Date: 14. März 2012

Wohin gehen wir?

Wie sieht unser städtisches Leben aus, wenn wir es raffen? Wenn wir die Zeit stauchen, Stunden zu Sekunden verdichten?

Klein und hektisch und schnell sieht es aus; nebensächliche Irrlichter auf ihren Bahnen, die sie immer ziehen. Tagein, tagaus. Wenn Leben akkumuliert wird von der Stadt – pulsierende Lichtquanten, der Vergleich mit Blutbahnen eines Organismus liegt nah - und sich selbst zu einem prozesshaften Muster dieser Stadt verändert; langsam überlagert, bis es irgendwan vollkommen Deckungsgleich und – erhöht man die Blickdistanz – kleinkariert wird.

Es liegt in diesem ständigen herumgeistern eine eigenartige Poesie. Sind es die beständigen Gebäudekomplexe, die wirken, als würden sie schon immer dort ruhen? Mit ihren monolithisch-gleichgültigen Glasfassaden, an denen sich nichts reibt, die nur wiederspiegeln können, was auf sie geworfen wird?

Die Sterne sind nicht dort oben, sind sind hier unten, in dieser Stadt, einer Lichtergalaxie, und sie drehen und schrauben sich: ein auf den Kopf gestelltes Bild. Wo unten oben ist und das Oben unser Unten wird, sollen wir zuhause sein? Das verdreht uns die Sinne. Und dennoch liegt in diesem Trubel und Gewusel eine Stille, die wir viel zu selten wahrnehmen können, weil wir zu sehr in der Zeit stecken.

Die Feuerstelle war dereinst das Zentrum unseres Universums. Heute ist es das fahle Leuchten der Plasmabildschirme, digitale Lagerfeuer der Neuzeit und die Leuchtreklamen an öffentlichen Plätzen.
Menschenströme verschwimmen in elektifizierten Röhren zu einer bunten organischen Masse.

Mit dem Einsetzen des ersten Streichers in diesem Video nehmen wir Abschied von der Stadt; wir sehen Menschen an einem Strand, in einer weniger von uns modifizierten Umgebung. Hier verliert er endgültig die Entwurfs- und Deutungshoheit über “seine” Gebilde, bis er im weiteren Verlauf ganz aus den Szenen verschwindet, nur noch Bergkämme und zuletzt ein Hochplateau und die Sterne zu sehen sind.

Das Video folgt einem ganz bestimmten Pfad: von der untersten Ebene, der technisierten Umgebung im Untergrund einer Metropole, hoch zu den obersten Ebenen der Welt, den Randbezirken, in denen der Mensch eigentlich nichts mehr verloren hat. Man kann das deuten, wie man möchte. Letztenendes sind es einfach nur wahnsinnig schöne Aufnahmen.

Wir sind also bis hierher gekommen, all den weiten Weg.
Aber: Wohin gehen wir?

Dark was the night, cold was the ground

Diese Zugfahrten, raus ins Niemandsland, ins Hinterland, Abends, Dunkelheit. Wenn man nach draussen blicken möchte und nur sich selbst sieht; wenn der Blick anstatt auf Wiesen und Felder, Äcker und kleine Dörfer auf einen selbst zurück geworfen wird. Und alles – das doppelwandige Glas der Zugfenster reflektiert das Bild zweimal – unscharf und verschwommen ist.
“Nur der Spiegel schaut träumend den Spiegel und Stille hat Stille bewacht…”

Diese aus dem Inneren leuchtende Stahlröhre schraubt sich durch die Nacht.
“Anna!”, ruft eine Frau.
“Anna! Wenn du ihr schon nicht helfen kannst, dann lass sie doch wenigstens in Ruhe!”

einfach runterschreiben, was geht. einfach runterschreiben, was man denkt. Was denkt eigentlich? Fluten, hätte Nizon gesagt.
Sagt er bestimmt immer noch.
Nichts komponieren, nichts konstruieren. Steam of consciousness, doch allein dieser Bezeichnung liegt eine fundamentale Fehlannahme zugrunde. Als ob unser Bewusstsein in einem Strom dahinflöße; als ob es nicht fragmentarischer Art sei, gestückelt, zerstückelt, vorwärts, rückwärts, hin und her. Diese Vorstellung ist mir zu eindimensional, als ob sich da irgendwas arrangieren ließe oder mit ein paar schnellen Handgriffen in ein anderes Bett umleiten ließe.

Ich bin da.
Ich muss aussteigen.

© 2014 HIMMELENDE

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