Halbgute Capegeschichten und Schwefelstories vom Kilometerfresser

Frage: Was stinkt nach Schwefel, ist nicht die Hölle und wenn man durchgefahren ist, hat man Rotorua verlassen? Richtig, Rotorua.

Zweite Frage: Wie lange, denkt ihr, braucht man, um das Northland zu umfahren? Sieben Tage? Acht? Fast. Drei Tage und 1600 Kilometer. Weil ich ein Getriebener bin, trotz bayerischer Gemütlichkeit im Blut meinen Reisemodus noch nicht gefunden habe und eher gehetzt, als im Müßiggang Neuseelands Nordende umschiffte. Resourcenschonend ist etwas anders. Ziemlich viel ausgelassen, ziemlich viel verpasst, Eindrücke nur mäßig, Unglück mit dem Wetter, dem Campingplatz und den Farmen. Wenns kommt, dann alles auf einmal. Aber eines nach dem anderen.

Mit Nelly, dem German-Geschoss ging es am 27. September raus aus Hamilton. Endlich Regen und Kälte zurücklassen, denn im Norden ist es immer zwei Grad wärmer als auf dem Rest der Insel. Bis nach Auckland alles relativ unspektakulär. Und Auckland selbst: ein Moloch, der sich schon zig Kilometer vor dem eigentlichen Stadtzentrum mit einem breiten suburbanem Speckgürtel ankündigt. Eine rusige Vorortgalaxie, trübe und arm, die die höchste Kriminalitätsrate des Landes aufweist. Die City ist anders, hier wird mehr in die Höhe als in die Breite gebaut, im Gegensatz zum Rest Neuseelands. Nelly hielt ich strikt auf Kurs, denn ich wollte hier nur einfach durch und mich nicht im Stadtgewirr verfransen.

Erster Stop war die Hibiscus Coast bei Orewa, ein kleiner Umweg, da der Highway nördlich von Auckland gebührenpflichtig ist und ich mir die paar Dollar Maut sparen wollte. Schöner Strand, viele Touristen, weiter. Über Warkworth und Wellsfort nach Mangawhai Village, wo ich meine ersten Hosts besuchte, eine Macadamiafarm. Sehr nette Leute. Und nach einer wunderbaren Guerillacampingnacht am Strand bei Eyres Point entschied ich mich, weiterzufahren. Langs Beach, Waipu Cove, Uretiti Beach, wo ein herrlicher Campingplatz direkt am Strand ist. Ich hielt mich ein wenig dort auf und fuhr am selben Tag weiter nach Whangarei. Bei Stampy’s ziemlich leckere und fette Fish & Chips gegessen, genau der richtige Magenfeger für einen Langstreckenläufer. Dann, man höre und staune, eine halbe Stunde auf Parkplatzsuche in der Innenstadt (höre und staune deswegen, weil der Verkehr, mit Ausnahme der zwei Metropolen Auckland und Wellington eigentlich immer überschaubar ist). Letzte Internetkommunikation in der Bibliothek, bevors in den Norden ging, denn dort ist ausser Leuchtfeuer und Flaschenpost sonst nichts mit Kommunikation. Innenstadtbummel in Whangarei wegen besagtem Parkplatzmangel ausgelassen. Ausserdem sind die Innenstädte eh redundant, hat man drei gesehen, hat man sie eigentlich fast alle gesehen.

Dann weiter, ein Stück an der Ostküste entlang, es war der 28. September. Kauribäume kucken und schöne Campingplätze nicht finden. Kurz vor Marua dann eine Abenteuerabkürzung über eine Schotterpiste, um einen (laut Broschüre) sagenhaft idyllischen und abgeschiedenen Campingplatz zu finden. Zweieinhalb Stunden und diverse Schotterpistenmeilen später vor einem verschlossenen Platz gestanden, denn „idyllisch“ war leider nur ein Attribut, was die Broschüre angab; „bis 1. Oktober geschlossen“ war das verheimlichte zweite Attribut. Noch heute tut mir mein Arsch von den unzähligen Arschbissen weh, die ich mir an dem Tag verpasste. Es half aber alles nichts, Schotterweg zurück, die Sonne stand schon tief und die Zeit, einen Platz zu finden lief mir allmählich davon. Zurück auf asphaltiertem Grund fuhr ich hoch nach Helena Bay, Mokau, bis in die Bay of Island. Hier sind alle Straßen zum Stand in privatem Besitz, da diese Gegend sehr populär und absolut überbewertet ist. Also kein Guerillacampingschlafplatz am Strand, stattdessen spühlte mich meine Tanknadel, die gegen null tendierte um halb zehn Nachts nach Russell auf einen Campinplatz fern vom Strand. Wenn man Nachts ohne Benzin und Hoffnung in Russell ankommt, ist man ehrlich im Arsch. Der Weg dorthin ist eine Einbahnstraße und zurück geht es nur über die unendlich lange erscheinende Straße über die Halbinsel. Oder über eine Fähre nach Opua. Über die verzweifelte Aussichtslosigkeit mancher Hergespühlter wissen Fähren- und Tankstellenbetreiber sehr wohl bescheid. Russell selbst ist niedlich, aber keine Reise wert. Mein saurer Apfel war die Fähre.

Am 29. dann in Waitangi den ersten Kaffee aufgebrüht. Der „Geburtsort“ Neuseelands, ein geschichtsträchtiger Ort, da hier 1840 die Verträge zwischen Maorihäuptlingen und der britischen Krone unterzeichnet wurden. Im Vertrag wurde die Zugehörigkeit zu Großbritannien vereinbart – oder so was Ähnliches, je nachdem ob man die englische oder Maoriversion des Vertrages liest. Von Waitangi ging es weiter nach Kerikeri (und so langsam wurde ich kirre in der Birne wegen der seltsam klingenden Stadtnamen, siehe letzter Blogeintrag). Dort verpasste ich für zwei Dollar meinem Auto an der Tankstelle eine Hochdruckhandwäsche, was sich jedoch als überflüssig erwies. Die nächsten Straßen zu meinen zweiten Wwoofing-Hosts kannten das Wort „geteert“ auch nur vom Hörensagen und so wetzte ich Minuten später bei Kaeo die Karre wieder durch den Dreck. Es war noch früh am Morgen und als ich bei der Farm niemanden antraf, entschloss ich mich kurzerhand, weiter zum Cape zu fahren – das Monsterstück der Reise.

Um eine lange Geschichte kurz zu halten: An einem wunderschönen Platz in der Nähe des Capes (die Straße dorthin zieht sich eine halbe Ewigkeit) kam ich dann zum Stillstand. Das Wetter war herrlich und ich entschied mich dafür, erst am nächsten Tag zum Cape Reinga zu fahren. Ein weiterer Fehler. Vom Campingplatz aus machte ich eine kurze Wanderung an den Steilküsten entlang mit einer unbeschreiblichen Aussicht über die Tasmansee und den südpazifischen Ozean. Hier fließen zwei Meere zusammen und man kann bei guten Wetterverhältnissen eine ganz eigentümliche Nahtstelle auf dem Meer sehen. Ausserdem lauschte ich dort Vögeln, die es fertig brachten, für die Zeit meines Lauschens (über 20 Minuten) Töne in einer Varianz von sich zu gaben, die sich kein einziges mal wiederholten. Das war komisch, denn es machte den Eindruck, als wollten diese Vögel mit ihrem Jubilieren protzen. Was für ein Konzert! Ich fühlte mich wie fucking Darwin und gab ihnen den Namen „Poservögel“.

Der nächste Tag war mies, aber mystisch. Es regnete Katzen und Hunde und die Wolken hingen sehr tief. Vom Campingplatz aus dann direkt die letzten Kilometer zum Cape Reinga gefahren, Sichtweite: drei Meter. Allerdings konnte eben diese mystische Szenerie ein wenig über den Aussichtsmangel hinwegretten. Cape Reinga ist der Ort, an dem nach der Überlieferung die Seelen der verstorbenen Maoris die Insel verlassen. Ich war alleine dort, kein Mensch war sonst da. Und durch das Tor, das Richtung Norden zeigt, zogen mit einem dumpfen Pfeifen Nebelschwaden, als ob die Seelen wirklich über die Felsspitze aufs Meer ziehen.

Was jetzt kam, war eine Tour de force der verpassten Gelegenheiten und der Enttäuschung zurück. Erst in Omapere und bei „Tane Mahuta“, einem der größten Kauribäume hielt ich wieder an. Hier waren allerdings so viele Touristen, dass ich nicht lange blieb und weiter südwärts nach Dargaville fuhr. Bis hierher waren es 1238 Kilometer in drei Tagen und mein Rücken und mein Arsch waren im Arsch. Nach einem Tankstop fuhr ich weiter nach Baylys Beach, Neuseelands längstem Strand (auch wenn viele denken, der Ninety Mile Beach sei der Längste. Falsch gedacht.) Hier übernachtete ich und versuchte, mit TimTams (süßen Keksen) die Sehnsucht nach Familie und Freundin zu betäuben. Erfolg: mäßig.

Am nächsten Tag lief ich eine Stunde am Strand, fragte die Campingbesitzer nach Arbeit und fuhr dann weiter zu den Bauern von Dargaville, die gelegentlich Erntehelfer auf den Kumarakartoffelfeldern suchen. Und nachdem ich weder bei den Campingbesitzern noch bei den Kumarabauern erfolgreich war, gab ich Nelly die Sporen in der Hoffnung, oben in Colville bei den Buddhisten unterzukommen. Rund 400 Kilometer später war ich schlauer. Die Kumarabauern von Dargaville hatten keine Arbeit und die Buddhisten von Colville wollten mich nicht als Wwoofer aufnehmen. Das heißt, sie wollten mich aufnehmen, indem sie Geld von mir nehmen und das nicht zu knapp (was die Buddhisten in meiner persönlichen Beliebtheitsrangliste verständlicherweise einen entsprechend negativen Eintrag verschafft hat). Ob Sündererlass bei den Christen oder Schlafplatzerlass bei den Buddhisten, immer ist die heilspendende Erlösung mit finanziellem Aderlass verbunden. Wenigstens darin sind sich die Religionen einig. Enttäuscht und am Ende aller Weisheit übernachtete ich in Coromandel in der Waitete Bay unter einem spektakulären Sternenhimmel. (Das habe ich bis jetzt vergessen zu erwähnen: Man sieht so unglaublich viele Sterne hier, inklusive Milchstraße! Leider sind die wolkenfreien Nächte auch immer die Kältesten.)

2. September dann, zurück nach Thames, etwas planlos in der Stadt herumstrawanzt und das günstigste Mobiltelefon gekauft, das mir in die Finger kam. Ins Internet zu gehen ist hier nämlich nicht immer ganz einfach und meist kostspielig, es sei denn, man hat Glück und landet in einer Stadt mit Bibliothek und kostenlosem Zugang, was aber nicht immer der Fall ist. Und um mit den Farmen in Kontakt zu kommen ist ein kurzer Anruf hilfreicher, als tagelang eine E-Mail Korrespondenz zu versuchen. Der erste Host, den ich an die Strippe bekam, war ein Campingplatz am Lake Rotoiti, wo ich mich jetzt befinde, unweit vom Lake Rotorua. Eine Nase voll von der schwefelreichen Luft und man wird diesen Ort nie wieder vergessen, dieses eigenwillige Parfüm von Neuseelands dynamischster Thermalgegend mit ihren spritzigen Geysiren, den dampfenden Thermalquellen und den brodelnden Schlammtümpeln. Wenn man direkt vom Meer hierher kommt, ist es eine große Umstellung. Es riecht hier immer nach faulen Eiern. Und nicht nur ein bisschen. Manchmal ziehen Wölkchen vom Krater des erloschenen Vulkans herauf, die riechen, als ob jemand ganz zärtlich und behutsam einen fahren hat lassen. Und manchmal kommen derartige Gewaltwolken über die Wälder angeschlichen, hinterhältige, ganz fiese, die einen demütig mit Tränen in den Augen auf die Knie zwingen; die stinken, als ob einer ganz ungeniert und aus vollem Herzen einen hirnarretierender Wahnsinnsfurz auf Welttournee geschickt hat. Mit anderen Worten: übel!

Jedenfalls arbeite ich momentan auf einem Campingplatz, zusammen mit einem chinesischen Pärchen, Sam & Judie, beide um die dreissig und verheiratet. Wobei weder er Sam noch sie Judie heißen. Das sind nur Spitznamen, die sie sich selbst gaben, in der Hoffnung, dass sich die Kiwis so keinen Knoten in die Zunge nuscheln. Im richtigen Leben heißen sie Majuni (oder so ähnlich) und… Namevergessen (oder so ähnlich). Mein ersten Tag war okay, die Pächter der Campinganlage sind sehr nett und die Arbeit ist nicht anstrengend. Heute mussten wir drei kleine Ferienwohnungen wieder herrichten. Die zwei Chinesen waren schnell, aber German precision meets Asian Fleißarbeit. Ich brauchte vielleicht doppelt so lange für ein Bett, aber meine Faltkanten waren dafür wie mit dem Laser geschnitten. Und mein Bad war so sauber, dass Siemens es ohne weiteres als Reinraum für die Chipherstellung hätte verwenden können (dass ich einen halben Liter Desinfektionsmittel gebraucht habe, steht auf einer anderen Rechnung).

Das Gute an der Gegend: Am Tag ist es sehr warm. Die Bay of Plenty gehört zu den Regionen Neuseelands, die am häufigsten von der Sonne geküsst werden (durchschnittlich 2350 Std./Jahr). Das Schlechte: In der Nacht ist es dafür empfindlich kalt. Ein Schlafsack plus zwei Decken macht es aber erträglich. „Touristisch“ ist nicht die adäquate Bezeichnung für das, was rund um den See angeboten wird. Denkt an viereinhalbfachen Supertourismus, mal Oktoberfest, geteilt durch Disneyworld und ihr kommt der Sache schon näher. Momentan sind Schulferien, dementsprechend überfüllt sind die Angebote. Man kann hier so ziemlich jeden Quatsch mit sich machen lassen. Action & Abenteuersportarten sind besonders en vogue. Das Rentnerprogramm bietet Seilbahnfahren, die Halbstarken lassen sich vom Boden in den Himmel schießen (oder umgekehrt). Und die ganz Starken jagen mit „Neuseelands schnellstem Motorboot“ (uuuhhh) über einen Fluss. Wer dann sein Adrenalinpensum noch nicht erfüllt hat, kann sich, verpackt in einer Plastikkugel den Berg runterrollen lassen. Natürlich für eine Menge Geld. Ausserdem beginnt hier gerade die Fischsaison und hinter jedem zweiten Jeep hängt am Schlepper ein kleines Boot. Denn Kiwis lassen sich nicht nur furchtbar gerne in Kugeln eingesperrt den Berg runterollen; sie stehen ausserdem besonders auf Rugby, BBQ (das ist ein universales Mantra, man kann wirklich alles auf den Grill legen), große böse Allradwägen, aber besonders auf Fischen. Was verständlich für ein Land mit so viel Wasser drumherum.

Wenn ich über die vergangenen Tage so nachdenke, muss ich feststellen: Es gibt eigentlich kein „falsch oder richtig Neuseeland“. Es gibt nur das Neuseeland, wie ich es erlebe. Und viele der schönsten Orte der Welt sind entdeckt worden, weil sich jemand verfahren hat. „Hinterindien“ sei da als Beispiel genannt. Chapeau, Columbus.

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