Superhelden und die Gesellschaft

Anfang diesen Jahres gabs drüben in Los Angeles eine geniale Ausstellung: Kunst unter dem Einfluss der Masters of the Universe. Auf der Seite findet ihr viele Fotos der Exponate, die ihr euch auf gar keinen Fall entgehen lassen dürft. Ich für meinen Teil fand diese Ausstellung so scheissinspirierend, dass ich mir unweigerlich ein paar Notizen dazu machen musste, um mich der Thematik gegenüber produktiv zu verhalten. Im Folgenden also nun ein paar Superheldengedanken über die Idole meiner Jugend, über den Mythos und das gesellschaftliche Bild, das diese Figuren implizieren.

Bei meiner Betrachtung beschränke ich mich auf die klassisch amerikanischen Heldenfiguren. Wer darüber hinaus sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem lege ich dieses Buch1 ans Herz, auf das sich verschiedene Aussagen dieses Artikels stützen.

Spiderman – Superman – Batman: Die Inversion eines Rollenklischees

Zunächst werde ich das Verhältnis der Maskierungen dieser Figuren in den Mittelpunkt stellen. All diese Helden sind mehr oder minder getarnt, besitzen ein „Superheldencamouflage“, das sie neben ihrer konventionellen Daseinsrolle als Durchschnittsbürger unerkannt als übermenschliche Erscheinung auftreten lässt. Während Spiderman und Batman ein typisches Rollenklischee erfüllen, nimmt Superman einen invertierten Status ein. So ist der Mensch Peter Parker der Alltagsmensch, seine Maske ist Spiderman. Erst durch diese Tarnung kann er zu einem in der Öffentlichkeit agierenden Superhelden werden, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Bruce Wayne ist der Alltagsmensch, seine Maske ist Batman. Erst durch diese Tarnung kann er zum Superhelden werden. Clark Kents Maske jedoch ist nicht Superman. Superman kam als Superman von einem fernen Planeten auf diese Erde. Supermans Maske ist der Alltagsmensch Clark Kent, eine Umkehrung des Tarnungsverhältnisses. Der Held bedient sich der besonderen Maske der Gewöhnlichkeit, sein Kostüm ist der Makel der Menschlichkeit; erst durch diese imitierte Zerbrechlichkeit kann er überhaupt erst in unsere Gesellschaft treten, um so mit ihr verhandeln zu können.

Batman – Der dunkle Ritter als Antiheld

Batman war schon immer meine Lieblingsfigur denn er ist kein Superheld im klassischen Sinn. Warum? Er erfüllt doch wesentliche Eigenschaften, die einem Helden zukommen.
Hat Batman eine Doppelidentität? Sicher. Er ist in seinem normalen Leben Bruce Wayne, ein reicher und bei den Frauen ziemlich erfolgreicher Smartass. Verdammt sexy? Ganz bestimmt. Als Batman ist er eine supertrainierte Kampfmaschine. Prügelt er jedem Verbrecher sieben verschiedene Sorten Scheiße aus dem Hirn? Zur Hölle, darauf könnt ihr wetten. Aber:
Batman kann nicht fliegen.

Er besitzt keine Superkräfte, keine Laseraugen, keine mysteriöse genetische Mutation, die ihn an Wänden kleben oder grün werden lässt. Alles in seinem Wirken ist das Ergebnis einer perfektionierten Form der Körperbeherrschung; er ist trainiert, zieht von Aikido bis Zen-Bushido alle Register und wer ihm besonders blöd kommt, dem kommt er auch mal mit einem Tae-Bo Fitness-Workout, Marke „kieferchirurgischer Eingriff ohne Lokalanästhetikum“. Ausserdem besitzt er ein gutes Händchen für ideales Timing und setzt so die trickreichsten technischen Finessen genau im richtigen Moment ein.

Batman nimmt also eine tatsachenverkehrte Sonderrolle ein, er ist der gefallene Engel, ein dunkler, ein postmoderner Antiheld, der stets das Gute will und stets das Böse schafft. Im Grunde ist er ein schizophrener Gegenentwurf der Idee, das Gute könne das Böse in der Welt für immer auslöschen, denn sein Beispiel beweist, dass das Gute stets das Böse bedingt, und umgekehrt.
Supermans schwacher Punkt ist das Kryptonit, etwas Dingliches, ein besonderes Material, das von seinem Herkunftsplaneten stammt und das Einzige in dieser Welt ist, das ihn schwächen und töten kann. Batmans Achillessehne ist psychologischer Natur: Der nie überwundene Tod seiner Eltern, beides wohlhabende Gutmenschen und vermögende Gönner der Stadt Gotham; die unwürdige Szene einer Hinrichtung in einer dunklen Seitengasse durch einen Kleinkriminellen vor den Augen des Kindes Bruce Wayne und der daraus resultierende manische Versuch des Erwachsenen Bruce, das Böse in Gotham City für immer auszulöschen, um damit die Schuld zu tilgen. Batman ist also der Rächer, die Figur quasi der geistige Wurmfortsatz Bruce Waynes Hasses auf alles Schlechte und Niederträchtige und obwohl Batman eine Verkörperung des Guten, wie jeder fiktionale Held die Antipode des Bösen sein will, so ist doch der Grund allen Übels in Gotham City Batman selbst. Erst sein Auftauchen als Superheld brachte neben den delinquenten Randerscheinungen Superschurken wie Joker und Two-Face auf den Plan. Ein Kreislauf eines sich stetig nivellierenden Kräfteverhältnisses entstand, das unweigerlich zur Katastrophe führen muss. Das Böse gebar zunächst das Gute – der Meuchelmörder, der die Eltern tötete – woraufhin das Gute das Böse gebar – Batmans Erscheinung ruft die Superschurken auf den Plan, nur er allein ist Sinn- und Daseinsgrund für das metastasentreibende Böse auf der anderen Seite, ein kosmisch universelles Ying-Yang, egal ob in Gotham City, Metropolis oder in Eternia.

Der figurative Zwiespalt des Superhelden spiegelt sich ausserdem in der Gestalt seines Avatars: die der Fledermaus. Das Bild der Fledermaus ist in der europäischen Geschichte seit der Antike überwiegend negativ besetzt. So wird Satan in einem Stich von Gustave Doré für Jon Miltons Paradise Lost mit Fledermausflügeln dargestellt. Eine wie ich finde schöne Versinnbildlichung für den Fall Batman ist Goyas Radierung „Der Traum der Vernunft gebiert Monster“ von 1797/98, auf der im Hintergrund Fledermäuse und andere Nachtgestalten zu sehen sind. Nicht zu vergessen sei natürlich auch die allgegenwärtig wiedergekaute Aufbereitung des Dracula-Stoffes, sei es durch Werner Herzogs geniale Nosferatu-Figur oder die unvermeidliche Twilight-Saga, die bei mir jedoch allerhöchstens Assoziationen von an Skorbut erkrankten Jugendlichen hervorruft.

He-Man und der Niedergang der klassischen Männerrolle

Um eines gleich vorweg zu betonen: He-Man ist die Klischeerampensau der Superheldenfiguren der 1980er Jahre, eine von der Spielzeugfirma Mattel entworfene Superheldenfigur mit allen dazugehörigen Attributen, jedoch ist der Schauplatz des Geschehens, ein ferner Planet namens Eternia komplett fiktional und findet nicht, wie mit Batmans Gotham City oder Supermans Metropolis eine Entsprechung in irdischen urbanen Lebensräumen.

Die Geschichte um Prinz Adam und sein Alter Ego He-Man, Kämpfer für das Gute und ewiger Widersacher von Skeletor, Vertreter des Bösen ist viel mehr als bloß eine weitere Adaption des Superheldenstoffes; beabsichtigt oder nicht, es ist auch die Geschichte von einem Typus Mann unserer Menschenwelt, der verschwindet. He-Man markiert den Niedergang einer klassischen Männerrolle, er ist Synonym für das letzte Aufleben eines überholten Bildes. Galten bis zu dieser Zeit die blondschöpfigen Muskelpakete, die bis zur Unkenntlichkeit definierten und mit Steroiden auf zweieinhalbfache Normgröße aufgeblasenen Körper eines Arnold Schwarzeneggers oder Dolph Lundgrens – der in der bis jetzt einzigen Realverfilmung der Masters of the Universe die Hauptrolle übernahm – als ideelles Leitmotiv und Grundvoraussetzung der popkulturellen Superheldencharakterisierung, so wurde dieses spätestens Mitte der 1990er Jahre langsam abgelöst. Ein Paradigmenwechsel setzte ein. Waren – allein der Titel spricht Bände – die Masters of the Universe, also die, zumeist männlichen Herrscher über das Universum – eher ein Spiegelbild für egomanisch maskuline Allmachtsphantasien, die dem Diktat des Heroischen unterliegen, so musste der Superheld von nun an nicht mehr zwingend über diese patriarchalischen Klischees verfügen, um in seiner Rolle zu funktionieren. Als mehr oder minder erfolgreiches Beispiel sei hier Captain Planet anzuführen, der gemeinsam mit seinem Planetenteam gegen die Verschmutzung der Erde kämpft. Allmählich verschwanden die atavistischen Gesichtszüge der Figuren oder wurden abgemildert, eine neue Androgynität hielt Einzug, die so neu jedoch nicht war, erinnert Captain Planet doch stark an Ziggy Stardust. Auch im Superheldensegment erfolgte eine Annäherung der Geschlechter und Männer übernahmen sukzessive sonst feminin konnotierte Rollenbilder. Die Identitätskrise des Mannes fand also nicht erst mit Beckhams öffentlich zelebriertem Bewusstsein für Körperpflegeprodukte statt sondern bereits mit He-Man, der der Letzte einer aussterbenden Art war.

Die Rolle der Frau und die sexuelle Ebene

Ebenso wie He-Man selbst entsprechen auch die weiblichen Charaktere der Serie einem klassischen Rollenbild. Die Frau als Gegenpol zur Heldenfigur ist Usus und gehört zu jeder funktionierenden Heldengeschichte. He-Man stehen zwei Frauen zur Seite. Als Prinz Adam ist er der „verweiblichte“, sensible und romantische Charakter und wird umsorgt von der „Sorceress„, der Zauberin und Hüterin des sagenumwobenen Schlosses Grayskull. Sie übernimmt die Mutterrolle in ihrer erziehungsberechtigten Funktion als mahnende, höhere Instanz, eine wachende Adlerfrau, die in ihren Visionen zukünftige Ereignisse vorhersieht. Teela, die zweite Frau in He-Mans Leben und eigentlich potentielle Kopulationspartnerin ist eine Amazone, eine Kriegerin, die ähnlich wie Lois Lane in Bezug auf Supermans Rolle als Clark Kent einem Gefühlsgefälle unterliegt: Eigentlich verliebt in He-Man findet sie He-Man als Prinz Adam lediglich „süß“ (seien wir ehrlich, sie findet ihn lächerlich), da sich dieser in ihrer Anwesenheit tölpelhaft und präpubertär naiv verhält. Ihr Schwarm ist in Wirklichkeit der präpotente muskulöse Retter des Universums He-Man, der jedoch erst eine Verwandlung durchführen muss, um diese Rolle zu übernehmen.

Als Prinz Adam ist er schwach (muss er sein, er trägt pinke Strumpfhosen!). Erst mithilfe seines Zauberschwertes, das als phallische Versinnbildlichung dient erreicht er übermenschliche Kräfte; er muss erst sein „Schwert aus der Scheide ziehen“ und den magischen Satz „Bei der Macht von Grayskull!“ rufen um zu He-Man zu werden, den Mann der Männer. Oder anders: Erst wenn er die Hingabe an die Weiblichkeit aufgibt, erlangt er die Superkräfte. Indem er erkennt, was er mit seinem „Zauberschwert“ anstellen kann, durchbricht er die postadoleszente Phase vollends und wird „Mann“ – ein äußerst machismohaftes Bild, das hier entwickelt wird.

Skeletors bessere Hälfte ist Evil-Lyn, eine devote, grenzwertig schizophrene Frau, die die Rolle einer untergeordneten Sklavin einnimmt. Sie hat nicht die erziehungsberechtigte Funktion, sondern ist lediglich ein Symbol für die Frau als willenloser Nutzgegenstand, der rein der Bedürfnisbefriedigung dient, wobei zweifelhaft ist, ob sie nicht der eigentlich intelligentere Teil des diabolischen Duos ist und Skeletor in Wirklichkeit als Machtinstrument missbraucht. Wer weiß schon, was sich im Bett des Knochengesichtes so alles abspielt?

Dass darüber hinaus auch religiöse Elemente erkennbar sind, sei nur am Rande zur erwähnen: Purpur als sakrale Farbe und hier Zeichen des Bösen, sowie das Kreuz auf He-Mans Brustpanzer, das in seiner Form sehr an das Eiserne Kreuz erinnert.

Abschließend sei zu sagen, dass egal welche Deutungsversuche unternommen werden, das Wesen der (Super)heldengeschichten seit der Antike nahezu unverändert blieb. Das traditionelle Element der Tragödientheorien ist seit der aristotelischen Poetik das Leid eines Einzelnen: der sozial und/oder moralisch hochstehende Leidende stürzt in sein Verhängnis, er scheitert bewusst oder unbewusst. Im Kampf mit dem Schicksal entfaltet sich stets die markante Individualität, in seinem Untergang zeigt sich die tragische Größe und gewinnt durch seine standhafte, selbstbewusste Haltung den Respekt des Rezipienten. Die persönliche Katastrophe eröffnet einen höheren Sinn. Diese Elemente flossen auch in die Superheldengeschichten der Gegenwart ein und wurden permanent weiterentwickelt. Somit sind diese Geschichten nicht bloß als ein popkulturelles Produkt mit geringer Halbwertszeit und anweisender Beipackzettel zu den heutig vorherrschenden Lebenskonzepten zu betrachten, sie sind vielmehr der Schlüssel zum Verständnis einer Gesellschaft, deren Ikonen schon längst die Votivtafeln verlassen haben und uns nun selbst von der Rückseite einer Cornflakespackung aus ihre Träume von einer besseren, gerechteren Welt entwickeln.

  1. Film-Konzepte, Heft 6, Superhelden zwischen Comic und Film, Andreas Friedrich, Andreas Rauscher, edition text + kritik, 2007 []

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