6. September um sechs Uhr morgens. Der Aufenthalt war unspektakulär und angenehm ruhig. Die Wartehallen waren, bis auf die Leute unserer Maschine weitgehend leer, nur ein paar chinesische Geschäftsreisende schmatzen lautstark ihre Reisnudeln in sich hinein. Nachdem die Scheiben unserer Maschine aus Dubai abgezogen waren, nachgetankt und die Crew ausgewechselt war, ging es zum letzten zweistündigen Hoppser nach Auckland. Das Wetter war herrlich. Neben mir saß eine gebürtige Neuseeländerin, nach eigenen Angaben vom Beruf Stahlrecyclerin und Feuerwehrfrau, die mir gleich ein paar Tips und was-darfst-du-und-was-nicht Hinweise gab. Nach einer Stunde verdichtete sich die Wolkenlandschaft unter uns und es sah wirklich so aus, als würde Gott die Insel unter einer langen weißen Wolke verstecken. Die ursprüngliche Bezeichnung der Maoris für Neuseeland ist „Aotearoa“, was eben genau dies bedeutet: Land der langen weißen Wolke. Die Landung selbst war mit vorsichtigen Worten gesagt „holprig“. Ich bin sonst nicht der Typ, der davor Angst hat aber in diesem Fall bekam ich gewaltig Muffensausen. Wir hatten starken Seitenwind und auf dem Bildschirm konnte ich das Landeprozedere gut verfolgen. Wir setzten in allen Dimensionen des Raumes extrem schräg und versetzt auf und der Jet braucht lange, bis er die Räder auf die Bahn bekam und kam erst am allerletzten Stück wirklich zum stehen. Der Adrenalinschock hatte zumindest etwas gutes. Jetzt war ich ausreichend wach, um die freundliche Einwanderungsdame (sie war wirklich sehr nett) zu überzeugen, dass mein Visum okay ist und ich allen Grund habe, hier zu sein. Und dem freundlichen Mann von der Biosicherheit (er war wirklich sehr nett) davon zu überzeugen, dass mein Schlafsack synthetisch ist und keine Daunenfedern enthält. Und dass mein schweizer Messer, das eigentlich ein bayerisches Messer ist, keine Gefahr für das Land und die Menschen darstellt.

Den Rucksack geschultert fand ich sofort den Bus nach Auckland City. Mein Anschluss nach Hamilton ging von einem Busbahnhof in der Innenstadt. Eine halbe Stunde später marschierte ich durch Auckland. Da ich zwei Stunden Zeit hatte, mir die Stadt anzusehen, verstaute ich mein Gepäck in einem Schließfach. Ein paar Tage vor meiner Abreise betrachtet ich mir die Straßenzüge via Googles Streetview. Es ist ein sonderbares Gefühl, dann wirklich an den Orten auf der anderen Seite der Welt zu sein, die man Tags davor noch virtuell betrachtete.

Die Weiterfahrt mit dem Bus nach Hamilton, das knapp zwei Stunden entfernt liegt, war unspektakulär und ich hätte mir die Landschaft in Ruhe und an einem Stück ansehen können, wäre ich nicht alle sieben Sekunden weggepennt und durch die Kollision Bastis Kopf vs. Fensterscheibe aufgewacht. Was ich mitbekommen habe war, dass sich die Vororte der Städte manchmal ewiglang ziehen. Kann aber auch sein, dass ich einfach nur zwischen den Ortschaften immer wieder einschlief. Es wird mehr in die Breite gebaut, die Wohnhäuser sind im Vergleich zu Europa sehr windig und selten höher als ein Stockwerk.

Irgendwann am 6. September um 18 Uhr Ortszeit kam ich dann in Hamilton an. Die Familie, bei der ich derzeit wohne war sehr freundlich und ob meines gehirnzermatschten Zustandes auch nachsichtig. Ich duschte und fiel ins Bett. Und nach dem zweiten Atemzug befand ich mich bereits in tiefsten Tiefschlaf.

Mittlerweile habe ich mit akklimatisiert und auch mit dem sehr wechselhaften Wetter komme ich gut klar. Wenn es hier mal regnet, regnet es richtig, damit muss man klarkommen. Es regnet nicht wie bei uns aus Kübeln, sondern Cats and Dogs, also Katzen und Hunde.
Apropos klarkommen.

Mit dem Linksverkehr klarkommen:
Das war und ist eine der größten Umstellung im Alltagsleben. Alles ist andersherum, Kreisverkehr, Autobahnauffahrten, etc. Den ersten Tag habe ich noch mehr oder minder suizidal den Verkehr irgendwie überlebt, mittlerweile schaue ich sogar fast automatisch in die richtige Richtung, wenn ich eine Straße überquere. Im Zweifelsfall schaue ich aber immer noch in beide Richtungen, was allerdings doppelten Aufwand bedeutet. Zum Glück geben die Fußgängerampeln einen Ton von sich (den ich euch hier aufgenommen habe), der einen dezent darauf hinweist losgehen zu dürfen.

Mit der Sprache klarkommen:
Dass ich Abends ab 7 Uhr so todmüde werde, sodass ich kaum noch die Augen aufhalten kann, ist sicherlich einerseits den Jetlagnachwehen geschuldet, andererseits aber auch der Tatsache, dass so viele neue Dinge auf mich einprasseln. Jedoch tut die doppelte Hirnarbeit ihr übriges, denn bei allem was ich sage und alles, was ich verstehen muss, muss ich zweimal denken und permanent übersetzen. Kurioswerweise nimmt gegen Abend meine Englischsprechfähigkeit langsam ab. Liege ich dann im Bett bin ich froh, kein Wort mehr sagen zu müssen. Den ganzen Tag mit einer anderen Sprache konfrontiert zu sein ist anstrengend. Und wenn ich mit dem Schreiben deutscher Texte fertig bin, brauch ich kurz, um zu konvertieren und wieder in den angelsächsischen Modus umzuschalten.

Mit der Mode klarkommen
Die Mode hier ist sehr „normal“. Der gemeine Neuseeländer gibt nicht sehr viel auf vornehme Kleidung. Anzüge werden nur dann getragen, wo sie vorgeschrieben sind, das erklärte mir auch die freundliche Bankfrau, als ich gestern mein Bankkonto eröffnete. Überhaupt sind alle, oder zumindest die überwiegende Mehrheit der behördlichen Mitarbeiter wahnsinnig freundlich. Der Mann am Zoll konnte sich zwar ein Lachen über mein German „th“ bei synthetic nicht verkneifen, das hab ich nach 24 Stunden im Flieger einfach ums verrecken nicht mehr richtig rausbekommen. Aber selbst der Mitarbeiter der IRD, dem Inland Revenue Departement, wo ich meine Steuernummer beantragte war sehr hilfsbereit. Solche Prozesse laufen hier alle sehr unbürokratisch ab.

Generell sind also fast alle (mit ein paar Ausnahmen, siehe unten) sehr freundlich. Sobald die Kiwis allerdings den Verdacht haben, dass sie es mit einem Australier zu tun haben, kann sich das ganz schnell ändern. Auf Australier sind sie hier nicht so gut zu sprechen. „It’s all about the rugby thing“, erkärte mir ein Neuseeländer. Inwiefern das der gesamten Wahrheit entspricht, muss ich allerdings erst noch herausfinden.

Ansonten habe ich die ersten Tage bereits recht viel erledigt und befinde mich momentan auf Jobsuche, war deswegen auch beim Work & Income, so etwas wie einer Arbeitsvermittlungszentrale und fragte auch direkt in zwei Shops nach Arbeit, die sich mit Laufartikeln beschäftigen. Es gibt nur wenig Angebote in der Region Hamilton und wenn, dann werden eher Handwerker und Mechaniker für die Landwirtschaft gesucht. Gestern besuchte ich die Waikato University, um mir den Campus anzusehen und dort am schwarzen Brett nach freien Stellen zu kucken. Das schwarze Brett dort hieß jedoch Rita, war faltig wie ein Kuharsch, der zu lange auf einer feuchten Wiese lag und unfreundlich für die nächsten drei Leben. Jobsuche also negativ, der Campus haute mich auch nicht um, also mit dem Bus zurück in die Innenstadt. Da ich den Busfahrer auch nach dem dritten mal nachfragen ob seines Akzents nicht verstand, welche Haltestelle im Stadtzentrum er denn anfährt, blieb ich einfach sitzen und bekam eine kleine unfreiwillige Rundfahrt durch Hamilton. An einer Ecke, die mir bekannt vorkam, sprang ich dann raus und ging den Rest zu Fuß.

Frisches Obst und Gemüse ist Mangelware, besonders Organic Food, also biologische Nahrung ist sehr sehr teuer und ich habe die großen Märkte noch nicht gefunden, die es anbieten. Die kleinen Shops in der Stadt verkaufen nur Candy und Chips und andere Zahnblombenzieher, lauter ungesundes Zeug. Bis auf einen Laden, der mir gleich ans Herz gewachsen ist und glücklicherweise direkt in unserer Straße liegt, habe ich sonst keine Laden mit Obst gefunden.
Ach und die Kiwis schmecken wie bei uns.

Natürlich konnte ich es mir auch gleich am zweiten Tag nicht nehmen, eine Runde zu Laufen. Gleich in der Früh los, da wars noch gut zapfig – oder in anderen Worten kalt – in die Hamilton Gardens, einer Anlage die mehrere Gärten in verschiedenen Stilen beherbergt. Also Gärten in japanischer, mexikanischer, englischer und amerikanischer (ja, die haben auch Gärten) Bauweise. Dann noch ein Stück am Waikato River entlang zu einer Gedenkstätte der Opfer der beiden Weltkriege. Im ersten Weltkrieg fielen, was viele nicht wissen, 100.000 neuseeländische Männer im Kampf für die Alliierten in Frankreich. Bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von einer Millionen eine irrsinnige Zahl. Insgesamt eine ruhige Strecke. Ich freue mich aber schon auf die meine Touren durch die wirkliche Wildniss Neuseelands.

Wenn ich morgens aufwache, habe ich den Kopf so voll mit tausend Dingen und Problemen, die scheinbar unüberwindbar sind. Aber im Laufe des Tages stellt sich dann immer wieder ein Gefühl ein, dass doch irgendwie alles schaffbar ist. Noch ist die Reise gemütlich, da ich hier so wohlbehütet untergekommen bin. Aber das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten ändern.

Soviel für den Augenblick. Weitere Neuigkeiten vom anderen Ende der Welt gibts wieder, wenn Zeit und Internet vorhanden sind.

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