La candeur infernale de la jeunesse

Amphetamin-Annie war sich nicht zu schade ihren Badeanzug abzustreifen und mit ihren Brüsten vor den Gesichtern der Männer am Tresen zu wackeln. Die Stimmung in der Bar war fickrig, aufgeheizt. Nur das Dröhnen aus den Lautsprechern übertönte noch das Johlen. Es roch nach Alkohol und schwitzenden Männern. Hätte man ihr früher davon erzählt, dass sie eines Tages mit ihren großen, weichen, wohlgeformten Brüsten ein Menge Kohle scheffeln würde: Sie hätte sich wohl umgedreht und wäre lachend davongelaufen. Und würde man Amphetamin-Annie jetzt sagen, dass sie nicht viel später ungleich mehr Geld mit ganz anderen Sachen verdienen würde: Ihre Reaktion fiele heute sicher nicht anders aus.

Früher, das war ein bestimmter Ort, eine Zeit und ein Junge, der mehr als alle anderen in sie verliebt war. Damals saßen beide in der letzten Klasse des städtischen Elisabeth-Gymnasiums und versuchten, sich auf die Reaktionsgleichungen der Photosynthese zu konzentrieren, so gut sich Jungverliebte auf Reaktionsgleichungen in der Schule eben konzentrieren können. Der Junge fiel damals durch die Abiturprüfung, Annie schaffte den Abschluss, mit ziemlich gutem Durchschnitt. Ein paar Wochen später war ihre Beziehung zu Ende und er würde sie die nächsten dreieinhalb Jahre nicht wiedersehen. In dieser letzten Abschlussklasse hätte es viele Mädchen gegeben, die ihm gefielen aber Annie hatte etwas besonderes: die Röte in ihrem Gesicht, wenn sie ein Referat halten musste. Andere Mädchen pressten ihre Lippen so fest zusammen, dass sie sich blutleerweiß verfärbten; wieder andere wurden vor Aufregung am Hals rot oder auf der Stirn. Einmal musste ein Mädchen über die Bedeutung der Frauenrolle in Fontanes Effie Briest referieren. Bei ihr verfärbte sich lediglich die innere Ohrmuschel rot. Aber Amphetamin-Annie war tatsächlich das einzige Mädchen auf dieser Welt, das, wenn es nervös wurde oder sich schämte, rote Flecken in der Form von Norwegen auf beiden Wangen bekam und deren Symmetrie von erstaunlicher Gleichförmigkeit war, wie bei einem Rohrschach-Test.

Die raue Hand eines Bauarbeiters schnellte hervor und quetschte ihre linke Brust fest zusammen. Annie sagte nichts, sie schlug die Hand des Mannes weg, ging einen Schritt zurück und tanzte weiter. Und man sah Norwegen leuchten, rot und symmetrisch auf ihren blassen Wangen, während ein junger Mann mit Anzug und Krawatte, der lange in der Türe stand sich umdrehte und davonging.

2 Kommentar

  1. Eine sehr traurige Geschichte Sebastian – gut erzählt. Doch: Der Leser kann zwar erahnen, wie „Amphetamin – Annie“ zu ihrem Namen kam, nur wie dieses intelligente Wesen auf die schiefe „horizontale“ Ebene gelandet ist, hättest du auch mit einflechten können.

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