Meditation über Selbstvergessenheit Ein paar Gedanken kurz vor Geburtstag

Menschen beim Sportmachen zuzusehen kann etwas eigenartig beruhigendes haben, wenn man erst mal die brodelnde Selbstkritik überwunden hat, dass es einem selbst nicht schlecht zustehen würde sich sportlich zu betätigen. Dann haben die schwitzenden und schnaufenden und pumpenden und in der Bewegung versunkenen Körper einen meditativen Effekt auf mich.

Mit Menschen beim Sportmachen meine ich nicht die Überfleissigen und Verbissenen; die, die den Sport nur um des Sport willens betreiben, die als Motiv für ihre Bewegung Schrittzähler oder GPS Gerät mitticken lassen müssen. Ich meine die Kindlichen, die Spielenden, die einen gewissen Grad der Immersion erreicht haben und so in ihrer Sache aufgehen, dass nur noch Körper und Bewegung übrig bleiben. Selbstvergessenen Menschen beim Spielen zuzusehen hat auf mit etwas tiefschürfend beruhigendes, vielleicht wie Fische im Aquarium zu beobachten. Selbstvergessenheit strahlt etwas anarchisches aus: kein Regeldenken, kein Formenzwang, kein Konformismus. (Wobei ich nicht so weit gehen würde und behaupte, Fische in einem Aquarium hätten etwas anarchisches.)

Es ist Samstag und morgen ist mein 35. Geburtstag und ich sitze hier mit Schinkennudeln im Vereinsheim auf der Terrasse. Es tröpfelt so eine Art feiner Drohregen aus schmierigen Wolken, der einem folgendes ankündigt: „Ok, es gibt zwei Möglichkeiten wie die Sache hier jetzt laufen kann. Entweder du bleibst trocken und kommst einigermaßen heil aus der Angelegenheit raus. Oder es wird dir innerhalb der nächsten 20 Minuten die Haut von den Knochen gespült, so genau kann man das noch nicht sagen, also bleib dort erstmal alleine mit deinen Schinkennudeln und dem Verdacht auf vollkommen optionalem Regen sitzen, fühle dich von mir aus zu zweidrittel glücklich und warte auf das Unerwartete.“

Und so bleibe ich.

Es könnte auch ein Montag sein oder ein Donnerstag, kalter Braten mit Meerrettich oder Flammkuchen, jeder andere Ort zu jeder anderen Zeit. Und mein Geburtstag? Sollte der in’s Gewicht fallen? Es macht eigentlich keinen Unterschied.

Die 10 Cent Münze in meiner Jackentasche ist körperwarm und fühlt sich in dieser Kulisse eines unentschlossenen Tröpfelregens wie ein daumennagelgroßes Stück Zuhause an. Denke an Fruchtwasser und Plazenta, angeblich der erste abgegrenzte Raum, hat mal ein Mensch behauptet, den viele für schlau halten.

Ich bin nicht allein. Fünf Fußballjungs sitzen auch auf der Terrasse an einem Nebentisch. Gleich wird ihr Essen kommen. Derweil, Mittelfeld- und Abwehrphilosophien. Irgendwas mit Lionel Messi und Torstatistik und Manjukitch, den ich noch nicht mal richtig schreiben kann. Die Passion der Fußballjungs, mit der sie Khediras Drippelspiel in Barcelona analysieren ist beneidenswert. Die Chicken Wings werden mit Sweet Chili Sauce serviert.

Die Spinnennetze in den T-förmigen Betonträgern des Vereinsheims wirken verlassen. Zwei Tische weiter, eine Amsel pfeift stoisch und maximalunbeeindruckt ihr Lied.

Mein iPhone liegt zuhause, es ist stummgeschalten. Ich befinde mich zweifach unter dem Radar, emotional durchaus six feet under.
My mind is rambling. Und ich brauche schon wieder einen Beschwerdebriefbeschwerer.

Die schmatzenden Geräusche, die die Volleys der Tennisspieler in einiger Entfernung produzieren kommen zeitversetzt zu den Bildern an. Die Fußballjungs kichern jetzt über Sex und rülpsende Frauen (vielleicht reden sie auch über Sex mit rülpsenden Frauen, dann könnte ich das Kichern nachvollziehen), während zeitgleich das starke Bedürfnis in meiner Wirbelsäule hochkrabbelt mit meiner Freundin schlafen zu wollen.

Die einzig wirklich relevante Frage, die sich in diesem Moment ernsthaft stellen lässt: Ist das Literatur oder kann das weg?

Blick über den Sportplatz. Zu sehen, zwei Vögel im blühenden Kastanienbaum, deren streitendes Geflatter die Luft zerschneidet. Ein Gradient unterschiedlicher Bewegungsgeschwindigkeiten. Von oben nach unten: regenschwere Wolken, zäh; die Bälle der Tennisspieler, schnell; das Wachsen des Grases, langsam. Von dieser Spannung bekomme ich Kopfweh. T minus 10 Minuten, dann startet die Rakete vom Vereinsheim.

Vom Himmel stoßen in einem Abstand, dessen Regelmäßigkeit mein Hirn nicht wirklich blickt immer wieder Vögel auf den frisch gemähten Fußballrasen herab und schnappen sich für ihre Verhältnisse latenightmäßig aus dem Boden schraubende Würmer.
Bald Wochenende.
Und morgen wieder von vorn.

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