Wir sind geil und haben kein Geld

Verwegene Alltagsmentalität. Bewegtes und erlebtes zwischen Arbeitsamt und Bankschalter. Und alles bleibt beim alten. Bonjour tristesse? Nein, hier beschwert sich niemand. Doch manchmal sollte man einfach liegen bleiben.

Raus auf die Piste und rein ins holde Leben. Einchecken, auschecken, durchstarten – nie umdrehen und nie ankommen. Bad Karma on a Bad Day.

eimerheld.jpg“Glauben sie nicht alles, was in der Zeitung steht.” Der Mann neben mir nickt verständnisvoll und wohlwissend mit dem Kopf, bevor er aufsteht und in Zimmer 436 verschwindet. Ohne anzuklopfen tritt er ein, ich lege die Zeitung beiseite – heute bilde ich mir keine Meinung. Und erst recht nicht lasse ich mir eine bilden.

4,38 Millionen Arbeitslose, saisonal bereinigt und ich – der eine – sitze hier und warte auf den Aufruf. Es ist kurz vor elf am Vormittag. Heute habe ich einen Termin. Letzte Woche war ich eine Nummer in einer Reihe: 243, die Woche davor Nummer 316. An die vor-vorletzte Nummer kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber was spielt das schon für eine Rolle.

Die Agentur hatte mir geschrieben. Nächstes Jahr würde alles anders werden. Arbeitslosengeld II, das Kind hat einen neuen Namen. Und in all den kryptisch verklausulierten Sprachformeln der Mitteilung vermeine ich zu erkennen, dass ich dann den Gürtel wohl enger zu schnallen habe.

Bei dieser Gelegenheit verpasste man mir auch gleich einen neuen Namen. Statt einfach nur ein Arbeitsloser zu sein, bin ich jetzt ein „erwerbsfähiger Hilfebedürftiger“. Das klingt doch schön. Arbeitslos – das ist so drastisch, hört sich nach Unfähigkeit und Unlust an. Ein Bummelant, der die Arbeit los ist, ein Tunichtgut, der will doch gar nicht.

Wie anders da doch erwerbsfähiger Hilfebedürftiger klingt. Der erweckt Mitleid, er würde ja gerne, wenn er könnte aber sie wissen doch, wie es momentan auf dem Markt aussieht. So stolz bin ich auf meine neue Bezeichnung, dass ich sie am liebsten gleich ausprobieren möchte. Vielleicht an einer jungen hübschen Dame. “Gestatten, mein Name ist bas. Ich bin 24 und ein erwerbsfähiger Hilfebedürftiger.” Klasse, oder? Das erweckt doch mindestens genau so viel Mitleid wie das tattrige Muttchen, das man im Rollstuhl durch den Park chauffiert und erzeugt allemal einen doppelt so großen Aufmerksamkeitsbonus, wie der junge Hund, den man spazieren führt. Wobei ich mich jetzt glatt nicht entscheiden kann zwischen einem “Ja bist du ein fescher, ja ganz brav, ja bist du ein braver!” und einem “Mei, der Ischias halt!”. Auf dem Papier bleibe ich dennoch weiterhin nichts anderes als eine Nummer: 843 A684790. Die hat sich nicht geändert.

Heute morgen, ich saß gerade vor den Zeilen meiner flamboyanten Wochenrevue als das Telefon klingelte:
“Frau Hirsch hier vom Arbeitsamt, hallo. Wie geht es ihnen?”
“Oh, ganz gut, danke. Und ihnen?”
“Bitte?!”
“Na wie es ihnen…”
“Jaja, schon schon. Ich wollte eigentlich nur kurz fragen, was sie so machen.”
“Ich schreibe. Privat, versteht sich. Nichts besonderes, wissen sie? Also nicht so den intellektuellen Scheiss, das können andere besser.”
“Was? Nein nein, ich meine…”
“Hm, ich bin da eher jemand, der über das Lob der Einfachheit philosophiert. Schon komisch, nicht?”
“Nein, nein, ich meine, wie es bei ihnen beruflich aussieht.”
“Ah, beruflich. Ja, also, ich habe Bewerbungen am laufen, drei oder vier davon stehen noch aus. Letzte Woche hatte ich ein Vorstellungsgespräch, Medien, Fernsehen. Die wollten mich allerdings nicht.”
“Hm, schade. Würden sie mir ihre Unterlagen vielleicht heute kurz vorbeibringen?”
“Ja, sicher. Hab die Liste hier, steht alles…”
“Gut, sagen wir elf Uhr?”
“… soweit drauf. Elf Uhr? Okay. In welchem Zi…”
“436. Also machen wir elf Uhr?”
“Ja ja, elf Uhr ist prima. Ich muss eh…”
“Schön, gut, dann bis später, ja?”
“Ja, genau. Ich, äh, bis…”
“Wiederhören!”
‹KLACK!!›

So sitze ich also in der Bundesagentur für Arbeit und warte. Auf meinem Schoß liegt die Mappe mit meinen „Bewerbungsbemühungen“. Phonetisch betrachtet wirkt dieses sperrig konstruierte Wortmonster mindestens so peppig wie „Sättigungsbeilage“, lässt viel vermuten, bezeichnet aber im hochgezüchteten Agenturdeutsch nichts anderes als die Unterlagen, wo und wann ich mich zuletzt bewarb. Soweit also nichts neues aus dem Westen.

Vor der Anmeldung bildet sich eine Schlange. Die Bittsteller – jeder von ihnen trägt ein klägliches Bündel beruflicher Existenzbeweise in Papierform unter dem Arm – stehen und warten darauf, dass dieser kompliziert funktionierende und etwas umständlich zu bedienende Geldautomat etwas ausspuckt. Und sei es auch nur ein Formular für ein Formular für einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe.

Die Erwerbslosen-Python zischt und zappelt, windet sich unruhig und pöbelt. Ich fühle mich nicht wohl. Ich weiß nicht, eigentlich gehöre ich nicht hierher. Manchmal denke ich, ich sei im falschen Film. Beweisen kanns ich natürlich nicht. Vielleicht bin ich auch im richtigen Film, bloß mit falschen Darstellern. Aber irgend etwas ist da auf jeden Fall schief gelaufen. Ganz bestimmt.

Das Arbeitsamt – welch hoffnungsloser Euphemismus. Unweigerlich werde ich an Orwells Ministerien aus seinem Roman „1984“ erinnert. Ein Ministerium für Liebe, eines für Wahrheit, eines für Frieden. Und nun sitze ich im Ministerium für Arbeit, Doppelplusungut.

Nach einer Viertelstunde bin ich wieder draussen. Das Gespräch mit Frau Hirsch aus der Agentur war kurz und erfrischend ergebnislos. Arbeit, sagte sie, habe sie leider nicht. Aber sie wissen ja, wie das momentan auf dem Markt aussieht. Ja ja, diese Nummer ist alt. Dafür schwirrt mir vor lauter Abkürzungen, die mir Frau Hirsch links und rechts um die Ohren gehauen hat nun der Kopf. BA, ALG II, SGB II. Beim hinausgehen passiere ich einen Zigarettenautomaten. Auf der digitalen Anzeige blinkt ein rötlich-flirrendes “OK”. Früher stand dort: “Guten Tag. Ich bin betriebsbereit.” Die Welt wird einsilbig.

Auf dem Weg nach Hause mache ich noch einen kurzen Abstecher bei einer Filiale meiner Bank. Jene verweigert mir seit Anbeginn meines Daseins als erwerbsloser Hilfebedürftiger die Ausstellung einer Kreditkarte. Als ich das Geldinstitut betrete, ist es kurz nach Mittagszeit und von den vier Schaltern ist einer besetzt. Hinter diesem lauert ein Zähne bleckendes Gesicht, grinsend bis über beide Ohren, jedoch mehr verkrampft einstudiert als natürlich gewollt.

Ich trete heran, frage höflich nach dem Verbleib meiner Kreditkarte und Mister Colgate erklärt mir dann auch gleich, warum ich vorerst keines der begehrten Plastikkärtchen mehr bekomme, nein nein, das habe schon alles seine Ordnung, schließlich müsse sich die Bank ja absichern, wenn die momentane Einkommenssituation wie in ihrem Fall auf so wackeligen Füssen steht, siewissenjawiedasist.

Als ein vormals produktives Mitglied dieser Gesellschaft weiß ich natürlich wie das ist. Der Bankangestellte versucht Mitgefühl zu heucheln aber eigentlich will er mir sagen, dass so ein dahergelaufener Hallodri für die Bank wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist. Bedauerlich, schon klar. Kann ja jedem mal passieren. Dem hochqualifizierten Egoisten hinter dem Schalter wünsche ich noch einen schönen Tag, obwohl ich eigentlich sagen will, er solle sich doch einen seiner Wurstfinger in den Popo stecken – siewissenjawiedasist.

Endlich Zuhause angekommen würde ich nun gerne Popcorn essen, hab aber nur Gurken. Die Tasse neben den Müslischüsseln im Schrank ist von Ritzenhoff, Werbegeschenk. An das Heckdesign des neuen fünfer BMWs habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt. Aber diese Ritzenhoff-Tasse – das geht einfach nicht. Ich esse eine Gurke.

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