Unterwegs

Über die Montags-Situation und jemanden, der auf dem Weg ist. Lausbubenscheisse, hätte mehr werden können, blieb jedoch bei diesen schmächtigen Zeilen.

Montag. Eigentlich hasse ich Montage. Dieser Alltag, diese Routine und dieser unsägliche, immer fortwährende Trott. Die Menschenmasse, die sich allmorgentlich unter der Bettdecke hervorkämpft, arbeitswütiges Rudel, fiebernde Egos. Kürze man jedoch die Woche um eben diesen Montag, so würde der Start in die Arbeitswelt auf den Dienstag fallen, was uns der Lösung des Problems keinen Deut näher bringen würde. Ein typischer Klassenfeind des Status Quo, wer an diesem Punkt für Anarchie plädiert, den Kapitalismus mitsamt dem Musikantenstadel abschaffen will und Marcel Reich-Ranicki zum Verteidigungsminister ernennen möchte. Aber erstens ist diese Annahme verrucht, wenn nicht sogar verwegen und zweitens ist sie totaler Blödsinn. Sicherlich, muß sie ja sein. Sonst würde ich nicht hier stehen.

Dieses spärliche Dämmern entzog sich jeglicher Annahme von Sonnenschein. Nein, es war kalt geworden, verflucht kalt. Die tiefgrauen Wolken über mir schienen mich jede Sekunde mit einem Platzregen überraschen zu wollen. Mit Petrus hämischen Absichten wollte ich mich dann doch nicht anfreunden und verschwand ungesehens unter meinem Regencape. Gelb war nicht unbedingt die Farbe meiner Wahl aber lieber ein solches Cape als nasse Klamotten. Und als ob ich es nicht besser gewußt hätte, setzte heftiger Regen ein. Der Himmel tat sich auf und es schienen alle Wasser dieser Erde auf mich hinabzuströmen. Ich setzte meinen Weg fort.

Mein Blick senkte sich auf die Straße. Die Sonne hatte bereits in den frühen Morgenstunden recht heftig vom Himmel gebrannt. Es war einer dieser schwühlen, erdrückenden Tage im Juni, an dem eine Flucht vor dieser Flut an Hitze kaum möglich schien. An solchen Tagen sollte man jedwede Tätigkeit bleiben lassen, vorgenommenes frühzeitig aufgeben und sich am Besten erst überhaupt nicht bewegen oder gar daran denken, sich zu bewegen. Klar denken war bei diesen Temperaturen ohnehin nicht möglich und einen kühlen Kopf konnte nur derjenige bewahren, der seine zerebralen Leitungen in einem Tiefkühlfach zwischenlagerte. Und da ich weder mit einem Kühlschrank, noch mit einem Stromkabel in der nötigen Länge bis zur nächsten Steckdose ausgerüstet war, siedete ich weiter vor mich hin. Somit kam der Regen gar nicht mal ungelegen, im Gegenteil. Es war das Beste, was mir gerade passieren konnte. Auch für Flora und Fauna war diese Angelegenheit ein wahrliches Geschenk des Himmels und da schien das kühle Nass eine willkommene Abwechslung zu sein. Rinnsaale am Straßenrand bildeten in minutenschnelle kleine Bäche, um mit dem aufgenommen Wasser schleunigst in dem ausgedörrten Boden zu versickern. Wasserdampf stiegt von den heißen Straßen und Gehsteigen empor und der Asphalt schleppte diesen feuchten und schweren Geruch von Sommer mit sich.

Dabei hätte dieser Montag ein gewöhnlicher Wochentag werden können, ein Tag wie jeder andere auch. Mein Wecker riss mich wie jeden Morgen aus dem Schlaf. Dem geistigen Delirium nah torkelte ich ins Bad, um dann beim Wasserlassen in meinem Spiegelbild zu erkennen, dass ich immer noch so beschissen wie am Vortag aussah. Unrasiert und ungepflegt stand mir dieses menschliche Subjekt gegenüber. Tiefe Ringe unter den Augen konnten auch nicht mit der Rechtfertigung kaschiert werden, dass es gestern spät geworden war. Die Zahnbürste, die unbeachtet am mit Kalkflecken überzogenem Rand des Waschbeckens lag wartete vergeblich auf mich und auch das Müsli blieb unangetastet in der Vakuum versiegelten Verpackung. Im Grunde genommen gab es an diesem Montag nicht das geringste Anzeichen von etwas Außergewöhnlichem, etwa anormalen. Nichts, was mich zum Kochen gebracht hätte, außer der Hitze. Keine Nachbarskinder, die allmorgentlich ihren grölenden Terror durchs Treppenhaus von neuem begannen und selbst in der sonst so brechend vollen S-Bahn bekam man noch einen bequemen Sitzplatz. „Schön!“,dachte ich beiläufig, aber eigentlich war das ein eher seltenes Bild.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit. Schemenhaft wirkende Bilder einer Landschaft huschten vor starr geradeaus gerichteten Augen vorbei. Es war früh am Morgen und die Sonne, mit all ihrer unbändigen Kraft kam nur zögerlich über den Horizont gekrochen. Mein Kopf lehnte an der polternden Wand des Zuges und mein Geist darin schien sich auf seinen Irrwegen wieder einmal verlaufen zu haben. Die Gedanken in meinem Kopf waren wie Schmetterlinge, einer schöner wie der andere. Sie wuselten und wirbelten wild durcheinander und ich versuchte, wenigstens einen davon einzufangen und festzuhalten. Sobald sich ein Falter, bunt wie der Regenbogen niederlies, um mir ein klitzekleines Fünkchen Chance zu offerieren, streckte ich in Gedanken meine Hand nach ihm aus. Ich wollte ihm sein Geheimnis entlocken. Doch noch bevor meine Fingerspitzen ihn berührten, flatterte er davon, drehte zwei, drei Runden um meinen Kopf und mischte sich wieder unter die ungreifbare Menge.

Ein knöchriger Finger stieß mich zwischen die Rippen. Ich schreckte hoch und in dem betroffenen, fast entsetzten Gesichtsausdrucks des Mannes neben mir konnte ich erkennen, dass ich wohl kurz eingenickt sein musste, während ich langsam in seine Richtung rutschte. Einen Augenblick lang begriff ich nicht so recht, wo ich war, ich wußte nicht, welche Haltestelle als nächstes anstand. Ich blickte zu dem Mann neben mir. Der begutachtete mich noch eine Weile mit kritischer Miene und richtete nach kurzem Zögern seine Augen wieder in das Börsenblatt, welches er akribisch studierte. Wartend auf meinem Sitzplatz harrte ich in Ungeduld aus. Erlösung, als ich das Schild des nächsten Bahnhofs erblickte, keine Station war unbemerkt an mir vorbeigezogen, der gewohnte Rhytmus war mir wieder inne. Bewußt der Tatsache, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen stieg ich aus der S-Bahn.

Die letzten Meter zu meiner Arbeitsstelle waren bekannt. Ich könnte sie mittlerweile mit geschlossenen Augen abgehen, ohne ein unerwartetes, schicksalhaft arrangiertes Rendezvous mit einem Laternenpfosten zu haben. Ein Gefühl der Sicherheit und der Bestätigung erschlich mich, als mir klar wurde, daß alles wie gehabt ablief. Die Dinge und Formen um mich herum schienen ihren festgelegten Bahnen zu folgen. Es gab in diesem Augenblick nichts, was dieses alltägliche Gefüge hätte zerstören können. Das änderte sich, als ich auf der obersten Stufe direkt vor dem Haupteingang meiner Arbeitsstätte stehen blieb. Zum ersten Mal oder es erschien mir zumindest wie das erste mal, nahm ich die vor Dreck strotzende, von Ruß und Abgasen zerfressene graue Fassade an diesem so trostlosen Block war, eine einzige, in Beton gegossene Tristesse. Das Gebäude erinnerte mich an die lieblos in die Welt konstruierten Schulbauten aus den späten 70er Jahren; Zweckbauten, bei deren Anblick man mit der großen Depressionklatsche links und rechts eine auf den Peltz gebraten bekommt. Der Blockbau ragte drohend in den Himmel und nur unter vollem Einsatz der Phantasie konnte man erahnen, dass dort hinter den unzähligen, fest verrammelten Fenstern richtige Menschen arbeiteten. Mein Aufgebot an Überwindung, den Bau zu betreten war immens und letztenendes war es der Minutenzeiger meiner Uhr, der mich vom urbanen Träumer in ein höriges Arbeitstier der Gesellschaft zurück verwandelte.
Das obligatorische „Morgen“ verhallte unbemerkt im Raum und es schien, als ob fürs erste jeder mit sich selbst beschäftigt war.

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