Exakt Neutral

Es gibt wenig beruhigendere Dinge als das frühe Feinstaubnirvana an der Ungererstrasse morgens um 8, wenn man den Burn-Out Visagen in ihren unvernünftigen Mittelklassefahrzeugen beim im Stau stehen zusehen kann.

Eine Ameisenstrasse, die parallel zur Ungererstrasse kunstvoll ein Konglomerat aus Steinen und Dreck umläuft; energiegeladene High-Performer auf dem Weg zur Arbeit, die aus der U-Bahn strömen, mit ihrem guten Morgen-Camouflage Selbstsicherheit und Parfum in rauen Mengen versprühen, sodass die umliegenden Blumen welk werden.

Vorherrschendes Gefühl nach einer zerstückelten Nacht: Abgeschlagenheit. Trinke ein Mischgetränk aus fettarmer Milch und aufgebrühtem Röstkaffee, 1,5% Fett im Milchanteil, mit einem breiten Spektrum zweifelhafter Inhaltsstoffe (Verzehrempfehlung schaumig schütteln und kühl genießen), es war halt gut & günstig.

Das Kind wurde wach um 01:42 Uhr, um 02:34 Uhr, um 03:23 Uhr, um 04:45 Uhr und um 07:00 Uhr klingelte der Wecker. Bin ihm nicht böse deswegen. Dem Kind, nicht dem Wecker.

Und dann raus in diese Welt. Bekomme meine Gedanken kaum in die Finger, stumpfes, viehisches Geradeausstarren; eine Hülle, in der irgendwelche Prozesse ablaufen, dann ein Rucken, dass sich durch die gesamte Struktur ausbreitet, als würde ein mechanisches System neu gestartet werden; dann ein halbwegs funktionierendes Reiz-Reaktion-Schema, auf das Verlass ist, Dauer ca. 40 Sekunden, dann wieder Stasis, reboot. So geht das einige Zeit, bis ein kritischer Koffeinpegel erreicht ist oder der Adrenalinspiegel durch knapp verpasste, ansonsten aber einwandfrei lebensbeendende Kontakte mit dem Straßenverkehr in die Höhe schießt.

Mühsam, die Informationen, Analysen, Bewertungen etc., die in diesem System herumschwirren in einer einigermaßen strukturierten Form in das Smartphone zu tippen. Schlaf, oder besser: die Sehnsucht nach Schlaf, eine zu Boden drückende Schwere, hat eine exakte Masse von 72kg.

Die Zeit faltet sich zusammen.

Schlafmangelinduzierte Wahrnehmungskollisionen, eine ungute Mischung aus Truman Show und Fight Club, wenn alle Menschen um einen herum wie Statisten eines Theaterstücks wirken, die heute ihren Prozessen nachgehen, genau so, wie sie es gestern taten und morgen und den Tag darauf auch tun werden. Langsam begreife ich was es bedeutet, wenn die Tage sich angleichen, sich überlagern und allmählich deckungsgleich werden, wie die Kopie einer Kopie einer Kopie usw.

Gefühlt gehen heute alle Menschen mit zu wenig Abstand an mir vorbei, und weil work hard, play hard-mäßiger Schlafmangel in unserer Zeit irgendwie schick geworden ist mache ich mir über meinen zerknitterten Ausdruck keine großen Sorgen. Aber langsam wirds pathologisch. In einer Menschenwoge, mit der ich in Pasing aus der S-Bahn hinausschwappe stellt sich langsam ein okayes, exakt neutrales Gefühl ein.

„Guten Morgen! Ich muss mir noch kurz den Mund ausspülen dann bin ich soweit.“ Die Therapiestunde in Pasing beginnt mit einem ungewöhnlichen Einstiegssatz meinerseits. Frau R. lacht, ich lege mein Zeug ab, gehe zur Toilette, spüle, was zwingend nötig war, die hochdosierte Mischung aus Röstkaffee, Zucker, Stabilisatoren und Nikotin aus, sie hinterließ den unheilvollen Geschmack von Fäulnis in meinem Mund.

Wir reden.

Die Stunde ist vorbei, noch bevor das Gefühl aufkommt, dass die Stunde nun endlich vorbei sein müsse, was ich als gutes Zeichen deute.

Dann zwei Stunden Leerlauf, dann arbeiten. Größte Herausforderung, einen Platz zum Schreiben finden, der nicht mit einem oder allen der folgenden Punkte verbunden ist: a) etwas kaufen müssen, b) sich die Eier abfrieren, c) von aktueller Chartmusik penetriert werden.

Also Hinterhof. Beim Sitzen und Schreiben auf den Stufen im Hinterhof weist mich ein grauhaariger Mann, wahrscheinlich ein Anwohner darauf hin, dass hier „nur ein kurzfristiger Aufenthalt möglich ist“ (sic!) und ich frage ihn, wie viele Minuten denn kurzfristig seien, zehn Minuten, fünfzehn Minuten oder nur drei, und er schwenkt sofort in einen Beschwichtigungsmodus über, nein nein, sie müssen verstehen, „wir haben hier nur oft Leute, die rumsitzen und dann ihren Müll da lassen“ und seine Augen deuten auf das Gut & Günstig Kaffeeamalagam in Form des leeren Plastikbechers neben mir und ich antworte: „Keine Sorge, das ist alles meins und das verschwindet, wenn ich verschwinde, also voraussichtlich in ziemlich kurzfristigen drei Minuten.“ Sein Nicken und Weggehen unterstreicht, dass ihm das als Antwort reicht.

Also Pasing Arcaden. Die Pasing Arcaden sind ein durchgestylter Vier-Sterne Konsumtempel, er funktioniert wie eine Fingerfalle. Man kann ihn von beiden Seiten betreten aber irgendwo in der Mitte bleibt man immer stecken.

Menschen diskutieren ihre Vorgehensweise wie Schlachtpläne vor einem Spiel. Erst essen, dann Toilette, dann Parfümerie und Jeansladen oder erst Parfümerie, dann Jeansladen, dann essen und dann Toilette oder doch ganz anders, schauen wir erst einmal.

Schulranzen mit davor befestigten Kindern stacksen vorbei, dann die halbwüchsige Stoffbeutelfraktion. Manche Mädels sind brauner, als die maximale Sonnenstundenanzahl in diesem Jahr es hergibt. Vermute Beta-Carotin. Die Toiletten sind sauber, es wird mit Nachhaltigkeit geworben (Stichwort Regenwasserversickerung), es zwitschern Vögel aus Lautsprechern, auf die Wände laminierte Abbildungen von Birken, synthetischer Waldduft, so komplex und zusammengesetzt, wie ihn nur Geruchsdesigner, die 24/7 in einem vollklimatisierten Raum eingesperrt sind hinbekommen können.

Ohne Frühstück heute morgen das Haus verlassen. Der Hunger ist noch nicht stark, das verschafft mir Zeit nach mechanischen Tastaturen, die nicht aussehen wie eine mutierte Alienform aus Plastik, und einen weiteren Platz zum Schreiben zu suchen. Bleibe auf der Fressmeile, dem Food-Court hängen. Der Platz ist super, aber die Falle hat zugeschnappt. Trinke einen McCafé.

Es ist 12:36 Uhr und der Lärmpegel schwillt parallel zur Bedürfnisbefriedigung der Hungrigen an. Schwallweise vorbeiziehende Duftwolken aus Gyros, Basmati-Reis, Kaffee und frittiertem Fisch machen die Lage aufdringlicher. Zeit zu packen.

Nehme zum Abschied einen kräftigen Zug aus meinem T-Shirt, mein neues Birkensaft-Deo, das ich mir in einem Anflug totaler Nachhaltigkeitabsicht gekauft habe (die Dose ist weiß-grün, das muss reichen), lässt mich laut Frau „wie einen Papa“ riechen, wobei ich immer noch nicht weiß, ob das gut oder schlecht ist, ob man den Fortschritt auf der Lebensachse am Einsatz von bestimmten Hygieneprodukten festmachen kann und ob es sich überhaupt lohnt darüber nachzudenken. Jedenfalls, Papa verlässt jetzt die Bühne.

„I was gifted, am gifted. Sometimes I looked at my hands and realized that I could have been a great pianist or something. But what have my hands done? Scratched my balls, written checks, tied shoes, pushed toilet levers, etc. I have wasted my hands. And my mind.“ – Charles Bukowski, Pulp

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