Das Wölkchen und der Blender

Das Wölkchen ist ein Mädchen, der Blender ein wandelnder Fake. Sie unbedarft und zart, fein wie unbeschriebenes Pergament und genau so brüchig, wenn es zu lange in der Sonne gelegen hat. Er ein Rohling, ein Mitternachtsgebürtiger, ein Schwerblut sondergleichen, ein Verhedderter, aber kein Barbar. Beide haben nicht viel gemeinsam, nur dies: sie staunen.

Das Wölkchen ist ein Mädchen, der Blender ein wandelnder Fake. Sie unbedarft und zart, fein wie unbeschriebenes Pergament und genau so brüchig, wenn es zu lange in der Sonne gelegen hat. Er ein Rohling, ein Mitternachtsgebürtiger, ein Schwerblut sondergleichen, ein Verhedderter, aber kein Barbar.
Beide haben nicht viel gemeinsam, nur dies: sie staunen.

Staunen und Schauen.

„Schaut er nach den Sternen wird sein Denken weit. Aber er könnte stolpern.“

Paul und Marlis

Null kreativ. Neun Uhr Abends.
Vorhin hatte er so schön nachgedacht. Paul saß unter dem Fenster im Dachgeschoss seiner Mansarde und beobachtete Flugzeuge. Kondensstreifen, die das Blau des Himmels mit weißen Linien zerpflügten. Von Computern berechnete Schnittmuster, hoch droben und Paul saß da, ganz leise, still bei sich und lauschte dem scharfen Dröhnen der Maschinen in der Ferne, atmete den Augenblick, als sei er nichts.

Er saß dort unter dem Fenster, im Schneidersitz mit kakifarbener Short bekleidet, mit dem Schweiß auf seiner Haut und einer Hand voll Erleuchtung. Sein nackter Körper wippte ganz leicht hin und her, als folge er einem geräuschlosen Rhythmus aus dem Erdinneren. Zuweilen streifte sein Rücken dabei ganz sanft an den kalten Fließen des Badezimmers entlang und mit einer krampfartigen Bewegung stießen ihn seine Muskeln von der Kälte der Fließen ab. In diesem kleinen Raum, in einer drückend heissen Sommerluftwolke waberte Paul gemeinsam mit der mitleidlosen Hitze des Tages. Seine Gedanken kräuselten sich um den Tag, um die Hitze, um den Leib.

Er hatte gerade so schön nachgedacht; über die Zugfahrt am heutigen Nachmittag. Wie der Zug im Bahnhof stand und sie warteten; und wie Paul auf seinem Sitzplatz schwitzte, und sie warteten. Mit den anderen Fahrgästen und gemeinsam mit dem Nichts. Nichts bewegte sich: Die Luft nicht, die Zeit nicht, die Menschen nicht, der Zug nicht. Gemeinschaftliches Ausharren, bewegungslose Stille. Keine Euphorie, keine Hysterie. Kein Platz dafür.

„Der Raum geht, wenn du lange genug stehst und wartest.“
Von hier aus betrachtet, unter dem Fenster der Dachschräge eilte die Erde um sich selbst. Und mit ihr das weiß zerfurchte Blau des Himmels. „So dreht sichs!“, dachte Paul. Und sie mit ihm. Er hörte sich selbst eine Weile beim Denken zu und ließ sich überraschen, wohin der Weg führte, kam aber am Ende zu keinem klaren Standpunkt.

Paul hatte vorhin gerade so schön nachgedacht. Bis das Telefon klingelte. „Meine Güte!“
Der Moment der Stille in diesem Raum war etwas besonderes gewesen. Wie der Moment der Stille in einem Raum, kurz nachdem dort eine sehr bewegende Musik verklungen ist. Alles was dann käme, würde diese Stille nur beschmutzen; jedes Wort würde dieses erhabene Nichts nur verunreinigen. Es gibt dann nur die eine Möglichkeit, diesen Raum zu verlassen. Man kann ihn nur verlassen. Alles andere wäre Erniedrigung.
So klingelte das Telefon. Zerschnitt den Raum, laut und schrill, befleckte ihn mit Geräusch. „Meine Güte!“ Es schepperte und krächzte, als wolle es die nächsten 35.000 Jahre nicht mehr damit aufhören wollen. Seit Tagen stand es doch still? Gab keinen Mucks von sich, keinen verfickten Ton. Jetzt klingelte es. „Meine Güte“, dachte Paul, der nun aufstand, zum Telefon ging, es betrachtete, wie es in den Raum krächzte, ein klägliches klirren, ein „Rrrring! Rrrrring!“. Er wartete und betrachtete. Sein Telefon war alt, es hatte schon häufig unliebsame Bekanntschaften mit dem Boden, der Tür und wahlweise auch einer Wand machen müssen. Kleine Schweißperlen rannen an seinem Körper herab, verloren sich in Furchen und Ritzen. Er hob ab.

„Hallo?“
Ein Knacken in der Leitung.
„Paul? Hallo? Hier ist Marlis.“
„Marlis.“
Paul seufzte leise.

Es gab kein Kommunikationsgerät auf dieser Welt, dass über alle Entfernungen hinweg das Süße in der Stimme dieses Mädchens auch nur ansatzweise hätte verderben können. Dabei hatten die beiden so ziemlich alles ausprobiert: Konservendosen, deren Boden herausgelöst war, darüber Zellophan gespannt und mit einem Bindfaden verbunden; Babyphone und alte Walkie-Talkies aus den 80ern des letzten Jahrtausends. Sogar ein alter Telefonapparat in Kairo, der wohl noch aus der britischen Kolonialzeit stammte und mit dem er im letzten Urlaub zuhause bei Marlis anrief, konnte nicht den lieblichen Klang in ihrer Stimme verstümmeln. Selbst wenn Marlis eines Tages auf dem höchsten Berg der Welt stünde, um von dort einen lauten, heiseren Schrei in den Kosmos zu feuern: Irgendwo auf einem fremden Planeten würde ein Ausserirdischer vor Wohlgefühl zergehen und nur eine rosa Pfütze neben seinem intergalaktischen Space-Mobil würde dann von seiner Existenz zeugen. Kein Medium zwischen ihnen konnte das Sinnliche in ihrer Stimme vernichten, egal wie dringend oder wichtig das war, was Marlis versuchte zu sagen. Das verwirrte Paul bei Zeiten sehr.

„Hast du’s in den Nachrichten gesehen?“
„Nein, was denn?“
„Die haben Ruppert platt gefahren!“
„Was?“
„Ruppert. Plattgefahren.“
„Was?“
„Mit einem Lastwagen. Da war ein großer Unfall auf der Autobahn. Ruppert war dort, weißt schon, wegen seinen Spanngurten.“
„Was?“
„Na wegen der Spann-gur-te! Der sammelt die doch. Entlang der Standspur, da liegen doch immer welche. Saugefährlich. Ich hab’s ihm so oft gesagt, dass das Quatsch ist, dass er aufpassen soll, dass er’s lassen soll. Und heute hat’s ihn erwischt.“
„Lebt… lebt er noch?“, stotterte Paul.
„Ja, schon. Hat sich ziemlich kompliziert das Becken gebrochen, ’n paar Prellungen.“
Marlis kicherte leise, das verwirrte Paul noch mehr.
„Aber sein Kopf ist heile. Das ist ihm ja immer am wichtigsten. Nichts lebensgefährliches, sagen die Ärzte. War grad bei ihm im Krankenhaus.“
„Wo liegt er?“
„Dritter Orden. Auf 346. Aber da erreichst du heute niemanden mehr, der musste nochmal in die Nach-OP.“

Stille in den Drähten, nur das Surren von Spannungswiderständen und sonotones Klacken.
„Weißt du, was heftig ist?“
„Nein. Sag.“ Paul war mit seinen Gedanken woanders.
„Der LKW Fahrer war so geschockt, dass er die Kontrolle verlor und sein Fahrzeug voll in die Leitplanken setzte. Die Autos hinter ihm hatten das zu spät gecheckt und sind ungebremst draufgefahren. Vier Autos Totalschaden, drei Schwerverletzte und zwei Tote. Und alles nur wegen Ruppis bescheuerten Spanngurten!“
Wieder Stille in den Drähten.
„Heftig“, antwortete Paul teilnahmslos und dieses Wort rollte langsam und schrecklich gleichklingend über seine Lippen; es hing noch eine Weile in der Hitze des Raumes, irrte umher, bis es geräuschlos in einer Ecke verpuffte.
„Paul, was ist los mit dir? Ich erzähl dir grad davon, dass es Ruppert halb zerlegt hat, dass wegen ihm zwei Leute draufgingen und dich scheint das nicht zu interessieren?“
Paul holte tief Luft. Er wollte etwas sagen, wollte diese Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen, wollte sich wehren. Ihm war es nicht egal, was mit Ruppert geschehen war; ihm waren die Toten nicht egal, die Ruppert wegen seinem beschissenen Faible auf dem Gewissen hatte. Und trotzdem holte Paul nur tief Luft, wartete aber eine Sekunde zu lang und die Worte flossen von seiner Zunge wieder herab, sickerten durch sein Bewusstsein wie heisses Wasser durch einen Kaffeefilter, der sich dann sofort vollsaugt und dunkel und schwer wird. Und nach dieser Sekunde war da Nichts mehr. Paul atmete schwer und breit dieses Nichts aus.
„Paul?“
„Ja?“
„Paul, was sollen wir tun?“

(… Fortsetzung folgt!)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.