Mike, ein Münchner Aborigine

Giles West Camp, South Australia 1903
Giles West Camp, South Australia 1903

Bei Deichmann, nahe am Marienplatz fiel mir schon oft ein Didgeridoo-Spieler auf. Auf dem Weg zu meiner Tram lief ich ein paar mal an ihm vorbei, er sitzt dort manchmal in den Abendstunden und spielt auf seinem Instrument. Dieses ist jedoch nicht aus Bambus oder Eukalyptusholz, sondern aus einem zusammengesteckten, grauen Plastikrohr, das sich nach unten hin zweimal verästelt.

Gestern Abend blieb ich fasziniert stehen, stellte meine Einkaufstüten zur Seite und hörte ihm eine ganze Weile zu. Und als er eine kurze Pause machte, erzählte er mir seine Geschichte.

Seine Name ist Mike.
Mike war Systemadministrator bei einem Presse-Unternehmen. Eines Tages entschieden seine Vorgesetzten, Mike als „Sicherheitsproblem“ einzustufen und er wurde auf die Straße gesetzt. Seitdem lebt er dort, mit einem selbstgebastelten Didgeridoo aus Plastik-Abflussrohren. „Die letzten Jahre waren echt hart“, erklärt er. Seine Hartz IV-Bezüge wurden komplett auf Null zusammengestrichen, er lebt von dem, was andere Leute irgendwo übrig lassen. Oder was sie in seine blaue, ausgefranste Gitarrentasche werfen. Mit seinem Crocodile Dundee-Hut und der olivfarbenen Ranger-Weste steht er vor mir wie ein Vorzeige-Aussie, für den ihn viele auch oft halten, das Didgeridoo an seine Schulter gelehnt. „Das Ding hat mir das Leben gerettet.“ Er tippt auf das Plastikrohr. „Ich hätte mir in den letzten Jahren schon ein paar mal die Kugel gegeben. Aber durch den Sound…“, er macht eine Pause, „durch den Sound, durch die Vibrationen, da hab ich immer wieder das Gefühl für mich selbst wiederbekommen.“

Wenn ihn Touristen fragen, ob er aus Down Under käme, dann spricht Mike mit einem derben bayerischen Akzent Englisch, dass er sich tatsächlich ein kleines bißchen nach Australier anhört. „Ich bin Münchner. Und ich bin ein Aborigine. Aborigine heißt »Eingeborener«.“

Wenn er spielt und die Menschen, die vor ihm stehenbleiben ihre Kameras zücken, wird Mike zornig und fängt wild mit seinen Händen an zu gestikulieren. „Na, ich will nicht, dass die Leute Fotos von mir machen und dann irgendwo veröffentlichen. Du kannst gerne den Sound aufnehmen, der ist copyrightfrei, kannst ihn veröffentlichen, wo du willst. Aber ich will keine Fotos von mir, ja? My face is my property. Und ich bin nicht Mr. Facebook oder Mr. Google oder so.“

Ich nehme ein paar Minuten seines Spiels auf. Warum er das alles mache? „Ich bin hier, weil ich den Menschen good vibrations schicke, des kommt leider ned bei allen an. Die meisten gehen weiter aber viele bleiben stehen, machen vielleicht sogar die Augen zu und sind voll in sich drin. Die driften manchmal richtig weg. Und dann quatschen sie mich später an, dass sie das super finden. So wie du. Das gibt mir echt viel, wenn ich sehe, dass ich Menschen damit glücklich machen kann.“

Ich vergaß Mike zu fragen, wie lange er schon das Didgeridoo spielt. Das zirkulative Atmen hat er sich jedoch selbst beigebracht. „Der Sound ist zwar nicht perfekt, aber für so Plastik gar nicht mal schlecht, gell?“

 

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