Blaue Stunden

Die Müdigkeit steckt Nora in allen Gliedern, bleischwer. Würde sie sich hinlegen, sie schliefe wohl augenblicklich ein. Aber sie sitzt ja, und so bleibt sie künstlich wattig-wach, mit diesem benebelten, betrunkenem Hirn und dem besoffenen Herzen, das überschwappt vor Liebe, wie immer in solchen Momenten. “Halt mich”, würde sie gern sagen, beißt sich aber auf die Lippen. Es würde die Sache verkomplizieren, sie sind jetzt drei Jahre getrennt und haben sich langsam daran gewöhnt. Weiterlesen

Sonnenblume

„Stell dir vor, du könntest die Zeit in Fetzen reißen, alles neu zusammensetzen und dann noch mal im Mosaik leben“, sagt Marie und lacht. Sie sagt öfter solche Sachen. Und sie lacht die ganze Zeit. Deshalb hat Nils sich in Marie verliebt und kaut nun Mangostücke, die sie von der Frucht schneidet und ihm in den Mund schiebt, obwohl er sich nichts daraus macht. Nichts aus Obst und eigentlich auch nichts aus solch schrägen Gedanken, wie Marie sie immer hat. Aber heute scheint die Sonne. Weiterlesen

Froschkönigin

Er malt sie immer in Grün. Obwohl sie die Farbe nicht mag. Sie hat es ihm mehrmals gesagt, erst sachlich, dann wütend, irgendwann resigniert, doch er greift weiter zu den grünen Farbtuben, tannendunkel, maihell, Wiesen, Meer und ihre Augen. Das ist der Punkt. “Du hast die schönsten Augen der Welt”, sagt er oft. “So ein Grün habe ich nirgendwo sonst gesehen.” Mag ja sein. “Ich bin das aber nicht”, flüstert sie. “Grün ist nicht meine Farbe.” “Ich sehe dich so”, sagt er, und damit ist das Thema erledigt. Immer. Weiterlesen

Grau, nicht Rot

“Grau, nicht Rot sollte die Farbe der Liebe sein, erst in diesen feinen Abtönungen scheint auf, was wir im Inneren abtasten. Nicht in diesem triumphierenden Rot.” – Uwe Timm, “Der Freund und der Fremde”

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