Stereotyp

05:45, Morgens – Digitales Gelächter
Frisch aus dem unbedarft unterbewußten, süßen Schlaf gerissen, empfängt mich die eisige Kälte in meinem Zimmer. Zitternd und verkrampft vom allmorgentlichen Widerwillen setze ich den ersten Fuß auf den Boden. Noch zögerlich schwirren mir die ersten, jungfräulichen Gedanken durch den Kopf. ›Carpe Diem‹, also stehe ich auf.

06:00 – Frühstücks-Kontinuität
Toast, heißer Kaffee, nicht zu stark aber auch nicht zu schwach. Schließlich wartet bereits begierig mein Stoffwechselhaushalt auf die von ihm benötigte Dosis Koffein, ohne die er überhaupt erst gar nicht nachdenkt, in Schwung zu kommen.

06:10 – Haustierfütterung
Mit einer Tasse Kaffee bewaffnet schleiche ich mich ins Bad. Die guten Vorsätze sind, wie an jedem Morgen fürs erste dahin und bevor ich über den entfallenen Morgensport nachdenken kann, steckt bereits die erste Zigarette an diesem noch frühen Tage in meinem Mundwinkel. Ich hoffe, dass mein Verdauungstrakt nun endlich aus dem autonomen Ruhestand erwacht, denn Zeit ist etwas, das um diese Uhrzeit gegen mich arbeitet. Ich bin in eile.

06:25 – Letzer Aufenthalt
Autoschlüssel, Stempelkarte, Zigaretten und Feuerzeug – hab ich. Rucksack gepackt, in der Eile wieder einmal das Video für einen Kollegen vergessen, Auto auf, Zündung an – Berufsverkehr, wo bist du?

07:00 – Wegelagerer
Erste positive überraschung des Tages. Kein Berufsverkehr und auch der Streß hat sich gegewärtig verflüchtig. Die Hälfte der Strecke ist überwunden, dafür stehe ich jetzt an der Bahnschranke, geschlagene zehn Minuten. ›Die Bahn kommt!‹, nur wann?

07:25 – Die Ankunft
Der Parkplatz, Prärie, auf weiter Flur erblicke ich nur eine Handvoll Fahrzeuge. Im Foyeur erwartet mich nicht nur der Stempelautomat, sondern auch der Pfortenwächter. Das übliche „Morgen” wird in den Raum gegrummelt und ich versuche alles Menschenmögliche, einer möglichen Antwort durch gekonnte Ignoration zu entgehen. Es gelingt mir nicht.

07:33 – Das Intermezzo
Das Zeiterfassungssystem erfreut mich mit einer positiven Stundenbilanz, die zweite Überraschung des Tages. Die Gänge und Korridore sind leergefegt, was nicht nur das Ergebnis eines konzentrierten Urlaubswahnsinns ist. Nur hier und da schließen sich Türen wie von Geisterhand, als ob sie es gewohnt wären, auf und zu zuschlagen, auch ohne durchwandelnde Personen. Als erstes nehme ich Kontakt mit dem Kaffeeautomaten auf. »Guten Morgen. Ich bin betriebsbereit!!« erscheint in grünen Lettern auf der digitalen Anzeige. Na fein. Wenigstens kann das einer von sich behaupten.

07:35 – There is no Business, like…
Die Abteilung nimmt sich am Allgemeinzustand der Firma ein Beispiel und brilliert mit Abwesenheit aller Kollegen. Somit ernenne ich mich zum Vorreiter dieses Tages und sperre die Türen zu unserer Abteilung auf. Muffige und stickige Luft schlägt mir entgegen. Jene ist jedoch ein Produkt unserer Klimaanlage, dementsprechend wähne ich mich in Unschuld. Licht an, Fenster auf und dann erst mal auf den Gang geflohen, wo das nächste nikontinhaltige Präparrat von mir konsumiert werden will.

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