Aufstände

„Man glaubt man wisse mehr über viele Menschen, als die Menschen über sich selbst. Wir sehen ihren Nacken, eine unbemerkte schmutzige Stelle an ihrer Kleidung, wir erkennen ein Muster in ihren Handlungen, von dem sie nichts wissen, oder es sich nicht eingestehen. Und schon sehen wir uns ihnen überlegen, wie milde aber gewissenhafte Richter, die über einen Angeklagten und die Summe seiner Taten oder Unterlassungen ein Urteil sprechen, das unwiderruflich und mehr als eine Strafe ist. Denn eine Bewährung wird nicht gewährt und eine erfolgreiche Revision ist die Ausnahme. Und oft zweifelt der Angeklagte, der Beurteilte, der Erkannte, der Entlarvte, oder stimmt mit traurig-ergebener Zustimmung ein, oder aber er lehnt sich gegen die Außensicht auf, wie ein Schauspieler, der sich als Held sieht und durchweg als Narr besetzt wird.
Jede Rebellion dagegen ist verzweifelt und vieles tut man nur um ein neues Bild seiner selbst zu schaffen. Eine Frau, die unter ihren Kolleginnen als grau und unbegehrt verschrien ist, lernt einen Mann kennen und weiß: Die Kolleginnen werden, wenn sie es erfahren (und sie sollen es erfahren) verächtliche Blicke wechseln und lächeln, gönnerhaft und demütigend. Doch die Frau wird sich gegen ihre Rolle wehren. Vielleicht, wenn sie den Mut aufbringt, wird sie sich von dem Mann abholen lassen. Er wird vor dem Büro auf sie warten, und die anderen werden ihn sehen. Aber er wird sie nicht jeden Tag abholen kommen, und es wird jeder Tag an dem er sie nicht mehr abholt registriert und als möglicher Anfang des zu erwartenden Endes gesehen werden. Wenn der Mann gut aussehend sein wird, werden die anderen die Lebensdauer der Liebesgeschichte herunterrechnen, wenn er unattraktiv ist, werden sie über ihn spotten und wenn die Geschichte vorbei ist, wird der Spott vernichtend, leise und dauerhaft sein.“

— Auszug aus „Aufstände“, von Marcus Ertle

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