Der dicke Mann zog seine zwei Möpse hinter sich her. Ich wusste nicht, wer mehr röchelte: Die Lunge des dicken Mannes oder die zwei Möpse an der Leine.
Die Handschrift
Es war ein verregneter, dunkler Morgen, den man aus den hoch angesetzten, ausladenden Fensterfronten des ehemaligen Warenkontors sehen konnte. Frau Hagedorn, eine leicht verhärmte Frau von vierzig Jahren, die ihr spärliches Haar straff zusammengebunden trug, durchmaß den durch Gaslichter spärlich beleuchteten Raum. “Ich stelle hohe Anforderungen, welche ich Sie zu erfüllen ersuche.” Ernst blickte sie jetzt die dreiundzwanzig pausbäckigen Mädchengesichter an. “Wir werden uns von Kapitel zu Kapitel stetig steigern!”
Amelie blickte derweil versonnen auf das vor ihr liegende buch mit braungesprenkeltem Einband: “Buchhaltungs- und Rechenwesen.” Ganze zwei Reichsmark hatte es Vater gekostet. Behutsam öffnete sie es und schrieb mit zarter Schrift ihren Namenszug und das Datum an den rechten unteren Rand. Vor einem halben Jahr erst entschloss sich ihr Vater, sie doch eine Ausbildung machen zu lassen. Auf das wiederholte Drängen der Mutter hin bekam sie sogar ihre eigene dunkelrote Tasche neben dem vorgeschriebenen knöchellangen Schulkleid, bestehend aus dickem, dunkelgrauem Stoff mit weißen, gestärkten Stehkragen und Manschetten, welche fast bis zu den Fingern reichen. “Es sind unnötige Ausgaben, letztendlich heiratet ein Mädchen ja doch!”, empörte sich ihre kleine gebeugte Großmutter.
Morgens hätte sie fast verschlafen, da sie vor Aufregung die halbe Nacht wachgelegen war. Sie hatte sich ihre langen, lockigen Haare nur lose zusammenstecken können, um noch rechtzeitig das Pferdefuhrwerk zu erreichen.
Plötzlich spürte sie die angespannte Ruhe im Klassenraum. Da gewahrte sie Frau Hagedorn neben sich, in Augenhöhe zu ihr hinneigend: “Das werte Fräulein belieben zu träumen?” Entsetzt spürte sie zudem, wie sich ihre Haarklammer langsam löste und einen Wust an goldblondem Haar freigab, der sich über ihr Gesichtund ihren Nacken ergoss. Im ganzen Raum widerhallte das Gelächter der zweiundzwanzig Mitschülerinnen. Frau Hagedorn richtete sich langsam auf, worauf das Lachen augenblicklich erstarb. “Äußere Liederlichkeit ist immer Ausdruck innerer Geisteshaltung – wenn sie weiter so zu erscheinen gedenken, wird es für sie recht schwer werden.”
Verstohlen bahnte sich eine Träne ihren Weg über Amelies Wange, fiel auf das noch offene Lehrbuch und benetzte den Anfangsbuchstaben ihres Namens, so dass die Tinte verwischte.
Abermillionen Staubkörner tanzen in der strahlenden Morgensonne, als Hilde Ehlers in der Kirchernvorhalle mit einem Packen Bücher über unwegsame Kistenberge stakst. “Sind schon wieder Bücher vom Altenheim dabei – scheinen schon wieder welche den Löffel abgegeben zu haben.” Inge Rauschenbach sichtet mit geübtem Blick die vor ihr liegenden Kisten. “Das Übliche: Fünzig Jahre Schrott. Meterweise Simmel – den kauft heute niemand mehr…” Sie ergreift ein schmales, braungesprenkeltes Buch. “Buchhaltungs- und Rechenwesen – oh Gott! – weg damit!”
“Inge, aus welchem Jahr ist es?”
“Hildchen möchte sich also weiterbilden?”, zischelte Inge süffisant. “Da steht nix – ah – doch, ein Name: …melie, Amelie Hillenkamp, 9.9.1911.”
“Was muss das für ein Leben gewesen sein? Zwei Weltkriege, die Inflation und so…”
“Jaja.”, antwortet ihr Inge abwesend, während sie das Büchlein in hohem Bogen in die bereitgestellte Müllkiste schleudert, dass es zerfleddert aufschlägt.
Worte über Worte
Worte sind nicht immer unwichtig, das bestätigt sich ständig, möchte deswegen gar nicht zuviel über den Sinn von Worten schwadronieren. Schwadronieren ist übrigens ein schönes Wort, stelle mir dabei immer eine Reiterschwadron vor, die ungestüm übers Schlachtfeld hetzt und Feind und Freund auf den behelmten Kopf klopft. Leider sind diese Zeiten vorbei, leider kann selbst meine Wenigkeit mit niemandem über die Traurigkeit reden, die sich ausbreitet, wenn man an die untergegangenen Begriffe und Zeiten denkt. Destroneli und die Flotte Lotte wissen einfach viel zu wenig über Geschichte und Kultur, mit denen über das KuK Österreich zu parlieren – bei der Vorstellung muss man ja schon laut und traurig lachen. Die drei M, Mick, Mack und auch Möck haben nur sehr unklare Vorstellungen von der Welt-(Geschichte), ihr “literarisches” Pensum beschränkt sich auf Mode und Klatsch-Magazine, und da wiederum auf Fotos, sie können also durchaus etwas mit dem Bild Angelina Jolies anfangen oder ihrem kruden Gatten, aber wenn meine Wenigkeit einen Monolog über Hitlers nächtliche Gesprächsrunden beginnt, dann nicken die drei M nur desinteressiert, oder schlafen ein oder fragen radebrechend ob Hitler “schöön oda bechühmt” war. Eine Frage der meine Wenigkeit lieber ausweicht, es liegen da einfach zu viele politische Fallstricke herum.
Die Indifferenz der Asiaten, Araber und Co. in Sachen deutscher Geschichte ist schließlich berüchtigt.
Berüchtigt sind auch kleine Missverständnisse ohne Bedeutung aber mit großer Wirkung. Man schreibt oder sagt ein Wort ohne es schreiben zu wollen, sondern ein anderes Wort, das man aber nicht schrieb, weil man das eine Wort schrieb.
“Wie geht es Deiner Frau, kam sie geil aus dem Urlaub zurück?“
Eine harmlose Frage möchte man meinen, aber wenn man nur einen Buchstaben vertauscht wird aus “geil” ein “heil” und andersrum, und eine alte Freundschaft geht in die Binsen. Konrad Adenauer sagte: “Leichta fängt man einen abjeschossenen Pfeil ab als ein ausjesprochenet Wort”. An diese Maxime sollte man sich halten.
Simpsons at the Apple Store
Und weil hier demnächst um die Ecke der erste Apple-Store Deutschlands seine Design-Glastüren öffnet, haben wir die Simpsons schon mal vorgeschickt.
via Nerdcore
Man ist müde
Bin heute müde. Bin fast erschrocken darüber wie müde, aber müde ist das falsche Wort, denn wenn man müde ist, dann ist man nicht erschrocken darüber, weil man zu müde ist um erschrocken zu sein, das wird einem jeder Koalabär bestätigen. Koalabären sind feine Geschöpfe, sie haben ein gutes Herz, werde jedesmal melancholisch, wenn man welche sieht, denke dann daran wie gut alles wäre, wenn die Menschen wie Koalabären wären statt wie Menschen. Das trifft selbstredend auch und gerade (auch und gerade, eine unsinnige Floskel) auf die drei M zu. Wobei man ihnen zubilligen muß, dass sie eine gewisse Trägheit, Wohlwollende würden es Gemütlichkeit nennen, mit den Koalabären gemeinsam haben. Mit drei Koalabären wäre der intellektuelle Austausch auch nicht weniger ergiebig, möchte man meinen. Aber was soll die Jammerei, bin eigentlich zu müde zum Jammern, werde langsam sauer auf die Jammerei, nein falsch auf das Müde-Sein, auf beide; auf die Schwermut, die aus Jammertum und Müdigkeit entsteht. Eine unheilvolle Verbindung die man mit harter Arbeit und hektischen Bewegungen am besten und nachhaltigsten (auch ein Modewort: Nachhaltigkeit) bekämpft.
Habe deswegen beschlossen Mick Mack und Möck Aufgaben zu geben, die Leben in die Bude bringen und meine Wendigkeit (ha!) ablenken, da würde jeder Koalabär müde lächeln und abwinken, aber das darf kein Kriterium mehr sein.
Die Maulwürfe oder Euer Wille geschehe
Die Maulwürfe
oder Euer Wille geschehe
(Erich Kästner, 1951)
I
Als sie, krank von den letzten Kriegen,
tief in die Erde hinunterstiegen,
in die Kellerstädte, die drunten liegen,
war noch keinem der Völker klar,
daß es ein Abschied für immer war.
Sie stauten sich vor den Türen der Schächte
mit Nähmaschinen und Akten und Vieh,
daß man sie endlich nach unten brächte,
hinab in die künstlichen Tage und Nächte.
Und sie erbrachen, wenn einer schrie.
Ach, sie erschraken vor jeder Wolke!
War´s Hexerei oder war´s noch Natur?
Brachte sie Regen für Flüsse und Flur?
Oder hing Gift überm wartenden Volke,
das verstört in die Tiefe fuhr?
Sie flohen aus Gottes guter Stube.
Sie ließen die Wiesen, die Häuser, das Wehr,
den Hügelwind und den Wald und das Meer.
Sie fuhren mit Fahrstühlen in die Grube.
Und die Erde ward wüst und leer.
II
Drunten in den versunkenen Städten,
versunken, wie einst Vineta versank,
lebten sie weiter, hörten Motetten,
teilten Atome, lasen Gazetten,
lagen in Betten und hielten die Bank.
Ihre Neue Welt glich gekachelten Träumen.
Der Horizont war aus blauem Glas.
Die Angst schlief ein. Und die Menschheit vergaß.
Nur manchmal erzählten die Mütter von Bäumen
und die Märchen vom Veilchen, vom Mond und vom Gras.
Himmel und Erde wurden zur Fabel.
Das Gewesene klang wie ein altes Gedicht.
Man wußte nichts mehr vom Turmbau zu Babel.
man wußte nichts mehr von Kain und Abel.
Und auf die Gräber schien Neonlicht.
Fachleute saßen an blanken, bequemen
Geräten und trieben Spiegelmagie.
An Periskopen hantierten sie
und gaben acht, ob die anderen kämen.
Aber die anderen kamen nie.
III
Droben zerfielen inzwischen die Städte.
Brücken und Bahnhöfe stürzten ein.
Die Fabriken sahn aus wie verrenkte Skelette.
Die Menschheit hatte die große Wette
verloren, und Pan war wieder allein.
Der Wald rückte näher, überfiel die Ruinen,
stieg durch die Fenster, zertrat die Maschinen,
steckte sich Türme ins grüne Haar,
griff Lokomotiven, spielte mit ihnen
und holte Christus vom Hochaltar.
Nun galten wieder die ewigen Regeln.
Die Gesetzestafeln zerbrach keiner mehr.
Es gehorchten die Rose, der Schnee und der Bär.
Der Himmel gehörte wieder den Vögeln
und den kleinen und großen Fischen das Meer.
Nur einmal, im Frühling, durchquerten das Schweigen
rollende Panzer, als ging´s in die Schlacht.
Sie kehrten, beladen mit Kirschblütenzweigen,
zurück, um sie drunten den Kindern zu zeigen.
Dann schlossen sich wieder die Türen zum Schacht.
(Note: Fits the mood of Fallout story)
Der offizielle Kirchenjesus
So geht die neue Woche doch schon mal richtig schön los. Mit den ersten Christkindlmarktbuden und Schneegestöber und trilliarden Tonnen Monosaccharide, verdichtet und gepresst zu Lebkuchenherzen und Spekulatius (ich hege immer noch den Verdacht, die teils überbordende Glückseligkeit dieser Tage ist überhaupt und einzig nur das Resultat übermäßigen Zuckerkonsums, eine Milliardenlobby steckt dahinter. Bestimmt.)
Jesus Geburtstag rückt ganz nah und mit ihm Nächstenliebe, Grippenspiel Krippenspiel und – man höre und staune – ein Vatikan auf Schmusekurs mit verblichenen Rebellen.
Papa Benedetto vergibt den Beatles, zeitlich perfekt abgestimmt zur weißen Puderzuckerpracht über Wald und Flur und dem 40. Jubiläum des “White Album” der Fab Four. John Lennon wars, der vor 40 Jahren konstatierte, die Beatles seien “bereits populärer als Jesus”. Das brachte den Briten damals eine Menge Kritik religiöser Eiferer und die Ächtung durch die Kirche ein. In einem Anflug vorweihnachtlicher Großherzigkeit verkündete nun die Vatikanzeitung “Osservatore Romano”, dass es “nur der Übermut eines Jugendlichen der englischen Arbeiterklasse” gewesen sei, der “ganz offensichtlich überwältigt war von einem unerwarteten Erfolg”, lobt die Songs der Beatles ganz allgemein und straft die übrige Popmusik ab, die heutzutage eher von schlechter Qualität sei.
Sein Vorgänger hat uns auch schon einmal in Sachen Zugeständnisse überrascht und nach plusminus zweitausend Jahren Christentum schlussendlich eingesehen, dass Schiffe (und seit neuestem auch diese modernen Flugapparate) nicht über den Scheibenrand der Welt in den unendlichen Kosmos stürzen, weil die Erde doch eher tendenziell rund ist und nicht im Zentrum des Universums steht. Ergriffen von soviel props gabs dann auch gleich ein Denkmal hinterher. “Du, sorry Galileo, wir haben uns geirrt. War damals nicht böse gemeint mit der Inquisition und dem Hausarrest und dem Maulkorb.”
Zurück in der Neuzeit: Die frühen Vögel, die sich der Tage durch Weihnachtsauslagen der Geschäfte batteln und die übertriebene Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes bringen berechtigte Kritik auf den Plan. Manuel von uiuiuiuiuiuiui.de improvisiert sich derweil die klaviergestählten, karpaltunnelsyndromisierten Sehnen wund und singt uns ein Lied darüber, warum Weihnachten dieses Jahr ausfällt.
What would Jesus do, wenn er den ganzen Zirkus hier sehen würde, kann man sich fragen und froh und munter darüber streiten. What would Klaus Kinski do, if he were Jesus: das lässt sich eindeutiger beantworten, denn er sagt es uns höchstpersönlich.
This interview is over
Gefunden via www.uiuiuiuiuiuiui.de
Nicht deswegen
Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Doch seit ein paar Wochen packt es mich regelmäßig, ich werde unruhig, bilde mir was ein und ziehe los und während ich unterwegs bin orten meine Laserpointeraugen Zielobjekte – Gesicht, Bewegung, Hand, Zigarette ja / nein? – hochanalytisch, das geht in Sekundenbruchteilen. Terminatorinterfaceblick. Und die ganze Zeit murmle ich einen Satz, “Entschuldigung, hast du vielleicht eine Zigarette für mich? Entschuldigung, hast du vielleicht…? Entschuldigung?…”; wie ein Mantra, wie die zwei Zeilen eines Gedichts, das man als Kind auswendig lernen musste. Die zwei Zeilen, die einen immer und immer wieder zum stolpern brachten, an denen man permanent scheiterte. Am Heiligabend oder an sonstirgendeiner Veranstaltung, bei der mehr als zwei Personen zugegen waren, auf einem Fest in der Grundschule, einem Theaterspiel oder bei Verwandtenbesuchen; wo es einem die Aufregungsröte ins Gesicht trieb, weil man all den Menschen zeigen wollte, das man es draufhat und jetzt bloß nichts vergeigen und dann doch bloß stammelte und das geräuschlose Warten der Erwachsenen einen die Brust zudrückte. Bei eben bei diesen zwei Zeilen.
Wollte also rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Doch wenn, dann geht es schnell. Also die Frage nach einer Zigarette geht schnell und so einfach, wie die Frage nach der Uhrzeit. “Entschuldigung, wie viel Uhr haben wir? Entschuldigung, hast du vielleicht eine Zigarette?”
Wollte also rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren, blieb jedoch im Appartement, das in den frühen Stunden des Tages ganz sonnendurchflutet hin und her schaukelt, wie ein Korb an einem Heißluftballon, der ächzt und knarrt unter dem Gewicht der Passagiere und dem rauen Zerren des Windes, wenn man höher und höher steigt, so hoch schon dass man meint, bald mit den Fingern langsam über die Wolken streichen zu können.
Blieb also im Appartement und spülte Gläser und machte das Bett und freute mich über einen weichen Morgenschiss. Wie gewöhnlich alles. Aber dann, ach.
Dann fuhr ich doch in die Stadt (nicht der Zigaretten wegen, ich schwörs), ging nicht zu J.C. Pennys (den gibts bei uns nämlich gar nicht) oder Karstadt oder Woolworth oder Starbucks, weil da alles mit Geldausgeben verbunden ist und ich wollte kein Geld ausgeben. Ich ging nicht dorthin um Ruhe zu haben, weil Ruhe hat man in der Stadt nicht. Oder selten oder an Orten, die ich nicht kenne. Die Stadt gibt eigentlich keine Ruhe, sie will permanent etwas von dir, dass du mitschwimmst und konsumierst und das macht sie manchmal so aufdringlich, dass ich ganz nervös werde und am Ende doch bloß wieder nachgebe und irgendeinen Scheiss kaufe. Verchromte Handtuchhalter, die man in die Tür klemmt, Digitalkamerareisetaschen aus Neopren für Digitalkameras, die ich nicht besitze, chinesische Glückskatzen mit erhobener Pfote, die das Glück heranwinken, so haarscharf an meiner Schläfe vorbei (Glück, Katze, sonst hättest du mir damit ein Loch in den Schädel gebohrt), Nasenhaarrasierer mit Fuzzy-Logic und Lithium-Ionen-Akku und Staubsaugerbeutel im Fünferpack, weil günstig und somit the most bang for the buck. Dinge, die ich eigentlich nicht brauche und nicht will, die ich kaufe, nicht um glücklich zu sein sondern als eine Art Valium für zwanzig Minuten Frieden und Eintracht im Einkaufstempel.
Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Und dann war ich plötzlich in der Stadt. Zur Hölle, ich kann nicht sagen wieso oder warum. Was machte ich hier überhaupt? Also doch bloß der Zigaretten wegen (hab vorhin gelogen), da fiel mir ein Zitat von Peter Glaser ein. Abgewandelt, ganz leicht, so hat er es nämlich nicht gesagt (ich wandle gerne mal ein Zitat um, sodass es seine Gültigkeit behält oder am besten eine neue Richtung bekommt. So bin ich halt). Sag ich so: Manchmal muss man rauchen, um das Nichtrauchen nicht überhand nehmen zu lassen. Kann man so sagen. Kann man auch so stehen lassen. Jetzt funktioniert das aber auch in die andere Richtung. Manchmal muss man nichtrauchen, um das Rauchen nicht überhand nehmen zu lassen. Trotzdem suchte ich nach einer Zigarette, scheiß doch auf die guten Vorsätze, die sind ja morgen auch noch gut. Werden ja nicht schlecht. Und mit dem Gedanken an schlecht kam der Hunger. Bin dann doch zu Subways gegangen und schon schlechtes Gewissen bekommen, daheim nichts ordentliches gekocht zu haben und jetzt für meine Ernährungsfaulheit Geld für belegte Weißbrotscheiben auszugeben, das ich eigentlich nicht ausgeben wollte. Gab dann aber letzten Endes doch kein Geld aus und keine belegten Weißbrotscheiben und nach wie vor hungrig wie ein streunender Wolf in der Tundra, denn es war Dienstag und “Sub des Tages” war das Meatball Marinada und das sah so fleischklopsig widerlich aus, dass mir der Appetit ganz ordentlich verging. Dann war ich wieder mit den Gedanken beim Hunger und bei schlecht.
Wollte rausgehen, eine Runde durch die Stadt drehen und mir eine Zigarette schnorren. Ich rauche nicht, für gewöhnlich. Und dann saß dort auf einer Bank meine Zigarette (die Isabella hieß, wie sich später rausstellte) und ich war keck und trug ihr meinen kleinen beschissenen sozialschmarotzenden Weihnachtsvers vor. Entschuldigung, hast du vielleicht eine…? Ja klar. Und sie musterte mich skeptisch, als ich mich für einen Moment neben ihr auf die Bank setzte und so tat, als wäre meine Frage nach einer Zigarette die gewöhnlichste Frage der Welt für mich. Vielleicht zögerte ich auch zu lange, vielleicht tat ich auch so, als würde ich auf eine Unterhaltung warten (wenn ja, so fiel mir das nicht auf) und sie so: “Kennen wir uns!” Nein… also… nun, ich denke nicht und log, denn ich hätte ein ganzes fleischklopsiges Meatball Marinada drauf verwetten können, sie irgendwo schon mal gesehen zu haben. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und wippte mit dem braunzerlatschten Hauspantoffel an ihrem Fuß. “Sag mir bitte einen Grund, warum ich nicht die Stadt verlassen soll.” Dieser Satz kam so direkt und selbstverständlich über ihre Lippen, dass ich mich fühlte, als seien wir bereits 30 Jahre verheiratet und alles mal wieder so gewöhnlich, ach, und befürchtete, diese Unterhaltung ist schon nach dem zweiten Satz im Arsch, so richtig tief drin. Sag mir du bitte einen Grund, warum du die Stadt verlassen willst. Der Job? Nein. Die Wohnung? Nein. Die Familie? Nein, nicht deswegen. “Der Freund, der Pisser.” Sein Wasserglas stand noch immer an der selben Stelle. Er hatte noch nicht mal Zeit gehabt, richtig zu lügen. Er hatte noch nicht mal Zeit gehabt, richtig auf Wiedersehen zu sagen. Der Pisser! Pisser!, Pisser!, Pisser! und aus ihren Augen sprühen Fünfmilliarden Hassfunken und ich halte meine geschnorrte Zigarette zur Sicherheit mal ganz weit weg, nicht dass sie angeht, wollt ich mir ja noch für später aufheben. Und ich dann so: Mhm, was für ein Pisser und ich weiß, dass ihr das überhaupt nichts bringt. Geheuchelte Anteilnahme ist manchmal noch unpassender, als gar keine Anteilnahme, also sag ichs ganz leise, damits vom Straßenlärm verschluckt wird und das klappt ganz gut.
Und du? Warum bist du hier? Einkaufen? Nein. Essen? Nein. Naja… (und der Tundrawolf in meinem Magen fletscht die Zähne). Zigarette schnorren? Ich schau auf die Zigarette zwischen meinen Fingern und für den nächsten Satz denke ich auffällig lange nach. Nein, nicht deswegen und buddle mich solange durch die Staubschicht auf meinem Hirn – hundert Lagen von Meatballs und Nasenhaarrasiererangebote und Shoppingglanz und Motorengebrumme, bis ich einen blanken Kern finde, der mich überrascht, weil er so unerhört weiß schimmert wie der Knochen, der durch eine Fleischwunde blitzt. Menschen, sag ich dann trocken und drehe mich um und zu ihr und sie blickt mich an, als wäre das die gewöhnlichste Antwort der Welt. Menschen, sag ich noch einmal, als hätte ich selbst nicht verstanden, was ich gerade gesagt habe und meine damit ihre Geschichten, deine Geschichte zum Beispiel, Zigaretten-Isabella, mit deinem Pisser, der sich verpisst hat und sein Wasserglas, dass immer noch dort steht, wo er es hingestellt hat und das dich auch noch in ein paar Tagen an eure Unterhaltung erinnern wird, an den Streit und deine Vorwürfe und seine wortlose Eile, vielleicht hin zu einer anderen, du hast es ja schon immer vermutet.
All diese kleinen Geschichten der Menschen aus der Welt dazwischen, der Füllstoff in unserem Dasein; der Kitt, der die Fugen zwischen den Episoden des Lebens zusammenklebt oder sprengt, je nachdem, wie mans halt erwischt. Geschichten, die einem doch immer wieder zeigen, dass es anderen auch so geht. Und die sind dann vielleicht besser oder schlechter dran als man selbst und das tut gut, weil man sich dann am Leben fühlt und für einen Moment den Pappmachéfassadengeschmack im Mund vergisst, den diese eskapistische Quatschwelt oft hinterlässt. Ja, das ist mein Grund, warum ich die Stadt noch nicht verlassen habe. Sie nickt und lächelt und sagt etwas, das vom Straßenlärm verschluckt wird. Dann erzähle ich ihr noch davon, dass ich in die Geschichte eingehen werde als größter evil idiot fuck, der auf seinem Kahn absäuft, blubb blubb von der Bildfläche verschwindet und mit ihm all seine tausend kleinen evil idiot fuckideen. Da werd ich mal ein Buch draus machen, sag ich und steh auf und bin ganz plötzlich sachlich und per Sie: “So ist es, wenn sie so wollen”. Und auf dem Weg nach Hause kaufe ich mir einen Notizblock in DINA5, für all die Geschichten, die ich niemals schreiben werde und werfe die Zigarette weg. Temporäres Raucherwochenende beendet.
Der Pop, der Pop, der Alkopop
Karlsberg Mixery Vodka Flavour iced energy.
In die 0,33er Flasche hinter dieser Etikettensprachpanscherei traut sich die Firma Karlsberg ein Biergepansche abzufüllen (Neudeutsch: Bier-Mischgetränk, Neudeutscher: Alkopop), das sich zusammensetzt aus 80% Bier (wo?!), Zucker, Guaranaextrakt, Taurin und Koffein. Hielt mich bis 4 Uhr Früh wach und machte nach sechs Flaschen noch nicht mal richtig betrunken. Die ganze Nacht umsonst um die Ohren gehauen. Also Kategorie: günstig und mittelmäßig. Wenn überhaupt, dann schmeckt das Zeug nur eisgekühlt, wobei Bullenpisse eisgekühlt bestimmt auch schmeckt (was ich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels noch nicht überprüft habe und auch nicht überprüfen werde). Gabs für 3,99€ im Sixpack an der Tanke. Keine Beanstandung also, es war spät und ich war unvernünftig und mit Mittelmäßigkeit leicht abzuspeisen. Ich hasse Nächte, in denen ich mich mit Mittelmäßigkeit abspeisen lasse.
Der Hinweis “Don’t drink and drive” auf dem Rücketikett darf als Witz verstanden werden, damit einem das Gesöff, sofern es denn wieder hochkommt (was wahrscheinlich ist) zumindest im Hals stecken bleibt und sich nicht gleich via oraler Inkontinenz über dem frisch gewixten Parkettboden ergießt. Karlsberg bewirbt diese Geschmacksarmut in Flaschen mit den Slogans “Mixery Relaunch” (also überarbeitet und immer noch beschissen), “Die Innovation im Biermarkt!!!” (so Innovativ, dass man gleich die dreifache Bekräftigung in Form des Ausrufezeichens benötigt, um darauf aufmerksam zu machen) und “Mixery… wie Sie es noch nie gesehen haben!!!” (und wahrscheinlich auch nie wieder trinken werden).
Resümee: herrliche Geschmacksarmut in Flaschen