Die Unvernunft der Unsrigen

II. Dritte Person, Singular

Heimweg. Heimat.
Heimat ist dort, wo man sich fühlt, nicht unbedingt da, wo man her kommt. In dieser Beziehung war Keppler heimatlos, denn der Ort, an dem er sich bedingungslos wohlfühlen konnte, mußte erst noch erschaffen werden. Obwohl, recht heimelich war es schon, sein kleines Appartment im Dachgeschoss in der Lilienstraße 22 und auch, wenn diese Unterkunft nicht den genauen Definitionsrahmen seiner Vorstellung von Heimat darstellte, so war es doch zumindest gemütlich. Keppler hastete eiligen Schrittes die letzten Stufen zu seiner Mansarde hinauf und noch während dem Gehen kramte er bereits nach seinem Haustürschlüssel. Seine Finger waren klamm vor Kälte und es dauerte eine Weile, bis er all sein feinmotorisches Geschick aufbringen konnte, um den Schlüssel in das Schloß zu bugsieren. Er sperrte auf.

Die massive Eichentür knarrte in ihren Angeln. Bedächtig säuselte sie ihr Klagelied von unverbrauchten, frisch geölten Jugendjahren. Wohlige Wärme umscheichelte sein frostiges Gemüt und er schickte sich an, die Türe zu schließen, um das Regenwetter schleunigst hinter sich wegzusperren. Keppler nahm seinen durchnässten Mantel und hing ihn auf den Kleiderhaken rechts neben der Türe. Erst jetzt viel ihm der trockene Paraplü im Ständer auf, den er heute morgen auf Geheiß des Meteorologen im Fernsehen unbekümmert hatte stehenlassen. Er erinnerte sich an Gesine.

Die Uhr in der Küche deutete auf halb sieben – Freitag Abend, halb sieben. Vor ihm lagen nun zwei Tage, die die überwiegende Mehrheit der Menschen in seinem Alter damit zubrachte, Spaß zu haben, um sich so den Frust des Alltags von der Seele zu streichen. Just in diesem Augenblick fuhr ein voll besetztes Auto unter seinem Fenster vorbei, dessen dröhnende Bässe der Musikanlange die Nummernschilder des Fahrzeugs zum Klappern brachten. Langsam schlängelte es sich um die abgesperrten Schlaglöcher auf der Straße. Arbeiter des städtischen Bauamtes, die schon seit Stunden in das Wochenende entschwunden waren, rissen ganze Teilstücke der Asphaltdecke auf, um sie neu zu teeren. Das war auch bitter nötig, denn die Straße glich mit ihren unzähligen Mulden, Löchern und Kuhlen eher der Kraterlandschaft auf dem Mond, als einem planierten Stück Zivilisation. Armstrong hätte ebenso gut auch hier seinen großen Schritt für die Menschheit wagen können. Keppler wartete nur darauf, bis eines Tages jemand spurlos in den Untiefen dieser Löcher verschwand und eine Vermisstenanzeige aufgeben werden würde. ›Oma Paschulke, 78, grau-meliertes Haar, zuletzt gesehen in der Lilienstraße. Hinweise bitte an die örtliche Polizeidirektive.‹

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen setzte er frischen Kaffee auf. Andächtig lauschte er dem Gluckern der verkalkten Maschine, sann vor sich hin und sein Gemüt färbte sich wieder grau. Dieses Wochenende würde wieder so sein, wie alle anderen zuvor auch – einsam, langweilig, austauschbar und unerfüllt. Sicherlich könnte er es seinen Artgenossen gleich tun und unter Menschen gehen aber genau davor hatte er die meisten Hemmungen. Keppler mied die Masse so gut es ging und alles, was die Anzahl von vier Personen überschritt, zählte für ihn als Menschenansammlung und wurde strikt gemieden. In dem Gewoge humanoiden Seins zu verkehren war für ihn ein Graus und entkam er ihm einmal nicht, so fühlte er sich dabei extrem unwohl und unbehaglich. ›Menschen alleine sind schon töricht. Aber Menschen, die im Rudel erscheinen sind unberechenbare Tiere.‹

Trotzig und verägert über sein eigenes Unvermögen nahm er eine Tasse des Muselmanensaftes und ging in sein Wohnzimmer – sein eigentlicher Lebensraum. Dieser beherbergte nicht viel mehr als einen alten aber bequemen Sessel, ein Regal, auf dem sich darauf wie darunter Unmengen von Bücher stapelten, ein Sideboard, ein Fernseher und einen Schreibtisch mit Stuhl. Auf dem Boden verteilt lagen allerhand Notizen, Zettel, auf Papier gebannte Gedankenfragmente und Zeichnungen. Kepplers Denkklause war nicht sonderlich ordentlich oder aufgeräumt. Kurzum, es herrschte ein heilloses Durcheinander in seinen vier Wänden und dieses hatte es sich dort redlich gemütlich gemacht. Er belächelte das Kleinbürgertum der anderen Haushalte, die er kannte und er hatte etwas gegen diesen überpeniblen Sauberkeitsfimmel. Für Keppler war das Arrangement seines Interieurs nicht weiter tragisch. Allerlei Kleinigkeiten und Krimskrams lagen wild verstreut in der Gegend herum aber ihn störte das nicht im geringsten, denn er glaubte nicht an das Chaos in dem Sinn, wie es in den Köpfen der Menschen vorherrschte. Chaos war für ihn eine Ordnung höheren Ranges, keine konfuse oder gar strukturlose Unordnung. Der Bewußtseinshorizont der Menschen war seiner Meinung nach einfach zu beschränkt, eingeengt und gegeißelt von strikten Normen, Definitionen und Regeln, um sich diesen Zustand begreifbar zu machen. Chaos hatte sehr wohl eine Struktur, eine gewisse Art der Gleichmäßigkeit, eine Aussage. Doch verhielt es sich mit ihr wie mit den Gemälden aus der Zeit des Impressionismus. Monet, Cézanne oder Seurat – sie alle waren große Meister des flüchtigen Augenblicks.

Steht man nun vor solch einem Kunstwerk, recht nah mit der Nase an der Leinwand, so erkennt man nur einzelne, grobe Pinselstriche, verschwommene, unscharf definierte Konturen und geheimnisvolle Sillhouetten. Bewegt man sich jedoch ein paar Schritte weg von diesem Bild, so wird einem der Gesamtausdruck des Werkes verständlich und die Malerei bekommt eine Aussage. Im Idealfall war es diejenige, welche der Künstler versucht hatte zu vermitteln. Kepplers Wohnung war somit in Anbetracht dieser Tatsache nicht chaotisch, sie war allerhöchstens ungünstig strukturiert. Wenn sich ab und an eine Seele, ein Arbeitskollege oder seine Vermieterin in diese Räumlichkeiten verirrte, war es nicht immer ein leichtes Unterfangen, ihr seine Ansichten vom ganzheitlichen Chaos verständlich zu machen. Das war ungefähr so, als würde man versuchen, einer Ameise, deren einzig existente Realität ihre Kolonie, ihr Hügel war, die Welt, wie wir sie kennen, zu erklären. Gewiss würde der Versuch kläglich an der Art der Kommunikation scheitern, denn es ist zugegebener Maßen ein gar schwieriges, wenn nicht sogar aussichtsloses Unterfangen, mit einer Ameise verbal in Kontakt zu treten. Genau das war sein Problem mit den Menschen, die in Anbetracht dieser vermeintlichen Unordnung verständislos den Kopf schüttelten.

Keppler stellte seinen Kaffee auf das Sideboard, nachdem er versucht hatte, davon zu trinken und sich die Lippen verbrühte. Er zündete eine weiße Kerze an, dimmte ein wenig das Licht im Raum und wollte sich in seinem Ledersessel niederlassen. Zunächst mußte er jedoch einen Stapel mit Zeichenskizzen, die sich auf ihm türmten beiseite räumen. Auf diesen unzähligen Bögen Papier, welche auch nahezu seinen gesamten Boden säumten, waren Zeichnungen von Frauenkörpern. Diese Darstellungen waren weit mehr als plumpe Passion eines verirrten jungen Mannes. Es waren zu Strich und Graphit erstarrte, nicht ausgelebte Begierden. Diese Bildnisse waren eine Form der Kompensation für sein korrumpiertes Liebesleben, welches nie wirklich existierte. Über die Jahre der stillen Einsamkeit und Zurückgezogenheit hinweig hatte Keppler nie das ausgelebt, was sein heißblütiges, junges Gemüt einforderte. Und so liebte er nicht – er begehrte. Was er am Meisten begehrte war zugleich das, was er am Wenigsten verstand – Frauen. Keppler malte also Frauenkörper, denn die einzige Form, wie er sie sich begreifbar machen konnte, war eben nunmal das Zeichnen. Dies war wohl sein stiller Ersatz für die Wesen, die für ihn unerreichbar, unnahbar erschienen. Er malte diese Körper, die filigranen weiblichen Formen nahezu frei aus seiner Phantasie gegriffen.

Seine ersten Einblicke in die weibliche Formgebung bekam er mit den Hochglanzseiten der Dessous- und Spitzenwäschekataloge, die er heimlich und akribisch studierte. Da war er noch jung. In späteren Jahren stibitzte er sich aus einem Kiosk ein Magazin mit barbusigen Schönheiten und so kam er endlich hinter das Geheinmis, was für eine Wohllust sich unter den Négligés und der Miederware versteckte. Damit war seine Exkursion in die intimen Gefilde des anderen Geschlechtes allerdings auch schon wieder beendet. Keppler hatte noch nie eine Freundin. Doch anstatt hinauszugehen und sich dem Kampf der Liebe zu stellen, saß er versteckt in seinem Zimmer und malte. ›Ich habe die Liebe meines Lebens noch nicht gefunden, denn ich bin nicht liebenswürdig!‹ – eine seiner billigsten Parolen, um sich einen Grund für sein Missgeschick zu geben. Tief im Inneren spührte er zwar, dass das Blödsinn war. Er war seiner Liebe bis jetzt nicht begegnet, denn er hatte ganz einfach noch nie wirklich ernsthaft nach ihr gesucht. Keppler war nicht dumm und er wußte nur allzu gut, dass da draußen eine Frau war, die er lieben könnte, die ihn lieben würde. Doch er glaubte so sehr an seine eigenen Lügen, dass diese ihn lähmten und er sich nicht im Stande sah, Mut zu finden und von alleine raus in die Welt zu ziehen. Mut und Zuversicht waren gewiss von Nöten, um die Prüfungen auf dem Schlachtfeld der Liebe zu bestehen, von dem viele der einsamen Seelen enttäuscht und mit gesenktem Haupte zurückkehrten. Angst vor der Niederlage – das war seine größte Sorge, obwohl er wusste, das man nur bereuen könne, was man auch probierte. Aber das war bezeichnend für Keppler denn er beschritt stets den Weg des geringsten Widerstandes und entschied sich für das Naheliegenste.

Die ersten seiner Skizzen waren ein scheußliches Gekrakel – vom Aussehen wohl einer Kinderhand entsprungen. Keppler schämte sich zutiefst für diese unbeholfenen Versuche, wollte er doch die für ihn annähernde Perfektion der weiblichen Formen aufs Papier bannen. Doch mit der Zeit wurde er immer besser und jede neu erschaffene Frau ward schöner als die vorangegangene. Auf seinem Schreibtisch, ja überall in seinen bescheidenen Räumlichkeiten verstreut lagen sie, dutzende und aberdutzende von lieblichen Körpern in sinnlichen Posen. Manchmal war es nur ein Rücken, manchmal nur ein Halsgrat, ein Bein, eine Schulterpartie. Nie jedoch waren es perverse oder gar anrüchige Szenen, die dem Zweck dienlich gewesen wären, niedere sexuelle Neigungen zu stimulieren. Er wollte sie als Wesen nicht diffamieren, für seine Zwecke prostituieren und sie zu einem seelenlosen Objekt der Begierde degradieren. Nein, das hatten sie nicht verdient.

So verschieden und individuell jede seiner Darstellungen auch war, eines hatten sie jedoch alle gemein: Seine Frauen besaßen keine Gesichtszüge. Daran scheiterte Keppler nachwievor. Oft, wenn er malte und mit seinem Finger über die Graphitlinien strich, so, als würde er ihnen im Geiste über ihre Körper streichen, bildete sich Keppler ein, selbst berrührt zu werden und dann erinnerte er sich schmerzlich an das, was ihm so sehr fehlte: Zärtlichkeit und Zuneigung. Das viel ihm besonders dann auf, wenn zwischenmenschlicher Körperkontakt unvermeidbar war. Erst letztens, als er beim Friseur saß bekam er eine Gänsehaut. Aber nicht, weil ihm schauderte. Er war überwältigt von einer simplen Emotion. Die junge Dame, die ihm die Haare schnitt, strich lediglich über seine Stirn, um die restlichen Haarstoppeln zu entfernen. Dies löste bei Keppler eine Woge innerer Dankbarkeit aus. Es war zwar lediglich eine einfache, mechanische Handbewegung, ohne den geringsten Hauch liebevoller Hingabe aber Keppler war einfach nur dankbar. Zu diesem Friseur würde er öfters gehen.

Die Kerze flackerte und knisternd züngelte die Flamme um den Docht. Ihr Schein warf unruhig tanzende Schatten auf die Wand. Draußen goss es in Strömen und starker Wind peitschte den Regen unnachgiebig gegen das Fenster. Heute würde es nur einmal regnen. Und das den ganzen Tag.

Keppler sah wieder auf seine Zeichnungen, die er noch immer in Händen hielt. Er legte sie auf das Regal zu den anderen Abbildungen, warf sich in den knarzenden Sessel und starrte in den Kerzenschein, dieses kleine, für kurze Zeit gebändigte Element des Feuers dort auf seiner Anrichte. Frauen, Frauen, Frauen!! Das Thema ließ nun schon den ganzen Abend nicht mehr von ihm los und klammerte sich um seinen zermürbten Verstand. Selbst in die Welt der Träume, die sonst immer ein probates Fluchtmittel boten verfogten sie ihn. Das führte dazu, dass Keppler zwei, drei mal im Jahr in seinem Ejakulat aufwachte. Hölle, was war ihm das zuwider! Anfangs hatte er ernsthafte Probleme, dies unter Kontrolle zu bringen, obwohl es eine natürliche Reaktion war, die auch andere junge Männer in seinem Alter ereilte. Das mit den Träumen ist schon etwas gemeines. Im Zustand der Wachheit, wenn man Abends im Bett liegt, ist der bevorstehende Schlaf die Pforte zur Traumwelt und damit mehr oder minder scharf abgegrenzt. Realität ist Realität und Traum wird bald Traum sein. Ist man jedoch eingeschlafen, entsinnt man sich nicht mehr der Wirklichkeit, in der man in Wahrheit nur im Bett liegt und schläft. So hält man das einem im Traum wiederfahrende für echt und absolut real. Die eigentliche Realität wird nun zum Traum und Traum wird Realität. Folgerichtig konnten Träume eine solche Intensität erlangen, dass das im Traum erlebte eine wahrhafte körperliche Reaktion nach sich zog. Keppler hatte ein praktisches Mittel entdeckt, um dieses Dilemma anzugehen. In der Realität hatte er noch nie geschlechtlich mit einer Frau verkehrt und er wusste, dass es so schnell und ohne weiteres nicht dazu kommen würde. Wenn dies also nun passieren sollte, dann konnte es folgerichtig nur ein Traum sein. Mit diesem Vorwissen stiegt er jeden Abend in sein Bett und er prägte es sich tief und fest in seinen Verstand ein. Dies hatte zwar zur Folge, dass er des öfteren in der Nacht aus seinen in höchsten Maße erotischen Träumen aufschreckte – die schändliche Pfütze blieb ihm somit jedoch erspart.

Für eine Weile schwelgte er noch in seinen Gedanken, bis er beschloß, ins Bett zu gehen. Die Kerze musste er nicht mehr auslöschen. Er hatte sie zu ende gedacht.

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