Die Unvernunft der Unsrigen

III. Die Statistenrollen des Lebens (Konzept)

Neben seinem Bett auf dem Nachttisch stand ein Bild, dessen Motiv eine überaus freudig strahlende Dame mit einem Korb voll bunter Früchte zeigte. Unten rechts waren auf diesem Foto zwei Maßangaben zu lesen – 10 mal 15 Zentimeter und etwas weiter in der Mitte in verschnörkelter Schreibschrift › Liebe Grüße von Nadine ‹. Keppler kannte die Dame auf dem Bild nicht. Er hatte sich den Rahmen vor unendlich langer Zeit gekauft, in der Hoffnung, dass ein richtiges Bild, sein persönliches Stück geronnener Erinnerung würde das originale Musterfoto bei Zeiten ersetzen. Dazu kam es jedoch nie und so verblieb die hübsche Unbekannte bis heute unausgewechselt in diesem Rahmen. Eigentlich wollte er das verstaubte Ding schon längst entsorgen aber Keppler ließ von dem Vorhaben ab als er begriff, dass das freundliche Gesicht, das ihm jeden Morgen so hoffnungsvoll entgegensah, eine angenehme, um nicht zu sagen positive Auswirkung auf sein Wohlbefinden hatte. So nahm er das Bild in seine Hand und überlegte, ob die Dame wirklich Nadine hieß oder der Name genau so falsch und gestellt war wie die Plastikfrüchte in dem Korb, den sie zusammen mit ihrem aufgesetzten Lächeln vor sich her trug. Keppler stellte das Portrait auf seinen angestammten Platz neben dem Wecker zurück, verkroch sich eilig unter seiner Decke und löschte das Licht der Nachttischlampe.

Kälte durchdrang seinen Körper, er zitterte, schüttelte und verkrampfte sich, wand sich hin und her, rieb seine Glieder aneinander. Sein Schlafzimmer war nicht beheizt, denn bei kühleren Temperaturen konnte Keppler besser schlafen, ruhig und ohne Unterbrechung, wie sonst die meisten Nächte. Das zu Bett gehen verkam jedoch regelmäßig zu einer wahren Tortour. Bibbernd lag er unter seiner eisigen Decke und wartete geduldig, bis die Abwärme seines Körpers für wohlige Temperaturen sorgte und der Schlaf ihn übermannte. Er hasste sein kaltes Bett, in das er jeden Abend alleine stieg. Seit dem er denken konnte. Speziell in diesem Augenblick mißviel ihm sein Einzelgängerdasein sehr, obgleich dies der Moment war, an dem er sich am Stärksten zum Leben hingezogen fühlte. Wenn es etwas gibt, für das es sich lohnt im Leben zu kämpfen, dann ist dies eine geliebte Frau, die auf einen wartet und an deren wärmenden Leib ich mich schmiegen darf – gemeinsam der Kälte trotzend. Das war einer der Gründe für Keppler, an diesem Dasein festzuhalten. In letzter Zeit wurden sie immer weniger aber diese Vorstellung hielt ihm am Leben. An jedem Abend, an dem er beschloß in die Welt der Träume zu entfliehen und sein reales Leben mit seinen verflucht realen Problemen hinter sich zu lassen, an jedem dieser Abende war er seinem Leben so nah wie sonst nie.

7:15 Uhr. Stakkatohaftes piepen des Weckers. PIEP PIEP PIEP PIEP!! PIEP PIEP PIEP PIEP!! Keppler schreckte hoch. Welcher Tag war heute? Samstag? Verdammt!! Er hatte vergessen, den Alarm zu deaktivieren, der am Morgen eines jeden Arbeitstages ihn mit digitalem Gelächter verhöhnte und aus den Federn scheuchte. PIEP PIEP PIEP PIEP!! PIEP PIEP PIEP PIEP!! Der schrille Ton krächzte erbärmlich in seinen Ohren. Nervtötend. Er nahm den Wecker, drückte alle Knöpfe. Dieser zeigte sich jedoch redlich unbeeindruckt von dem Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen. PIEP PIEP PIEP PIEP!! PIEP PIEP PIEP PIEP!! Keppler holte aus und schleuderte den Zeitnehmer erbost in die Zimmerecke. Das Gehäuse aus Plastik zersprang in zig Einzelteile, sein Innenleben verstreute sich auf dem Boden. Das Display der Digitaluhr flackerte noch einmal, die gesamte Anzeige leuchtete kurz auf, bevor sie endlich erlosch und der Wecker endgültig sein Leben der funkgesteurten Genauigkeit aushauchte. Ruhe.

Keppler legte sich wieder hin. Nach einer viertel Stunde gab er jedoch den Kampf um den abhanden gekommen Schlaf auf. Zu sehr prägte ihn der Rhythmus der Arbeitswelt und obgleich er noch gerne hätte weitergeschlafen – sein Körper befahl aufzustehen.

Auf dem Kästchen neben seinem Bett lag ein kleiner Block und ein Kugelschreiber. An jedem Abend, bevor Keppler schlafen ging, machte er einen Strich für diesen erlebten Tag. Irgendwann vor ein paar Jahren hatte er damit angefangen, den genauen Grund wusste er nicht mehr. Zwei Seiten waren bereits voller Striche – schräge, schiefe, krakelige, krumme, gerade, akkurate, blaue, schwarze – kein Strich war wie der andere, so wie ein Tag nicht dem anderen glich. Und das beruhigte Keppler. So wie das Bild auf seinem Nachttisch.

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