Am Ufer (ein Traum und ein anderer)

Kennt ihr das: Ihr wacht aus einem Traum auf und könnt euch noch so halbwegs daran erinnern und je mehr ihr euch versucht daran zu erinnern, desto mehr verblasst das Bild, bis nur noch eine dumpfe Ahnung davon übrig ist? Das ist so, als wäre man blind und versucht, nur mit den Fingerspitzen die Äste eines so zarten Konstrukts zu begreifen, die bei jeder Berührung wie Asche zerfallen und am Ende nur noch zwei Dinge übrig bleiben: Schatten und die Gewissheit, dass da mal etwas gewesen sein muss, denn der Aschehaufen beweist irgendwas, vielleicht auch gar nichts, aber daran möchte man nicht denken, sonst käme der Zweifel hoch und dann wäre doch alles bloß nichts.

Heute Nacht hatte ich einen virtuosen Traum. Ich bin mir sicher, denn ich kann mich daran erinnern, dass ich mich daran erinnern konnte. Vielschichtig und fragmentartig muss er gewesen sein, aber ich weiß nur noch von einem Mädchen, das kurze Sätze sagte, einfache Sätze, aber verdammt gute Sätze, so wahr und vielsagend und trotz ihrer prägnanten Kürze wahnsinnig auf den Punkt gebracht (seit ein paar Wochen habe ich mir aus Gründen der Dramaturgie, die mir als absolut unvermittelbar erscheinen angewöhnt, in jedem Himmelende-Eintrag mindestens einmal „wahnsinnig“ und / oder sämtliche Steigerungsformen davon unterzubringen).
Der Zimmerboden war weiß, das Mädchen saß im Schoß einer Mutter, die ich kannte und beide lachten. Das Mädchen wendete sich zu mir und sprach. Haupt-, Nebensatz, Punkt. Und dann knisterte etwas in meinem Hirn und ich musste auch lachen, im Traum. Die Sätze des Mädchens waren so gut, dass ich bereits im Traum daran dachte, ich müsse sie mir unbedingt aufschreiben, nachdem ich erwachen werde. Das war einer dieser ganz seltenen Träume, in denen ich weiß, dass ich Träume; und ich kann es genießen und diesen Zustand scheinbar beliebig lange halten, wie wenn man auf dem Rücken liegend auf dem Wasser schwebt, Arme und Beine von sich gestreckt; man liegt ganz oben auf, wenn man tief eingeatmet hat; man hat es unter Kontrolle und kann es solange halten, bis man ausatmet und man glaubt zu versinken und die kalte Nahtstelle zwischen Wasser und Luft sich kreisförmig auf dem Gesicht schließt.
Wenn ich ausatme ist mein Traum vorbei.

Jedenfalls, jetzt im Nachhinein betrachtet weiß ich aus diesem langen Traum nichts mehr, ausser dieser Episode mit dem Mädchen. Und an die Sätze dieses Mädchens kann ich mich auch nicht mehr erinnern, nur etwas mit Paris und Tod kamen darin vor. Aber das war alles nicht vergleichbar mit dem Traum von letzten Dienstag.

„In meinem Traum stehe ich an einem Fluss, der weniger Wasser trägt als sonst. Ich weiß das, weil ich den Fluss kenne; ein Teil seines Bettes liegt trocken, blankgeschliffene weiße Steine leuchten am Ufer unter der Vormittagssonne. Eine große Fläche, dort liegt ein morscher Baumstamm, Treibgut, eine Gruppe von Wildtieren schaart sich darum. Es müssen Hirsche sein, schöne Tiere mit großen Geweihen, die dort auf dieser freien Fläche um den Baum herumstehen. Ich gehe am Ufer entlang, das Wasser ist kristallen und es ist unmöglich, leise über die Steine zu gehen. Die Tiere sehen mich, richten alle Köpfe gleichzeitig in meine Richtung und springen davon. Sie sind sehr erschrocken. Obwohl ich keine böse Absichten hege und mich nur langsam und vorsichtig annähere weiß ich genau, dass sie nur auf der Flucht sind, weil ich etwas sehr Böses ausstrahle. Die Tiere verschwinden in den nahen Wald, nur hektisches Rascheln ist noch eine Weile zu hören und dann nichts. Aber ich täusche mich denn hinter dem Baumstamm muss noch ein letztes Tier zurückgeblieben sein, ich erkenne zunächst nur die Spitzen seines Geweihs und es schlägt wild um sich. Und dann höre ich ein Schnauben, lang und quälend verzerrt. Verzweiflung, hier bleiben zu müssen und Sehnsucht den anderen Tieren hinterher. Ich gehe um den Stamm herum und sehe, dass eines seiner Beine darunter eingeklemmt ist. Ich komme näher, das Tier kann mich nur aus dem Augenwinkel erkennen, es reagiert absolut panisch und weil es seinen Kopf nicht ganz in meine Richtung drehen kann verdreht es seine Augen. Sie sind weit aufgerissen und schwarzglänzend und aus seiner Schnauze trieft eine klare Flüssigkeit. Ich komme noch näher und die Angst des Tieres vor mir scheint so unermesslich groß, dass es sich – nur einen stöhnenden kurzen Laut von sich gebend – in einer irren Bewegung das festgeklemmte Bein abreisst und davonhumpelt, den anderen Tieren hinterher, viel schneller, als ein Tier auf drei Beinen laufen könnte.
Von mir geht in diesem Traum etwas abgrundtief Böses aus. Das ist das einzige, das ich mit Sicherheit weiß.“

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