Randnotiz

1763 Wörter über den liebenswerten Doc Stanley. Dieser Mann hat sich seinen Ängsten gebeugt. Dieser Mann kotzt sich vier Tage vor Weihnachten die Seele aus dem Leib. Dieser Mann hat aufgegeben.

20. Dezember, Samstag. Noch vier Tage bis zum Fest der Liebe. Der Doc war fertig mit der Welt. Er lag besoffen hinterm Sofa und lag dort schon eine ganze Weile. Bei jedem Versuch aufzustehen wurde ihm unglaublich schlecht. Die Welt um ihn herum begann sich zu drehen, sie verschwamm in einem Farbenmeer und die Schwerkraft fesselte seinen Körper auf den Boden. Die Flasche Doppelkorn, die mit ihm auf dem Boden lag war leer. Er schmeckte nicht sonderlich gut aber das war egal. Alles über 30% ging in Ordnung und die Promille in seiner Birne taten das Nötige, um den Frust zumindest für diesen Tag in die Ecke zu stellen. Hinten, ganz weit hinten in seinem Oberstübchen – dort – wo niemand ihn sah.

Kurz nach neun Uhr in der Früh hatte er sich an seine Manuskripte gesetzt. Seit gut einem Jahr tippte er nun an seinem Buch, zwar nicht sonderlich diszipliniert, stellenweise war seine Arbeit jedoch mit Erfolg gesegnet und so fand er an der einen oder anderen Passage gefallen, die seinen verkorksten Gehirnwindungen entsprang. Kapitel vier war seit einer Woche fertig, mit dem Fünften kam er nicht so recht voran. Vielleicht sollte er weniger trinken und nicht schon am Vormittag dem geistigen Delirium nahe vor seinen Texten kauern. Vielleicht hätte er dann mehr Erfolg.

Für heute hatte er das Schreiben allerdings aufgegeben. Viertel vor zehn verließ ihn die Muse, früher als sonst. Er musste an Hellens wunderschöne Lippen denken, erinnerte sich an die Zeit, als er sie küsste und daran, wie nervös flattrig sie bebten, wenn sie erregt war. In diese Frau war er ganz scheußlich verliebt, er hätte die gesamte Welt verraten, nur um bei ihr zu sein. Aber das war lange her und solch eine Liebe wie damals hatte er seitdem nie wieder empfunden, nie wieder zugelassen. Sechs Jahre und fünf Monate – es war einer der schönsten Sommer, die er mit ihr erlebt hatte. Sechs Jahre und fünf Monate und nun war er nichts weiter als ein sensueller Krüppel, eine Gefühlsbarracke, eingefallen und verkommen. Liebe war noch nie sein Ding.

Die Geister der Vergangenheit besetzten seinen Verstand, raubten ihm seine Konzentration. Lovable Doc Stanley saß vor seinen Texten, er kämpfte mit ihnen – zehn Minuten, zwanzig Minuten – las den letzten Absatz wieder und immer wieder. Schlussendlich gab er auf, ging zum Fenster, nahm die Flasche Doppelkorn vom Tisch, öffnete sie, trank einen kräftigen Schluck und blickte in die Kälte draussen. Tausend Dinge gingen in ihm umher; tausend Dinge mit tausend Erinnerungen, alles Geschichten aus ausgeträumten Tagen, graue Vorzeit.

Stan hielt nichts von der Zukunft, er war gar nicht heiss drauf, sie zu erleben. Er trank noch einen Schluck, die beissende Schärfe des Alkohols betäubte seinen Mund. Auf der Straße unter ihm war geschäftiges Treiben. Menschen wuselten von hier nach dort, von einem Laden zum Nächsten, standen vor den Schaufenstern, funkelnde Augen allenthalben, an den Scheiben Kunstschnee aus der Spraydose, die Auslagen drapiert mit Lametta, künstlich, unecht, heile Welt aus der Retorte. Weihnachten war noch nie sein Ding.

Aber was zur Hölle war eigentlich sein Ding? Er grübelte, dachte nach, trank hastig und wischte sich mit seinem Handrücken über die Lippen – die Flasche war jetzt bereits halb leer. Shit! So viele Dinge, die ihn anpissten, bei denen er sich aufregte, die er zum Kotzen fand. Innerhalb der letzten sechs Jahre war ihm scheinbar etwas abhanden gekommen, etwas immens wichtiges – Freude. Er hatte seine Freude am Leben verloren. Vielleicht hatte sie ihm auch jemand geraubt? Vielleicht ist sie Stan auch einfach abhanden gekommen, in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit oder er hatte sie an einem Abend im Suff dem Teufel verkauft, möglicherweise auch an einen machtbesessenen Baron, wie einst Timm Thaler. Dummer Junge. Jener Schauspieler hatte bei Stan seit dieser Fernsehserie grob verschissen.

Die Taubheit in seinem Mund kroch nun langsam in sein Gehirn. Stan drehte sich vom Fenster weg, sah auf den Stapel Papier auf seinem Schreibtisch, ungeordnet, chaotisch, konfus. Er ging zu den beschriebenen Bögen toten Holz, setzte sich auf den Stuhl und betrachtete die verschmierte, krakelige Schrift, die mit ungestümen und hektischen Zeichen das Papier füllte. Schreiben, das war es. Das einzige, wo er sich wohl fühlte, wo er sich auskotzen, wo er seinen überflüssigen Gefühlsmist über Bord werfen konnte und wo all seine innere Aufruhr ein schmuckhaftes Kleid des Ausdrucks bekam, war das Schreiben.

Ruhm und Ehre würde er damit allerdings niemals erlangen. Zu viele Schreiberlinge gabs auf der Welt, zu viele gute und das schlimme, zu viele schlechte, die sich vor der Menge breit machten und sich als Dichter feiern ließen. Wenn Stan schrieb, dann ging er immer gegen diese graue, undefinierbare Masse an; in Gedanken kämpfte er gegen ein Kollektiv gesichts- und gedankenloser Dutzendmenschen. Er wollte besser sein, er wollte, dass man Notiz von ihm nahm, ihn in Erinnerung behielt. Aber in den Erinnerungen der Nachwelt würde nichts von ihm übrig bleiben. Ein verwesender und verrottender Leib 1,70 Meter tief in kalter, madiger Erde. Drauf eine Steinplatte, dick und schwer, bleib ja da unten Stan und komm nicht wieder raus. Ein verdorrter Kranz, verwelkte Blumen, Kupfer-Insignien – Mai 1980 bis, naja, sagen wir Februar 2021, wenn er sich hielt – »Stan Arthur Bonaski, geliebt & unvergessen, bla bla bla, Ruhe in Frieden.«

Nein, nichts davon. Nichts – noch weniger als der Dreck unterm Fingernagel. Er würde nur in einen Raum hinein rufen, ein Raum voller Stimmen und sein Echo würde verhallen, würde untergehen in dieser grauen, verschwommenen Masse, ungehört und ohne, dass jemand Notiz davon genommen hätte.

Heutzutage schafft man nichts mehr einzigartiges; heutzutage schafft man nichts mehr individuelles. Heutzutage war man nur noch eine Randnotiz im Laufe der Zeitgeschichte, so überflüssig wie das abgefallene Post-It von der Kühlschranktür. “Milch alle!!” – kein Sinn, keine Bestimmung, keine Milch. Man hatte zu funktionieren in einer immer stärker beschleunigten Gesellschaft. Man bekam eine Sozialversicherungsnummer und lohnende Gewinnaussichten bei der Lottoziehung am Mittwoch. Man musste integer sein, ja keine aufmüpfigen oder hintergründigen Fragen stellen, das war nicht okay. Und dann, wenn es langsam dahin ging mit einem, die Knochen müde, das Fleisch schwach und der Geist dement wurden, erfreute man sich an Altersteilzeit, Gicht in den Händen, einer lachhaften Rentenausschüttung und an Ausflügen nach Mallorca zur Kirschblüten-Saison oder an Wallfahrten nach Lourdes. Man war soweit befriedigt und satt – ein schönes, braves Leben in Reue und Demut. Bis sie einen ins Heim steckten, in eine geschlossene Anstalt, abgeschottet, weggesperrt und ausgeblendet – dorthin, wo man still vergeht, wo man den Tod nicht sieht.

„Bua, wennst oid bist, bist a Depp!” Fredl hatte das immer gesagt, ein tattriger und liebenswerter Greis aus dem Altersheim, in dem Stan für kurze Zeit arbeitete. Kein ganzes Jahr hielt er es dort aus und immer wenn jemand aus dem Heim starb ging das Prozedere von vorne los. Denn dann kamen sie, die Hinterbliebenen, diese madigen Heuchler mit ihren Blumen und den Trauerkarten und der verkommenen Mitleidstour. Stan hatte sie so satt. Er hatte dieses Heim so satt und kurz nachdem Fredl starb, hing er den Job an den Nagel. Zwei Wochen Wachkoma nach einem Gehirnschlag, Fredl lag sabbernd im Bett. Von seinen Verwandten hatte sich in dieser Zeit niemand blicken lassen. Die kamen alle erst später, danach, als alles schon vorbei war und Fredl seinen Weg bereits hinter sich hatte. Der Tod hat nichts glamouröses.

Ein letzter Schluck aus der Flasche – leer. Die Silhouetten der Gegenstände um ihn herum begannen sich allmählich zu bewegen, sie wollten einfach nicht mehr still halten. Zu viel Alkohol in zu kurzer Zeit. Stan drehte den Kopf zur Schreibtischlampe, schloss die Augen und die Welt hinter seinen Lidern, durchdrungen vom Schein der Glühbirne versank in strahlendem Purpur. Er hörte in sich hinein, hörte auf seinen Atem, auf das Pochen des Herzens und sah bei jedem Schlag pulsierende, dunkel gefärbte Adern in seinen Augenlidern. „Was ist das eigentlich für eine gottverdammte Scheisse um dich herum? Was hat dich bloß so ruiniert, Mann der Feder?“

Stan hatte mächtig einen sitzen. Er öffnete die Augen, stand auf, wankte. Jede Bewegung ging nun mit einer Verzögerung einher, die alles unwirklich erschienen ließ und je mehr er sich auf die Unruhe in seiner Wahrnehmung fixierte, umso schlechter wurde ihm. Mit der leeren Flasche in der Hand machte er sich auf in Richtung Badezimmer. Nach zwei Schritten war jedoch Schluss, er stolperte über seine eigenen Beine, taumelte, verlor das Gleichgewicht und landete irgendwo zwischen Sofa und Kommode recht unsanft auf dem Boden.

Zwei Schritte und noch ein paar – mehr wären es wohl nicht gewesen und Stan wäre zu seiner Toilette gekommen, hätte seine Schüssel gehabt, vor der er niederknien und herzhaft diesen ganzen Dreck aus seinem Körper herauskotzen konnte. Verdammt noch mal, das war doch seine private, kleine Luxusloge, 1A, erste Reihe – ungehalten sich zu übergeben und ohne darauf zu achten, wohin die Ladung geht und was man davon morgen früh alles wegwischen darf.

Aber irgendwie kam er dort nicht an. Die Richtung war zunächst noch klar. Jetzt aber wusste Stan nicht so recht, wo er sich befand. Die Welt in seinem Kopf zersprang, bunte Erinnerungsfetzen wirbelten durcheinander – Namen, Gesichter, Körper tanzten wild vor seiner Nase. Und eine Stimme die zu ihm sprach, die mit ihren scharfen Worten den Raum zerschnitt, die Stan verängstigte aber gleichzeitig so lieblich flüsternd seine Seele streichelte.

„Was wurde denn noch nie geschrieben, hm? Welche Gedanken sind im Laufe der Geschichte noch nie gedacht, welcher Vers und welcher Reim noch nie gedichtet, welches Liebespoem noch nie geschrieben worden? Weißt du’s? Nein? Dann werde ich’s dir sagen. Keines! Genau! Keines!! Und das ist dein Problem. Du bist Mister Cool Motherfucker, der große große Verbalakrobat, versuchst etwas zu schreiben, das vor dir noch nie jemand geschrieben hat; etwas zu denken, das vor dir noch nie jemand gedacht hat. Aber weißt du was: Das ist kompletter Bullshit! Alles was es zu sagen gibt, wurde bisher gesagt. Alles was es zu schreiben gibt, wurde bisher geschrieben. Und DU bist NICHTS spezielles, klar?! Du kannst die ausgetrampelten Pfade gehen, kucken, stehen bleiben, mal sagen “och, mmh, ganz schön hier” und dann weiter gehen. Aber Helden braucht heute keiner mehr und die Welt will nicht gerettet werden. Und weißt du warum, Stan? Weil es nicht in ihrem Interesse liegt, gerettet zu werden.”

Stan musste kotzen. Und während er sich übergab, sein Zwerchfell von den krampfhaften Kontraktionen heftig schmerzte und bitterscharfe Magensäure aus seiner Kehle quoll und sich über das Laminat ergoss, hörte er nur noch diese eine Stimme – diese eine Stimme in seinem Kopf: „Die Gesellschaft hat dich, Stan. Die Gesellschaft braucht dich, Stan. Komm und gib ihr, was sie verlangt.” Noch vier Tage bis zum Fest der Liebe. Der Doc war fertig mit der Welt.

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