Mit dem ersten Schnee

Der Ausbruch seiner inneren Unruhe kam mit dem ersten Schnee. Da erkannte er sich sich selbst nicht wieder. Ein Gefängnis umrahmte ihn, das Bedürfnis, schreien zu müssen. Das Bedürfnis, etwas sagen zu müssen, aber nichts mitzuteilen zu haben. Eingepfercht in dieses herzförmigen Gefängnis, wenn die Tage ausserhalb des Fensters im Sterben liegen. Und diese Tage langsam vergehen, zäh wie stockendes Blut. Die volle Zuversicht war hingeflossen, für einen Moment der Unachtsamkeit hatte er sie aus der Hand gelassen. Trotzdem war er guter Dinge, er wusste, sie würde wieder zurückkommen, wie ein treudoofer Hund, der weiß, wer ihn füttert und wo seine Hütte steht.
Er liebte ein Mädchen, das ihn nicht liebte. Es war seit Jahren immer die gleiche Nummer, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass es jemals anders gewesen wäre. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals anders sein würde. Und die Zuversicht war jetzt und in all den verkommenen Jahren des Alterns alles gewesen, was er hatte. Zorn und Energie mischte sich, er spie reine Rache auf das Menschsein. Aber das war er nicht, das wusste er. Und die Zuversicht rettete ihm immer das Leben.
Er hatte dem Universum einen Brief geschrieben, denn er war ein guter Mensch, mit vielen Makeln. Er hatte dem Universum geschrieben, dass es etwas gutzumachen hätte und ihm nun einen Gefallen tun müsse. Das Universum half ihm. Aber es rettete ihn nicht. Alleine die Annahme, vom Universum gerettet zu werden war verwegen. Für diesen kurzen Moment hatte er die Zuversicht losgelassen und sofort ging sie hoch, wie ein Feuerwerkskörper, eine Rakete, die die schwarze Nacht mit Kreischen und Funken zerschnitt und explodierte in einem Farbenmeer, Lichterperlen in die Dunkelheit der Unendlichkeit verstreute.
Doch er würde wieder auf die Beine kommen, das war der Deal. Ein Pakt, den er geschlossen hatte. Es gab sonst keine Optionen. Was für Optionen hatte er sonst: Suizid oder Leben lernen? Suizid war keine Option. Sich einfach zu verdrücken, aus der Hintertür zu stehlen, dafür liebte er das Leben zu sehr. Und sich auf das Leben einzulassen, es anzupacken und endlich das zu werden, was schon immer in ihm geschlummert hatte, davor hatte er Angst.
Er war zornig, nicht immer, doch er lernte diese Energien zu lenken. Sein junger Körper bebte so voller neuer Energie. Er hatte Tore aufgestoßen, trieb Sport, ertüchtigte seinen Körper, entfesselte Mächte. Und das Gefühl war gut. Er fühlte sich am Leben, wenn er Muskelkater hatte, wenn die Muskeln seiner Beine vom Laufen brannten und das Herz so heftig pochte, dass es den Raum seines Brustkorbes zu sprengen schien. Die Liebe dieses Mädchens, das er schon immer geliebt hatte, irgendwie nie aufgehört hatte zu lieben, das machte ihn mürbe und krank. Aber dafür konnte er nichts. Und er wusste, dass er das überleben und zufrieden werden musste. Denn das Universum hat nur Interesse an zufriedenen Menschen. Das war der Pakt. Er konnte nicht damit aufhören sie zu lieben. Er konnte nicht damit aufhören, weiter zu machen mit dem Leben. Alles ist eine Frage der richtigen Strategie und er musste lernen, damit umzugehen.
An manchen Stellen wusste er nicht, wo oben war, wo unten war. Und in den Augenblicken, wo er bei sich war, fühlte er sich so voll, so satt vom Leben. Und dann war er das erste mal glücklich. In dem Moment des Ausbruchs seiner inneren Unruhe, die mit dem ersten Schnee kam.

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