Das Niederschreiben der Passage The Prozac Diary

„Keine andere Form des gewöhnlichen Scheiterns, weder Krankheit noch Ruin oder Versagen im Beruf, findet einen solch tiefen, grausamen Widerhall im Unterbewußten wie die Trennung. Sie rührt unmittelbar an den Ursprung aller Angst und weckt ihn auf. Sie greift mit einem Griff so tief, wie überhaupt Leben in uns reicht.“
– „Die Widmung. Eine Erzählung.“, Botho Strauss

Das Niederschreiben der Passage / The Prozac Diary1 sind gesammelte Texte, die drei Jahre nach dem Knacks auftauchen. Die einer nach dem anderen in die Wirklichkeit empordämmern, so wie Erinnerungen an einen Traum manchmal erst später am Tag oder sogar erst abends hervorgekrochen kommen.

Reden wir nicht drumherum, es geht um Depression. Nicht eine Depression denn diese Zustände sind nicht singulär oder irgendwie zählbar sondern wellenartig. Wellenartige Phasenverschiebungen, etwas gezeitenhaftes. Schreiben Sie das so auf.

Die Texte handeln vom Loslassen und Festhalten, die in einer Zeit fundamentalen Zweifelns entstanden sind. Von einem, der krachend aus dem Leben aussteigen wollte, sich aber dann doch nur davongeschlichen hat wie ein getretener Köter. Und der, das kann man eindeutig auf dem Haben-Konto verbuchen, sich irgendwie aus der Sache rauslaviert hat. Es geht also auch um Zurückfinden. Um ein münchhausenmäßiges Am-Eigenen-Schopf-Aus-Dem-Morast Ziehen.

Nun, depressiven Menschen mit ihren Depressionen zuzuhören, die überdies noch depressive Texte über ihre Depression schreiben sind, wie soll man das sagen, nicht besonders unterhaltsam. Diese Menschen sind oft ungenießbar und ihre Texte zäh zu lesen. Das kann einen schon infizieren, das Traurigsein. Das wissen wir. Ziemlich egal ist es uns auch. Nunja, nicht ganz. Passen Sie bitte auf sich auf. Und auf das, was Sie denken. Und wie.

Das Niederschreiben der Passage ist gefühlige Ich-Sucht allererster Sahne. Da muß man Ihnen nichts vormachen, das ist reine Mitteilungsprosa in parataktischer Form (die wenigen Hypotaxen waren ein Versehen). Alles vollkommen unwissenschaftlich, frei aus der Hüfte geschossen, so die Schiene. Man hätte auch was über die Stigmatisierung der Dysfunktionalität des Denkens in der Leistungsgesellschaft machen können. Oder eine hosenrunterlassende Reportage über eine Person des öffentlichen Lebens, die dann selbstverursacht nicht mehr am Leben, aber immer noch öffentlich ist. Machen wir nicht. Können andere besser.

Weil: Jeder hat seine Gründe. Nein, nicht das mit den Hosen runterlassen. Wobei es dafür sogar mehrmals am Tag nicht von der Hand zu weisende gute Gründe gibt. Ich meine die Subjektivität des Themas. Jeder hat seine Gründe für seine persönliche Depression.2 Unsere waren: Trennung. Ja, wir wissen es, sagen Sie jetzt bitte nichts. Ziemlich abgenudeltes Thema. Das ist ein alter Teppich, dem so lange die Flöhe herausgeklopft wurden, bis es gar keinen Teppich mehr gibt. Fragen Sie ruhig mal den jungen Werther, dieser arme Tropf, wie das wohl ist, sich so durch die Jahrhunderte zu leiden. Also Trennung und damit verbunden: Drei Jahre konsequent falsche Entscheidungen treffen. Z.B. aufzuhören mit den Dingen, die uns Spaß gemacht haben. Den inneren Eichstrich ignorieren, immer Werktags zwischen 06:00 und 23:00 Uhr. Sonn- und Feiertags auch. Ausserdem taten wir, was man halt so tut in diesen 2000er Jahren, um maximale Weltabgewandtheit zu zeigen. Ganz profane Dinge. Die Vorhänge zuziehen. Nicht ans Telefon gehen. WhatsApp Nachrichten so lange als nicht gelesen konservieren, bis das Gegenüber aufgibt. Ganz ungute Dinge. Sich ein Fleischermesser der Firma Zwilling an die Halsschlagader setzen und durchziehen. So die Schiene.

1731 lässt Peter Henckels die Firma Zwilling als Handwerkszeichen in die Solinger Messermacherrolle eintragen und setzt den Grundstein für ein internationales Unternehmen. 1939, während im Dritten Reich weiterhin unironische Autobahnen gebaut werden erhält die Firma das Patent für das Eishärteverfahren. Eisgehärtete Klingen sind außerordentlich schnitthaltig, flexibel und besonders korrosionsbeständig. Das wissen wir.

Wir wissen nicht, ob man das tragisch oder den Lauf der Dinge nennen soll, wenn einer mit dem Sternzeichen Zwilling sich mit einem Fleischermesser der Marke Zwilling die Halsschlagader durchtrennen will. Wir wissen es nicht.

Jeder hat seine eigenen Namen. Also für die üble Sache. Für das, was ihn oder sie da so plagt. Die einen so: „schwarzer dumpfer Schatten, der langsam über das Rückenmark hinaufkriecht, durch die Nerven den Gehirnstamm umschlängelt und sich auf alles legt und alles taub werden lässt“. Ziemlich langatmig, wie wir finden. Die anderen so: der alte Affe. Das ist unsere Bezeichnung, der alte Affe. Warum alter Affe? Nun, überreden Sie mal einen 500 Pfund Gorilla, der mit der glasklaren Absicht daherkommt, sich auf ihren Brustkorb zu setzen, sich bitteschön nicht auf ihren Brustkorb zu setzen. Wenn man den alten Affen erst mal von der Leine lässt, kann man nicht mehr viel tun.

Wir sind ehrlich. Der so Strauchelnde hält sich bald selbst für eine Zumutung für die Welt. Darum sind die Texte zunächst nur in unserem Journal auf Papier entstanden. Es half uns, die Ereignisse im Nachgang einzuordnen. Ist wichtig für die Landung. In diesen Jahren gab es schlimme und weniger schlimme Konstanten. Eine der weniger schlimmen war das Warmschreiben. Wir nennen es auch das Fluten, weil wir früher gerne Paul Nizon gelesen haben. Dem sind die Fragen wahrscheinlich auch oft so weit bis zum Hals gestanden, dass sie ihm oben wieder reinliefen. Vermutlich kam er so auf den Ausdruck. Belegt ist es nicht.

Jedenfalls haben wir es ihm abgeschaut, dem Nizon und meinen damit: sich einem Thema oder einer Sache gegenüber produktiv zu verhalten, indem man sich daran abschreibt, es rausschreibt.

Wenn Sie Installateur sind können Sie sich jetzt ein Ventil vorstellen. Das können Sie natürlich auch, wenn Sie kein Installateur sind. Oder Sie stellen sich eine Regenwolke vor, die mehr und mehr die Feuchtigkeit aus ihrer Umgebung aufsaugt und sich ab einem bestimmten Punkt, den nur die Wolke und vielleicht noch der heilige Petrus kennen ordentlich ausregnet. Oder Sie denken an ein eitriges Geschwür, das man ausdrückt. Können Sie sich raussuchen.

Kennen Sie David Foster Wallace? Wir kennen ihn nicht. Aber die Bücher, die er geschrieben hat kennen wir. Ein paar wenigstens. Da sind Sie auch bestimmt schon mal drüber gestolpert.


David hat die Situation der Depression in seinem Buch „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache“ ziemlich kunstvoll beschrieben. Da hatte der echt ein Händchen für. Ist leider auch schon tot. Hat sich selbst umgebracht. Bevor sich David die Lichter ausgeblasen hat, hat er aber noch ein paar ziemlich schlaue Dinge gesagt, zum Beispiel das hier:

„Everybody is identical in their secret unspoken belief that way deep down they are different from everyone else.“

Ich kann mir David gut vorstellen, wie er in diesem Raum mit Glühbirne ohne entsprechenden Lampenschirm saß, mit einem Kopftuch seinen Kopf fest verbunden, weil David hatte gegen Ende seiner Tage immer Angst, dass ihm der Kopf auseinanderfliegt, wenn er ihn nicht verbindet. Und wie er da so saß in diesem unschlüssigen Licht und diese Worte in den Raum sagt, in seiner eigenen zarten Art Worte in den Raum zu sagen, zu einer Journalistin oder einem Journalist oder einem Aufzeichnungsgerät oder wasauchimmer, das klang bestimmt toll. Klingt auf Deutsch nicht ganz so schön, lässt sich aber ausnahmsweise verkürzen. In unserem Anderssein sind wir alle gleich. Vielleicht sehen wir uns.

Eine Frage konnten wir uns selbst noch nicht so richtig beantworten. Ab welchem Punkt ist die Passage durchschritten? Macht man es an einem Gefühl fest könnte dieses sein: Exakt Neutral. Macht man es, etwas realistischer betrachtet am Menschsein generell fest: wahrscheinlich niemals.

Für den Anfang ist es vielleicht besser, wenn wir einfach erstmal beginnen. Dazu gehen Sie bitte hier entlang oder hier. Und hangeln sich dann einfach chronologisch durch. Wenn Sie damit nicht zurechtkommen fragen Sie bitte jemanden, der das mit diesem Internet besser versteht.

  1. In Anlehnung an Hunter S. Thompsons „The Rum Diary“, da in dieser Zeit eine hirnerweichend große Menge Rum und Prozac konsumiert wurde. []
  2. Bedauerlicherweise ist es genau diese Vorstellung, dass man allein der am schwersten tragende Atlas auf dieser Welt ist, die eigenen Probleme geschultert, welche die Probleme der anderen bei weitem übersteigen und überhaupt nicht vergleichbar sind, weshalb die eigene Depression noch mal so richtig Feuer unterm Arsch bekommt. Und dann gehen die Menschen freilich gebückt und denken, sie sind mit ihrem Elend allein und ziehen lange Gesichter. Alles sehr bedauerlich, sehr. []

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