Das disharmonische Blech aus dem Aufzug

„Musik ist gestaltete Zeit (im Gegensatz etwa zur bildenden Kunst, die Raum gestaltet). Musik kann nur als Ablauf in der Zeit erlebt werden.“
– Meyers Taschenlexikon der Musik

In dem Aufzug unseres Wohnhauses gibt es eine Abdeckung, die aus einem Blech besteht, das einen fürchterlichen Klang produziert, wenn man dagegen schlägt. Das lässt mir keine Ruhe, jedes mal, wenn ich in den Aufzug einsteige, muss ich von neuem diesen fürchterlichen Klang testen, mich vergewissern, ob es wirklich immer noch so scheußlich klingt, wie beim letzten mal. Mit dem Schlüsselbund klopfe ich dann dagegen und höre genau hin. Fast so kommt es mir vor, dass es von mal zu mal scheußlicher klingt und dann denke ich mir: „Herrgott, was bist du bloß für ein scheußlicher Klang?“ und ich kann mich an dieser akkustischen Abscheulichkeit einfach nicht satthören, so wie man sich an einer besonders fettleibigen Person vor lauter Angeekeltsein nicht sattsehen kann. Aber diese fettleibige Person kann ja eigentlich gar nichts dafür, dass ich so dumm glotze, wie eben auch das disharmonische Blech aus meinem Aufzug ja eigentlich gar nichts dafür kann, dass mir sein Klang missfällt. Und ausserdem hat es nur indirekt etwas damit zu tun, dass ich jetzt Nietzsche besser verstehe. Aber alles der Reihe nach.

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Nietzsche hat das mal gesagt und so ganz habe ich diesen Satz zeitlebens nie wirklich verstanden. Da mir das mit den Sätzen von Nietzsche bisweilen öfter passiert, war ich nicht weiter sonderlich schockiert. Trotzdem ließ mich dieser Gedanke nicht los, bis zu einem Nachmittag im Aufzug mit meiner Hassliebe Blech. Ich trommelt auf ihm herum und plötzlich entspann sich ein wunderbarer Rhythmus, so schräg und artifiziell, in seinem Klang aber dennoch den Trommeln afrikanischer Volksstämme ähnlich. Und dann begriff ich plötzlich diesen Nietzsche.
Menschen leben in der Zeit, oder mit der Zeit. Egal, wie man es auch betrachtet, wir sind Zeitwesen. Zeit vergeht, wenn Dinge geschehen, wenn Ereignisse aufeinander abfolgen – oder Dinge können erst geschehen, wenn Zeit vergeht, so genau bin ich da noch zu keiner qualifizierten finalen Erkenntnis gekommen. Der dritte Satz der Thermodynamik beschäftigt sich mit der Entropie, die als Maß für den Ordnungszustand eines thermodynamischen Systems verwendet wird, aber auch etwas über den Grad der Ungewissheit des Ausgangs eines Versuches aussagen kann. Energetisch betrachtet ist es für ein System immer günstiger, einen hohen Grad der Unordnung zu erreichen (mein System „Schreibtisch“ ist da ein sehr gutes Beispiel). Eine inhärente fundamentale Eigenschaft all dieser Prozesse ist ein Ereignis, das das Intervall anstösst. Ein Intervall, das den Anfang und das Ende eines Ereignisses markiert, das aber auch in der Zeit selbst liegt. In allen Prozessen summt also ein kosmischer Grundton, schlägt sozusagen ein Grundrhythmus, ein Diapason der Dinglichkeit, der den Takt des Daseins vorgibt. Zeit vergeht und schwingt. Und da wir an diese Bedingung geknüpft sind, als Zeitwesen diesem universalen Takt hörig sind, ist der Rhythmus im Sein bereits eine der Bedingungen des Lebens selbst. Rhythmus ist ein wesentlicher Aspekt der Musik. Ohne Rhythmus, dadurch also auch ohne Musik, wäre die Welt tatsächlich ein Irrtum, eine fucking fundamentale Fehlannahme. Zumindest gilt das für diese Welt, wie sie es woanders mit der Zeit und der Musik und den Dingen handhaben, weiß ich nicht. Kann sein, dass das auf Gliese 581 schon ganz anders aussieht.

Die Welt liegt in unseren Köpfen, ist eine Projektion in unserem Geist und vice versa, ein gemeinsamer Nenner, auf den wir uns verständigen. Geräusche liegen überall in der Welt und ihr Rhythmus dringt aus allen Dingen. Stadtleben ist voller Geräusch, voll taktgebender Kakophonie. Unzählige Automaten, elektrisch-pneumatische Apparaturen, die arbeiten. Geräusche der Menschen, Schritte, Stimmen, Signale, sie sind der Beat der Stadt. Spitzt man die Ohren, erkennt man den Funk der sich öffnenden und schließenden Geldeinwurfschlitze der Fahrkartenautomaten. Straßenlärm ist kein Geräusch, es ist eben Lärm, in ihm fand ich bis jetzt kaum einen Rhythmus. Vielleicht ist mein Bewusstsein nicht weit genug? Wenn ja, dann sollte ich vielleicht mehr von Stockhausens Zwölftonmusik hören.

„Die Zeit vergeht und in der Musik hört man ihr zu, wie sie vergeht. (…)
Nein, man kann sich in der Musik nie ausruhen, weil ja auch in den Pausen immer das ganze dringesteckt.“
– Hörbarkeit des Zeitablaufs, Elfriede Jelinek in „Die Komponistin“

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