Interview

Erstes Interview für neuen Artikel über kollaborativer Konsum, St.-Jakobsplatz, Stadtcafé in der Nähe der Synagoge. David Weingärtner von OuiShare wartet dort auf mich. Kenne sein Äusseres nur über die Plattform, ein Profilfoto in Fünfzigpixelbreite: lange Haare, zu einem Zopf zusammengebunden, Bart. An diesem Tag sitzen im Café auf der Terrasse zwei Männer, die exakt so aussehen.

David Eins hält Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe in der Hand. Er reagiert mittelmäßig verwirrt, als ich ihn anspreche. Shared-Economy? Weingärtner? David Eins heißt tatsächlich David – oder besser, Däiwid, wie er richtigstellt. Oh Verzeihung, wohl eine Verwechslung. Um die Sache wieder gut zu machen versichere ich ihm, dass er da ein tatsächlich sehr wunderbares Buch liest. Zu diesem Zeitpunkt weiß er das sicherlich, der Einmerker steckt im letzten Viertel.

Zweite Chance, David Zwei. Er ist etwas älter und für meine Erwartung eine Spur zu bärtig. Meine Frage, ob er David sei beantwortet er mit einem vertraulichen Kopfnicken. ”Hallo, ich bin für das Interview hier” produziert weiteres Kopfnicken, als ob das die selbstverständlichste Sache der Welt sei. Er bietet mir einen Sitzplatz an. Eine gewisse Anzahl der Muskeln meines Körpers leiten eine bereits zu 54 Prozent ausgeführte Sitzhaltung ein, als mir sein fragender Blick sagt, dass er wohl nicht der David ist, den ich erwarte, sondern ein beliebiger Mann weiß Gott welcher Abstammung, der einfach nur nicht meine Sprache spricht und mir, rein aus Freundlichkeit einen Sitzplatz anbietet. Ein letztes vertrauliches Kopfnicken deutet darauf hin, dass er meine Entschuldigung für die Verwechslung nicht versteht.

Blicke der Kaffeehausgäste richten sich auf mich. Nein, ich schnorre nicht jeden Tisch für Geld an.

Der wirkliche David sitzt drinnen, Laptop und fertiggeschlürfte Tasse neben ihm. Er lacht über meine Verwechslungsgeschichte. David beschäftigt sich nicht nur mit shared-economy, sondern teilt anscheinend auch gerne sein Aussehen.

Das Interview beginnt.

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