[UN|TRENN|BAR]

Es wird Sommer, es wird wieder geküsst. Vermehrt auch im Freien. Die Liebe findet ihren Weg nach draussen, der wütende Mann findet das zum kotzen. Zwei Pläne hat er jedoch für dieses Jahr: netter sein und nicht sterben.

Neben der Parkbank, zwischen Abfalleimer und am Boden zeronnenem Stieleis steht er. Kein Heroe großer Abenteuer, nur ein stummer Freund der zwölf Uhr Nachrichten, würde gerne reden aber hat nichts zu berichten, dreht sich um und blickt verbissen. Er ist ein wütender Mann. Wütende Männer brauchen Aufmerksamkeit.

Ach, jetzt geht das wieder los. Sie knutschen und lecken und küssen sich. Überall. Pärchen, an jeder Ecke, Rudelwesen. Sie küssen und lecken und knutschen, und denken nicht darüber nach, ob es jemanden stören könnte. Wieso auch, ist doch Liebe, ist doch schön, alles ganz natürlich, will ja jeder. Hey, schließlich ist es Frühling, Sonnenschein, sprudelnde Hormone, die Tage werden länger, die Röcke wieder kürzer, ihr wisst ja. Wer also sollte sich darüber aufregen?

Nichts für ungut, Freunde der lustvollen Liebschaften. Schön, dass ihr euch gefunden habt. Ihr mögt euch, sicherlich von ganzem Herzen. Würdet ihr alle Zahnspangen tragen, man könnte voreilig in Mitgefühl zerfließen. Oh schau, die haben sich verheddert. Arme Teufel, untrennbar ineinander verkeilt. Aber so? Spiesroutenlauf, egal wohin man geht: konzentriertes gebussle. Ist das eine Verschwörung oder könnt ihr nicht mal fünf Minuten Finger und Zunge voneinander lassen? Geht das, ja? Danke, er würde das sehr zu schätzen wissen.

Aber eigentlich richtet sich sein Frust nicht gegen euch. Was könnt ihr schon dafür? Nein, schuld ist nur die gekippte Erdachse, dass mit den steigenden Temperaturen links und rechts neben ihm auf einmal fröhlich in Oralseen getaucht wird. Verdammte gekippte Erdachse. Aber was regt er sich eigentlich auf? Er gönnt es ihnen doch, Frust abgestellt, sieht einfach nicht mehr hin. Vielleicht pfeift er ein Lied, kuckt in die Luft, liest ein Buch oder holt sich einen runter. Wütender Mann, sei doch einfach mal ein bisschen netter zu den anderen, das geht schon.

War sowieso sein erster Plan für dieses Jahr: netter sein. Einfach so, ohne Grund. Ja, beschissene Noblesse, leider verpasste er den Einstieg. Ursache war entweder schlechtes Karma oder schlechtes Wetter. Das Wetter steht ausser Frage, es war einfach zu schön in den letzten Tagen. Bleibt nur das schlechte Karma. Überhaupt kommen seine Frühlingsgefühle nicht so recht in Wallung. Scheint so, als hätte er seine Libido letztes Silvester zusammen mit den Putenstücken brutzelnd und zischend im Fondue-Topf versenkt.

Dahingestreckt und demotiviert hängt er zur Zeit hinter den Tasten seiner Schreibmaschine, zuhause, wenn er etwas sagen möchte, obwohl er doch eigentlich nichts zu berichten hat. Irgendwie verrotzte Birne, verschleppte Infektion vielleicht. Momentane Selbst-Medikation: Salbeitee und „Die Dirnenschule des Aspasia“. Ersterer ist gut für den rauhen Hals, letzteres ist ein erotischer Roman, amouröse Literatur, ungekürzte Fassung, irgendwann aus den Siebzigern. Gedacht als Stimulus in Liebesnöten, ist das einzige, was sich damit im verruchten 21. Jahrhundert noch stimulieren lässt, das Zwerchfell. In seiner Hose jedenfalls regte sich zumindest nichts, keine verfickte Inspiration, so hat er hat die Klamotte nach dem zweiten Kapitel wieder weggelegt. Weird porno philosophy, kam ihm wohl vor wie Peter Steiners Lederhosenknallerei auf LSD.

Nein nein, sein Plan für heute: nicht sterben. Momentan ist es nämlich ziemlich ungünstig, allein der publicity wegen. Viele Berühmtheiten, Persönlichkeiten von Rang und Namen liegen gerade in den letzten Zügen oder sind bereits vor kurzem verschieden. Realistisch betrachtet macht er sich ohnehin keine Illusionen, seine Sterbeanzeige würde umseitig gedruckt in einer ländlichen Klatsch-Postille unbemerkt überblättert werden. Die Großen der öffentlichen Aufmerksamkeit, Terry Schiavo und Harald Juhnke, Carol Wojtyla und Thomas Kling, die haben es alle bereits hinter sich gebracht. Möge Gott oder wer auch immer sich dafür kenntlich zeichnet ihrer Seelen gnädig sein. Auf Fürst Rainier III wartet derweilen verklemmt angespannt die restliche Medienmeute. Die lauert wie der Freischütz mit der Flinte auf dem Hochstand. Gestern noch vorm Vatikan, heute schon in Monaco, Tag und Nacht. Bis es soweit ist, endlich soweit ist und sie den Auslöser ihrer Kameras drücken. Tausendfach, kollektiver Blattschuss, arme abgestumpfte Bagage der Fernsehanstalt.

Er hingegen ist lieber draussen, neben der Parkbank, zwischen Abfalleimer und am Boden zeronnenem Stieleis, kein Heroe großer Abenteuer aber zufrieden mit seinen fünf Minuten Glückseligkeit, in einer ansonst bedeutungslos gewordenen Welt. Guckt die Schein-Siamesen, wie sie aneinanderkleben, zusammengewachsen an den Lippen, untrennbar vereint. Wie sie schmatzen und lecken, grunzen und kichern, langsam und gefühlvoll oder hektisch und tölpelhaft. Sich Zärtlichkeiten, unerhörte Nettigkeiten ins Ohr flüstern, die er am liebsten gleich wieder vergessen möchte. Im Park oder in der U-Bahn, im Theater oder vor der Fleischwursttheke. Er dreht sich um und kuckt verbissen. Wütender Mann. Wütende Männer brauchen Aufmerksamkeit.

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