Die Unzulänglichkeit des Wortes geradlinig

Man darf festhalten: in den beiden Wochen Ende September fallen peinliche Junggesellenabschiede in München nicht so auf. München an sich ist dann ein einziger Junggesellenabschied.

07:22 Uhr an einem Montagmorgen im monotonen Grundrauschen der U-Bahn kann durchaus eine Zeit sein die einem peinliche Gesten verzeiht; bei der man noch nicht so richtig kapiert wie der Hase läuft. Viehisches Geradeausstarren, während sich Gedanken um die Vorstellung an ein anderes Leben kräuseln.

“In München gibt es Gschaftler und Grantler. Und dazwischen ein paar Menschen die versuchen, irgendwie klar zu kommen.”
– Claudia

Es ist Wiesnzeit, quasi das Passafest für alle Säufer. Das bedeutet, bereits morgens schon vehemente Vermeidungsversuche entsprechender Ausdünstungen der Mitmenschen in der U-Bahn. Dem Einatmen der Ausdünstungen anderer wird mit einem synchronen Rhythmus konzentriert entgegengewirkt: einatmen, während die anderen auch einatmen.

Es hilft alles nichts.

Ich bin zu früh für meinen Job. Platz nehmen in einem Café an einem Herrentisch. Enttarnte Scheinheiligkeit: Das Café ist bloß eine Bäckerei und die beiden Herren am einzig besetzten Tisch bloß alte Männer, die Zeitung lesen und auch der Tisch ist an sich nur eine strukturell ziemlich unsichere Angelegenheit und verdient die Bezeichnung Tisch eigentlich nicht. So ist München.

Die Herren sind mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck in ihren Zeitungen vertieft, wie man ihn heute nur noch in Büchereien oder Wartezimmern oder bei Beerdigungen findet. Smartphoneleser, die halb abwesend durch die Stadt irren zeigen vielfältige Gefühlsäusserungen während sie lesen, das wechselt manchmal im Sekundentakt: grenzdebiles Grinsen oder irgendwas zwischen abwesend und erschüttert. Besonders erfolgreich jedoch können sie: unerwartet im Weg stehen bleiben.

Ältere Herren, die dauerhaft konzentriert in Zeitungen blicken verschwinden aus dem Straßenbild wie die gelben Telefonzellen. Anachronistische Riten: mit Spucke befeuchtete Finger, die an der Stelle auf dem Zeitungspapier kleine wellige Inseln und sonst keinen Verdacht hinterlassen; vom Leben zerfurchte, arbeitssame Hände, die die vom Wind angestachelte Widerspenstigkeit besänftigen vollführen gleichzeitig eine Peitschbewegung, welche die Zeitung auf halbes Format einknicken lässt. Papier, das von einer Maschine gefaltet, von Menschenhand aufgefaltet und von ebendieser wieder in eine geradlinige Form gebracht wird.

Die Unzulänglichkeit des Wortes geradlinig.1

Geht man davon aus, dass der Mensch zufällig schlau wurde, dass das Bewusstsein eine Art fataler Unfall der Evolution2 ist, dass die Natur also etwas geschaffen hat, das sich selbst als von der Natur abgetrennt wahrnimmt, dann würde die Entdeckung der Linie das Sahnehäubchen dieser Fehlentwicklung markieren. Die Linie wäre somit die konsequente Fortsetzung eines Fehlers, so wie das Bewusstsein des Menschen ein Fehler ist.

Möglicherweise ist die Linie nur ein Teilstück eines Kreises mit unendlichem Durchmesser; eine Form, die in der Natur nicht vorkommt. Wo vom Weltall aus betrachtet eine Linie zu sehen ist, war es das kleinkarierte Denken der Menschen, das sie in die Landschaft diktierte.

Das feierliche Zelebrieren eherner Gesetze wie der Nachhall eines goldenen Zeitalters.

Schwere klafft gegen den Tag; eine Erde, die längst ihre Jungfräulichkeit verloren hat; Zeitungen, die sich mit widerspenstigem Rascheln blass gegen die Durchsetzung von Linientreue und Formenzwang zugunsten optimierter Handhabbarkeit wehren, in einer Welt, in der die Vertiefung in deren Oberflächlichkeit weder angemessen noch durchführbar wäre. Gel in den Herrenhaaren, speckig wie zwei Leben lang unter der Brücke getragende Barbourjacken, speckig auch das Grinsen in den Herrengesichtern, wenn Frauen ihre Hinterteile vorbeiführen. Freundliches Grummeln, gedachtes Befummeln, sezierende Blicke entblösen Schenkel bis auf die Knochenhäute. Da ist wieder dieses viehische Starren und über allem liegt die Scheinheiligkeit aufgeräumter Gepflegtheit, deren Rasierwasserschärfe selbst den dicken Geruch gerösteter Kaffeebohnen und frischer Brötchen jäh durchschneidet.

An einem gewissen Punkt dieser Beobachtungen fühle ich mich überlebt und überlagert, Schichten repressiver Konventionen und Fett überziehen einen gefühlt ziemlich aus der Form laufenden Körper, der sich selbst Hülse nennt. Ein abgekupfertes Lächeln wie eine Erinnerung, als ob es jemals zuvor eine Form der Vergebung gegeben hätte.

Masken und Rituale.

In der Nähe der Bäckerei befindet sich ein Krankenhaus. Zu einer bestimmten Uhrzeit am Morgen versammeln sich vor der Bäckerei in einer bestimmten Konstellation eine Gruppe von weißen Ärztekitteln, in denen jungen Menschen stecken, deren Kompetenz etwas altes ausstrahlt. Es folgt eine ganz bestimmte Choregraphie, ein persönliches Morgenritual der weißen Kittel. Die Versammlung der Ärzte im Praktikum ist gemischt, junge Frauen und junge Männer reden über anästhesieren und intubieren so beiläufig, wie sich andere Menschen über das Wetter oder Kopfschmerzen unterhalten. Mit geschliffenen Handgriffen und perfekt geübter Gestik ziehen sie mit Daumen und Zeigefinger geradlinige Schnitte in die Luft, markieren in den Räumen vor sich wie Pantomime mit weißen Umhängen irgendwie absurd aussehende Handbewegungen, die in den kritischen Augenblicken ihrer Laufbahn lebenserhaltende Maßnahmen begleiten werden. Timing ist alles, timing wird immer alles sein. Sie sind jung, sie sind auch gegelt, aber sie scheinen Ahnung von ihrem kleinen Ausschnitt zu haben.

Ich beobachte sie, bis ein weißer Hase vorbeigehoppelt kommt. Er schnauft und ich stehe auf und schnaufe ihm hinterher. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit! Es ist fünf nach Acht und seit fünf Minuten sollte ich in der Arbeit sein, den Stift in der Hand halten oder die Maus in der Hand halten oder Papier in der Hand halten oder überhaupt irgendetwas in der Hand halten, als Alibi eines wahnsinnig beschäftigt aussehenden Drohnenwesens.

Es ist ruhig im Büro und in der Ruhe lässt sich etwas anstellen. Das Telefon klingelt selten. Die Pausen dazwischen sind auf ihre Art angenehm lang. Zwischen den Anrufen liegt eine Spannung, so wie man auf den Donner wartet nachdem es geblitzt hat und dann die Sekunden zählt. Das Büro liegt in der Münchner Landwehrstraße. Mit Landwehr werden Grenzsicherungswerke bezeichnet. Der Bau einer Landwehr war eine Maßnahme, die Bevölkerung eines Siedlungsgebiets oder Territoriums gegen Übergriffe von Nachbarn oder Feinden zu schützen. In der Landwehrstraße folgt ein türkischer Händler auf den nächsten, der Ausländeranteil der Anwohner liegt bei 50 Prozent und insgesamt finde ich das eine ziemlich gute Sache, weil es ein Beweis dafür ist, dass man alles in Leben nicht so ernst nehmen sollte.

Es riecht nach Obst und Abgasen aber überwiegend nach Abgasen und eigentlich bin ich froh wenn momentan keiner was von mir will. Meine Arbeitskollegen nennen die Straße den „Gazastreifen“, aber ich denke, das kann man nur sagen, wenn man keine Ahnung vom Gazastreifen hat und ich gehe später noch raus aus dem Büro und stehe dann in der Landwehrstraße vor den unzähligen türkischen Läden, mittendrin, und wenn ich nicht eh schon genug vom Tag und vom Reden habe, frage ich die Menschen dort unten so lange der Tag noch leuchtet, ob sie wirklich alle Palestinenser oder Juden sind und wie sie miteinander klarkommen.

Im nächsten Büroraum auf dieser Etage wird aussortiert. Eine alte Zeit soll verschwinden. Alle Werkzeuge des Feinmechanikers, der dort gearbeitet hat sind ordentlich aufgestellt und bilden eine Landschaft, der die Verwandlung noch bevorsteht. Schublade für Schublade wird ausgeräumt und in Kisten verpackt. Herr S. repariert seit 25 Jahren die filigranen und komplexen Mechanismen in alten japanischen Analog-Spiegelreflexkameras, deren Verkauf jedoch eingestellt wurde und somit auch die Handwerkskunst des Feinmechanikers verschwinden wird. Manchmal klemmt er sich ein Uhrmacherokular zwischen Jochbein und Augenbraue, wenn die Arbeit besonders diffizile Handgriffe voraussetzt, wenn Schrauben und Bolzen und Spanndrähte kaum größer sind wie Haare und Sandkörner. Über sein Gesicht verläuft dann eine Linie, die es in zwei unterschiedlich emotionale Felder aufteilt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die Seite mit dem zusammengekniffenem Auge wirkt schmerzverzerrt, als sei ihm soeben jemand auf den Fuß gestiegen; die andere Seite erhält durch das vom Okular aufgeschobene Auge einen Ausdruck leuchtenden Größenwahns. Ich sehe ihm gerne bei der Arbeit zu. Menschen, die einen hohen Grad an Kunstfertigkeit erreicht haben – sei es ein Handwerker, Musiker, Koch oder Tänzer – bei der Arbeit zuzusehen hat immer etwas demütig machendes.

Der beissende Geruch von Aceton und Ether, während Herr S. über die Beschaffungsprobleme von Ether philosophiert, das war noch eine ganz andere Zeit, damals am Anfang, was an und für sich eine ziemlich sinnleere Aussage ist weil jede Zeit eine andere Zeit ist. In diesem damals, da wurde man in Apotheken manchmal schief angeschaut, weil man Ether auch für die Herstellung von Heroin benutzen kann und er ja gar kein Dealer sei sondern Kameras reparierte und vielleicht die eine oder andere Uhr. Das Aceton benötigt Herr S. um klebende Bindestellen, die Gehäuse und Teile zusammenhalten zu lösen. Der Acetongeruch als Vorzeichen des drohenden Untergangs. Kleine Dinge bewegen sich in dieser Werkstatt mit einer präzisen Trägheit, die einen zum Staunen bringt.

Nach der Arbeit fahre ich nach Pasing und stehe dort vor dem Eingang eines Einkaufszentrums, wo mir ein ganz anderer Typ junger Mensch begegnet.

Glastüren mit verchromten Griffen schwingen in beide Richtungen. Hier zu erkennen: Der Eingangsbereich eines Einkaufszentrums ist ein Transitbereich, Innen- und Aussenwelt überschneiden sich hier, Menschen und ihre Sehnsüchte transformieren sich. Beobachtung 1: Menschen, die von aussen nach innen strömen. Sie richten sich wie magnetische Körper auf ihre Bedarfsbefriedigung aus, sind in Gedanken und mit ihren Blicken schon bei ihren Ikonen, während sie die Aussenwelt gerade verlassen. Beobachtung 2: Menschen, die von innen nach aussen strömen. Sie streben mit ihren Gedanken schon wieder fort, obwohl sie gerade in der Innenwelt der Dinge waren. Ob die neuen Schuhe zu dem bronzefarbenen Kleid passen? Ob die neuen Gewürze auch das selbstgemachte Rhabarberkompott verfeinern?

Die Türen haben einen Sonderstatus, deren Schwingbewegung mit hydraulischem Zischen das Übergangsritual begleitet. Sie sind die großporigen Öffnung einer halbdurchlässigen Membran: dort begegnen sich Menschen, sie halten die Tür für Fremde auf oder warten auf Freunde oder Familie. Die Türen sind der Schnittpunkt, hier verdichtet sich das Wesen der Zerstreuten für ein paar Sekunden zu einem auf den Moment gerichtetes Wesen, bevor seine Gedanken wieder vor oder zurück durch die Zeit fliegen. Wie die schwingenden Türen.

Ich folge dem Strom von aussen nach innen und betrachte vor den Parfümerien, vor den Bekleidungsgeschäften und vor den Kosmetikläden viele Frauen, die etwas maskenhaftes haben. So jung und so verstellt. Was bedeutet das, jemand ist authentisch? Entspricht das, was er zeigt wirklich treu seinem Seelenbild oder ist selbst dieses „authentisch sein“ bereits eine Maske, ein Schutzharnisch, den man vor sich herträgt? Diese jungen Frauen dort im Einkaufszentrum sind Anfang 20 und so von sich selbst und von ihrer eigenen Wirkungswahrnehmung benommen, dass sie übersehen wie stark ihre naive Mädchenhaftigkeit hinter der gepuderten Fassade leuchtet. Sie glauben alle so fest daran, dass sie etwas darstellen, aber in Wirklichkeit entsprechen sie nur. Sie tun mir leid.

Ich empfinde ein grundtiefes Bedauern für sie. Da gehen große Taschen mit viel zu früh erwachsengewordenen Mädchen, denen das Erwachsenwerdenwollen mit schier obszöner Dringlichkeit aus den Gesichtern quillt spazieren, in ihren makellosen Gesichtern meist ein grimmiger Ausdruck des hektischen Genervtseins. Sie sehen dabei so professionell aus, als ob sie es zuhause vorm Spiegel übten. Eine scharfe Abkantung von allem Äusserem und dennoch der tief verborgene Wunsch vermisst zu werden. Aus ihren Gesichtern spricht die Sehnsucht nach Ausdruck und Geradlinigkeit.

Schreibe einen letzten Satz in mein Journal:
„Wenn Esel Maskenbälle hätten, würden sie sich als Menschen verkleiden.”

“Man glaubt man wisse mehr über viele Menschen, als die Menschen selbst über sich wissen. Wir sehen ihren Nacken, sehen eine unbemerkte schmutzige Stelle an ihrer Kleidung, wir erkennen ein Muster in ihren Handlungen, von dem sie nichts wissen, oder es sich nicht eingestehen. Und schon sehen wir uns ihnen überlegen, wie milde aber gewissenhafte Richter, die über einen Angeklagten und die Summe seiner Taten oder Unterlassungen ein Urteil sprechen, das unwiderruflich ist und mehr als eine Strafe ist. Denn eine Bewährung wird nicht gewährt und eine erfolgreiche Revision ist die Ausnahme und oft zweifelt der Angeklagte, der Beurteilte, der Erkannte, der Entlarvte oder stimmt mit traurig-ergebener Zustimmung ein, oder aber er lehnt sich gegen die Aussensicht auf, wie ein Schauspieler, der sich als Held sieht und doch durchweg als Narr besetzt wird.”
Marcus Ertle


  1. Ist die Linie an sich nicht schon gerade genug? Oder ist das typisch deutsch? Wie Stefan Kellersberg auf Medium vollkommen richtig angemerkt hat: „Ich denke, du verwechelst hier Linie mit Gerade. Eine Gerade ist eine Linie die zwei Punkte auf dem kürzesten Weg miteinander verbindet. Aber eine Linie an sich kann auch schlangenförmig sein.“ []
  2. “I’d consider myself a realist, alright? But in philosophical terms I’m what’s called a pessimist… I think human consciousness is a tragic misstep in evolution. We became too self-aware. Nature created an aspect of nature separate from itself — we are creatures that should not exist by natural law… We are things that labor under the illusion of having a self, that accretion of sensory experience and feelings, programmed with total assurance that we are each somebody, when in fact everybody’s nobody… I think the honorable thing for our species to do is to deny our programming. Stop reproducing, walk hand in hand into extinction — one last midnight, brothers and sisters opting out of a raw deal.” – Rustin Cohle, True Detective S01E01, 2014: The Long Bright Dark []

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