Memento für den Mülleimer

Der Schreibtisch war voller leerer Flaschen, die Rechnung für den letzten Abend schwamm in meinem Kopf, als hätte man einen Abfluss mit Erbrochenem verstopft, um dann anschließend ein Bad darin zu nehmen. Das Interview war prächtig verlaufen, es war auf jeden Fall genug, meinen Kopf fürs erste aus der Schlinge zu ziehen, obwohl es gleichzeitig nur eine Frage der Zeit war, bis die Schweine mir wieder ans Bein rotzen würden. Ständig taucht aus irgend einem verdammten Morast so ein hinterhältiger Viehzüchter auf und versucht die ganze Welt mit seinen schwachsinnigen Ideen zu befruchten. Für einen Moment aber sollte ich Ruhe haben. Flint, das arme Schwein, hatte mir seine ganze beschissene Geschichte erzählt, über seinen Einsatz im Sudan, wie er im Glauben, Arbeit in ein armes Land zu bringen, bitter enttäuscht wurde.

Da hatte doch ein mittelständisches Unternehmen seine Mitarbeiter zur Feier des neuen Jahrtausends in die Gegend der Nuba-Berge geschickt, um dort eine erzverarbeitende Anlage aufzubauen, auch eine Pipeline und einen Bohrer, wenn sie denn schon mal dabei wären. Seine Aufgabe war es, eine Sensorik zu installieren, die verhindern sollte, dass Funken zu einer Gas- oder Staubentzündung führen konnten. Zum Schutz vor Rebellen und Regierungsfeinden hatte man den blutjungen Kerlen auch noch gut sechzig abgedrehte, patronenleckende Säbelrassler an die Seite gestellt. Die hoch bezahlten Söldnertrupps von Erik Prince, des perversesten Mörders, seit Maldoror in kleinen dunklen Ecken von Paris Kindern das Blut aussaugte, sie dann beruhigte, um, sobald sie sich wieder sicher fühlten, von Neuem damit zu beginnen. Mit dem Milliardenerbe seines Vaters hatte der Drecksack ein hochdotiertes Unternehmen aufgebaut, dessen Produkte eine mindestens ebenso verkommene Zielgruppe ansprachen. Hatte der Zerfall der Sowjetunion und das damit scheinbar unnötig gewordene Wettrüsten für manche Leute – Hehler, Waffenschieber und Menschenhändler, empfindliche Ertragsrückgänge losgetreten, konnte man nun seine eigenen Privatfehden anzetteln, vorausgesetzt natürlich, das Kapital stimmte. Fast fühlt man sich an die gute alte Zeit erinnert, als die Fürsten eines viel zu großen Reiches nicht den angesengten Schwanz eines räudigen Köters um das Wohl einer potentiellen Nation gegeben hätten und sich um ihrer eigenen Interessen wegen gegenseitig die Köpfe spalteten. Da hatte also jemand beschlossen, Rohöl und Erz im Sudan abzubauen, was die korrupte Regierung des Landes nach einer unauffälligen Parteispende, sowie einer Vereinbarung über einen quartalsweisen Obolus dann auch billigte und damit die Rebellen die Rohre nicht gleich wieder trocken legen würden, beinhaltete das Konjunkturpaket gleich noch die bekannten Säbelrassler, die den dämlichen Separatisten dort unten so richtig einheizen sollten. Da hatten sie die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht, denn kaum hatten die Jungens auch nur die ersten Schweißnähte gesetzt, rückte die sudanesische Volksbefreiungsarmee an und schoss die Anlage mit ihren Geschützen zu Asche. Gut eintausendfünfhundert Sudanesen, die auf der Anlage gearbeitet hatten, blieb eine Feuerbestattung, Gott weiß, was ihren Familien blühte. Die Techniker flog man vorher mit Hubschraubern nach Uganda aus. Ihnen blieb ein gebrochenes Herz. Es klingt als wäre es nichts.

Was war dort unten passiert? Zerrten Hass und Gier mit ihren abscheulichen Fittichen an der wunderbaren Welt, die von ihrem Schöpfer nur zum Besten eingerichtet wurde? Zweifellos. Aber ebenso zweifellos hatte man bereits 1947 ein islamisch-arabisches Volk, das im Norden des Landes lebte, mit einem christlich-animistischem und schwarzafrikanischem Volk zwangsvereinigt, das den Süden besiedelte und anschließend den Süden unter die Regierungsgewalt des Nordens gestellt. Die Kolonialmacht Großbritannien hatte auf diese Weise versucht, Zugang zu den Rohstoffen des Landes zu behalten, die sich fast ausschließlich im Süden befanden. Länder mit einer solchen Entstehungsgeschichte sind häufiger, als man vielleicht auf den ersten Blick glaubt und sie zeichnen sich durch ihre bis zum Bersten anwachsende Instabilität aus. Ein ähnliches Beispiel mit vertauschten Rollen stellt das einstige Palästina dar. Da hat man die Separatisten erst einfliegen müssen und diese Bastler und Säbelrassler, jene bemittleidenswerten Kreaturen, die auch noch geglaubt hatten, sie wären auf den Spuren Gottes unterwegs, unterdrücken bis heute erfolgreich die legitimierte Regierung des Landes und die armen Hunde, die dort früher ein Zuhause gehabt hatten. Wer würde wohl den Feuerlöscher holen, wenn das heilige Land in Flammen aufginge? Glauben die Kinder Gottes wirklich, der alte Sack, der ansonsten von Moos und Flechten bewachsen auf seinem wackligen Sessel sitzt und die Zeit verflucht, würde plötzlich angelaufen kommen und einen gigantischen Katheder voll mit blutiger Pisse durch einen Zerstäuber drücken? Wäre das die zweite Sintflut? War sie es damals schon?

Flints Bilanz war im Gegensatz dazu eine lauwarme Brühe, die nach dem Kochen von Würstchen im Topf zurück bleibt. Blutjung, mit Anfang zwanzig, war er schon verheiratet gewesen. Das änderte sich bald darauf. Die anderen Dinge mag man aus dem schleimigen Maul eines esoterischen Psychiaters reißen oder auch nicht, es ändert nichts daran, dass sein Arsch den Überresten einer schrumpligen Avocado gleicht, welche man in der verschütteten Behausung einer Großmutter fand, die irgendwann im Zuge der Völkerwanderung das Land verlassen hat. Er sollte vielleicht Schauspieler werden, das war zumindest, was ich ihm geraten habe. Er ist jetzt dreißig und langsam kann sowieso nichts mehr aus ihm werden, das auf weniger als drei Beinen geht. Dementsprechend hatte ich den Tisch mit literweise Bier und Schnaps voll gepackt, damit er die Erinnerungen, die im Zuge des Gesprächs wie Seifenblasen aus einer unzerstörbaren Maschine, die bei jedem Gedanken in unserem Genick vor sich hin blubbert, aufpoppen würden, gebührend ertränken konnte und da der verdammte Apparat derart lärmte, tat ich ebenfalls, was ohnehin getan werden musste.

Mit den Aufnahmen war ich weitgehend zufrieden. Ein etwas seltsamer Teil der Arbeit beim Schneiden eines Interviews besteht darin, dass man die Gesprächspausen und allzu bekannten Lückenfüller entfernt. Wenn man diese Lückenfüller aneinander reiht, klingt es als kotze sich die Welt die Seele aus dem Leib. Ob man wohl von der Art und Weise, wie die Leute ihre Ratlosigkeit kund tun auf die Persönlichkeit schließen kann? Gut möglich, dass keine dieser Äußerungen der anderen gleicht, aber wenn man sie aneinander hängt, hat man auf jeden Fall einen dampfenden Haufen Erbrochenes. Das ist die implizite Eigenschaft von Lückenfüllern, dem hilflosen Versuch, über die Tatsache hinweg zu täuschen, das es nichts, aber auch wirklich gar nichts zu sagen gibt. Flints Geschichte ist ein tragischer Einzelfall. Er ist aber dennoch eine Seite des Januskopfes, die abscheuliche Fratze. Ignorante Eltern versuchen gleich den ganzen Kopf aus dem Blickfeld ihrer ritalingesteuerten, fernsehsüchtigen, aggressiven Drecksgören zu tilgen, wenn sie ihnen Süßigkeiten verbieten und ihnen Gleichnisse erzählen, die Toleranz vermitteln sollen. Früher nannte man es bieder, wenn die fette Fleischware das einzige am Tisch war, das über den Tellerrand hinaus schaute. Heute nennt man es tolerant. Kanalisiert wird diese Ignoranz mit einer überschäumenden Neigung zur Mystifizierung. Dementsprechend hat Flint es mit einer ganzen Batterie von professionellen Spinnern zu tun, die sich mit Dingen, wie Erlebnisbewältigung beschäftigen. Solche Leute erzählen einem etwas von Yin und Yang und huldigen damit irgendeinem spirituellen Wesen. Wenn es gut läuft, braucht er hinterher keine Erlebnisbewältigung dafür. Flint zählt zu den ganz wenigen Menschen, die ein Stück vom Leben mitbekommen haben, so unerfreulich das auch für ihn sein mag, es macht ihn zu dem, was er ist und wenn es noch so abartig aussieht. Andere Leute springen an Gummiseilen von Brücken, zerkleinern Ecstasypillen, lösen sie in Wasser auf und jagen sich das Ganze in die Venen. Sonst ginge das Beste noch verloren. Und wieder andere tragen nur Klamotten aus Flachs und reiner Baumwolle, flechten sich Zöpfe und kaufen ausschließlich Bio-Erzeugnisse. So suchen sie ihr Stück wahres Leben und glauben stets, es müsse etwas Erfreuliches sein. Ich für meinen Teil räumte einfach die leeren Flaschen vom Tisch, ein Memento für den Mülleimer. Gut möglich, dass mein Freund Zeiss recht hatte, als er nüchtern feststellte: „Dieser ganze Landstrich und seine Verbündeten sind das Letzte“ und mit diesen Worten eine der angesehensten Tageszeitungen des Landes verließ, um kaum drei Wochen später bei einer anderen wieder anzufangen. Er konnte es einfach nicht lassen. Diese Insel treibt nun losgelöst auf dem Meer und so wie sie, trieben auch wir an diesem Abend hinaus und tranken, trichterweise die Ozeane der schwimmenden Welt, bis wir irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen haben würden.

Schreibe einen Kommentar