Stigmamanagement

Niesen in der Öffentlichkeit ist heutzutage scheinbar nicht mehr ganz unproblematisch.

Heute Morgen, im Getümmel einer U-Bahn Haltestelle, da musste jemand niesen. Sofort drehten sich die Leute, die im Infektionsradius möglicher Schweinegrippeviren standen in dessen Richtung, Zorn und Verständnislosigkeit spiegelten sich in ihren Augen, manch einer schüttelte den Kopf. Kurz darauf – und damit begann der eigentliche Affront – nieste ein Zweiter, da war die virologische Toleranzgrenze der Wartenden schon überschritten. Ganz langsam entfernte sich einer nach dem anderen vom Nieser und dabei bemühte sich jeder mit besonders großer Anstrengung so zu tun, als wäre nicht diese schnäuzende Gesundheitsantipode der eigentliche Fluchtgrund.

Wenn jemand heute niest, macht er sich gleich verdächtig. „Der wird doch wohl nicht?… Der hat doch hoffentlich nicht?… Oh Gott, warum erwischt es mich?“ Der öffentliche Nieser ist sofort stigmatisiert. Vielleicht juckte den Mann heute Morgen bloß eine Daunenfeder seines Gore-Tex Parkas, in dem er aussah wie ein bronzefarbenes Michelin-Männchen, vielleicht war er wirklich krank. Und genau das ist die momentane Skepsis: Ist da einer jetzt wirklich krank, also schweinemäßig infiziert oder ist er „bloß normal krank“? Und mit den ersten Todesfällen beginnt dann die Hysterie.

Wir erinnern uns: Vor ein paar Monaten waren es noch Rucksäcke und große Koffer, die einen verdächtig machten. Und davor waren es Turbans und lange Bärte und Migrationshintergrund. Und davor waren es Pitbulls und Schäferhunde. Und davor waren es Männer die ohne ersichtlichen Grund freundlich zu Kindern waren, einfach so. Und davor waren es…

Ganz schlecht hat man es also momentan erwischt, wenn man sich als turbantragender Rucksack-Marokkaner mit langem Bart und HATSCHIE!… einer ausgesprochenen Allergie gegen die Haare seines geliebten Staffordshire Bullterrier durch den Bahnhof niest.
Remember: Angst is not a Weltanschauung.

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