Echte Menschen sind hier rar

PHOTO by JULIAN BIALOWAS

Montag. Den Wecker vier mal auf snooze gedrückt, vielleicht auch 20 mal, so genau lässt sich das in dem nebligen Zustand des Empordämmerns nicht sagen, bis ich mich auseinanderfalten und aufstehen kann. Die Frau liegt neben mir, sie ist warm und weich und wirklich schön, wenn sie schläft. Ich küsse und streichle ihren Kopf, ohne die Absicht sie aufzuwecken.

Der ritualisierte Kampf zwischen Hörigkeit und Selbstrespekt und Ersteres gewinnt viel zu häufig, denn schon wieder überwinde ich das Schwerefeld, das erzeugt wird von liebenden Körpern, um als stumpfes Drohnenwesen da draussen irgendetwas in dieser Gesellschaft zu beweisen, keine Ahnung was das ist und dafür hasse ich mich ein kleinwenig.

Prügelhelles Licht im Bad. Das, was da vor mir im Spiegel zu sehen ist sieht aus, als wäre es in der Nacht dreimal vom Bus überfahren worden. Kann gar nicht so viel Kaffee trinken, wie ich schlafen möchte also beschließe ich, lieber keinen Kaffee zu trinken und mich so zu verhalten wie alle Zombies um mich herum. Vor 10 Uhr ist hier eh niemand zurechnungsfähig, also bloß nicht auffallen oder umfallen und schon gar nicht irgendwo dagegenrennen, bis auch meine Seele in dieser Hülse angekommen sein wird.

Ein Sturm treibt schmierige Wolken vor sich her, aus denen später noch Regen oder etwas in der Art fallen könnte. Einfahrende U-Bahnen spucken schwallweise Menschen aus. In München habe ich oft das Gefühl, dass es zu viele überqualifizierte Egoisten gibt. Woher kommt dieses Gefühl?

München ist grün, schön, sicher und reich. Vielleicht ist es dieser Reichtum, der einen gewissen Menschentyp hervorbringt. Besonders die jungen Menschen in Uninähe sind dafür ein gutes Beispiel. Es ist die Art, wie sie reden, ich beobachte das jeden Morgen in der U-Bahn, mit so überschwänglichen Gesten und belehrenden Worthülsen.

Der Drang zu entsprechen, den die Leistungsgesellschaft bei ihnen hervorruft springt ihnen förmlich aus den gepuderten Fassaden. Dabei sind sie gerade mal Anfang 20 und haben von der Welt noch nicht viel gesehen, ausser die Innenwände des Klassenzimmers oder Studiensaals. Sie verhalten sich so, als sei das Leben insgesamt eine permanente Prüfungssituation und alles, was man tut oder sagt oder denkt muss den Erwartungen eines anderen genügen.

Natürlich sind nicht alle so, aber ich bedauere jeden einzelnen Hörigen.

Moment, bin nicht ich heute Morgen aufgestanden — oder, wurde aufgestanden — entgegen dem Drang jeder einzelnen Faser meines Körpers liegen zu bleiben, zuhause zu bleiben und an meinen Plänen kommender Selbstständigkeit zu arbeiten?

Verdammt!

Naja, vielleicht rührt daher auch mein Gefühl, dass ich München zwar gerne mag, es ist meine Heimatstadt, ich mich aber quasi flächendeckend unzugehörig fühle.
Echte Menschen, so empfinde ich es, sind hier sehr rar.

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