Vom Reißaus nehmen

Er träumte vom Reisen und vom Aufbruch; vom Sachenpacken und sich davonmachen, quasi minütlich, sekündlich, ein jeder Atemzug einen Schritt weiter. Nicht umdrehen und nicht ankommen, ein Heimkehren dorthin wo man fremd ist; ein nie ganz fortgehen. Er träumte schon so lange vom Reisen, schob den Vorsatz zum Aufbruch immer vor sich her, bis diese Idee mit so viel Kitsch ausgeschmückt war, dass sie gar nicht mehr real werden konnte; er träumte viel vom Reisen, glaubte auch immer noch fest an einen Aufbruch zu glauben. In Wirklichkeit aber wurde sein Traum zu einer bloßen Gedenkenflucht aus einem Alltag heraus, der ihm widerstand; etwas deaktiviertes, dass er beliebig oft, wenn es scheisse lief herzitieren konnte, aber nur in Gedanken durchschritt er das Gate zum Flugzeug mit seinem großen Reiserucksack. Der Glaube daran war die einzige Reise, der Glaube es eines Tages wirklich zu machen.

Unbemerkt schlich sich die Resignation an, legte sich ihm auf die Füße wie müdes schweres Tier. Und eines morgens installierte er sich ein Foto der Landschaft, zu der er aufbrechen wollte als Hintergrundbild seines Betriebssystem. Von dem Augenblick an war für immer gestorben, wohin er eigentlich Reißaus nehmen wollte. Aber das wusste er noch nicht und jeden darauf folgenden Morgen blickten seine trübschweren Augen durch das Windows in einen Pixeltraum, der in Wirklichkeit tausend mal tausend Kilometer hinter diesem Monitor lag.

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