Über die „Neutralität“ der deutschen Medien

Gestern Abend (25.03.14) lief im ZDF heute journal ein gutes Lehrstück darüber, wie einseitige, tendenziöse Berichterstattung der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender funktionieren. Moskau vs. den Rest der Welt? — sehen wir uns diese Ausgabe des heute journals nochmal etwas genauer. Welches Bild über den Russen wird von den Medien forciert?


„Wir brauchen Feinde, nicht nur um uns selbst vor unserem alten inneren Feind zu schützen, sondern auch um die wachsende angestaute Wut abzureagieren.“ – Arno Gruen

Einleitungstitel

Es wird ein Bild von Putin in machohafter oben-ohne Pose auf einem Panzer eingeblendet, untermalt mit Motorengeräusch. Eine Drohkulisse. Der Kommentar des Moderators: „So bringen die Kollegen des britischen Economist die neue Weltordnung auf den Punkt. Volles Rohr – Putin. Mit so einem will natürlich keiner spielen.“

Damit ist schon mal klar, wohin die Reise gehen soll. Putin wird als potentiell Irrer mit Größenwahnkomplexen eingeführt, das Panzerrohr gen Westen gerichtet. Heute die Krim, morgen die Ukraine, Übermorgen der gesamte Rest Europas. Das ähnelt der Rhetorik von Hillary Clinton, die Putin unlängst mit Hitler verglich.

Atomsicherheitsgipfel in Den Haag

„Es ist aber schwierig, eine Weltordnung zu gestalten, beispielsweise eine Welt ohne Atomwaffen, ein erklärtes Ziel von Barak Obama – ohne das größte Land der Erde mitspielen zu lassen.“ Der Moderator benutzt die Ebene sandkastenspielender Kinder. Atomsicherheitsgipfel 2014 – Putin fehlt, lautet demnach der Titel des Beitrags. Alle treffen sich zum politischen Spitzentreffen, nur der Bub aus Moskau ist nicht gekommen. Wurde er nicht eingeladen? Hat er eine Einladung abgelehnt? Kein Wort dazu.

„Einer der wichtigsten fehlt, ist aber doch irgendwie anwesend: Wladimir Putin. SEIN angespanntes Verhältnis zu Barack Obama war das inoffizielle Gipfelthema.“ Also nicht das angespannte Verhältnis von Obama zu Putin. Der Wind weht aus Westen, hat Putin also ein Problem mit uns? Dieser contra-ost gerichtete Blick schürt eine isolationistische Denkweise.

„Haben sie Sorge, dass Amerikas und ihr Einfluss in der Welt schwindet?“, fragt ein Reporter den US-Präsidenten. Dieser bekommt nun zur besten Sendezeit Redezeit eingeräumt. Platz, um sich zu positionieren und eigene Anschauungen zu vertreten.

„Russland ist eine Regionalmacht, die ihre Nachbarn bedroht. Und dies aus einer Position der Schwäche und nicht der Stärke.“ Wohlgemerkt, das sagt Barack Obama, dessen Land in Schulden versinkt und finanziell mit dem Rücken zur Wand steht.

„Obama und Putin werden keine Freunde mehr. Aber eigentlich kann sich die Welt ein Fernduell der beiden nicht leisten.“, so der Moderator weiter. Die Welt kann sich das nicht eigentlich leisten, sie kann und darf es sich überhaupt nicht leisten!

„Denn im Atomzeitalter werden die Russen dringend gebraucht. Doch deren Aussenminister Lawrow wirkt auf dem Gipfel wegen der Krise in der Ukraine ziemlich isoliert„. Woran macht der Berichterstatter das fest? Steht Lawrow mit dem Schnittchenteller alleine in der Ecke? Gibt er niemandem die Hand? Wurde er nicht umarmt? Und schon wieder wird die Denkweise geschürt, der Russe stehe alleine da, ihr Aussenminister wird randgruppenmäßig abgekanzelt.

Dann darf in dem Beitrag ein Experte zu Wort kommen, der darüber informieren soll, wie viel Plutonium aus bevorzugt russischen und ehemals sowjetischen Kriegsbeständen verschwunden ist. Der Russe ist ein Schlendrian, schon klar. 2000 Tonnen waffenfähiges Material sollen in Umlauf sein – kein Wort über die milliardenschweren, staatlich legitimierten Waffenexporte zur Sicherung des Weltfriedens aus Washington. Kein Wort über laxe Sicherheitsmaßnahmen in US-Biowaffenlaboren. Risikofaktor Russland, das bleibt der Tenor.

Die schmutzige Bombe sei demnach die Horrorvorstellung Barack Obamas, der Russlands Verhalten zwar als ein Problem betrachtet, jedoch nicht als das Größte, dass unsere nationale Sicherheit bedrohe. Also die Sicherheit der amerikanischen Nation, die Angst vor einem nuklearen Anschlag mitten in Manhattan hat.

„Angst ist gut gegen freies Denken!“

Die Krim-Flüchtlinge

„Oksana will keine Russin sein, und deshalb ist sie hier.“ Der narrative Faden der ersten zehn Minuten des heute journals ist klar: Vom Knarzen im Gebälk der großen Weltpolitik wird herabgezoomt auf die individuelle Angst der Menschen. Das Leid des Einzelnen ist immer eine Tragödie. Dieser Teil berührt persönliche Vertreibungsängste, die manch ein Zuschauer vielleicht noch aus eigener Erfahrung kennt. Man sieht Aufnahmen aus einer Beratungsstelle in Kiew, bei der Flüchtlinge, die den neuen Herrschen auf der Krim den Rücken gekehrt haben Hilfe bekommen, sich ein neues Leben im westlichen Teil der Ukraine einrichten zu können. Oksana hat, wie alle anderen Flüchtlinge auch, gute Argumente, weshalb sie lieber Ukrainerin bleibt, weshalb sie ihre Heimat verlässt, weshalb sie davon träumt, in ein paar Jahren wieder dahin zurückkehren zu können.

Diese Fragen müssen wir uns stellen

  • Wer ist der Russe, von dem die Medien berichten? Ich kenne ihn nicht. Aber ich weiß, dass dort in Russland Menschen leben, die wie wir sind. Die etwas auf dem Teller haben wollen, Spaß am Leben haben wollen und sich um ihre Kinder sorgen. Wer sind wir eigentlich, dass wir uns von aussen diktieren lassen, wer diese anderen sind und uns vorschreiben lassen, wer unsere Feinde sein sollen?
  • Warum wird kein gleichwertig ebenbürtig diffamierendes Bild von Barack Obama gezeigt? Vielleicht auf einem Raketenabwehrsystem, das nach Saudi-Arabien geliefert wurde? Wir weisen mit dem drohenden Finger auf Putins gelebte Allmachtsfantasien auf der Krim, während der NATO-Verband selbst weltweit expandiert. Warum bekommt nur Obama im anschließenden Beitrag Redezeit eingeräumt? Putin oder Lawrow haben in den letzten Tagen bestimmt auch was interessantes gesagt. Warum höre ich diese Stimmen nicht?
  • Warum sehe ich nur Oksana, also den pro-ukrainischen Teil der Flüchtlinge? Was ist mit der Krim-Bevölkerung, die froh darüber ist, wieder zu Russland zu gehören? Die gibt es auch, aber in der deutschen Presse fehlt von ihren persönlichen Erlebnissen weitestgehend jede Spur.

100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkrieges werden wieder Ressentiments und Feindbilder geschürt – absichtlich oder unbewusst sei jetzt mal dahingestellt. Wenn das Argument über die Verletzung der Menschrechte fällt, sollte sich jeder Bürger der westlichen Industrienationen darüber im klaren sein, dass wir mit zweierlei Maß messen. Putin ist gewiss kein Vorzeigedemokrat, der Einmarsch auf der Krim war nicht legitim. Aber das war der Einmarsch der USA in den Irak 2003 auf der Grundlage fadenscheiniger Argumente noch viel weniger! Auf der Krim gab es wenigstens eine Volksabstimmung darüber, ob die Bevölkerung der Krim – die bis 1954 zu Russland gehörte – autonom bleiben oder wieder angegliedert werden möchte. Im Irak gab es nur Leichenberge und radioaktive Munition der Amerikaner, die übrig blieben. Wir sind also absolut unglaubwürdig, wenn wir jetzt die Achtung der Menschenrechte herbeizitieren.

Es gibt in Deutschland kaum noch eine unabhängige Berichterstattung, die das Geschehen neutral betrachtet oder zumindest – wenn man vom Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten ausgeht – das Geschehen von beiden Seiten beleuchtet.

Bleibt kritisch, bleibt unbequem, benutzt verschiedene Informationsquellen!

Übrigens sei die Ironie des nachfolgenden Beitrags im heute journal nur am Rande erwähnt: Das Bundesverfassungsgericht verlangt einen neuen Staatsvertrag für das ZDF, da der geltende verfassungswidrig ist. Politiker hätten zu viel Einfluss in den Kontrollgremien des Senders.

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