Emotion 3.50

Lauter wirds und heller. Stadtleben brummt, vibriert. Es wird Sommer. Nein, halt stop, wir waren voreilig, alles zurück auf Anfang. Es „wurde“ Sommer. Bis gerade eben. Jetzt wieder Schneegestöber, verspätete Winterfreuden. Aber es ging gut los, mit dem Sommer im Februar. Seltsamer Gedanke? Fühlt sich komisch an? Iwo, erlauben wir es uns doch einfach. Den Start der Weihnachtsverkäufe legen wir doch auch in den August, den der Osterartikel in den Januar. Alles drängt auf Vorverlegung, das ist offensichtlich. Verscheuchen Sie das Gespenst der Klimaerwärmung, das ihnen im Nacken sitzt. Oder rufen Sie die Ghostbusters.

Der Tag beginnt dann etwas mau, ein permanentes auf und ab. Zunächst geschockt vom morgentlichen Nachrichtengewitter, später beschäftigt mit der eigenen Naivität. „Afrikaner auf Gleise gestoßen“, Zitat der ersten Titelzeile und freue mich für die Afrikaner. „Ah, schön!“, so denke ich. „Das sind bestimmt ein paar besondere, ein paar ganz alte Gleise; jahrzehntelang verschüttet, am falschen Ort vermutet, nie gefunden und jetzt, tja, jetzt sind sie endlich drauf gestoßen, die Afrikaner, …bei Ausgrabungen.“ So was in der Art. Ich irre.

Dann schneller Kaffe, leuchtender Tag. Auf dem Weg ein stummer Diener. Springers Großbuchstabenpresse schlägt direkt aufs Auge, titelt unübersehbar: Bundeswehr jagt Tokio Hotel, und ich weiß, dass es einen gerechten Gott geben muss. Allerdings frage ich mich auch: Was macht die Deutsche Bundeswehr dann am Hindukusch? Zurück also mit den Tornados, die Heimatfront brennt lichterloh.

Es folgt Kindergeschrei in der Trambahn. 13 Minuten, en suite. Ein Ehepaar, sie Mitte zwanzig, Baby auf dem Arm, es schreit. Er Ende dreissig, aufgestützt auf eine zwei Meter lange Plastikzierleiste aus dem Baumarkt. Das Gesicht der Frau dümmlich gleichgültig. Das Baby schreit noch immer, nicht Schluchzen, nicht Quängeln, sondern zum Erbarmen lautes Geschrei. Der Vater deutet seiner Frau, er will den Tausch. Sie gibt ihm das Baby, er ihr die Plastikzierleisten. Papa nimmt das Kind in die Arme, es wird ruhiger, er zeigt ihm die Autos draussen auf der Straße. Die Frau mit den Plastikzierleisten in den Händen, aufgestützt auf dem Boden. Das Gesicht der Frau – nachwievor – dümmlich gleichgültig. Gleich ob sie Kind oder Plastikzierleisten in Händen hält. Oh Mutter.

Haltestelle Hauptbahnhof, ein großer Zeitungsstand, ich werde charmant. Das System der Kasse ist abgestürzt, die Frau dahinter hält mit der einen Hand einen Stapel von Belegen, mit der anderen tippt sie grimmig auf die Tastatur. Nichts regt sich, kein Ton. Die einzige Anzeige der Kasse in grüner LED-Schrift: emotion 3.50. Ich grüße freundlich, will eine Telefonkarte kaufen, via EC, erkundige mich, ob man das bei ihr könne. Sie: „Bei mia kennans momentan goa nix kaufn, wei mei Kass grad goanet mog.“ Ich: „Da haben Sie aber eine sehr emotionale Kasse.“, und lächle. Darauf sie: „Oh ja. I hab a scho meine Emotionen. Und wenn die noch a bisserl mehr wern, dann überlebt des die Kass haid ned.“ Ich zahle bar, sie bucht nicht gegen und gibt mir die Telefonkarte. Wir scherzen noch ein wenig, bevor der Menschenstrom mich mitreißt, in die Untergeschosse der U-Bahn hinabspühlt und ich die Verkäuferin mitsamt emotionaler Kasse zurück lasse.

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