Bündnis für Desinformation

Momentan laufe ich mal wieder schreibend den Ereignissen hinterher.
Gestern stieß ich auf dieses Kinderbuch der Serie „Was ist was? Junior – Im Wald – McDonald’s Exklusiv Ausgabe“.

Vorderseite
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Rückseite
Rückseite

Zwischen August und September 2012 wurden als Bestandteil des Happy Meals Kinderbücher der Verlage Carlsen, cbj, Dorling Kindersley, Kosmos, Loewe und Tessloff verteilt, so dieser Bericht des Buchreport. Die Aktion wurde von der Stiftung Lesen unterstützt, die auf den Buchcovern, Verpackungen, Plakaten und Tisch-Sets der Fastfoodkette auf die Notwendigkeit der Sprach- und Leseförderung hinweist.
Man müsse „ungewöhnliche Wege“ gehen, um die Leselust bei den Kindern zu fördern, heißt es in einer Mitteilung der Stiftung. Schließlich gelten knapp 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als funktionale Analphabeten, sind also nicht fähig, einfache Texte zu verstehen.1

„In einer Zeit, in der wir eine Adipositas-Epidemie bei Kindern haben, ist dies eine unangemessene Marketing-Strategie“, kritisiert Charlie Powell, Direktor einer Kampagne für gesunde Kinderernährung in Großbritannien.
„Das ist so die Standard-Kritik“, erwidert Bettina Müller, Sprecherin der deutschen Stiftung. „Für uns steht die Verantwortung von McDonald’s für gesunde Ernährung nicht im Fokus des Projekts“.

Eine „Riesenchance“ für die Leseförderung sei das, denn „jede Form, frühzeitig mit Büchern in Berührung zu kommen, ist sinnvoll“. Ausserdem könne man mit dieser Maßnahme „auch weniger bildungsaffine Leute mit Büchern in Berührung bringen, das ist sonst besonders schwer.“
Kinder freuen sich über jedes Geschenk, ob nun Buch oder nicht. Und besser ein Buch als billiges Plastikspielzeug, das schnell kaputtgeht.2

„Oh, schau! Fredi-Fuchs lauert im Gebüsch und jagt im Dämmerlicht kleine Mäuse. Und das, das ist Paul die Planiermaschine, die im letzten Jahr 10.000 Hektar Regenwald plattgemacht hat!“

McDonald’s verfolgt keinen Bildungsauftrag, das dürfte jedem klar sein. Und sollte der Stiftung wirklich etwas daran gelegen sein, „weniger bildungsaffine Leute mit Büchern in Berührung (zu) bringen“, so muss sie sich auch darüber im klaren sein, dass sie als Steigbügelhalter für die Werbeabteilung des Fastfood-Konzerns missbraucht wird, um seine momentane Werbestrategie neu auszurichten und sich ein „grüneres“, nachhaltigeres Image zu verpassen. Da kommen Kinderbücher und Leseinitiativen, die besonders Familien ansprechen gerade recht.

Eine ganz andere Sache ist jedoch folgendes.
Ist es nicht vollkommen absurd von einem Unternehmen wie McDonald’s, das maßgeblich an der Zerstörung des Lebensraumes Wald beteiligt ist3 erklärt zu bekommen, was die Besonderheit dieses Lebensraumes ausmacht? Das ist ungefähr so glaubwürdig, wie wenn Nestlé mir nahelegt, warum der freie Zugang zu sauberem Grundwasser ein Menschenrecht darstellt oder ExxonMobil einen Bildband über die schützenswerten Naturreservate Alaskas herausbringt.

Verbraucherbildung für Kinder: Ratschläge von der Süß- und Fettindustrie4

Dass ich nun schreibend den Ereignissen hinterherlaufe musste ich heute morgen einsehen, als ich die neuesten Nachrichten durchforstete. Da recherchierte ich über diese Happy Meal Kinderbücher und wurde schon wieder von der Politik und dem aktuellen Tagesgeschehen überholt.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner will ein neu gegründetes „Bündnis für Verbraucherbildung“ einsetzen, damit Kinder und Jugendliche ihren Konsum kritisch hinterfragen. „Kinder und Jugendliche müssen sich in der heutigen Welt zurechtfinden“, so Gerd Billen, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Neben den Verbraucherzentralen der Bundesländer gehören dem Bündnis unter anderem Unternehmen aus dem Bereich Ernährung sowie Industrie- und Handelsverbände an. McDonald’s, der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, die Einzelhandelsunternehmen Edeka, Rewe und Tchibo sowie der Handelskonzern Metro stehen auf der Mitgliederliste und sollen sich finanziell daran beteiligen, die „Konsumkompetenzen von Schülern zu stärken“.

Anne Markwardt, Expertin für Kinderlebensmittel bei der Verbraucherorganisation foodwatch bringt es auf den Punkt:

„Die Ernährungsbildung von Grundschülern darf nicht der Lebensmittelwirtschaft überlassen werden. Edeka und McDonald’s sind Experten für Quengelkassen und Junk Food und damit nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems. Es ist ein Trauerspiel, dass Frau Aigner die Türöffnerin gibt und diese Unternehmen in die Schulen schleust, anstatt ihnen Vorgaben für transparente Nährwertangaben oder ausgewogene Kinderprodukte zu machen. Edeka und McDonald’s können in Zukunft immer auf ihr ach so großes Engagement im Bündnis für Verbraucherbildung verweisen – und beim Angebot völlig verfehlter Kinderprodukte alles beim Alten belassen. Industrie und Handel engagieren sich deshalb so gerne für Ernährungsbildung oder Sportförderung, weil sie dann nichts an ihrem einträglichen Kerngeschäft ändern müssen, nämlich Kindern an jeder Ecke profitables Junkfood aufzudrängen. Es fällt schwer zu glauben, dass Frau Aigner diesen Taschenspielertrick nicht durchschaut. Die Profitinteressen der Konzerne haben in den Schulen nichts verloren, deshalb müssen die Unternehmen aus dem Bündnis ausgeschlossen werden.“

Dazu braucht man nichts mehr hinzuzufügen, ausser dieser Anmerkung.
Ein Lieblingsmittel von Politikern und PR-Leuten sind Euphemismen5 : „Bündnis für Verbraucherbildung“, „Stiftung Verbraucherschutz“, usw.

Sprache schafft Realität, seien wir uns dessen immer bewusst. Und auch hier gilt es zu fragen, in welche Richtung die vermeintliche Bildung, der vermeintliche Schutz wirkt. Fühlen Sie sich wirklich informiert, wenn Sie die Inhaltsangaben von Dosenravioli oder Fertiglasagne studieren? Sind die Verbraucher in den letzten Jahren tatsächlich vor Dioxin im Ei, krebserregenden Futtermitteln usw. geschützt worden? War das alles wirklich der Fall? Wann war der letzte Lebensmittelskandal? Und wie reagierten die „Verbraucherschützer“ darauf? Etwa mit „lückenloser Aufklärung“ (sprich: Desinformation)?

Oder wird der Verbraucher eher permanent vor wichtigen Informationen geschützt, die es ihm ermöglichen könnten, einen eigenen, kritischen Standpunkt zu erlangen, um damit vielleicht sogar den Konsum von Produkten zweifelhafter Firmen zu hinterfragen?
Warum bedarf es, wenn es ein Verbraucherschutzministerium gibt, den wichtigen Recherchen von NGO’s und gemeinnützigen Organisationen wie Südwind, Foodwatch, Enough, Greenpeace, um solche Zusammenhänge ans Tageslicht zu fördern?

 

  1. SZ-Artikel vom 31.08.2012: Kinderbuch zum Nachtisch – Umstrittene Aktion bei McDonald’s []
  2. In meinen Träumen sehe ich Kochbücher, die jedem Happy Meal beiliegen. []
  3. Schutzgebiete, wie sie Greenpeace vorschlägt, sind nicht die Lösung. Sie schieben die Lösung des Problems zeitlich im besten Fall ein wenig nach hinten. Schutzgebiete sind nur ein weiteres Zugeständnis an die Weltkonzerne, so weiterzumachen wie bisher, während wir darauf „hoffen“, dass eine kleine habitable Zone übrig bleiben wird, um den bedrohten Arten der belebten und unbelebten Welt einen Schutzraum zu gewähren.
    Diese Annahme verlagert den Fokus jedoch weg vom eigentlichen Problem: die Konzerne an sich. Diese werden immer und bedingungslos den Weg des maximalen Profits gehen und ihr gesamtes Gewicht in den Ring werfen. Und wenn es die letzten Schutzräume sind, die für Anbauflächen von Soja-Bohnen weichen müssen, dann werden Lobbyisten so lange auf die Politik einwirken (wenn die Firmen nicht eh bereits fest installierte Vertreter in der Politik haben, wie z.B. damals Gerhard Schröder, der auch „Genosse der Bosse“ genannt wurde), bis diese Schutzgebiete Stück für Stück aufgelöst werden.
    Seien wir uns bewusst, dass die Menschen, die dort in den Regierungen sitzen, nicht uns vertreten, sondern die Interessen dieser Konzerne. []
  4. Spiegel Online, 12.03.2013 []
  5. Beschönigungen []

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