Tag: schwarzweiß

I’d Rather Have A Memory Than A Dream


Ach, der Unterschied, den die Revolutionäre zwischen Bürgern und Volk, zwischen Adligen und Volk oder Regierenden und Regierten machen, ist ein schmerzlich krasser Irrtum. Der eigentliche Unterschied besteht zwischen Angepaßten und Unangepaßten: Alles übrige ist Literatur, und zwar schlechte Literatur. Wenn der Bettler angepaßt ist, kann er morgen König sein, damit jedoch hat er die Kraft, Bettler zu sein, eingebüßt. Er hat die Grenze überschritten und die Nationalität verloren.

Paris fickt das Meer

Als Tom und Mira das erste Mal miteinander sprechen, ist er als Eiffelturm verkleidet, und sie trägt ein mit Muscheln beklebtes Kleid. Ein Geplänkel über die wenig subtile Symbolik ihrer Kostüme bricht das Eis. Beim Lachen bläst Tom ihr Rauch ins Gesicht, und sie sieht ihm an, was er denkt: Vielleicht geht da noch was. Sein selbstsicheres Begehren amüsiert und langweilt sie gleichermaßen.

Na ja, schimpft sie sich innerlich. Du denkst doch dasselbe.
Männer denken das ständig, antwortet sie sich stumm. Ich nur, wenn es wirklich stimmt.
Da muss sie lachen.
“Was ist?”, fragt Tom. Sie schüttelt den Kopf, “nichts”, und küsst ihn. Er geht sofort darauf ein, ganz selbstverständlich, vielleicht hat auch er sie zuerst geküsst. Wenigstens etwas Originelles diesmal. Die Geschwindigkeit, ein Kuss nach kaum zwei Minuten Gespräch. Mit einem Mann im Eiffelturm-Kostüm. Sie kommt sich vor wie in einem studentischen Experimentalfilm, schwarzweiß natürlich, ein paar Muscheln zerbrechen, sie hört sie knacken, von drinnen tönt leise die Partymusik. “Show me the way to the next whiskey bar…”
“Wie heißt du eigentlich?”, fragt sie, als sie kurz voneinander lassen, und wünscht im selben Moment, sie hätte nicht gefragt.
“Tom”, sagt Tom, bevor sie ihn daran hindern kann. Dann küssen sie einander weiter, und seine linke Hand landet auf ihrer Muschel-Brust. Gleich schneidet er sich an einer kaputten Schale die Finger auf, denkt sie, aber nichts dergleichen passiert. In der rechten Hand hält er immer noch seine Zigarette, genau wie sie. Lautlos fällt Asche auf den Asphalt.
“Da seid ihr also” unterbricht sie ein Typ mit Baskenmütze und grinst.
“Da sind wir also”, sagt Mira und streicht sich die Haare glatt. “Wir wollten gerade wieder rein.”
Tatsächlich ist die Feier noch nicht allzu weit fortgeschritten, es ist zu früh, um die Gastgeber im Stich zu lassen. Toms Freund Marc und Miras Kollegin Sabine sind ein Paar und wandern gemeinsam nach Frankreich aus. Darum die Abschiedsparty heute, inklusive Motto, an das sich erstaunlich viele Gäste gehalten haben, wobei Baskenmützen, “I love Paris”-T-shirts und improvisierte Can-Can-Kostüme überwiegen. Gepackte Umzugskisten dienen als Bartische, an den Wänden hängen Poster alter französischer Filme. “Außer Atem”, “Die Liebenden”, “Jules und Jim”.
“Hat Style, findest du nicht?”, fragt Tom.
Mira nickt abwesend. “Entschuldige mich, ich muss mal kurz…”, sagt sie und deutet Richtung Toilette.
Er grinst. “Soll ich mitkommen?
“Immer langsam.” Sie schlägt seine Finger von ihrem nackten Arm und lässt ihn allein.

Auf der Toilette kramt sie in ihrer Handtasche nach Kondomen. Tatsächlich findet sie noch zwei. Sie könnte also mit Tom schlafen, wenn sie will, und ein bisschen will sie. Vielleicht später noch mehr. Griffbereit steckt sie sie in ein kleines Seitenfach der Tasche. Ihr Spiegelbild wirkt müde, der anthrazitfarbene Lidschatten ist etwas verwischt, unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Schnell korrigiert sie das Make-up, seufzt kurz, lächelt sich zu und kehrt ins Wohnzimmer zurück. Zu den Umzugskisten, den Filmplakaten, ihrem Sektglas und Tom.

Draußen hat es begonnen zu regnen, die Tropfen prasseln an die Scheiben. Ein Spätsommer-Gewitter. Die Stimmung steigt proportional zum Alkoholpegel, doch als die ersten zu tanzen beginnen, wird es plötzlich dunkel und still. “Stromausfall!”, quietscht jemand, Tom tastet nach Miras Hand, seine fühlt sich rau an, fremd und gut. Der Stille folgt Gelächter und hektisches Gemurmel. Im schwachen Schein einzelner Handy-Displays und Feuerzeuge zieht Mira Tom ins Bad, tastet im Dunkeln nach dem Toilettendeckel und klappt ihn hinunter, sodass Tom sich setzen kann. Er schiebt ihr Kleid hoch, sie öffnet seine Hose, das blinde Auspacken und Überziehen des Gummis sorgt für eine Verzögerung, bevor sie ihre Handtasche fallen lässt und Tom in sie eindringt. Paris fickt das Meer, das Meer fickt Paris. Die Stadt der Liebe und der Ort der Sehnsucht. Sex mit einem Fremden hat sich für Mira noch nie heiß angefühlt, sondern im besten Fall kühl und glatt, rund und schön und klein, wie ein vom Salzwasser geschliffener Kiesel. So auch jetzt. Vielleicht sogar etwas besser. Ganz früher dachte sie, das sei auch eine Form von Liebe, nur eben eine, die keinen Bestand hat über den Akt hinaus. Später akzeptierte sie, dass nicht alles aus Liebe geschieht. Dass auch sie nicht alles aus Liebe tut. In der Dunkelheit sieht er nicht, dass ihr die Tränen kommen. Es sind nicht viele, und sie trocknen schnell. Manchmal passiert das, es ist kein schlechtes Zeichen, im Gegenteil. Sie spürt Tom in sich zucken und lächelt, als ihm ein kleiner Seufzer entweicht. Er hält sie fest. “Das war gut.”
“Ja”, sagt sie und küsst ihn auf den Mund. Dann löst sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung, steht auf und streicht ihr Kleid glatt, von dem sich einige Muscheln gelöst haben.

Aus dem Wohnzimmer ertönt wieder Musik, und durch den Türspalt sehen sie, dass auch das Licht wieder brennt. Sie kehren zurück zu den anderen und dann vor die Tür, weil Mira eine Zigarette rauchen will und Tom meint, das habe er auch gerade vorgehabt. Wird stimmen.
“Was hast du gefühlt?”, fragt er, und Mira lacht. “Ist das die Softie-Version von ,Wie war ich?’”
“Kann sein”, murmelt er und blickt verlegen auf den Boden. “Du bist so anders und seltsam, aber schön”, spricht er weiter, und weil sie das gerne wäre oder ist, anders und seltsam, aber schön, lächelt sie und guckt an ihm vorbei in die Nacht.
“Ich würde dich gern wiedersehen”, fährt er fort, und es klingt anders als sonst, klingt als meine er es tatsächlich mit der Betonung auf -sehen.

Weil der Nieselregen und der Qualm und der Sekt sie melancholisch stimmen, hat Mira plötzlich Mut zum Pathos und zu Poesie: “Die Tür zu meinem Herzen müsstest du eintreten”, flüstert sie. “Ich habe sie abgeschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen.”
Er reagiert, als sei das eine normale Antwort auf seinen Wunsch: “Immerhin gibt es eine Tür.”
“Ja”, sagt Mira.
Tom nimmt sie in den Arm. “Ich rufe den Schlüsseldienst.”

© 2014 HIMMELENDE

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